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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 69
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
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XVII.

Traurig zog sich der heitere Tag hin. Mitja kam aus der Schule heim. Die Mutter schwieg und machte sich mürrisch am Herde zu schaffen. Darja ging mit geheimnisvollem und bösem Gesichtsausdruck fort und kam bald zurück. Hinter ihr schob sich der mürrische Hausmeister Dementij in die Küche. Er war rothaarig und hatte unbewegliche Augen unter buschigen, zusammengewachsenen Brauen. Er blieb wie angewurzelt an der Eingangstür stehen. Die Gnädige kam zu ihm durch den Korridor in die Küche; als sie an der Kammer vorbei ging, blickte sie Mitja gar nicht an. Dementij verbeugte sich vor ihr.

»Guten Tag, lieber Dementij!« sagte die Gnädige mit schmachtender Stimme. »Und wo ist Dmitrij?« fragte sie, sich an Aksinja und Darja wendend, die nebeneinander standen und auf etwas zu warten schienen. »Ruft den Dmitrij her!« befahl die Gnädige.

Mitja kam selbst aus der Kammer herbei. Alle blickten ihn feindselig an, und er bekam Angst.

»Hör also, lieber Dementij,« sagte die Gnädige, auf Mitja zeigend, »nimm einmal diesen Taugenichts . . .«

»Zu Befehl!« sagte Dementij und ging auf Mitja zu.

»Führe ihn zu dir hinunter,« fuhr die Gnädige fort.

»Zu Befehl, gnädige Frau!« sagte Dementij.

»Und gib ihm eine ordentliche Tracht Ruten. Hier in der Wohnung geht es nicht, ich kann es nicht, ich bin nervös, das mußt du doch selbst begreifen, ich bin ja die Gnädige!«

Die Gnädige zeigte Erregung und Gereiztheit.

»Zu Befehl, gnädige Frau, Sie können unbesorgt sein!« sagte Dementij ehrerbietig.

»Du sollst ein Trinkgeld bekommen,« sagte die Gnädige und seufzte auf.

»Untertänigsten Dank!« rief Dementij freudig aus. »Sie können unbesorgt sein, ich werde die Sache schon gut machen.«

Er nahm Mitja am Ellenbogen. Mitja stand ganz blaß da, zitterte und verstand nicht recht, was mit ihm vorging. Ihn packte plötzlich ein Grauen, als harre seiner etwas Unmögliches.

»Komm, Junge!« sagte Dementij.

Mitja stürzte zu der Gnädigen.

»Gnädige, Liebste, Täubchen, um Christi Willen, es ist nicht nötig!« stammelte er, sich bückend und die Gnädige mit Tränen in den Augen anblickend.

»Geh, geh!« sagte die Gnädige, ihn abwehrend. »Ich kann nicht, ich habe Nerven! Ich, die Gnädige, sorge für dich, und wie lohnst du es mir? Nein, das geht nicht, geh!«

Aksinja stand betrübt da, seufzte oft und tief, und ihre Augen hatten den Ausdruck eines Menschen, der für alle Ewigkeit jedes Glück und jede Hoffnung verloren hat. Darja blickte Mitja von der Seite an und lächelte tückisch und freudig. Mitja stürzte auf die Knie, verneigte sich vor der Gnädigen bis zur Erde, küßte ihre Schuhe, die, wie ihre ganze Person, einen zarten, süßen Duft hatten, und stammelte verzweifelte, zusammenhanglose Worte.

»Führt ihn fort, ich kann nicht!« rief die Gnädige aus, blieb aber in der Küche und zog ihre Füße nicht fort.

Sie konnte sich nicht erinnern, daß jemand vor ihr mit solcher Inbrunst gekniet hätte; und wenn es auch nur ein elender kleiner Junge war, sie hatte doch ihre Freude daran.

Aksinja und Dementij fielen erbittert über Mitja her und zogen ihn von der Gnädigen fort. Mitja schluchzte, flehte, wehrte sich, klammerte sich ans Fensterbrett und an die Türe, aber Dementij stieß ihn schnell auf die Treppe hinaus.

Mitja fühlte, daß es eine Schande sei, zu weinen und Widerstand zu leisten: fremde Menschen könnten es ja sehen und hören. Und er wandte sich an Dementij:

»Erzähl' es wenigstens niemand, Dementij!«

»Ist mir recht, warum sollte ich es erzählen?« antwortete Dementij lächelnd. »Zappele nur nicht, weißt wohl selbst, daß du dich ruhig zu verhalten hast. So machen wir es ohne Skandal, auf die vornehmste Manier!«

Mitja gab sich Mühe, die Tränen zurückzuhalten und einen gleichgültigen Ausdruck anzunehmen. Dementij hielt ihn am Ellenbogen fest.

