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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 43
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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XI.

Selbst im Graben war es heiß. Und still. Als Kolja in den Wald kam, war Wanja noch nicht da.

Die Tannen und Fichten dufteten nach Harz, aber dieser Duft erfreute Kolja nur schwach und kurz. Sehr kurz. Es war, als ob die Seele auf den Gruß der ewig nahen, aber gleichgültig scheinenden Natur mit einer ungewohnten Bewegung antwortete: sie wurde von plötzlicher Freude ergriffen, die sie aber gleich darauf ebenso plötzlich vergaß; sie vergaß wohl auch, daß es überhaupt eine Freude in der Welt gibt . . .

Der Bach rauschte kaum hörbar, wie fragend und erstaunt. Im Walde erklangen ab und zu leise Geräusche. Die Natur lebte, sich scheu verbergend und ihre unaufhaltsamen Triebe verheimlichend, ihr eigenes, unbekanntes und uns doch vertrautes Leben . . .

Kolja wartete. Ihn quälte Langweile. Es waren viele Dinge, Töne und Bewegungen um ihn, die ihm einst so wert und lieb waren, jetzt erschien ihm aber alles leer. Und fern.

Kolja hörte ein fernes, leises Geräusch und wußte sofort, daß es Wanja war. Er wurde gleich lustiger. Als ob er allein an einer fremden und schrecklichen Stätte, wo der Gram wohnt, verloren gewesen wäre und man ihn hier gefunden und vom dunklen Zauber erlöst hätte.

Die Zweige regten sich, elastisch und trotzig irgendeiner Gewalt nachgebend, um gleich darauf diese Gewalt wieder zu vergessen und ihr eigenes Leben weiterzuleben, und im grünen Dickicht erschien Wanjas Fratze.

»Du wartest?« rief er aus. »Schau nur, was ich hab!«

Er schob mit der Achsel die Zweige auseinander und kam freudig, verschwitzt und barfuß zum Bach. Er hatte eine Flasche in der Hand, Kolja sah ihn erstaunt an.

»Es ist Madeira,« sagte Wanja, die Flasche zeigend. »Ich hab ihn gemaust!«»

Er war freudig erregt, und sein Gesicht wurde öfter als sonst von Grimassen durchzuckt. Er flüsterte:

»Mein Vater trinkt sich gern einen Rausch an. Vielleicht merkt er nicht, daß ihm die Flasche fehlt. Und wenn er es doch merkt, so glaubt er wohl, daß er sie selbst ausgetrunken hat. Oder daß das Dienstmädchen sie gestohlen hat.«

Die Jungen kauerten sich am Bache nieder und blickten die Flasche mit stummem Entzücken an.

Kolja fragte:

»Wie wirst du sie aufmachen?«

»Auch eine Frage!« antwortete Wanja wichtig. »Zu was hat man einen Korkzieher?«

Wanja steckte die Hand in die Tasche, suchte eine Weile und zog ein Messer mit einem Korkzieher hervor.

»Siehst du,« sagte er, das Messer Kolja zeigend, »was für ein Messer ich hab? Hier sind zwei Klingen, und auf dem Buckel ist ein Korkzieher.«

»Auf dem Buckel!« sprach ihm Kolja belustigt nach.

Langsam und mit großer Anstrengung und sich über die Anstrengung freuend, entkorkten sie die Flasche. Wanja reichte sie Kolja und sagte:

»Trink!«

Kolja errötete, kicherte, verzog das Gesicht, führte die Flasche an die Lippen und nahm ein Schlückchen. Es schmeckte süß und bitter zugleich. Ein leichter Strom fieberhaft freudiger Erregung lief durch seine Adern. Mit verschämtem Lächeln gab er die Flasche Wanja zurück. Wanja führte sie hastig an den Mund und nahm gleich einen ordentlichen Schluck. Seine Augen begannen zu leuchten.

»Was nimmst du so wenig?« sagte er, den Wein wieder Kolja gebend. »Wenn du mehr auf einmal nimmst, wirst du sehen, wie schön es ist.«

Kolja wurde nun kühner und trank so viel er nur konnte auf einmal. Er nahm wohl einen zu großen Schluck, denn er mußte gleich husten. Plötzlich wurde es ihm bange und unheimlich zumute. Der Wald begann vor seinen Augen langsam zu schweben. Dann wurde er auf einmal wieder sehr lustig.

