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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 40
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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VIII.

Wanjas Vater, Iwan Petrowitsch Selenjew, seiner Bildung nach Jurist und seiner Natur nach ein Vieh, war am Ministerium angestellt. Er fuhr täglich mit dem ersten Morgenzug in den Dienst und kam gegen Abend oft angeheitert heim. Er war ein rothaariger, wohlgenährter, lustiger und unbedeutender Patron. Alle seine Gedanken und Worte waren in hohem Grade banal. Er schien gar kein eigenes Gesicht und überhaupt nichts Echtes und Eigenes an sich zu haben. Wenn er etwas erzählte, blinzelte er meistens an den unpassendsten Stellen mit den Augen. Er sang mit falscher Stimme Operettenarien, die gerade in Mode waren. Er trug einen Ring mit falschem Stein und eine Krawattennadel mit einem Glasbrillanten. Er führte gerne freiheitliche Reden im Munde, gebrauchte mit Vorliebe hochtönende Worte und verurteilte die Machthaber. Im Dienste war er aber fleißig, kriecherisch und sogar gemein.

Die Familie aß spät zu Mittag. Selenjew trank beim Essen Bier und gab auch Wanja davon. Wanja trank wie ein Erwachsener. Der Vater fragte ihn:

»Wanja, warum hast du dich eigentlich mit diesem Kadaver eingelassen?«

»Was ist denn dabei?« sagte Wanja grob. »Darf ich denn keine Bekanntschaften machen? Das wäre nicht schlecht!«

Wanjas Grobheit machte auf den Vater und die Mutter nicht den geringsten Eindruck. Sie merkten sie gar nicht. Sie waren dieses Benehmen schon gewohnt. Übrigens waren sie auch selbst grob.

»Man hört nichts als Klagen,« erklärte der Vater. »Warum gibst du ihm Zigaretten zu rauchen? Seine Mutter beschwert sich. Auch mir paßt das gar nicht: ich kann doch nicht alle Jungen mit meinen Zigaretten versorgen.«

»Er ist gar kein Kadaver. Er ist nur etwas gar zu manierlich. Aber er bringt es noch weit. Was mir am besten an ihm gefällt, ist, daß er so gehorsam ist.«

»Du bist mir ein tapferer Kämpfer,« sagte der Vater stolz, »paß auf, daß du immer die Oberhand behältst. Die Menschen sind alle furchtbare Biester,« sagte er mit seltsamer Selbstzufriedenheit. »Man soll mit ihnen nicht viel Federlesens machen. Wenn man zarte Rücksichten nimmt, beißen sie einem schnell die Gurgel durch.«

»Natürlich!« sagte die Mutter.

»Der Stärkere hat immer recht,« fuhr der Vater belehrend fort. »Es ist der Kampf ums Dasein. Das ist ein wichtiges Gesetz, mein Lieber!«

Selenjew steckte sich eine Zigarette an und blinzelte Wanja zu. Er tat es bloß aus Gewohnheit. Er dachte sich in diesem Augenblick gar nichts, was ein solches Zublinzeln notwendig machte. Wanja bat ihn:

»Gib mir eine Zigarette.«

Der Vater gab ihm eine. Wanja rauchte mit dem gleichen ruhigen und selbstbewußten Gesichtsausdruck, mit dem er eben Bier getrunken hatte. Die Mutter brummte unzufrieden:

»Nun raucht ihr beide die Stube voll!«

»Laß uns in den Garten gehen, mein Lieber,« sagte der Vater.

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