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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 59
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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VII.

Mitja sagte der Mutter, daß er zu einer Chorprobe müsse. Auf diese Weise hatte er die Zeit von vier bis acht Uhr frei. Er ging aus dem Hause. Es war ihm aber gar nicht lustig zumute. Man läutete zur Abendmesse, und die Glockentöne erfüllten ihn mit Wehmut. Der Himmel hing wie ein alter, verschossen blauer Fetzen tief über den Dächern; graue Wolken zogen langsam über das trübe Blau dahin.

Mitja hatte dumpfe Kopfschmerzen. Er sah wieder Rajetschka deutlich vor sich, – und er dachte, daß sie doch ganz anders sei als alle Menschen. Ihre Haare flossen ihr über den Rücken. Alles zog hinter ihrem durchsichtigen Körper vorbei, und sie blieb unbewegt, ohne die Welt zu verdecken und ohne mit ihr zu verschmelzen. Sie schien von allem abgeschieden. Mitja schien es zuweilen, daß sie dicht auf ihn zugehe und mit dem Kopfe beinahe seine Brust berühre.

Er ging lange und schnell durch die Straßen der großen, unfreundlichen Stadt, in Gedanken, die ihm gegen seinen Willen in den Sinn kamen, versunken, und fühlte keine Ermüdung. Staubwirbel, Rauchsäulen und Wolken formten sich vor seinen Augen zu Rajetschkas Bilde. Der Staub legte sich, der Rauch verzog sich, die Wolken schwebten davon, und die quälende häßliche Alltäglichkeit erstand wieder vor ihm.

Rajetschkas durchsichtiges und leichtes Bild schwebte noch einmal heran, und Mitja glaubte, sie in einem weißen Kleid und weißen Schuhen, mit einem weißen Band umgürtet und mit weißen Blumen an der Brust vorbeischreiten zu sehen. Sie ging als lichte Gestalt vorbei, sie rief ihn nicht, schien ihn aber irgendwie zu bemitleiden, und Mitja folgte ihr . . .

Mitja geriet in eine der entlegeneren Straßen. Aus der Ferne bemerkte er den Lehrer Korobizyn; lang, mager, bleich und böse ging er wie immer sehr schnell. Mitja erschrak und stürzte in den nächsten Torweg. Unter der gewölbten Decke, die mit einem blassen Gittermuster bemalt war, war es dunkel, und jeder Ton hallte laut nach. Er wollte abwarten, bis Korobizyn vorbeigehen würde. Was aber, wenn ihn der Lehrer schon bemerkt hat, wenn er in den gleichen Torweg einbiegt, Mitja packt und anschreit?

Mitja konnte es im Torweg nicht länger aushalten und trat in den Hof. Es schien ihm, Korobizyn sei schon im Torwege. Mitja durchquerte schnell den Hof und versteckte sich auf der Treppe des Rückgebäudes.

Kaum war er aber stehen geblieben, als auf dem Pflaster des Hofes Schritte erklangen. Mitja lief die Treppe hinauf. Die Schritte hinter ihm klangen auf den Steinstufen schwer und gemessen, und Mitja stieg immer höher. Vor Müdigkeit und Angst knickten ihm die Knie ein.

Da ist endlich der Dachboden. Die Tür ist nicht verschlossen. Mitja stieß sie auf und kam in einen dunklen Gang. Die Schritte, die ihn verfolgten, hörten auf dem letzten Treppenabsatz auf. Eine Tür wurde aufgemacht und hinter dem Eintretenden wieder geschlossen. Mitja fühlte sich erlöst und von einer plötzlichen Freude ergriffen. Er sah ein, daß es nicht Korobizyn, sondern einer der Hausbewohner gewesen war. Mitja sah zur Tür hinaus, stellte fest, daß auf der Treppe niemand mehr war, und wollte schon wieder hinuntergehen. Plötzlich hörte er aber eine nahe leise Stimme. Jemand las irgendwo in der Nähe etwas vor. Mitja sah sich um. Er entdeckte noch eine Tür, die halboffen stand und auf den Hängeboden führte. Ein grauer Lichtstreif fiel aus der Tür in den Gang, und zugleich mit dem Licht kam von dort eine helle, leise und rasche Stimme.

