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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 55
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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III.

Mitja saß ln seiner Kammer am Fenster vor dem ungestrichenen Tisch mit der gesprungenen Matte, mit dem Rücken zur Mutter, die schweigend einen Strumpf strickte. Er beugte sein blasses Gesicht mit den zitternden Lippen und der großen Nase über das Lehrbuch und bemühte sich angestrengt, die Schulaufgabe zu erfassen. Er mußte aber immer wieder an Rajetschka denken. So großes Mitleid hatte er mit dem armen Kind! Wie dumm war doch ihre Mutter, daß sie nicht acht gegeben hatte!

Er hatte Kopfweh, – Mitja glaubte, daß es vom Küchendunst käme, der nach den Wohlgerüchen, die er in den herrschaftlichen Räumen eingeatmet, besonders auffiel und beleidigend war.

Mitja fragte sich plötzlich, wie groß Rajetschka wohl gewesen sei: sie würde ihm wohl an den Gürtel reichen.

Er wurde immer wieder vom Lernen abgelenkt. Darja kam in die Kammer und erzählte Aksinja von ihrem Geliebten . . . Mitja mußte aber seine Aufgaben machen, um nicht wieder einen Vierer zu bekommen . . . Die Küchentüre fiel laut ins Schloß, – Darja war schon wieder fort.

»Diese Teufelspuppe!« rief Aksinja aus.

Mitja hatte nicht gehört, worüber sie gestritten. Er blickte die Mutter an. Aksinja strickte und kniff die Lippen böse zusammen.

– Die Teufelspuppe! – wiederholte Mitja lächelnd vor sich hin. Es ist wohl eine große Puppe, – dachte er sich, – so groß wie ein Mensch, und nachts spielen mit ihr die Teufel. Und am Tage? Am Tage lebt sie wohl wie alle anderen Menschen. Vielleicht weiß sie auch gar nicht, wer sie nachts holen wird. Ach, wenn man doch sehen könnte, wie der Teufel mit Darja spielt. Vielleicht verzaubert er sie in eine Katze, trägt sie aufs Dach und zwingt sie herumzulaufen und zu miauen . . . Diese Gedanken amüsierten ihn und lenkten ihn ab. Er merkte gar nicht, wie die Mutter hinausgegangen war. Plötzlich knarrte in der Stille die Korridortüre.

Mitja sah sich um. An der Schwelle stand Otja mit dem Ausdruck gespannter Neugierde in seinen Glotzaugen. Sonderbar mit den Händen fuchtelnd, ging er auf den Fußspitzen auf Mitja zu und fragte:

»Bist du allein?«

»Ja, allein,« antwortete Mitja.

Otja ging leise hinaus und kam nach einer Weile mit Lydia zurück. Das junge Mädchen lächelte und schien aufgeregt.

»Hör einmal,« flüsterte Otja »erzähle uns doch noch einmal von dem Mädchen, das aus dem Fenster geplumpst ist.«

Lydia kicherte über den komischen Ausdruck – sie wußte, daß Otja ihn absichtlich gebraucht hatte, – und weil sie auf die Erzählung gespannt war.

»Schön,« sagte Mitja und stand auf.

Lydia setzte sich auf einen Stuhl, legte die Hände auf dem Schoße zusammen und blickte Mitja unverwandt an. Otja setzte sich auf den grünen Koffer, klopfte mit den Fäusten auf die Knie und schnitt Grimassen. Mitja erzählte die Geschichte genau so, wie er sie schon einmal erzählt hatte. Als er sich zum Schluß daran erinnerte, wie Rajetschkas Mutter geheult hatte, lachte er plötzlich auf. Das junge Mädchen fuhr zusammen.

»Wie kann man nur so gefühllos sein?« sagte sie mit unzufriedener Miene. »Denke doch, wie sich das Mädchen wehgetan haben muß. Und du lachst dabei!«

»Ja,« sagte Otja belehrend, »du hast wenig Zartgefühl, mein Lieber. Über ein Mädchen, das aus dem Fenster geplumpst ist, darf man nicht lachen.«

Mitja mußte wieder daran denken, wie Rajetschka die Arme auseinander gespreizt hatte, wie ihr Schädel krachte und wie ihr Blut als dünnes Bächlein in den grauen Staub floß. Er brach in Tränen aus. Die Kinder sahen ihn an, wechselten Blicke und kicherten. Sie fühlten sich etwas ungemütlich. Sie wußten nicht, wovon zu sprechen und wie fortzugehen. Die Gnädige kam ihnen zu Hilfe.

Sie hatte die Kinder in dem Zimmer vermißt und sich auf die Suche nach ihnen begeben.

Als sie ihre Stimmen in der Küche hörte, blieb sie zuerst einige Augenblicke im finsteren Korridor stehen. Dann machte sie die Türe plötzlich auf und erschien auf der Schwelle. Hochaufgerichtet, den Kopf etwas in den Nacken geworfen und die dichten schwarzen Augenbrauen in die Höhe gezogen, so daß sie ihr glattgescheiteltes Haar beinahe berührten, was ihr ein dummes und lächerliches Aussehen verlieh, stand sie eine Weile an der Schwelle, und die drei Kinder waren unter ihren brennenden Blicken wie zu Stein erstarrt. Otja und Lydia falteten die Hände auf die gleiche Weise im Schoß und blickten zu der Mutter erschrocken und gezwungen lächelnd auf. Mitja sah die Gnädige mürrisch an, während große durchsichtige Tränen langsam seine mageren Wangen herabrollten und auf die verschossene Hausjacke fielen.

»Kinder, geht doch in euer Zimmer!« sagte endlich die Gnädige. »Hier habt ihr nichts zu suchen. Das ist kein Ort und keine Gesellschaft für euch.«

Die Kinder erhoben sich. Die Gnädige ließ ihnen den Vortritt und ging ihnen nach.

Mitja hörte ihre empörte Stimme in der Ferne verhallen.

– Ein unpassender Ort! – sagte er sich beleidigt mit einem Blick auf die kahlen Wände der Kammer, auf den Bretterverschlag, auf die armselige Einrichtung, auf die beiden Koffer, – den großen braunroten mit den eisernen Beschlägen und den kleinen grünen, – und auf das Fenster, aus dem man nur Dächer, Schornsteine und ein Stück des blassen Himmels sehen konnte. Alles war so ärmlich, unglücklich und roh.

– Wie sie herangeschlichen ist! – dachte Mitja von der Gnädigen. – Vor ihr ist man nie sicher: wie eine Hexe ist sie. –

Vom Hofe her, aus irgendeinem Fenster kamen die sehnsuchtsvollen Töne einer Flöte, – die Musik klang wie Rajetschkas Weinen.

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