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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 58
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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VI.

Mitja langweilte sich in der Schule. Die Stunden waren uninteressant, und er hatte immer Angst, daß man an ihn irgendeine schwierige Frage richten könne und er wieder einen Vierer bekommen würde. Auch in den Pausen war es ihm traurig zumute.

Die Schüler der verschiedenen Klassen hatten sich in der Pause wie immer im Turnsaal versammelt und tollten herum. Manche saßen auf den Bänken längs der Wände und quetschten einander. Der Saal war klein und dunkel: er lag im Erdgeschoß, und das Tageslicht wurde von den Bäumen des Gartens und von der nackten, fensterlosen und daher leblos aussehenden Mauer eines großen Nachbarhauses verdeckt. In einer Ecke stand der dunkle Schrein mit den Heiligenbildern, und hinter ihm war dichte Finsternis.

Die Jungen drängten sich hier wie eine Schafherde im Stalle. Sie warfen einander um, liefen umher, spielten und stießen aufeinander. Manche verzehrten ihr Frühstück, – das von zu Hause mitgebrachte Butterbrot oder eine beim Schuldiener gekaufte Semmel. Die Luft war voller Staub, und man konnte kaum atmen. Aus dem gleichmäßigen Geschrei und Lärm erhob sich ab und zu ein durchdringendes Gequietsch.

Mitja saß auf einer Bank. Unter den Jungen, wo sie sich am dichtesten drängten, glaubte er inmitten der in den Staubwolken aufleuchtenden Hände und Gesichter Rajetschkas Bild zu sehen. Ihr blondes Haar leuchtete matt in der Sonne, lustige Regenbogenstrahlen gingen von ihr aus, ihre Stimme klang hell, – und plötzlich zerfiel sie in Staub und verschwand.

Die Jungen hatten jemand zu Boden geworfen und eine Fensterscheibe eingeschlagen. Nun schrien sie Hurra und erhoben ein Indianergeheul. Auch Mitja heulte gedehnt und leise mit.

Das Geheul drang bis ins Lehrerzimmer. Der diensthabende Lehrer, der blasse, glattrasierte, lange und hagere Ardaljon Ssergejewitsch Korobizyn begab sich langsam in den Saal. Bei seinem Erscheinen wurde es etwas stiller. Alle liefen vom Fenster weg, in dem die Scheibe eingeschlagen war. Es fanden sich aber gleich freiwillige Angeber. Die Schuldigen wurden bald festgestellt.

Tschumakin, ein Junge, dessen sommersprossiges Gesicht stets einen besorgten Ausdruck zeigte, lief an Mitja heran und flüsterte ihm zu:

»Laß uns den Ardaljoschka necken!«

»Wie?« fragte Mitja, sich über die bevorstehende Zerstreuung freuend.

»Wollen wir zischen!«

Kaum war Korobizyn in den Korridor, wo sich schon die Schuljungen drängten, getreten, als Tschumakin und die andern im Turnsaal zurückgebliebenen Jungen zu zischen anfingen. Korobizyn kehrte um und blieb in der Tür stehen. Tschumakin, den er nicht sehen konnte, zischte ruhig weiter.

»Zische auch du, er wird uns nicht sehen!« flüsterte er Mitja zu, sich hinter seinen Rücken versteckend.

Mitja fing zu zischen an. Korobizyn wußte nicht, ob er weggehen oder die Bengel zur Ruhe bringen sollte. Ihm war ja alles gleich. Er trat aber in die Mitte des Saales, spähte nach allen Seiten und fühlte, daß es unmöglich sei, die Schuldigen zu erwischen: sie sprachen friedlich miteinander, wenn er sie ansah, und zischten, sobald er den Blick von ihnen auf eine andere Gruppe von Schlingeln wandte. Korobizyn wurde plötzlich rot vor Zorn.

Mitja war inzwischen etwas vorgetreten. Er lächelte und zischte, ohne daran zu denken, was er tat. Korobizyn stieß mit ihm beinahe zusammen.

»Gib dein Journal her!« herrschte er ihn wütend an.

Mitja war bestürzt.

»Ich habe ja nichts getan!« suchte er sich zu rechtfertigen.

»Gib dein Journal her!« wiederholte Korobizyn eigensinnig, die Zähne zusammenbeißend.

»Sie können ja die andern fragen: ich habe gar nicht gezischt,« sagte Mitja von plötzlichem Ärger ergriffen.

»Das Journal!« schrie Korobizyn voller Wut.

Seine Stimme klang schrill unter der niederen Decke. Mitja ging langsam ins Klassenzimmer, um das Journal zu holen, und brummte im Gehen:

»So mir nichts, dir nichts schreiben sie einem eine Strafnote ins Journal!«

Korobizyn hörte es und erzitterte vor Wut.

»Du Esel!« schrie er Mitja nach. »Jetzt erlebst du was! Bring mir dein Journal ins Lehrerzimmer.«

Und er ging ins Lehrerzimmer, ohne die Jungen, die hinter seinem Rücken noch immer zischten, zu beachten. Ihm war schon wieder alles eins.

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