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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 63
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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XI.

Mitja saß im Boot. Er wollte sich auf das andere Ufer übersetzen lassen und von dort dann über die Schiffsbrücke zurückkehren. Der breite Fluß Snow schaukelte leicht das rotgestrichene Boot, und ein leichter Wind kräuselte das Wasser. Die Sonne spiegelte sich im Fluß als ein breiter glänzender Streifen; es tat weh, ihn anzusehen, er funkelte, schwankte und freute sich. Außer Mitja saßen noch vier Fahrgäste im Boot: zwei junge Kleinbürgerinnen in bunten Kopftüchern, dick, rotbackig, gesprächig und lustig; ein älterer mürrischer Mann und ein junger blonder Kerl in steifem Hut, er schäkerte fortwährend mit den beiden jungen Frauen, hatte aber ein böses Gesicht mit schielenden Augen und dünnen Lippen. Der kräftige schwarzbärtige Bootsmann in rosa Hemd ruderte schweigsam und träge. Dampfschiffe, die die Sommerfrischler in die Stadt und wieder aufs Land brachten, fuhren vorbei. Ab und zu erschien ein schwarzer Schleppdampfer, von plumpen Barken gefolgt. Wenn sich das Boot vom Kamme einer breiten und langen, vom Dampfer erzeugten Welle senkte, stand Mitja das Herz still, und dieses schwindelnde Gefühl war gar nicht unangenehm.

Mitja wartete. Im feierlichen Leuchten der Sonne und im majestätisch heitern Tag schien irgendeine untrügliche Verheißung zu liegen, – er wartete, und seine Seele war bereit, das Wunder voller Andacht und Ehrfurcht zu empfangen.

Jemand berührte leise seinen Ellenbogen. Diese Freude! . . . Doch nein, es war nicht Rajetschka: es war nur die junge Kleinbürgerin, die die Schalen der Sonnenblumenkerne, die sie knackte, ins Wasser warf.

Mitja blickte wieder auf den hellen Streifen im Wasser. Rajetschka näherte sich dem Boot. Ist sie denn lebendig? – fragte sich Mitja. Ja, – sagte er sich gleich darauf, – sie ist ja auferstanden. Was macht's, daß man sie verscharrt und vergessen hat?! Da naht sie in feierlichem Glanz, weiß, streng, und es gibt nichts außer ihr. Sie hat ein weißes Brautkleid an, einen weißen Schleier, und ist mit weißen Blumen und grünen Blättern geschmückt. Die Haare stießen ihr bis zum Gürtel herab, sie ist ganz leicht, wie aus Nebel gewebt.

»Rajetschka!« flüstert Mitja und lächelt selig.

Rajetschka lacht und sagt:

»Ich bin nicht mehr Rajetschka, ich bin erwachsen. Ich heiße jetzt Raja, denn ich lebe im Paradies.«

Ihre Stimme klang so, wie wenn der Wind und das Wasser silberne Saiten zum Tönen brächten. Mitja konnte aber nicht begreifen, ob Rajetschka wirklich die Worte sprach, die er hörte, oder ob er sie sich nur einbildete, während sie etwas ganz anderes sagte. Sie entfernte sich nickend und lächelnd, licht und vielfarbig in den hellen Sonnenstrahlen. Dann fing sie zu brennen an und wurde zu einer leuchtenden goldenen Kugel, die an die Sonne erinnerte, aber dem Auge noch mehr Freude machte. Die Kugel wurde immer kleiner, verwandelte sich bald in einen grellen Punkt, und auch dieser erlosch. Alles wurde nebelig und dunkel, und die Sonne leuchtet auf einmal trüb.

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