Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fjodor Sologub >

Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 48
Quellenangabe
pfad/ssologub/kuss/kuss.xml
typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
Schließen

Navigation:

XVI.

Als Kolja ausgeschlafen hatte, erinnerte er sich beschämt und entsetzt seiner gestrigen Erlebnisse. Lange weinte er in den Armen seiner Mutter. Er bereute alles und gelobte, nie wieder dergleichen zu tun. Die Mutter beruhigte sich. Sie war ganz von ihren Proben in Anspruch genommen.

Kolja zog es aber schon wieder nach dem Walde hin. Er wartete einen günstigen Augenblick ab, lief aus dem Hause und kam in den Graben.

Wanja empfing ihn hier mit bösen rachsüchtigen Blicken.

– In einen Sack stecken und ins Wasser werfen! – dachte er sich wieder.

Er verbarg aber seinen Haß und fing zu erzählen an, wie man ihn bestraft hatte. Kolja hörte ihm mit zärtlichem und scheuem Mitleid zu. Wanja merkte es und sagte lachend:

»Das hat mir nichts gemacht. Sie können mit mir alles tun, was sie wollen, ich hab gar keine Angst. Schließlich hab ich auch die Prügel verdient. Sie sagen, man darf nicht stehlen. Die Leutchen wachen eben über ihr Gut.

Und wenn du stehlen willst, so mußt du es so machen, daß man dich nicht erwischt.«

Die Jungen saßen am Flußufer und blickten nachdenklich ins Wasser. Die Fische plätscherten, als ob sie es im kühlen und durchsichtigen Wasser zu eng hätten. Mücken schwärmten über dem Wasser. Alles war wie immer gleichgültig, im Ganzen schön, in den Einzelheiten eintönig und freudlos.

Wanja war still geworden. Er flüsterte traurig:

»Weißt du, was ich dir sagen werde? Ich will nicht länger leben.«

Kolja blickte ihn erstaunt mit weit aufgerissenen Augen an.

»Wie meinst du das?« fragte er.

»Ganz einfach,« antwortete Wanja ruhig und beinahe spöttisch. »Ich werde sterben, und die Sache ist erledigt. Ich werde mich ertränken.«

»Ist es denn nicht schrecklich?« fragte Kolja entsetzt.

»Ach was, schrecklich! Nichts ist schrecklich. Was soll ich noch länger leben!« sagte Wanja, den unwiderstehlichen Blick seiner durchsichtigen Zauberaugen auf Kolja richtend. »Es ist gemein, hier auf dieser verfluchten Erde zu leben. Jeder Mensch ist hier dem andern ein Wolf. Was ist denn dabei so schrecklich? Man ertrinkt schnell und ist dann sofort im Jenseits. Dort ist aber alles anders.«

»Anders?« fragt Kolja schüchtern und gläubig.

»Ganz anders! Bedenke nur,« sagte Wanja in überzeugendem Ton, »wenn du weite Reisen magst . . .«

»Ja, die mag ich gern,« sagte Kolja.

»Also paß auf,« fuhr Wanja fort; »wohin du auf dieser Erde auch hinkommst, überall sind es die gleichen Flüsse, Bäume und Kräuter. Dort, jenseits des Grabes ist aber alles anders. Wie es dort aussieht, weiß ich nicht, und niemand weiß es. Gefällt dir aber alles, was du hier siehst?«

Kolja schüttelte verneinend den Kopf.

»Ja, hier ist es ekelhaft zu leben,« fuhr Wanja fort. »Fürchtest du denn zu sterben? Schreckt dich der Tod? Den Tod gibt es ja nur hier, auf unserer Erde. Wir müssen alle sterben, – aber dort gibt es keinen Tod. Wenn du hier eine Zeitlang nichts im Munde gehabt hast, so stirbst du; du hängst von irgendeinem dummen Bissen ab, – aber dort bist du frei. Jetzt hast du einen Körper. Du hast von ihm weiter nichts als Schmerzen. Wenn du hineinschneidest, tut es weh. Dort gibt es aber nichts dergleichen. Der Körper verfault, – was brauchst du ihn auch? Du bist frei und niemand hat Gewalt über dich.«

»Und die Mutter?« fragte Kolja.