Mitja blieb eine Weile vor der Tür stehen, machte sie dann ganz auf und trat auf den Dachboden. Er mußte sich tief bücken, um nicht an die Dachbalken anzustoßen.

Am Dachbodenfenster saßen eine alte Frau und ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen. Die Alte strickte einen Strumpf, und das Mädchen las ihr etwas aus einem dicken Buche vor. Sie saßen einander gegenüber, die Alte auf einem kleinen Koffer und das Mädchen auf einem leichten Klappstuhl. Das Licht fiel aus dem Fenster zwischen die beiden und legte sich auf ihre Knie. Die Stricknadeln klapperten leise und schimmerten matt in den geschickten Händen der Alten.

Mitja machte einen großen Schritt über einen dicken Balken. Die Alte und das Mädchen schienen hier zu wohnen: es war hier so schön aufgeräumt und sauber gekehrt.

Das blasse unschöne Mädchen hob die Augen vom Buch und blickte Mitja ruhig und freundlich an. Mitja betrachtete sie erstaunt. Sie war so schmächtig und so blaß, daß sie im Halbdunkel, hinter der Lichtsäule, die aus dem Fenster aufs Buch fiel, beinahe körperlos erschien. Das feine Schlüsselbein trat unter der Haut hervor. Das Mädchen war mit einem Sarafan und einem Hemd, das Arme und Schultern frei ließ, bekleidet. Der Sarafan aus verblaßtem, grün getupftem Kattun war ihr schon zu kurz. Hände und Füße waren gelb, wie aus Wachs geformt. Das Mädchen hatte schmale Wangen, einen großen Mund und graue Augen. Die Haare waren blond, glatt und zu einem dünnen, bis an den Gürtel reichenden Zopf geflochten. Das Mädchen saß ruhig, kaum atmend, wie leblos da und erschien Mitja rührend schön. Sein Herz fühlte sich zu ihr sofort hingezogen.

»Setz dich, Junge, ruh dich aus. Du bist, wie ich sehe, müde,« sagte sie leise, doch deutlich, und legte das Buch beiseite.

Mitja setzte sich auf den Balken neben das Mädchen. Und alles erschien ihm hier so sonderbar. Da das Dach beinah seinen Kopf berührte, war es ihm, als ob er sich in schwindelnder Höhe befände.

»Wo kommst du her?« fragte die Alte.

»Ich bin spazieren gegangen,« berichtete Mitja, »und unser Lehrer hat mich gesehen – ich lerne in der Volksschule – also bin ich von ihm fortgelaufen und bin hierher geraten . . . Sonst hätte er mich schön abgekanzelt.«

»Schlingel!« sagte die Alte.

Sie strickte weiter und saß so ruhig da, als schlummere sie vor Müdigkeit. Ihr Gesicht war unbeweglich, dunkel und von vielen Runzeln durchfurcht. Die Alte und das Mädchen sprachen sehr leise, und ihre Stimmen schienen aus der Ferne zu kommen.

»Soll er ausruhen, was kümmert's uns,« sagte das Mädchen. »Ich heiße Dunja. Und wie heißt du?«

»Mitja. Und mit dem Familiennamen Darmostuk.«

»Darmostuk,« wiederholte das Mädchen, ohne zu lächeln. »Und wir heißen Wlassow.«

»Nein, wirklich? Wlassow?« sagte Mitja mit freudigem Erstaunen. »Ich hatte einmal einen Lehrer Wlassow, er war so gut, ist aber gestorben. Und wie heißen Sie?« wandte er sich an die Alte.

»Schau ihn nur einer an, wie gerne er Bekanntschaften macht!« sagte die Alte mit leisem Lächeln.

