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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 68
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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XVI.

Man teilte Mitjas Mutter sein Vergehen brieflich mit. Der Brief kam am nächsten Morgen an, als Mitja noch in der Schule war.

Als Mitja heimkam, empfing ihn die Mutter mit Schimpfworten und Püffen. Die Gnädige hörte Aksinjas Geschrei und kam wie ein Geier in die Küche gestürzt.

»Wie hast du es gewagt?« schrie sie, auf den bestürzten Mitja zugehend und ihn an den Schultern packend. »Nein, sag mir sofort, wie hast du gewagt, die Schule zu schwänzen?! Sag es mir auf der Stelle!«

Mitja wußte nicht, was zu sagen und zitterte vor Angst.

»Ungehorsamer, nichtsnutziger Bengel!« schrie Aksinja: »Du willst keinen Finger rühren, und deine Mutter muß sich für dich abrackern! Du siehst es ja selbst, du siehst es genau!«

»Du mußt dir Mühe geben, bist ja kein kleines Kind mehr«, sagte Darja. »Du bist ja schlimmer als jedes Vieh!«

Alle drei standen ihm gegenüber und schimpften auf ihn. Sie hatten böse Gesichter und erschienen Mitja schrecklich und häßlich.

»Man wird dich aus der Schule hinausjagen, du Nichtsnutz!« jammerte die Mutter. »Was fange ich dann mit dir an, du Taugenichts? Wo soll ich dich dann hingeben, du langnasige Fratze?«

– Ich werde sterben wie Raja, – dachte sich Mitja. Er sagte nichts und weinte, während seine Schultern wie vor Kälte zitterten. In der Türe standen Otja und Lydia. Sie lachten und schnitten Grimassen, Mitja bemerkte sie aber nicht. Otja neckte ihn mit lautem Geflüster:

»Du Schwänzer! Schwänz-schwänz-schwänzer! Schwänzer – Scharwenzler! Vagabund!«

Frau Urutin hörte es und lächelte zufrieden: sie war stolz auf Otjas Mutterwitz.

»Ich will morgen selbst in die Schule fahren!« erklärte sie feierlich und verließ mit großer Würde die Küche.

Die Worte der Gnädigen hatten großen Eindruck gemacht. Aksinja seufzte schwer, von der Großmut der Gnädigen und von der Verworfenheit ihres Sohnes schier erdrückt. Darja sagte empört und vorwurfsvoll:

»Die Gnädige selbst! Wegen eines solchen Auswurfs, mit Verlaub zu sagen!«

Mitja saß vor seinen Lehrbüchern und weinte bitterlich. – Ist das nicht alles eln Traum, – dachte er sich, – die Schule, die Gnädige und dieses ganze rohe Leben? –

Er erinnerte sich, was man tun muß, um zu erwachen, und begann sich in die Beine zu zwicken. Der heftige Schmerz weckte ihn aber nicht. Nun wußte er, daß er all das Schreckliche wirklich durchkosten mußte. Der Kopf schmerzte ihn den ganzen Tag so unerträglich. Wenn das Kopfweh doch nur etwas nachlassen wollte! Raja tröstete ihn. Als es schon dunkel geworden war, aber noch kein Licht brannte, erschien sie im unbestimmten geheimnisvollen Leuchten der letzten Strahlen mit leichten, luftigen Schritten, für alle außer Mitja unsichtbar. Sie war halb durchsichtig, und die Dinge erschienen durch sie hindurch wie durch die leichten Tränen, durch die die Welt zitternd und schwankend erscheint. Wie eine junge Prinzessin, in weißem festlichem, mit Perlen besticktem Gewande, mit Perlenkopfschmuck und Perlengehängen, die unter ihren Ohren zitterten und an den Schultern die Perlen des Halsgehänges klirrend berührten, stand sie vor Mitja und tröstete ihn mit tiefen, ernsten Blicken. Die Perlen schimmerten matt und gelblich mit einem rosa Abglanz wie die weißen Wolken in der Himmelshöhe beim letzten Verglühen des Abendrots.

– Perlen bedeuten Tränen, – dachte Mitja voller Angst.

»Meine Tränen sind süß!« erwiderte Raja tonlos.

»Raja, laß mich deine weiße Hand küssen,« flüsterte Mitja.

»Das geht jetzt nicht: wir sind zu verschieden,« entgegnete Raja mit zarter Stimme, den Kopf schüttelnd.

Die Perlengehänge und die Perlenfäden des Kopfschmucks begannen zu zittern und zu klirren, und Raja trat etwas zurück. Mitja sah, daß sie anders war als er. Sie war licht und stark, er aber dunkel und schwach; er war wie in einem Leichnam eingeschlossen, sie aber lebendig und in allen Farben und Lichtern strahlend, und ihre unsagbare Schönheit stillte den unerträglichen dumpfen Schmerz in seinem armen Kopfe.

»Bleibe bei mir, geh nicht fort, Raja!« flüsterte Mitja.

»Fürchte nichts,« entgegnete Raja sanft, »ich werde bei dir sein, ich werde kommen, wenn es Zeit ist. Folge dann mir.«

»Ich fürchte mich!«

»Fürchte dich nicht!« tröstete ihn Raja. »Bedenke nur: alle diese Dinge werden nicht mehr sein. So leicht ist das! Und ein neuer Himmel wird sich über dir öffnen!«

»Und Dunja? Und die Mutter?« fragte Mitja schüchtern.

Raja lächelte und leuchtete vor Freude, ihre Perlen schimmerten matt und raschelten. Ihr tiefer Blick sagte Mitja, er müsse glauben, und nichts fürchten, und auf das Kommende warten, und ihr gehorsam diese hohe Treppe hinauf folgen.

Die Treppe ist weiß und breit. Die Stufen sind mit blutroten Teppichen bedeckt, und auf den Absätzen stehen Spiegel und Palmen. Raja steigt immer höher und sieht sich nicht um. Ihre Füße in den weißen Schuhen erklimmen langsam die roten Stufen. Da ist ein Fenster, und dahinter eine helle Straße, Lichter und Sterne. Mitja hat Flügel, er fliegt und taucht in die Luft und geht in süßem Vergessen unter.

Plötzlich ertönt die rohe Stimme der Mutter.

»Schnarche nur, Schatz!« schreit sie: »Schnarche noch mehr: hast ja am Tage genug spaziert!«

Püffe, Erwachen, Angst und Wehmut. Gelbe Wände, trübes Lampenlicht, der Kattunvorhang, die Koffer, der Samowar. Mitjas Herz wurde schwer.

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