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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 62
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
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X.

Mitja ging am nächsten Morgen um eine halbe Stunde früher als sonst aus dem Hause. Der frische Morgen freute ihn. Die Sonne strahlte nicht zu grell, und ein kaum sichtbarer Nebelschleier lag über dem eingeengten Horizont der Stadt. Viele Menschen mit besorgten Gesichtern gingen rasch vorbei, und die ersten Schuljungen zeigten sich schon auf den Straßen. Mitja bog um die erste Ecke und ging nicht in die Schule, sondern nach einer andern Seite. Er beeilte sich, um nicht auf jemand von seinen Kameraden oder Lehrern zu stoßen.

Er hatte gestern auf dem Weg gar nicht acht gegeben, und doch war er ihm ganz von selbst im Gedächtnis haften geblieben. Mitja kam bald in die Gegend, durch die er gestern abends nach Hause gegangen war. Er fühlte, daß es der richtige Weg war, und er dachte an Dunja und an Dunjas Mutter.

»Die Armen!« dachte er. »Sie sind wohl schon lange ohne Stellung und hungern auf ihrem Dachboden. Darum sind sie so bleich, Dunja ist ganz gelb geworden, die Alte beugt sich über das Strickzeug und scheint zu schlafen, und beide sprechen so leise, wie wenn sie einschlummerten oder schon schliefen.«

Die morgendlichen Straßen, Häuser und Pflastersteine, die neblige Ferne, alles schlief noch. Man hatte den Eindruck, daß alle Dinge den Schlaf von sich abschütteln wollten und es nicht konnten, daß etwas sie immer zu Boden drückte. Nur der Rauch und die Wolken erwachten ab und zu aus ihrem Schlummer und stiegen in die Höhe.

Durch das Dröhnen der Wagen und das Stimmengewirr hindurch klang manchmal Rajetschkas Stimme: sie erklang und verstummte gleich wieder. Rajetschkas Atem hauchte ihn manchmal wie ein leiser Morgenwind an. Er sah wieder Rajetschka, schön und licht, vor sich. Ihr nebliges, leichtes Bild schwebte in den noch nicht grellen Sonnenstrahlen und im bläulichen Morgenlichte . . .

Mitja lief so schnell auf den Boden hinauf, daß er sich mit dem Kopf an einem Dachbalken anschlug. Er erbleichte vor Schmerz. Aber er lächelte und ging auf die Wlassows zu.

Dunja flocht am Fenster ihre blonden Haare in einen festen Zopf. Mutter und Tochter saßen wie gestern einander gegenüber. Die Mutter strickte, und die Nadeln klirrten leise in ihren hastenden Händen. Sie blickte Mitja durchdringend an und sagte:

»Unser gestriger Freund hat sich schon so früh gemeldet!«

»Hier muß man vorsichtiger sein, Mitja,« sagte Dunja. »Gehst du zur Schule? Setz dich, ruhe aus, wenn du noch Zeit hast.«

»Schöne Gemächer haben wir hier,« murmelte die Alte. »In der ersten Zeit stießen wir uns selbst jeden Augenblick die Köpfe an.«

Die Sonnenstrahlen fielen zum Fenster herein. Eine schräge Staubsäule leuchtete in der Sonne. Die Stäubchen flimmerten in allen Farben des Regenbogens. In den Ecken lagerte das Dunkel. Mitja saß auf dem Balken und blickte auf Dunjas schöne, schmae Hände. Ihr Gesicht schien müde, und die grauen Augen blickten freudlos. Sie sprach leise und langsam. Mitja lauschte, freute sich über ihre Stimme und achtete nicht auf die Worte, plötzlich sagte die Alte:

»Nun, liebster Freund, ist es noch nicht Zeit, in die Schule zu gehen?«

Mitja stammelte errötend:

»Ich bleibe lieber eine Weile da, ich habe keine Lust, in die Schule zu gehen.«

»Ob du Lust hast oder nicht, aber hingehen mußt du!« entgegnete die Alte ruhig.

»Mutter hat recht, Mitja, lauf schnell hin,« sagte Dunja. »Sonst kommst du zu spät: schau nur, wie hoch schon die Sonne steht!«

Mitja hatte gar nicht daran gedacht, daß man ihn hier nicht lange sitzen lassen wird. Er nahm verlegen Abschied und ging hinaus. Im dunklen Gang scharrte er auf dem Fußboden herum, fand eine Spalte zwischen den Brettern und steckte seine Bücher hinein.

Als er auf der Straße war; fühlte er, daß er alles, was ihn hier in dieser großen, unfreundlichen Stadt umgab, – die langen Straßen mit den großen Häusern, die Menschen, die Steine, die Luft und den Straßenlärm – gar nicht brauchte. Es ist so langweilig hier, und er muß durch die Straßen gehen und gut aufpassen, um nicht auf jemand von den Lehrern oder Kameraden zu stoßen . . .

– Dunja will nicht, daß ich die Schule schwänze! – sagte sich Mitja erstaunt. Sie ist doch wirklich merkwürdig! Rajetschka ist es aber ganz gleich, wie ich bin: ob ich die Leute anlüge oder nicht. Und wenn es überhaupt einen Gram gibt, so ist es nicht Rajetschkas Gram, sondern der Gram um Rajetschka. –

Ein leichter Regenschauer zog über die Stadt wie das Weinen um Rajetschka. Aber schon nach einer halben Stunde war von ihm keine Spur mehr geblieben . . .

Mitja verirrte sich auf den großen leeren Marktplatz in der Vorstadt. Er ist mit riesengroßen Steinen gepflastert. Mitten durch den Platz zieht sich eine Reihe schwarzer Laternenpfähle. Ringsherum stehen Speicher aus braunen Backsteinen, Zäune und steinerne und hölzerne Häuschen. An der Ecke erhebt sich ein nicht sehr großes einstöckiges Gebäude mit kleinen Fenstern. Es ist gelb getüncht. Das Dach ist aus Eisen und rot gestrichen. Auf den Marktplatz führt ein ungedecktes Treppchen aus drei Kalksteinstufen. Über der Türe hängt ein Schild mit schwarzer Aufschrift auf weißem Grund: »Zweites Städtisches Nachtasyl«.

Mitja stand auf dem Platze und betrachtete aufmerksam das häßliche Gebäude.

– In diesem Hause wird vielleicht auch Rajetschka mit ihrer Mutter nächtigen müssen, um fünf Kopeken für die Nacht, dachte er, Rajetschka auf eine seltsame Weise mit Dunja verwechselnd. Schwere Gedanken bedrückten ihn.

– Und wer mag dort hinter diesen rohen Wänden auf den schmutzigen, klebrigen Pritschen schlafen, nachts, wenn es nach Schweiß und Schmutz riecht? Betrunkene Strolche, wie dieser da, der zerschlagen und zerfetzt in der Türe der Branntweinschenke steht und mit seinen entzündeten blöden Augen vor sich hinstarrt und angestrengt an etwas denkt. Und in solcher Gesellschaft muß Rajetschka die Nacht verbringen! –

Mitja wandte den Blick von dem Betrunkenen weg und richtete ihn wieder auf die schmutziggelbe Mauer. Er glaubte dahinter die Pritschen zu sehen. Es ist leer. Rajetschka liegt allein auf den nackten Brettern; sie hat sich zu einem Knäuel zusammengerollt und die kleinen Fäuste unter dem Kopf geschoben, die blonden Locken fallen auf die Bretter herab, und sie verzieht den kleinen Mund zu einer weinerlichen Grimasse. So hart hat sie es auf den Brettern . . .

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