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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 57
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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V.

Mitja wirkte am Schülerchor mit, der in einer nahen Pfarrkirche beim Gottesdienst zu singen pflegte. Man schätzte ihn wegen seines sicheren Gehörs und seiner hellen, starken Altstimme. Das Singen machte ihm auch selbst große Freude. Besonders gern wirkte er bei Trauungen und Totenmessen mit. Die Hochzeitsgesänge belustigten ihn, und die Totenpsalmen weckten in ihm Stimmungen süßer Wehmut.

Mitja kam am Sonntag vor der Morgenmesse zur Kirche. Die Gemeinde versammelte sich eben. Das Glockengeläute zog feierlich durch die klare Herbstluft. Die Chorknaben lärmten und tollten in der Vorhalle und hinter der Kirchenmauer. Der kleine zarte Duschizin stieß mit seiner hellen, kindlichen Stimme die schrecklichsten Flüche aus, während sein Gesicht einen unschuldigen und sanften Ausdruck bewahrte. Da kam auch schon der Chordirigent, der Lehrer Galoj, ein kleines schmächtiges Männchen mit unbeweglichen ziegelroten Flecken auf den Wangen und langem, dünnem Bärtchen, das wie angeklebt aussah. Er war ganz plötzlich, wie aus dem Boden geschossen, erschienen und stand auf einmal im Tor der Kirchenmauer. Die Jungen liefen in die Vorhalle und verbeugten sich vor dem Lehrer, die einen mit übertriebener Ehrfurcht, die anderen nachlässig und mürrisch. Mitja zog linkisch die Mütze: er schien zu zweifeln, ob er das überhaupt tun müsse. Er fuhr sich mit der Mütze einmal über die Wange, blickte den Lehrer an, kniff die Augen wie vor der Sonne zusammen, setzte die Mütze wieder auf und schob sie in den Nacken. Galoj blieb in der Vorhalle stehen. Mitja ging auf ihn zu.

»Was willst du?« fragte ihn der Lehrer hüstelnd mit hoher, gleichsam gesprungener Stimme.

»Lassen Sie mich nach Hause gehen, Dmitrij Dementjewitsch,« bat Mitja leise und schüchtern.

»Das ist ja wunderschön!« rief Galoj aus, Mitja mit seinen kleinen Äuglein anglotzend. »Mit wem soll ich dableiben, wenn alle fortgehen?«

»Ich habe Kopfweh, Dmitrij Dementjewitsch,« erklärte Mitja mit klagender Stimme, das Gesicht verziehend.

Sein blasses Gesicht und seine blauen Lippen bestätigten, daß er die Wahrheit sprach.

»Warum hast du Kopfweh?« fragte Galoj, mißbilligend sein Bärtchen schüttelnd.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Mitja schüchtern.

»Was habe ich dich eben gefragt?« schrie Galoj mit durchdringender Stimme.

Mitja schwieg verlegen.

»Du bist ein Dummkopf, sehr verehrter Herr, das ist alles. Was habe ich dich eben gefragt?«

»Warum ich Kopfweh habe,« wiederholte Mitja die Frage.

»Ja, und nicht, ob du es weißt oder nicht weißt! Warum hast du also Kopfweh? Antworte!«

Mitja wußte nicht, was zu sagen, und lächelte unsicher.

»Er hat mit der Nase Holz gehackt,« sagte der rotbackige Karganow und zog die Stirne kraus, um nicht aufzulachen.

Die Jungen, die sich um Mitja und den Lehrer drängten, brachen in schallendes Gelächter aus. Michejew, ein kleiner Junge mit großem Kopf und großen Augen, sagte Mitja leise vor:

»Aus unbekanntem Grunde.«

»Nun, wirst du es einmal sagen?« drang Galoj in Mitja ein.

»Aus unbekanntem Grunde,« sprach Mitja nach.

»So ist's recht. Du darfst gehen.«

Mitja verbeugte sich und verließ die Kirche. Er ging aber nicht nach Hause. Er hatte das ewige Bravsein satt und wollte, wohl zum erstenmal in seinem Leben, den Vormittag nach eigenem Gutdünken verbringen. Als der Lehrer ihn gehen ließ, empfand er im ersten Augenblick Freude und Erlösung. Aber das Kopfweh und trübe Vorahnungen verdüsterten bald seine Freude.

Mitja verließ die lärmenden, in Stein gefaßten Straßen und ging zur Stadtgrenze. Ein kalter Wind kam stoßweise gezogen. Der Himmel hing wolkenlos, heiter und traurig, wie müde über der Erde. Die Bäume standen verstaubt und langweilig da. Der Wind wirbelte Staubwolken auf, und Mitja konnte fast nichts sehen und nur mit großer Mühe vorwärtskommen . . .

In der fernen Ecke des Friedhofs, wo sich die billigen Beerdigungsplätze befanden, suchte er das Grab seines Vaters auf. Lange saß er auf dem Grabe, umklammerte das weiße Kreuz und dachte an Rajetschka und an sich selbst. Die Gräber, die Fichten und die Kreuze schienen sich in die Unendlichkeit hinzuziehen, und die tiefe Stille wurde nur ab und zu durch das Krächzen eines Raben oder das Rascheln des Laubes im Winde unterbrochen.

Mitja sah Rajetschkas Bild ganz deutlich vor sich. Er wollte es noch klarer sehen und schloß die Augen . . . Rajetschkas blonde Locken fallen ihr auf die Schultern herab. Sie hat ein verschossenes gelbes Kleidchen und verstaubte Schuhe an. Ganz blaß steht sie vor ihm da. Ein dünner roter Blutstrom rieselt ihr die Wange hinunter. Rajetschka fühlt keinen Schmerz, – sie war ja augenblicklich tot und ist nun auferstanden. Warum ist sie aber so unbeweglich?

Mitja spannte seine ganze Einbildungskraft an: er wollte so gerne, daß Rajetschka wenigstens die Augen öffne. Was mag sie für Augen haben?

Auf einmal kam es ihm vor, daß sie die Augen geöffnet habe – blau und ruhevoll wie der heitere Himmel waren ihre Augen –, und auch in Mitjas Seele war plötzlich alles ebenso heiter und feierlich. Es schien ihm, daß Rajetschka langsam über die Steine schreite, und daß ihr gelbes Röckchen kaum wahrnehmbar im Winde flattere.

Mitja schlug die Augen auf, – und das liebe Gesicht war im Nu verschwunden. Er sah sich wieder von lauter irdischen und sterblichen Dingen umgeben. Mitja verließ langsam den Friedhof, den Kopf gesenkt, von traurigen Gedanken an Rajetschka erfüllt.

Er trat durch das hintere Friedhofstor ins freie Feld. Auf der leeren, staubigen Straße jenseits der Friedhofsmauer stimmte er das Kirchenlied an: »Ich ergieße mein Gebet vor dem Herrn und künde ihm meine Trauer, denn meine Seele ist voller Schmerz . . .«

Seine hohe Altstimme klang wie silbern. Die Bäume lauschten, das Gras raschelte unter seinen Schritten. Die unbegreifliche Verheißung einer namenlosen Wonne strahlte vom heiteren Himmel und von der Sonne herab . . .

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