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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 49
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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XVII.

Die Dorfkinder wollten Wanja wieder einmal necken. Sie riefen einander zu:

»Kinder, da geht der Dreibrauige, er hat heute Prügel gekriegt!«

»Man zog ihm aus die Hosen und gab ihm auf den Bloßen! . . .«

Sie überschütteten Wanja mit rohen kränkenden Worten. Wanja blieb stehen und blickte die Kinder stumm mit seinen hellen Augen an, die so rund und unbeweglich wie die einer Schlange waren. Die Kinder wurden still und glotzten ihn ängstlich mit dummen, verständnislosen Blicken an. Aus irgendeinem Winkel kam plötzlich eine Frau herbeigestürzt. Sie packte alle Kinder zugleich bei den Armen und schleppte sie fort.

»Er wird sie noch behexen, der Verruchte!« brummte sie.

»Was sagst du, Tante?« fragte eine Nachbarin.

»Einen bösen Blick hat er!« flüsterte ihr die Frau zu.

Wanja hörte es. Er lächelte traurig und ging weiter. Als Wanja nach Hause kam, war es schon spät, und der Vater schlief nach dem Essen. Wanja brachte der Mutter ein Körbchen Erdbeeren mit.

»Du kriegst von mir noch eine ordentliche Tracht Prügel!« sagte die Mutter wütend: »Hast wohl am Morgen zuwenig gekriegt?«

»Ich habe nicht eine einzige Beere gegessen, habe alles für dich aufgehoben,« entgegnete Wanja mit gedehnter, klagender Stimme.

»Wo hast du das Körbchen her?« fragte die Mutter streng, aber nicht mehr so wütend.

»Wirst du mich wirklich schlagen?« fragte Wanja weinerlich. »Ich hab mir solche Mühe gegeben.«

»Wie hast du es gewagt, fortzulaufen!?« schrie die Mutter.

»Wenn es mich aber nach dem Walde hinzog . . .« sagte Wanja jammernd.

»Wart, ich werde es schon dem Vater sagen,« versetzte die Mutter ziemlich ruhig. »Setz dich und iß, wenn du willst.«

»Schläft der Vater?« fragte Wanja mit verständnisvollem Lächeln.

Er setzte sich an den Tisch und fiel gierig über das Essen her.

– Er hat wohl furchtbaren Hunger, – dachte sich die Mutter, von Mitleid ergriffen.

»Vater hat zu Mittag gegessen und schläft nun bis zum Abendtee,« sagte sie. »Er ist betrunken heimgekommen. Genau so wie du gestern. Das Söhnchen ist dem Vater nachgeraten.«

Sie rauchte, die Hände in die Hüften gestemmt, und blickte den Sohn mit zärtlichem Lächeln an, das auf ihrem roten Gesicht so komisch und unpassend erschien, plötzlich tat es ihr leid, daß man Wanja wegen jenes »Kadavers« verprügelt hatte.

– Er sieht auch so schon ganz grün aus, – dachte sie. – Er ist aber ein ganzer Kerl; in der frischen Luft wird er sich bald erholen! – tröstete sie sich.

»Hat man ihn betrunken gemacht?« fragte Wanja, mit einem Blick auf das Nebenzimmer, aus dem das Schnarchen des Vaters herüberklang.

»Der Strekalow hat ihn wohl verführt,« antwortete die Mutter. »Es sind so furchtbar gemeine Leute!«

Sie sprach mit ihrem Sohn ganz einfach wie mit einem Erwachsenen, ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

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