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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 50
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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XVIII.

So oft jetzt die Knaben zusammenkamen, sprachen sie vom Tode. Wanja pries den Tod und das Leben im Jenseits. Kolja hörte ihm gläubig zu. Immer nichtiger erschien ihm die Natur, und immer erstrebenswerter und lieber der Tod, der tröstende, ruhige Tod, der jedes Leid und jede Unruhe der Erde von uns nimmt. Er befreit, und seine Verheißungen sind untrüglich. Es gibt keinen treueren und zärtlicheren Freund auf Erden als den Tod. Die Menschen fürchten seinen Namen, nur weil sie nicht wissen, daß er das wahre und ewige, ewig unveränderliche Leben ist. Er verheißt eine neue Art des Seins, und er trügt nie. Er hält seine Versprechungen.

Und es ist so süß, an ihn zu denken, von ihm zu träumen. Wer will behaupten, daß die Gedanken an ihn grausam seien? Nein, es ist süß, an ihn, den treuen, fernen und doch ewig nahen Freund zu denken.

Kolja fing schon an, alles zu vergessen. Sein Herz sagte sich von allen Anhänglichkeiten los. Was bedeutet ihm noch die Mutter, die er einst so sehr liebte? Gibt es eine Mutter? Und ist denn hier auf dieser Erde nicht alles gleich trügerisch und gespenstisch? Es gibt hier nichts Echtes und Wahres, und diese veränderliche, schnell ins uferlose Vergessen versinkende Welt ist nur von flüchtigen Schatten bevölkert.

Der Zauber, der von Wanjas Blicken ausging und der nur noch allein tief in Koljas Seele zu dringen vermochte, trieb ihn jeden Tag in den Wald und in den Graben, wo der Bach dasselbe sang, was ihm die durchsichtig hellen, Vergessen spendenden Augen Wanjas erzählten.

Immer tiefer und süßer wurde das Vergessen.

Wenn Wanja ihn lange mit seinen hellen, unbeweglichen Augen ansah, vergaß er unter seinen erbarmungslosen Blicken alles, wie man in den Armen des tröstlichsten aller Engel – des Engels des Todes alles vergißt.

Koljas Todesengel schnitt aber Fratzen und hegte böse Gedanken. Seine Wünsche und Träume wären auch früher lasterhaft und grausam gewesen; jetzt hatten sie aber höchste Kraft und Schärfe erlangt. Er dachte an den Tod, – an Koljas Tod und dann auch an seinen eigenen. Er verbrachte qualvolle Nächte in wahnsinnigen Gedanken an den nahen grausamen Todeskampf.

Während er Kolja mit dem Tode versuchte, unterlag er auch selbst der Versuchung des Todes, er war wie ein Giftmörder, der sich mit seinem eigenen Gifte vergiftet.

Anfangs wollte er nur Kolja vergiften und sich selbst zurückziehen. Später aber dachte er nicht mehr daran, daß er sich zurückziehen würde. Er war ganz in den Bann der Gedanken an den Tod geraten.

Auch Koljas Gedanken waren ebenso wahnsinnig: als ob die gleichen Träume von dem einen zum andern übergingen.

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