Dunja antwortete für sie:

»Katerina Wassiljewna.«

»Und was treibt ihr hier?« fragte Mitja.

»Mama und ich wohnen hier, erklärte Dunja. »Mamachen ist jetzt nämlich ohne Stelle. Eine Bekannte von uns, die hier im Hause Köchin ist, hat uns hereingelassen, aber ihre Gnädige weiß nichts davon.«

»Und was macht ihr, wenn Wäsche aufgehängt wird?«

»Dann ziehen wir auf einen andern Dachboden,« antwortete das Mädchen ruhig.

»Wo schlaft ihr aber?«

»Wenn es geht, in der Küche, sonst meistens hier. Wenn wir hier übernachten, müssen wir uns früh hinlegen: wir dürfen hier kein Licht machen, wegen der Feuersgefahr.«

»Nicht einmal das Lämpchen vor dem Heiligenbilde darf man anzünden,« sagte die Mutter.

In der Ecke hing ein Heiligenbild, doch ohne Lämpchen davor. Es nahm sich merkwürdig aus, weil es so tief hing.

»Das macht nichts,« sagte Dunja: »Nachts leuchten hier die Sterne herein. Jeder Stern ist wie ein Lämpchen aus Kristall.«

Sie richtete ihre ruhigen, heitern Augen auf das Fenster und wies mit ihrer feinen Hand hin. Mitja folgte ihrem Wink, trat ans Fenster und erblickte den nahen, klaren Himmel. Sein Herz erbebte vor Freude.

»Wie nahe hier der Himmel ist!« sagte er leise und blickte Dunja an.

Das Mädchen saß, die Hände im Schoß gefaltet, ruhig, wie leblos da. Mitja wandte sich wieder zum Fenster.

Ein leerer naher Himmel . . . Ein eisernes Dach und in der Ferne lauter Dächer und Schornsteine . . . Und so still ist es, als ob in der Nähe niemand wäre und niemand atmete. So unheimlich still!

Mitja wandte sich vom Fenster weg. Die beiden saßen still da. Das leise Klirren der Stricknadeln klang wie das Summen einer Fliege. Mitja wurde es plötzlich etwas unheimlich zumute. Die Alte und das Mädchen sahen ihn an.

»Wie still es hier bei euch ist!« sagte Mitja.

Die beiden schwiegen. Mitja schwindelte es. Er stellte sich vor, wie unheimlich es hier in der Nacht sein müsse. In den Ecken lauerte die Finsternis. Das Dach klirrte ab und zu, wie wenn jemand mit leichten Schritten darüber liefe. Von der Treppe klang manchmal der dumpfe Widerhall von Schritten, Stimmen und Türzuschlagen herauf.

»Habt ihr denn gar keine Angst?« fragte Mitja.

»Vor wem, du dummer Junge?« fragte Dunja freundlich.

Mitja lächelte verlegen und sagte:

»Vor den Kobolden.«

»Die Kobolde tun uns nichts,« antwortete Dunja mit leisem Lächeln. »Aber vor den Hausmeistern müssen wir uns in acht nehmen, daß sie uns nicht vertreiben, und auch vor dem Hausherrn. Wenn sie einen vertreiben wollen, so kann man gegen sie auch mit Zaubersprüchen nichts ausrichten.«

»Und wenn man im Nachtasyl übernachten will, so muß man gleich ein Fünfkopenstück pro Kopf hergeben, einen Zehner für uns beide jede Nacht, das ist leicht gesagt!« fiel die Alte ein. Ihre Stimme klang auf einmal erschrocken.

»Sie werden wohl bald eine Stelle finden,« sagte Mitja, »dann können Sie von hier ausziehen.«

»Das gebe Gott, das gebe Gott!« sagte die Alte seufzend.

Mitja schwieg eine Weile und überlegte sich, womit er Dunja und Dunjas Mutter trösten könnte. »Soll ich ihnen vielleicht das von Rajetschka erzählen?« fragte er sich.

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