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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 54
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
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II.

Vom langen Laufen keuchend, blieb Mitja auf dem Absatz einer schmalen schmutzigen Treppe im zweiten Stock stehen. Aus der offenen Türe wehte ihm Küchendunst entgegen. Er hörte die böse Stimme seiner Mutter. Mitja trat unentschlossen in die Küche, wo es nach zerlassener Butter, Zwiebel und Ofendunst roch und blieb an der Schwelle stehen. Wieder überkam ihn das gewohnte Gefühl der Obdachlosigkeit in dieser Wohnung, die ihm fremd war und ihm doch als Obdach diente.

Seine Mutter, die Köchin Aksinja, stand zerzaust, erhitzt, mit bloßen roten Armen, in alter durchgebrannter Schürze vor dem Herd und briet etwas, was auf der Pfanne zischte und mit Butter um sich spritzte. Dünne Flämmchen, so rot wie Rajetschkas rieselndes Blut, züngelten aus der nicht fest geschlossenen Herdtüre hervor. Das Fenster und die Türe standen offen, und in der Küche zog es. Aksinja fluchte auf die Gnädige, auf ihr eigenes Leben, auf den Braten und das Brennholz.

Mitja fühlte sich von der Gereiztheit seiner Mutter gleichsam angesteckt. Er wußte, daß sie ihren Ärger an ihm auslassen werde.

»Was stehst du an der Schwelle?« schrie Aksinja, das rote erboste Gesicht mit den tränenden Augen, über denen dünne Flechten ergrauender Haare zitterten, zu Mitja wendend. »Was hat dich der Teufel hergebracht? Mir ist es auch ohne dich übel genug!«

Mitja ging in die kleine, an die Küche anstoßende Kammer, in der er mit der Mutter wohnte. Aus der Küche tönte noch immer durch das Zischen der Butter hindurch Aksinjas böses Brummen:

»Da plage ich mich mein ganzes Leben wie eine verdammte Seele am Herde ab, – Gott verzeihe mir die sündhaften Worte! – und wenn der Sohn einmal groß ist, wird er an seine Mutter nicht einmal denken! Schön wird mich so ein Sohn ernähren! Er braucht die Mutter nur, solange sie ihm zu essen gibt!«

Mitja runzelte betrübt die Stirne, setzte sich auf den kleinen grünen Koffer in der Ecke und versank in seine traurigen Gedanken und Erinnerungen. Er dachte an Rajetschka, die mit zerschmettertem Kopf auf dem Pflaster lag . . .

So vergingen einige Minuten. Aksinja machte die Türe auf und blickte in die Kammer hinein.

»Mitja, komm einmal her!« flüsterte sie verlegen.

Jetzt blickte sie den Sohn freundlich an, und das paßte so gar nicht zu ihrem rohen, unschönen Gesicht. Mitja kam näher.

»Hier, iß derweil das!« sagte Aksinja, ihm einen noch heißen süßen Pfannkuchen reichend. Dann verschwand sie wieder in der Küche.

Mitja spürte eine plötzliche Rührung, und seine Augen wurden feucht. Als er den Pfannkuchen aß, taten ihm die Backenknochen weh, und er konnte sie nur mit Mühe bewegen: so sehr würgten ihn die Tränen. Das schmerzvolle Mitleid mit der Mutter, das von ihren Klagen und ihrer ungelenken Zärtlichkeit geweckt worden war, war in ihm mit feinsten Fäden an das Mitleid mit Rajetschka geknüpft . . .

Aksinja liebte ihren Sohn mit schmerzlicher Liebe, die bei armen Menschen so häufig vorkommt und an der beide Teile schwer zu leiden haben. Ihr armseliges, sorgenvolles Leben erfüllte sie mit Angst und gab ihr den Gedanken ein, daß aus Mitja, wenn er einmal groß ist, ein Trinker wird; daß er daran zugrunde gehen und sie auf ihre alten Tage im Stich lassen wird. Wie aber das Unheil abzuwenden, wie aus Mitja einen anständigen Menschen zu machen, daß wußte sie nicht. Sie hatte nur das eine unklare Gefühl, daß in der Küche aus ihm kaum was Rechtes werden würde. Sie war finster und verbissen, fürchtete alles und seufzte fortwährend.

