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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 39
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
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VII.

Am nächsten Tag kam Kolja, ohne es zu wollen, wieder in den Graben. Er mochte gar nicht hingehen. Ging aber doch hin, wie aus alter Gewohnheit.

Die beiden Jungen sprachen miteinander, fern von allen Menschen . . .

»Du hast gestern gesagt . . .« begann Kolja schüchtern.

»Was denn?« fragte Wanja böse und zuckte zusammen.

»Daß du allerlei träumen kannst . . .«

»Das meinst du also!« sagte Wanja gedehnt.

Er setzte sich auf einen Stein, umschlang seine Knie mit den Händen und richtete den unbeweglichen Blick in die Ferne. Und Kolja fragte wieder:

»Was träumst du denn?«

Wanja schwieg eine Weile, seufzte auf, wandte sich zu Kolja um, blickte ihn mit seltsamem Lächeln an und sagte:

»Nun, von verschiedenen Dingen. Am besten von etwas Unanständigem. Wie schwer man dich auch gekränkt hat, wie zornig du auch bist, sobald du die Spieldose aufgezogen hast, vergißt du sofort alles Böse!«

»Die Spieldose?« fragte Kolja.

»Ich nenne es, eine Spieldose aufziehen,« erklärte Wanja. »Leider spielt sie viel zu kurz.«

»Zu kurz?« fragte Kolja mitleidig und interessiert.

»Man wird dabei schnell müde,« sagte Wanja.

Er sank plötzlich zusammen und blickte mit müden, schläfrigen Augen vor sich hin.

»Was malst du dir aber aus?« drang Kolja in ihn ein.

Wanja verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln und zuckte die Achseln . . .

So sprachen sie, fern von allen Menschen, von seltsamen Träumen, von grausamen und schwülen Dingen . . .

Und ihre Gesichter flammten . . .

Wanja schwieg eine Weile und brachte die Rede auf etwas anderes.

»Einmal habe ich drei Tage lang nichts gegessen,« sagte er. »Der Vater hatte mich so ohne jeden Grund verprügelt, und ich wurde furchtbar böse. Wartet einmal, sagte ich mir, ich will euch ordentlich Angst machen. Und ich aß drei Tage nichts.«

»Was du nicht sagst!« rief Kolja aus, seine gläubigen Augen weit aufreißend. »Nun, wie war es denn?«

»Vor Hunger drehte sich mir der Magen um,« berichtete Wanja. »Die Eltern erschraken. Sie fingen mich wieder zu prügeln an.«

»Nun, und weiter?« fragte Kolja.

Wanja runzelte die Stirne und ballte die Fäuste.

»Ich hielt es schließlich doch nicht aus,« sagte er finster, »und aß mich satt. Ich war vor Hunger furchtbar schwach geworden. Also stürzte ich über das Essen her . . . Man sagt, daß der Mensch ohne Essen drei Wochen aushalten kann, aber trinken muß er. Ohne Wasser krepiert er bald. Weißt du was? Wollen wir morgen beide fasten!« sagte Wanja schnell.

Und er blickte Kolja mit seinen durchsichtigen, hellen Augen an.

»Gut,« sagte Kolja mit schwacher Stimme, die ihm selbst fremd vorkam.

»Du sollst aber nicht schwindeln!«

»Fällt mir gar nicht ein.«

Es duftete so schwül nach Moos, Farnkraut und Fichtennadeln. Kolja schwindelte der Kopf, eine lähmende Willenlosigkeit bemächtigte sich seiner. Er mußte plötzlich an seine Mutter denken, sie kam ihm aber fremd und fern vor, und er dachte an sie ganz ohne die zärtlichen Gefühle, die sich in ihm sonst immer beim Gedanken an sie regten.

»Meine Mutter wird wütend sein, sie wird ganz rot vor Zorn werden,« sagte Wanja ruhig. »Wenn sie sich aber zu sehr aufregt, laufe ich ihr davon in den Wald.«

Und plötzlich sagte er mit veränderter, lebhafter und lustiger Stimme:

»Wollen wir hier den Bach durchwaten. Das Wasser ist so schön kalt.«

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