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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 60
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
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VIII.

»Wenn ihr wüßtet, was ich neulich gesehen habe,« begann Mitja nach kurzem Besinnen.

Und er erzählte von Rajetschka. Dunja zitterte und sah ihn mit erschrockenen Augen an. Als Mitja zu Ende war, sagte sie mit Entsetzen in den Augen und in der Stimme:

»Die arme Frau, wie unglücklich sie wohl ist!«

»Meinen Sie die Mutter?« fragte Mitja erstaunt.

Dunja nickte stumm.

»Sie hat ja selbst nicht acht gegeben, sie ist selbst schuld!« entgegnete Mitja. »Aber das Mädchen kann einem wirklich leid tun . . . Es ist so schrecklich!«

Er fuhr zusammen: er fühlte plötzlich einen dumpfen Schmerz im Nacken.

»An das Mädchen denke ich gar nicht,« sagte Dunja. »Gott hat es zu sich genommen, hat es von den Sünden gerettet, es ist lachend und spielend gestorben. Wie hat die Mutter auch acht geben können? Sie muß sich ja ihr Brot verdienen! . . .«

»Mit dem Buckel verdient man nicht viel,« fiel ihr die Alte ins Wort. »Da kann man sich keine Kinderfrau halten. Über unsere Kinder wacht Gott allein. Und wenn Er eines zu sich nimmt, so ist es Sein heiliger Wille. Was ist unser Leben? Wir leben nicht, wir quälen uns bloß.«

Mitja schloß die Augen, – er sah wieder Rajetschka vor sich. Sie schwebte lächelnd vorbei und streckte ihm ihre weißen Hände entgegen. Ihr Antlitz leuchtete vor Seligkeit. Sie war blaß und von Blut befleckt, hatte aber keine Schmerzen. Ihre blonden Locken dufteten süß nach Weihrauch.

»Wie im Traume leben wir dahin,« sagte Dunja langsam, zum nahen blassen Himmel emporblickend. »Und wir wissen nicht, wozu wir leben. Wir wissen sogar nicht, ob wir da sind oder nicht. Die Engel träumen einen schrecklichen Traum, – das ist unser ganzes Leben.«

Mitja blickte Dunja an, lächelte voller Freude und Demut. Er fühlte jetzt, daß es gar nicht weh tut zu sterben: man braucht alles nur in Demut hinzunehmen.

»Heute ist sie mir aber erschienen,« sagte er leise.

Dunja holte tief Atem, und Mitja sagte sich voller Freude: – Rajetschka atmet! – Er besann sich aber gleich und begriff, daß es Dunja war.

»Bete doch!« riet sie ihm.

»Für Rajetschka?« fragte er.

»Für dich. Rajetschka hat es auch ohnehin gut,« sagte Dunja, und ihr Gesicht erstrahlte in einem traurigen und heiteren Lächeln.

Mitja schwieg eine Welle und begann dann von seinen Lehrern zu erzählen, wie er sie fürchtete und wie sie ihn anschrien.

»Und wie plötzlich so ein Lehrer manchmal auftauchen kann! Ich gehe durch die Straße, denke an nichts, und plötzlich steht einer da und schreit mich an!«

Mitja spreizte die Arme wie erstaunt auseinander und lachte auf. Er sprach jetzt ebenso leise wie sie, und sie hörten ihn: sie waren das leise Sprechen gewöhnt.

»Auch ich habe die Schule besucht, ein Progymnasium,« sagte Dunja. »Jetzt gehe ich nicht mehr hin. So Gott will, werde ich später einmal noch sechs Monate die Schule besuchen und das Lehrerinnenexamen machen. Dann bekomme ich eine Stelle irgendwo auf dem Lande und nehme auch Mamachen mit.«

»Das kommt, weil wir nichts zum Anziehen haben,« sagte die Mutter finster. »Wenn uns unsere Geizhälse wenigstens mit einem Röckchen helfen wollten!«

»Wir werden auch ohne sie auskommen,« entgegnete Dunja ruhig. »Mutter meint eine unserer Verwandten,« erklärte sie Mitja. »Ihr Mann hat eine gute Stelle. Sie brauchen aber ihr Geld selbst: sie haben Kinder.«

»Als sie aber in Not waren, habe ich ihnen geholfen,« sagte die Mutter gereizt, »und bin dabei mit Dunja oft selbst zu kurz gekommen. Aber ich bin für fremde Not sehr empfindlich. Und jetzt hat sie plötzlich alles vergessen. Das ist's, was mich so empört. Ist es nicht unerhört? Sobald der Mensch gut verdient, denkt er nur an sich selbst.«

»Gehen Sie mal zu ihnen hin?« fragte Mitja.

»Neulich war ich mit Dunja dort,« antwortete die Alte, verdrießlich lächelnd. »Sie haben uns recht schön aufgenommen, ich will es nicht leugnen,« berichtete sie weiter. »Die Bewirtung war sogar sehr schön. Was bei ihnen nicht alles auf den Tisch kam! Als wir aber fortgingen, gaben sie uns nicht einmal einen alten Lumpen mit!«

»Mamachen!« sagte Dunja mit leisem Vorwurf.

»Sie wissen, daß ihre leibliche Schwester solche Not leidet,« fuhr die Mutter fort, ohne auf Dunja zu hören, »und können nicht mit fünf oder zehn Rubeln aushelfen! Was sie uns vorsetzten, war vielleicht zehn Rubel wert, und wir sterben vor Hunger.«

»Mamachen!« sagte Dunja etwas lauter und eindringlicher.

