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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 34
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
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II.

Die Jungen trugen ihre Eimer und Angeln nach Hause.

Sie gingen durch die Dorfstraße. Die Häuser standen eng beieinander und sahen ärmlich und schmutzig aus. Hinter ihnen rauschte der Fluß. Schmutzige und abgerissene Bauernkinder spielten vor den Häusern, fluchten mit rohen und schrecklichen Worten und weinten. Sonst haben ja fast alle Kinder schöne Hände und Füße; aber die ihrigen waren so schmutzig, daß es traurig und ekelhaft war, sie anzuschauen.

Auf der Bank vor einer der Sommerwohnungen saß ein neugieriger Herr in blauem Hemd unter dem Rock und in hohen Stiefeln. Er sprach alle Vorbeigehenden an.

»Haben Sie viel gefangen?« fragte er Kolja.

Kolja zeigte ihm zutraulich seinen Eimer mit den Fischen.

»Es ist nicht viel,« sagte der Herr. »Wo wohnen Sie?«

»Dort auf dem Hügel, im Hause des Jesim Gorbatschow,« antwortete Kolja.

»Ach so, bei Ufischka Gorbatschek!« sagte der Herr.

Kolja lachte.

»Wohnen Sie mit Ihrem Vater da?« fragte der neugierige Herr.

»Nein, mit meiner Mama,« antwortete Kolja. »Mein Vater ist im Auslande. Er ist Seeoffizier.«

»Und Ihre Mama langweilt sich wohl?« fragte der Neugierige.

Kolja blickte ihn erstaunt an und dachte eine Weile nach.

»Meine Mama?« sagte er langsam. »Nein, sie spielt ja! Es wird hier bald eine Liebhabervorstellung geben, und sie spielt mit.«

Wanja ging indessen eine Strecke weiter und kehrte wieder um.

»Gehen wir doch« sagte er zu Kolja, den neugierigen Herrn böse anschauend.

Die Jungen gingen weiter. Wanja zeigte mit einer sonderbaren Bewegung der Schultern und der Ellbogen nach rückwärts auf den neugierigen Herrn und sagte:

»Dieser Herr fragt alle Leute aus, und ist wohl ein großer Lump. Er erkundigt sich nach den Eltern und nach allen Dingen; wahrscheinlich schreibt er in den Zeitungen. Ich habe ihn ordentlich angelogen.«

In Wanjas scharfen durchsichtigen Augen flammten wieder die bernsteingelben Funken auf.

»Wirklich?« fragte Kolja belustigt.

»Ich habe ihm gesagt, daß mein Vater bei der Geheimpolizei angestellt ist,« berichtete Wanja. »Nun hat er vor mir furchtbare Angst.«

»Warum?« fragte Kolja.

»Ich habe ihm gesagt, daß mein Vater hier einem Verbrecher auf der Spur ist.«

»Ist er denn ein Verbrecher?« fragte Kolja lachend.

»Ich habe ihm den Verbrecher so beschrieben, daß alles genau auf ihn paßt,« erklärte Wanja. »Darum hat er solche Angst.«

Beide Jungen lachten.

Vor Wanjas Wohnung verabschiedeten sie sich.

Wanjas Mutter stand im Garten, die Hände in die Hüften gestemmt, und rauchte. Sie war groß, dick und rot, und ihr Gesicht hatte einen stumpfen und wichtigen Ausdruck, wie ihn viele Gewohnheitsraucher haben. Kolja fürchtete Wanjas Mutter.

Sie blickte Kolja streng an, und Kolja fühlte sich auf einmal ungemütlich.

»Komm also heut abend hin!« sagte Wanja.

Kolja lief schnell nach Hause.

»Nette Freunde,« sagte Wanjas Mutter böse. »Man sollte euch beide . . .«

Sie hatte zwar gar keinen Grund, zu zürnen und zu schimpfen, aber sie war es einmal so gewohnt.

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