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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 67
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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XV.

Mitja saß im Klassenzimmer. Es war die Geschichtsstunde, und der Lehrer Konopatin hörte den Schülern die Lektion ab.

Konopatin war ein dickes, kurzes, bewegliches Männchen mit rasiertem Kinn und langem weißem Backenbart. Er schimpfte gerne und hatte gleichsam zwei Gesichter: ein süßes und verschlagenes für seine Kollegen und ein strenges für die Schüler. Mitja fürchtete ihn mehr als die andern Lehrer, besonders seitdem Konopatin Inspektor geworden war.

Mitja zitterte vor Angst, aufgerufen zu werden, und langweilte sich, weil er sitzen, schweigen und uninteressante Dinge anhören mußte. Das wirkte ermüdend und einschläfernd, und es war ihm, als ob er keinen eigenen Willen mehr hätte. Ganze Schwärme von Gedanken gingen ihm durch den Sinn, und er hatte keine Kraft, sie zu verjagen.

Der kleine rothaarige Sacharow sagt die Lektion auf. Er schüttet die Worte laut hin und streckt die Unterlippe wie eine Klappe vor, damit die Worte über sie hinüberspringen. Die rechte Hand hält er im Gürtel. So komisch ist er . . .

Raja erscheint halb durchsichtig und leicht. Ihr sehnsuchtsvoller Blick ist ruhig. Mitja lächelt ihr zu, und sein Gesicht erstrahlt plötzlich vor Freude . . .

Dann kommt der lange Wodokrassow mit dem dunklen Gesicht dran; er hat die Lektion schlecht vorbereitet und will sich an das Vergessene erinnern. Man sagt ihm vor und paßt auf, daß der Lehrer es nicht merke.

Mitja lächelt Raja zu und flüstert:

»Warum bist du so fern? Komm doch näher!«

Konopatin hörte das Vorsagen und sah Mitjas Lippen sich bewegen. Er glaubte, daß Mitja vorsagte.

»Darmostuk, du wagst es vorzusagen?!« rief er zornig aus. »Gib dein Journal her!«

Mitja fuhr zusammen, holte sein Journal hervor und trug es zum Lehrer. Als es aber schon in den Händen des Lehrers war, erinnerte er sich plötzlich, daß er darin das Blatt mit der gefälschten Eintragung und zugleich das echte Blatt für die gleiche Woche liegen gelassen hatte. Mitja erschrak und streckte die Hand wieder nach dem Journal aus, es war aber schon zu spät. Konopatin merkte an Mitjas ängstlicher Bewegung und an seinem schuldbewußten Gesicht, daß etwas nicht in Ordnung sei, und sah sich das Journal näher an. Zwei Blätter für die gleiche Woche, das eine davon nicht eingeheftet, die losen Fäden, die Einrisse an jedem Blatt, damit man sie bequemer einheften kann, – das alles fiel ihm sofort auf.

»A-ha!« sagte Konopatin gedehnt. »Was ist das für ein Zauber? Ach, du Vieh! Du wagst es, das Journal zu fälschen?!«

Ein Strom von Schimpfworten ergoß sich über Mitja.

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