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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 61
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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IX.

Als er von den Wlassows fortging, war es schon Abend geworden. Oben auf dem Dachboden hatte noch helles Dämmerlicht geherrscht, hatten in der Stille traute Worte geklungen, unten dunkelte es aber schnell, und man zündete die Laternen an.

Alles schien unwirklich, wie gespensterhaft.

Stumm brannten die Gasflammen in den Laternen; dröhnend fuhren die Wagen über das steinerne Pflaster; die Schaufenster der Geschäfte waren hell erleuchtet; zufällige, überflüssige, häßliche Menschen gingen, ohne stehen zu bleiben, vorbei und klapperten mit den Stiefeln auf den Steinen der Bürgersteige. Mitja hatte große Eile. Das Läuten der Pferdebahnen und die Schreie der Droschkenkutscher weckten ihn manchmal aus der Welt der schwankenden Traumbilder, die vor ihm aus den stummen Dingen im unsichern, nebligen Lichte wieder erstand.

Die Menschen sahen gar nicht wie Menschen aus: er sah Nixen mit lockenden Augen, seltsam weißen Gesichtern und leise rieselndem Lachen; schwarzgekleidete, böse, teuflische Gestalten, die von der Hölle ausgespien schienen; Kobolde lauerten in den Torwegen, – und es waren auch noch andere, aufrechtstehende Gestalten, die wie Werwölfe aussahen, dabei.

Mitja wollte sich Dunja vorstellen, aber ihr Bild schwamm in der Erinnerung mit Rajetschkas Bilde zusammen, obwohl er wußte, daß Dunja ein ganz anderes Gesicht hatte. Und plötzlich hatte er Zweifel: ob nicht auch Dunja eine Ausgeburt seiner Phantasie gewesen war?

– Nein, – sagte er sich sofort, – sie lebt: sie hat ja auch eine Mutter. Aber wie sah eigentlich die Alte aus? –

Mitja konnte sich wohl an ihre einzelnen Zuge – an die tiefen Furchen im Gesicht, die grauen Haare unter dem Kopftuch, die eingefallenen Wangen, den großen Mund und die runzligen bebenden Hände erinnern –, aber es wollte ihm nicht gelingen, ein ganzes Bild zu schaffen.

Als Mitja seine Treppe hinaufstieg, erblickte er im Halbdunkel Rajetschka. Sie ging rasch über den Treppenabsatz und lächelte ihm leise zu. Sie war durchsichtig, und alle Dinge um sie her blieben bei ihrem Erscheinen unverändert. Sie verschwand, und Mitja konnte nicht begreifen, ob er sie wirklich gesehen oder nur an sie gedacht hatte.

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