Die Alte leierte ihre Klagen hinunter und strickte dabei, über die Stricknadeln gebeugt, wie im Halbschlummer.

»Alles, was wir hatten, haben wir versetzt und verkauft! Das ist eine Plage!« sagte sie. »Ja, wenn man kein Glück im Leben hat . . . Sie laden uns oft ein: Komm, sagen sie. Du und deine Dunja seid uns immer willkommen, denn wir lieben und verehren euch, – so sprechen sie immer. Nein, wirklich! Wenn du mich tatsächlich liebst, so zeige es doch, bitte! Nein, das ist keine Liebe, das ist nur Heuchelei.«

Eine dunkle Erinnerung ging Mitja durch den Kopf: hat er nicht schon früher von jemand die gleichen Klagen gehört?

Dunja saß gerade und unbeweglich da, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen halb geschlossen, und schien zu schlummern. Ihr von den letzten Sonnenstrahlen beleuchtetes Gesicht erinnerte in seiner Ruhe an den friedlichen Ausdruck in Rajetschkas Zügen.

»Und wenn Sie keine Stelle finden?« fragte Mitja.

»Wie sollte ich keine finden! Gott bewahre!« sagte die Alte mit Unruhe in der Stimme.

»Der liebe Gott wird es schon einrichten,« versetzte Dunja ruhig. »Und wenn Er will, nimmt Er uns zu sich. Wir glauben oft, daß wir keinen Ausweg mehr haben, und die Tür ist dicht nebenan.«

Sie wies mit der feinen, blassen Hand auf den dämmernden Himmel. Mitja blickte zum Fenster hinaus. Die Alte jammerte weiter. Dunja sah sie mit ihren hellen Augen streng an und sagte:

»Mamachen, murre nicht! Gott sei mit ihnen, wir werden auch ohne sie auskommen.«

»Und du belehre mich nicht,« sagte die Alte, die Stimme zornig erhebend. »Ich habe dir wohl lange nicht den Kopf gewaschen!«

»Mamachen, dann sollst du deinen Ärger an mir auslassen und nicht auf sie schimpfen,« entgegnete Dunja ruhig.

Die Mutter beruhigte sich sofort und sagte friedlich, wenn auch noch etwas brummig:

»Gott hat für jeden seine Strafe. Die Reichen haben verzogene Kinder, die ihnen genug Sorgen machen. Ich habe aber nur ein sanftes Täubchen, an dem ich nicht mal meinen Zorn auslassen kann.«

Dunja lächelte, und ihr Gesicht erstrahlte auf einmal vor Freude. Mitja dachte:

»So kann nur Rajetschka lächeln!«

Und es wurde ihm freudig ums Herz.

»Mitja, willst du, daß ich dir meine Bildchen zeige?« fragte Dunja.

»Gut, zeig sie mir,« sagte Mitja.

Dunja stand auf – sie war etwas größer als Mitja –, ging, sich unter dem niedern Dach beugend, in eine Ecke, kramte eine Weile im Koffer und kam bald mit einer Mappe zurück. Die Mappe war alt, mit abgebrochenen Ecken, und die Bänder, mit denen sie verschnürt war, waren schon recht brüchig. Dunja hielt aber die Mappe so behutsam in der Hand und blickte sie so an, daß Mitja sich gleich sagte, daß sie wohl ihre teuersten und liebsten Sachen in ihr verwahre. Dunja setzte sich auf den Balken neben Mitja, legte die Last auf den Schoß, löste langsam die Bänder und schlug die Mappe mit einem freudigen und heitern Lächeln auf. Die Mappe enthielt vergilbte, zum Teil zerrissene Bilder aus alten illustrierten Zeitschriften. Dunja durchblätterte sie mit ihren feinen blassen Fingern. Sie suchte das am stärksten vergilbte, ganz zerrissene Blatt heraus – es war ein Holzschnitt nach irgendeinem alten Gemälde – und reichte es Mitja.

»Die Bilder sind gut!« sagte sie mit Überzeugung. »Ich habe sie statt Puppen. Ich liebe sie sehr.«

Mitja blickte das Mädchen an. Sie hatte die Augen verschämt niedergeschlagen, und auf ihren Wangen lag auf einmal ein Anflug blasser Röte. Mitja blickte das Bild an. Es schwamm vor ihm wie im Nebel auseinander. Ein bitteres Gefühl kitzelte ihn an der Kehle. Es war wie schmerzliches Mitleid. Mitja ließ das Bild aus der Hand, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann, er wußte es selbst nicht, warum, zu weinen.

»Was hast du, Lieber?« fragte Dunja, sich zu ihm vorbeugend.

»Rajetschka!« flüsterte Mitja, in Tränen schwimmend.

Dunja legte ihm die Hand auf die Schulter. Mitja schmiegte sich an sie, umarmte sie und fühlte, während er selbst bitterlich weinte, Dunjas stille Tränen auf seinen Wangen.

»Mitja, tröste dich,« sagte Dunja leise. »Willst du, daß ich dir ein Liedchen singe?«

»Ja,« sagte Mitja unter Tränen.

Und Dunja tröstete ihn mit ihren leisen Liedchen . . .

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