Die Flasche ging immer von Hand zu Hand, und sie tranken abwechselnd, bald kleine und bald große Schlucke nehmend. Beide waren bald betrunken. Wanja schnitt furchtbare Fratzen. Beide Jungen lachten laut. Kolja schrie wild lachend auf:

»Der Wald tanzt!«

»Er tanzt, er tanzt!« sprach Wanja nach.

»Schau, was für ein komischer Vogel das ist!« schrie Kolja.

Alles, was sie sahen, erregte ihre Heiterkeit und schien ihnen komisch. Sie tanzten und tobten. In ihrer wilden Freude ließen sie sich zu üblen Streichen hinreißen. Sie brachen junge Bäume um, kratzten einander, alle ihre Bewegungen waren unvermittelt und sinnlos, und alles erschien in ihren Augen benebelt, zusammenhanglos und lächerlich.

Sie warfen die Flasche irgendwohin fort. Später erinnerten sie sich ihrer, fingen zu suchen an, konnten sie aber nicht finden. Wanja sagte:

»Es war noch Wein darin. Schade, daß wir sie verloren haben.«

»Es ist genug, wir sind auch so schon betrunken!« meinte Kolja lachend.

Wanja wurde auf einmal still. Die wilde Freude hatte sich verflüchtigt. Seine veränderte Stimmung teilte sich sogleich Kolja mit. Wanja sagte mit der jammernden Stimme eines geschwächten Trunkenbolds:

»Wir könnten ja den Rest morgen austrinken. Der Kopf tut mir entsetzlich weh.«

Kolja legte sich ins Gras unter einen Baum. Sein Gesicht war blaß geworden. Es war ihm, als ob etwas in seinem Innern ihn höbe, drehte und forttrage . . . wohin?

»Wollen wir baden!« sagte Wanja. »Das Wasser wird uns erfrischen, der Rausch wird davonfliegen.«

Die Jungen zogen sich aus, gingen ins Wasser und ertranken beinahe. Das Wasser stieß sie immer in die Kniekehlen. Sie lachten, fielen auf alle Viere hin und schluckten das Wasser, das ihnen in Nase und Kehle drang. Es war schrecklich und lustig zugleich. Endlich stiegen sie mit großer Mühe ans Ufer und warfen sich lachend ins Gras.

Während sie sich wieder anzogen, fragte Wanja:

»Willst du, daß ich zwei Schiffchen schwimmen lasse?«

»Gut, lasse sie schwimmen!« entgegnete Kolja. »Wo sind aber die Schiffchen?«

»Ich werde sie schon finden,« antwortete Wanja grinsend.

Er packte plötzlich Koljas gelbe Schuhe und schmiß sie ins Wasser.

»Schau, da sind die Schiffchen!« schrie er mit lautem Lachen.

Die Schuhe schwammen, über die Steine hüpfend, schnell davon. Kolja schrie auf und lief ihnen nach, sah aber gleich, daß er sie nicht mehr einholen konnte; die Büsche waren im Wege, und die Füße wollten ihm nicht recht gehorchen. Kolja setzte sich auf die Erde und fing zu weinen an.

»Warum hast du sie ins Wasser geschmissen?« fragte er Wanja vorwurfsvoll.

»Du hast mir ja selbst gesagt, daß ich sie schwimmen lassen soll!« verteidigte sich Wanja mit bösem Lächeln.

»Wie soll ich jetzt nach Hause gehen?« fragte Kolja traurig.

»Geh halt ebenso wie ich!« antwortete Wanja lächelnd.

Seine durchsichtig hellen Augen blinzelten und lachten. Er zeigte Kolja eine Grimasse und kletterte flink wie eine Katze den Abhang hinauf. Kolja folgte ihm mit großer Mühe. Er weinte und kratzte sich die Füße wund.

– Ach, wenn ich nur schneller nach Hause käme! – dachte er betrübt und beschämt.

Als sie aber wieder auf der Landstraße waren, wurde es ihm wieder lustig zumute, und das ganze Abenteuer mit dem Wein, dem Baden und den Schuhen erschien ihm ungemein komisch.

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