»Lieber Dementij,« flüsterte Mitja, »geh hinter mir, ich komme selbst hin!«

»Wirst du mir auch nicht weglaufen?« fragte Dementij.

»Wohin soll ich weglaufen? Soll ich vielleicht ins Wasser gehen?« sagte Mitja verdrießlich.

Dementij blickte ihn teilnahmsvoll an und schüttelte den Kopf.

»Lieber Freund,« sagte er, »du hättest es dir eben früher überlegen sollen!«

Er blieb etwas zurück, ließ aber Mitja nicht aus den Augen. Als Mitja über den Hof ging, blickten ihm Aksinja und Darja durch das Küchenfenster nach. Mitja hob die Augen und begegnete ihren starren, feindseligen Blicken. Er beschleunigte die Schritte. – Es ist gut, daß es so nahe ist, – sagte er sich zerstreut. Vom Treppenausgang an der Ecke sind es nur noch einige Schritte am Vorderhause entlang über den mit Steinfliesen belegten Weg, und dann ist schon gleich das Tor . . .

Der Eingang in die Hausmeisterwohnung war im Torweg. Als Mitja schon vor der schmalen Treppe, die hinunterführte, stand, erfaßte ihn plötzlich ein Grauen. Dort, hinter dieser Tür . . . Wird er denn gutwillig hineingehen?

Er taumelte zurück, geriet aber sogleich in Dementijs Tatzen.

»Wohin?« schrie ihn Dementij an.

Seine unter den rothaarigen, zusammengewachsenen, geraden Brauen starr hervorblickenden Augen hypnotisierten Mitja. Dementij packte ihn wie einen Sack und trug ihn die wenigen Stufen in seine Wohnung hinab.

Hier umfing ihn der säuerliche Geruch von Schafspelzen und Kohlsuppe aus dem riesengroßen Kochofen. Es war eng und schmutzig. Eine große Ziehharmonika prangte an sichtbarster Stelle. Der junge, kürzlich vom Lande zugezogene Hausmeistersgehilfe Wassilij stand am Fenster und zog seinen Rock aus. Mit seinem roten Hemd, seiner kräftigen Händen, roten Wangen, breiten Backenknochen und blöden Augen jagte er Mitja große Angst ein und erinnerte an einen Henker. Dementijs Frau machte sich mürrisch am Ofen zu schaffen und hielt auf dem Arm einen Säugling, der so unbeweglich und gelb wie eine Wachspuppe war und blaue Augen, so starr wie die seines Vaters, hatte. Dementij stellte Mitja auf den Fußboden. Mitja atmete schwer und sah sich erschrocken um. Der Keller mit der niedern Decke, dem Ziegelsteinfußboden, den kleinen Fenstern, dem riesigen Ofen und den rohen Gerüchen erschien Mitja als ein Loch, in dem böse Geister wohnten. Die Frau warf ihrem Mann einen traurigen Blick zu.

»Die Gnädige von Numero Fünf hat mir befohlen, den Jungen durchzuprügeln,« sagte Dementij.

Wassilij schien erfreut und zeigte seine kräftigen weißen Zähne.

»Wirklich? Diesen da? Den Langnasigen?« fragte er.

»Ja, diesen,« bestätigte Dementij.

»Hat er was angestellt?« fragte die Frau neugierig.

Sie wurde auf einmal lustig und bekam rote Wangen. Ihre Augen glänzten. Sie kam dicht an Mitja heran, so daß er ihren heißen Atem spürte, und fragte freudig:

»Was hast du denn angestellt, Junge?«

Mitja schwieg. Das Mitleid mit sich selbst stach ihn plötzlich ins Herz.

»Wird es schon irgendwie verdient haben,« antwortete Dementij mürrisch an seiner statt.

»Nun, wir können dem Jungen das Vergnügen machen!« sagte Wassilij lachend.

»Setz dich mal auf die Bank,« wandte sich Dementij an Mitja, »und wart eine Weile.«

Mitja setzte sich verlegen auf die Bank. Er mußte sich furchtbar schämen. Um ihn herum sprach man etwas und hantierte mit Besen und raschelnden Ruten. Die Hausmeisterin setzte sich auf die Bank neben Mitja und blickte ihm kichernd ins Gesicht. Mitja hatte den Kopf tief gesenkt und nestelte mit zitternden Fingern an den Knöpfen seiner Bluse. Er fühlte, daß er über und über rot war, seine Augen brannten, ein blutroter Nebel verdeckte alles vor seinen Blicken, und in den Adern an seinem Halse pochte es schmerzvoll.

Dementij ging auf Mitja zu . . .

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