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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 64
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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XII.

Mitja ging leise die Treppe hinauf, nahm seine Bücher aus der Spalte im Fußboden und erschien auf dem Dachboden, als käme er eben aus der Schule. Dunja und ihre Mutter saßen wie gestern einander gegenüber. Jetzt strickten sie beide, und die Nadeln klirrten in ihren schnellen Händen.

»Guten Tag, Raja!« sagte Mitja.

Dunja sah ihn mit ihren Augen, die ebenso hell waren wie Rajas Augen, an und entgegnete:

»Ich bin Dunja.«

Mitja errötete und sagte verlegen:

»Ich habe mich geirrt. Du siehst wie Rajetschka aus, Dunja.«

Dunja schüttelte langsam den Kopf. Sie stand auf, legte das Strickzeug auf den Stuhl, trat ans Fenster und rief:

»Mitja!«

Mitja ging auf sie zu. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte leise:

»Man sieht von hier den Himmel. So schön ist es!«

Mitja fühlte freudig die Berührung ihrer seinen Hand. Er dachte sich: »Raja war einst klein, sie wächst aber ja!«

»Wenig Gutes!« brummte die Alte. »Wir können dir wenig Gutes berichten: der Krakehler war da und schrie uns so an, daß wir beinahe taub wurden.«

Dunja ging wieder an die Strickarbeit.

»Der Oberhausmeister war da,« erklärte sie Mitja ruhig.

»Nun?« fragte Mitja erstaunt und erschrocken.

»Er kam her und schrie: Schert euch!« sagte die Alte. »Wohin sollen wir uns aber scheren? Nur das eine möchte ich wissen: Wohin sollen wir gehen? Wir haben ja keine Heimat.«

Sie brach in Tränen aus, wurde über und über rot und runzlig wie Rajetschkas Mutter. Dunja saß aufrecht und blaß da und sah sie an, während die Stricknadeln in ihren schnellen Händen leise klirrten. Mitja wußte, daß ihr das Herz um ihre Mutter schmerzte. Er empfand aber kein Mitleid, und er fühlte mit derselben Gleichgültigkeit den heftigen Schmerz in den Schläfen und Dunjas stumme Trauer.

»Mein Gott! Die Leute müssen ja sehen, daß uns die Armut dazu zwingt!« sagte die Alte, weinend, während die Stricknadeln in ihren zitternden Händen klapperten.

Mitja saß noch eine Weile schweigend da und ging dann nach Hause.

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