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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 45
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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XIII.

Als Alexandra Dmitrijewna zu den Selenjews kam, sagte der Herr des Hauses zu seiner Frau:

»Setz dich mit ihr selbst auseinander.«

Und er zog sich ins Mezzanin zurück.

»Ist Ihr Wanja zu Hause?« fragte Alexandra Dmitrijewna, ganz atemlos vor Aufregung. »Er hat meinen Sohn betrunken gemacht.«

Frau Selenjew errötete, stemmte die Hände in die Hüften, lachte böse auf und sagte:

»Ja gewiß, er ist zu Hause und schnarcht. Offenbar hat er mit Ihrem Söhnchen nicht übel gezecht: er stinkt förmlich nach Wein. Es ist aber noch eine Frage, wer wen betrunken gemacht hat. Er ist zwar ein übler Bursche, hat sich aber vor der so angenehmen Bekanntschaft mit Ihrem Söhnchen nichts dergleichen zuschulden kommen lassen.«

Die beiden Frauen überschütteten einander mit Vorwürfen und Schimpfworten. Frau Gljebow sagte:

»Ihr Sohn ist der schlimmste Gassenjunge in der ganzen Gegend. Wie kann man nur sein Kind so verziehen?«

»Was schimpfen Sie so?« antwortete Frau Selenjew grob. »Auch der Ihrige ist ein Goldkind! Heute hat er seine Schuhe vertrunken, was wollen Sie noch mehr? Ein netter Junge!«

»Was? Vertrunken?« rief Frau Gljebow empört aus. »Ihr Wanja hat sie in den Bach geschmissen!«

Frau Selenjew lachte schadenfroh auf.

»Es ist wirklich kein großes Malheur,« sagte sie, »daß sie sich betrunken haben! Das passiert Gott sei Dank nicht jeden Tag. Ihr Kolja wird hoffentlich nicht aus dem Leim gehen. Er wird ausschlafen und wieder zur Besinnung kommen.«

Alexandra Dmitrijewna fing zu weinen an. Frau Selenjew sah sie verächtlich und mitleidig an.

»Seien Sie nicht böse!« sagte sie versöhnlich. »Von uns hat er das nicht gelernt. Mit den Jungen kann man ja allerlei erleben: man kann sie doch nicht unter einen Glassturz setzen. So müssen sie doch einmal etwas anstellen. Wir werden unsern Wanja schon ordentlich durchprügeln. Sie werden aber Ihren Bengel wohl abküssen, und er wird morgen vor Reue Tränen vergießen. Und nun haben wir miteinander nichts mehr zu reden.«

Sie wandte sich ab und ging ins Haus.

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