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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 70
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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XVIII.

Aksinja empfing Mitja in der Küche mit rohem Lachen und Schimpfworten.

»Habe die Ehre zu gratulieren,« sagte sie boshaft, »zum neuen Bade, wohl bekomm's! Ach, du langnasiges Vieh! Bist ganz deinem versoffenen Vater nachgeraten. Ich meine, ich hab schon mich mit dem einen genug plagen müssen, da hab ich aber noch einen zweiten Schatz auf dem Halse sitzen!«

Ihr böses Gesicht war schrecklich anzuschauen. Da kam auch Darja in die Küche, um über Mitja zu lachen und ihn zu necken.

»Gratuliere, Euer Gnaden! Eine große Ehre ist Ihnen widerfahren. Narr, was stehst du so da? Fürchtest du, daß dir der Kopf abfallen kann? Warum verbeugst du dich nicht vor der Mutter?«

Mitja hatte wieder Kopfweh, alles um ihn herum war dunkel und drehte sich im Kreise.

»Verbeuge dich, du Klotz!« schrie Aksinja wütend, mit den Fäusten auf den Sohn losstürzend.

Mitja verbeugte sich schnell vor der Mutter, berührte mit der Stirne den Boden und begann vor Schmerz leise zu wimmern.

Dann führte man ihn zur Gnädigen. Sie saß im Salon auf dem Sofa und legte eine Patience. Die Mutter zwang ihn, sich auch vor der Gnädigen bis zu Boden zu verbeugen, aber die Gnädige sagte, daß es nicht nötig sei, und hielt ihm eine lange Predigt.

Die lustigen, rotbackigen Kinder der Gnädigen kamen herbeigelaufen. Sie wußten schon, was Mitja eben erlebt hatte. Das Fräulein glaubte, daß er sich daraus nichts mache. Als sie aber merkte, daß er weinte und so unglücklich wie ein gehetztes Tier aussah, hörte sie zu lächeln auf und blickte ihn voller Mitgefühl an. Er tat ihr leid.

»Ganz recht ist's ihm geschehen,« sagte Otja streng, »dem verprügelten Bauernlümmel!«

Lydia wurde böse.

»Du bist schlecht und dumm!« sagte sie dem Bruder.

Er zeigte ihr beide Fäuste und fing an, Mitja leise zu necken:

»Insekt! Birkenrute! Gesindel!«

Da das gnädige Fräulein mit Mitja Mitleid hatte, zwang ihn die Mutter, auch dem Fräulein die Hand zu küssen. Lydia war zufrieden: – Wie gut bin ich doch: selbst mit dem gemeinen Sohn der Köchin habe ich Mitleid! –

»Ihr Verfluchten, Verfluchten!« wiederholte Mitja vor sich hin: »Niemals werde ich mit euch sein, nichts werde ich nach eurem Willen tun!«

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