Mitja aß den Pfannkuchen zu Ende, wischte sich die Finger am Saum seiner Jacke ab und trat ans Fenster. Die Aussicht aus dem Fenster war langweilig und farblos. Er sah viele Küchen, in denen gekocht wurde, Dächer, Rauch aus den Schornsteinen und einen blauen Himmel. Mitja legte sich auf die Fensterbank und blickte auf den gepflasterten Hof hinunter. Er mußte wieder an Rajetschka und an jenes Fenster im dritten Stock denken, – und er sagte sich:

»So kann ein jeder herunterfallen.«

Halbbewußt, doch voller Angst hatte er eben zum erstenmal den Gedanken an den Tod auf sich selbst bezogen. Der Gedanke war so unwahrscheinlich und so schrecklich; noch viel schrecklicher als der Gedanke daran, daß Rajetschka heruntergefallen und zerschmettert war, wie ein Lampenglas zerbricht, wenn man es aufs Pflaster schleudert.

Mitja sprang zitternd von der Fensterbank. Er fühlte einen Schmerz in den Schläfen und im Hinterkopf. Er fuchtelte sinnlos mit den Händen und ging in die Küche. Aksinja stand vor dem Herd, den Kopf in eine Hand gestützt und blickte finster ins Feuer. Mitja sagte:

»Mutter, wenn du wüßtest, was ich eben im Durchgangshof gesehen habe!«

»Nun?« fragte die Mutter kurz, ohne den Kopf nach ihm zu wenden.

»Ein Mädel fiel vom dritten Stock herunter und zerschlug sich den Kopf.«

»Was du nicht sagst!« rief Aksinja aus.

Ihre erschrockene Stimme machte Mitja Angst und kam ihm zugleich irgendwie komisch vor. Grinsend und hie und da kichernd, erzählte er der Mutter sehr ausführlich, wie Rajetschka aus dem Fenster gefallen war. Aksinja seufzte entsetzt und gerührt und blickte den Sohn mit starren runden Augen an. Als Mitja berichtete, wie Rajetschka aufgeschrien hatte, stieß er den gleichen leisen Schrei wie sie aus, erblaßte und hockte sich hin.

»Eine solche Mutter müßte man . . .« begann Aksinja gehässig. Sie sprach den Satz nicht zu Ende und schluchzte auf. »Dieses Engelchen!« sagte sie mitleidig, die Tränen mit der schmutzigen Schürze abwischend. »Gott hat sie zu sich genommen, bei ihm wird sie es besser haben.«

»Wie es gekracht hat!« sagte Mitja nachdenklich.

Die Mutter ließ die Schürze wieder fallen. Ihr tränennasses unbewegliches Gesicht machte auf den Jungen starken Eindruck. Er fing zu weinen an. Große Tränentropfen liefen schnell seine blassen Wangen herab. Er schämte sich aber seiner Tränen. Er wandte sich weg, ließ den Kopf hängen, ging in die Kammer, setzte sich auf den grünen Koffer in der Ecke, bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach von neuem in Tränen aus.

Es wurde Abend, und alles ging seinen gewohnten Gang. Mitja war sehr unruhig. Verschiedene Kleinigkeiten, die er früher gar nicht beachtet hatte, fielen ihm jetzt auf und verwundeten seine Seele. Er hatte das Bedürfnis, die Geschichte von Rajetschka noch irgend jemand zu erzählen und noch irgend jemand mit ihr zu rühren. Als das Stubenmädchen Darja, ein aufgeputztes Ding mit verschmitztem Gesichtsausdruck und glatt gekämmtem Haar in die Küche kam, erzählte er es ihr alles mit allen Einzelheiten. Darja hörte ihm aber stumpf und gleichgültig zu und strich sich vor Aksinjas kleinem Spiegel das Haar glatt, das die Farbe von Küchenschaben hatte und stark nach Pomade roch.

»Tut sie dir denn gar nicht leid?« fragte Mitja.