»Was für eine Mutter?« erwiderte Wanja überzeugend. »Du hast von ihr vielleicht nur geträumt. Du hast gar keine Mutter. Das alles scheint dir nur, in der Tat gibt's das alles nicht, es ist Trug. Bedenke doch selbst: wenn es das alles wirklich gäbe, würden dann die Menschen sterben? Würde man dann überhaupt sterben können? Hier vergeht und verschwindet alles wie ein Gespenst.«

Kolja riß seinen Blick von Wanjas kalten und durchsichtigen Augen los und betrachtete verlegen seinen eigenen Körper.

»Wie ist es nun?« sagte er: »Es ist doch immerhin mein Körper!«

»Was für einen Wert hat dein Körper?« entgegnete Wanja. »Die Leute lachen über ihn: wenn irgendein Haar an der unrichtigen Stelle sitzt, wenn du eine Warze hast oder schielst, so lachen dich alle aus. Und sie schlagen dich, sie schlagen dich furchtbar. Du glaubst wohl, daß man sich an die Schläge gewöhnen kann? Nein, niemals! Daß es weh tut, ist weniger wichtig. Aber an die Kränkung kann man sich nie gewöhnen. Dort wird dich niemand kränken. Niemand hat dir dort etwas zu befehlen, niemand wird auf dich schimpfen oder dir etwas vorwerfen. Dort darfst du alles tun, was du willst. Alles ist erlaubt. Es ist nur hier auf der Erde so, daß du, wenn du einen Schritt zu viel machst oder eine Flasche von dem einen Ort auf einen andern bringst, als Dieb dastehst und jede Schande über dich ergehen lassen mußt.«

Als Wanja das sagte, blickte ihn Kolja mit demütigen, gläubigen Augen an. Die Kränkungen, von denen Wanja sprach, taten ihm weh, viel mehr weh, wie wenn er sie selbst erfahren hätte. Ist es auch nicht gleich, wessen Kränkungen es sind?

Irgendein schwarzer Vogel flog über den Kindern dahin, seine breiten Flügel bewegten sich rasch und lautlos. Wanja sprach mit trauriger und leiser, aber unwiderstehlich überzeugender Stimme:

»Wenn du hier irgendeine Flüssigkeit herunter schluckst, bist du gleich ein anderer. Dort gibt's das alles nicht. Dort kannst du keinem Ding schaden, und kein Ding kann dir schaden. Gut ist es dort. Wenn du dir hier die Menschen anschaust, so mußt du den einen beneiden und den andern bemitleiden, und dein Herz ist voller Wunden. Dort gibt's das alles nicht.«

Wanja sprach noch lange so, und Kolja geriet immer mehr in den Bann seiner traurigen Stimmung und seiner Einflüsterungen.

Wanja schwieg. Der Zauber seiner Stimme schien wie der Rauch aus einem erloschenen Weihrauchfasse im Harzdufte des Waldes fortzuleben. Er blickte müde und stumm in die Ferne. Kolja hatte aber plötzlich den Wunsch, ihn mit einem mächtigen, endgültigen Worte zu widerlegen. Ihn überkam das beruhigende Gefühl einer ewigen Freude. Er blickte Wanja wieder heiter an und sagte mit zärtlich klingender Stimme:

»Und Gott?«

Wanja wandte sich zu ihm um und lächelte, und Kolja wurde es wieder ängstlich zumute. In Wanjas durchsichtigen Augen brannte ein Haß, der gar nicht kindlich war. Und er sagte leise und düster:

»Es gibt keinen Gott. Und wenn es einen gibt, so kümmert Er sich nicht um dich. Wenn du zufällig ins Wasser fällst, so denkt Gott gar nicht daran, dich zu retten.«

Kolja hörte ihm entsetzt und blaß zu.

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.