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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 56
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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IV.

Mitja zog sich aus und legte sich auf sein Lager, das ihm die Mutter auf dem großen Koffer zurechtgemacht hatte; sie selbst schlief auf dem Bett, das in die Ecke zwischen der Bretterwand und der Korridortüre eingeklemmt und mit einem bunten Kattunvorhang verdeckt war. Aksinja war noch in der Küche: die Gnädige hatte Gäste, und sie mußte für sie noch das Abendessen bereiten. Durch die Ritzen im Bretterverschlag drang oben an der Decke und unten auf dem Fußboden Licht ein. Mitja fürchtete sich im Dunkeln und zog sich die Bettdecke über den Kopf.

Einst pflegte er, wenn er so lag, an allerlei Unmögliches zu denken: an Heldentaten, an Ruhm, an zarte und rührende Dinge. Heute waren aber alle seine Gedanken auf Rajetschka gerichtet. Was mag jetzt mit ihr sein? Im Finstern war es so schrecklich, sie sich tot vorzustellen. Es war so furchtbar, daran zu denken, daß man über ihrer Leiche die Totenmesse lesen wird: gelbe Wachslichter werden brennen, blaue Weihrauchwolken in die Luft steigen, und dann wird man sie in die Erde einscharren . . . Mitja mußte aber fortwährend daran denken.

– Sie wird es dort besser haben! – Diese Worte der Mutter kamen ihm plötzlich in den Sinn. – Wieso wird sie es besser haben? – fragte er sich. Plötzlich kam ihm die freudige Erleuchtung: Sie wird auferstehen und mit den Engeln sein!

Rajetschkas Bild schwebte immer deutlicher vor ihm. Wie wenn es jemand langsam und sorgfältig mit grauen Bleistiftstrichen vollendete, – jeder neue Strich erfüllte Mitja mit gemischten Gefühlen von Angst, Entzücken und Mitleid.

Aksinja wetzte in der Küche ein Messer an der Kante des Herdes. Das unangenehme Geräusch ließ ihn nicht einschlafen. Er befreite den Kopf aus der Bettdecke und rief leise:

»Mutter, Mutter!«

»Was willst du?« erkundigte sich die Mutter.

»Wird Rajetschkas Mutter nicht sterben müssen?« fragte Mitja.

»Was für eine Mutter?«

»Die Mutter des Mädchens, das sich totgefallen hat.«

»Was ist mit ihr?« fragte die Mutter streng und verdrießlich.

»Ich frage, ob ihre Mutter nicht sterben muß?«

»Warum sollte sie sterben?«

»Vor Schmerz um Rajetschka!« sagte Mitja leise. Tränen rollten ihm die Wangen herab und benetzten sein Gesicht und das Kopfkissen.

»Schlaf, du Dummer, schlaf, wenn du schon einmal im Bett bist,« sagte Aksinja geärgert. »Wenn alle Menschen vor solchem Schmerz sterben würden, so bliebe in ganz Rußland bald kein Mensch mehr übrig.«

»Wie ist das nur möglich?« fragte Mitja schluchzend.

»Schlaf, schlaf, ich habe es auch ohne dich schwer genug!«

Mitja verstummte. Die Tränen hatten ihn ermüdet, und er begann einzuschlummern. In seinen müden Ohren tönte zuerst der unerträglich feine hohe Ton einer Hirtenflöte, dann das dumpfe Dröhnen einer Kirchenglocke, dann vermischte sich alles und verschwand. Aber in schwindelnder Höhe lachte aus einem Fenster lustig und heiter Rajetschka. – Sie ist auferstanden! – sagte sich Mitja erfreut, und Rajetschka lallte etwas, was so froh war, wie die Botschaft von der Auferstehung.

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