»Ist sie vielleicht mein Kind?« antwortete Darja, dumm auflachend. »Was bist du doch für ein Greiner!«

»Was soll man da überhaupt klagen?« sagte die Mutter. »Gebe Gott, daß wir alle bald hinüber kommen! Was wird aus dir, wenn du einmal groß bist? Ein besoffener Handwerker.«

– Und wenn Rajetschka groß werden würde? – fragte sich Mitja. – Dann würde aus ihr ein Stubenmädchen wie die Darja werden; sie würde sich das Haar mit Pomade schmieren und ebenso listig nach allen Seiten schielen.

Mitja ging zur Gnädigen, um ihr sein Journal für die Woche zu zeigen. Die Gnädige hielt es für ein gutes Werk, sich für den Jungen, den Sohn ihrer Köchin, zu interessieren.

Der angenehme, doch seltsam an Weihrauch gemahnende Geruch, der in den Zimmern herrschte, verdrängte sofort alle Gedanken an Rajetschka. Mitja ging schüchtern auf die Gnädige zu, die im Salon auf dem Sofa saß und eine Patience legte.

Frau Urutin hatte ein auffallend weißes Gesicht: das kam von den Hautkrems und dem Puder. Ihre Kinder – der Gymnasiast Otja (Josef) und die Tochter Lydia – befanden sich gleichfalls im Salon. Otja zeigte Mitja Fratzen. Er hatte hervorquellende Augen und ein rotes Gesicht. Lydia war etwas älter und hatte große Ähnlichkeit mit dem Bruder. Ihr Haar war an der Stirne zugestutzt. Aksinja und Darja pflegten in ihren Gesprächen diesen gestutzten Haarschopf eine Pferdemähne zu nennen.

Die Gnädige sah in Mitjas Journal den Vierer und erteilte ihm eine Rüge. Mitja küßte ihr die Hand, – so war es einmal eingeführt.

In dem Zimmer war es so schön und vornehm. Weiche Teppiche dämpften die Schritte, die Gardinen und Portieren hingen in schweren, ernsten Falten herab, es gab viel bequeme Möbel, wertvolle Bronzen und Bilder in goldenen Rahmen. Das alles hatte auf Mitja sonst immer großen Eindruck gemacht. Voller Ehrfurcht trat er in die Zimmer, wenn er gerufen wurde oder wenn die Herrschaften nicht zu Hause waren, und er alle diese Herrlichkeiten nach Herzenslust bewundern durfte.

Heute empörte ihn aber die Schönheit der Zimmer. Er dachte sich: Rajetschka hat wohl niemals in solchen Zimmern gespielt!

– Ist diese Schönheit auch echt? – fragte sich Mitja. Während Frau Urutin ihm lange und langweilig erklärte, wie beschämend es sei zu faulenzen, und wie sehr er es schätzen müsse, daß sie, die Gnädige sich für ihn interessiere, dachte Mitja daran, daß es wohl irgendwo – vielleicht nur beim Zaren allein – Gemächer geben müsse, wo echte Schönheit herrsche, wo der Prunk unerschöpflich sei und wo es wie im Schlosse des Königs Solomo nach Spezereien, Weihrauch und Myrrhen dufte. Ach, wenn Rajetschka in solchen Gemächern spielen könnte!

Als Mitja sich wieder in die Küche zurückziehen wollte, sagte die Gnädige:

»Darja hat mir gesagt, daß du irgendein Mädchen aus einem Fenster fallen gesehen hast. Erzähle es mir einmal.«

Mitja fuhr vor dem befehlenden und strengen Ton der Gnädigen wie immer zusammen und begann zu erzählen. Er zuckte vor lauter Schüchternheit die Achseln, erzählte aber sehr ausführlich, begleitete die Worte mit Handbewegungen und kam allmählich in Ekstase. Zum Schluß stieß er wieder den gleichen leisen Schrei wie Rajetschka aus und hockte sich wieder hin. Seine Erzählung rührte und amüsierte die Gnädige und die Kinder.

»Wie nett er das doch erzählt hat!« rief Lydia, einem ihr bekannten jungen Mädchen nachäffend und die Hände zusammenschlagend. »Das arme Kind! War es auch sofort tot?«

»Ja, mausetot,« sagte Mitja.

Die Gnädige schenkte ihm einen süßen und klebrigen Bonbon in gefalteter Papierhülle. Mitja liebte alles Süße und war sehr erfreut.

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