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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 42
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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X.

Wenn Koljas Mutter nicht so sehr mit den Proben für die Liebhabervorstellung beschäftigt gewesen wäre, hätte sie sicherlich die Veränderung an Kolja bemerkt und wäre erschrocken. Der sonst so lustige und freundliche Junge war plötzlich ein anderer geworden.

Kolja wurde immer öfter von bangen Stimmungen, die ihn bisher unbekannt gewesen warm, heimgesucht, und Wanja suchte diese Stimmungen zu verstärken, als wüßte er irgendeinen verderblichen und unwiderstehlichen Zauber. Er lockte Kolja in den Wald und übte im tiefen Waldesschatten seine Zauberkünste. Die Blicke seiner verderbten Augen flößten Kolja ein so tiefes Vergessen ein, daß er oft verständnislos, wie betäubt um sich blickte. Alles, was ihm früher freudig und lebendig erschienen war, kam ihm jetzt neu, fremd und feindselig vor. Selbst seine Mutter versank oft in das trübe Dunkel ferner Erinnerungen. Wenn er manchmal auch den Wunsch hatte, etwas von Mamachen zu sagen, fühlte er plötzlich, daß er keine Worte und selbst keine Gedanken an die Mutter hatte.

Auch die Natur war in seinen Augen so seltsam trüb und düster geworden. Alle ihre Umrisse waren verschwommen. Sie erschien ihm uninteressant und unnötig.

Von Wanjas Lockungen betört, rauchte er nun öfters, aber nie mehr als eine Zigarette auf einmal. Wanja gab ihm Pfefferminzpastillen, um den Tabakgeruch zu vertreiben. Vom Rauchen schwindelte es ihm jetzt nicht mehr so, wie am Anfang. Der Tabak wirkte aber immer verderblicher auf ihn ein: Kolja fühlte jedesmal nach dem Rauchen eine ungewöhnliche Leere und Gleichgültigkeit in der Seele. Wie wenn jemand mit leisen Diebeshänden seine Seele herausnähme und sie durch eine kalte und freie, leblos atmende und ewig ruhige Nixenseele ersetzte. Er kam sich daher selbst kühner und freier vor. Und er hatte nicht den Wunsch, an irgend etwas oder irgend jemand zu denken.

Kolja bekam vom Rauchen und von den nächtlichen Traumbildern blaue Ringe unter den Augen. Die Mutter merkte es, wurde unruhig und begann Kolja zu beobachten, bald wurde sie aber durch andere lustige und festliche Sorgen abgelenkt.

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