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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 33
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Stachel des Todes

Aber der Stachel des Todes
ist die Sünde.
                I. Korinther, 15, 56

I.

Zwei Jungen, die mit ihren Eltern in der Sommerfrische wohnten, verkrochen sich ins Dickicht am Ufer des Flusses und angelten. Der Fluß war seicht und rieselte über Steine dahin, so daß die Bauernkinder ihn an vielen Stellen leicht durchwaten konnten. Der sandige Grund war deutlich zu sehen.

Der eine der beiden kleinen Sommerfrischler angelte mit großer Aufmerksamkeit, der andere – zerstreut, wie wenn er an etwas anderes dächte. Der eine, Wanja Selenjew, erschien gleich auf den ersten Blick abstoßend, obwohl es schwer fiel zu sagen, was an ihm besonders häßlich war: die grüne Gesichtsfarbe? Die Asymmetrie seines Gesichtes? Die großen, dünnen, abstehenden Ohren? Die viel zu dicken schwarzen Brauen? Oder das Büschel schwarzer Haare, das ihm über der rechten Braue wuchs und dem er den Spottnamen der »Dreibrauige« zu verdanken hatte? Das alles wäre noch nicht so schlimm, wenn er nicht einen verzerrten, heimtückischen, bösen Gesichtsausdruck hätte. Er hielt sich gebückt und schnitt immer Grimassen. Die gebückte Haltung war ihm zur zweiten Natur geworden, und viele hielten ihn für buckelig. In der Tat war er aber gerade gewachsen, kräftig, geschickt und kühn, zuweilen sogar frech. Mit Vorliebe kletterte er auf Bäume und zerstörte Vogelnester; bei Gelegenheit verprügelte er gerne die Jüngeren. Seine Kleider waren abgetragen und geflickt.

Der andere, Kolja Gljebow, erschien gleich auf den ersten Blick hübsch, obwohl er, genau genommen, weder streng regelmäßige Züge noch einen besonders feinen Gesichtsausdruck hatte. Er hatte ein zartes, weißes Gesicht und war immer lustig. Wenn er lachte, bildete sich unter seinem Kinn eine kleine Schwellung, und das war an ihm besonders hübsch. Seine Mutter küßte ihn gerne auf diese Stelle unter dem Kinn. Er war immer hübsch und sauber gekleidet: er trug eine Matrosenjacke, kurze Höschen, schwarze Strümpfe und gelbe Schuhe. Sein Vater war Seeoffizier und befand sich mit seinem Schiff irgendwo auf weiter Fahrt. Kolja war mit seiner Mutter in der Sommerfrische.

Neben den Jungen standen zwei mit Wasser gefüllte Blecheimer, in die sie die gefangenen Fische warfen. Sie hatten aber mit dem Angeln kein rechtes Glück . . .

»Ein hübsches Plätzchen!« sagte Kolja mit zarter, heller Stimme.

»Was ist denn hübsch daran?« entgegnete Wanja mit seinem heiseren Knabenbaß, sonderbar die Achseln zuckend.

»So furchtbar steil ist der Abhang,« sagte Kolja, mit einer Bewegung des Kinns auf das gegenüberliegende Ufer zeigend, »und die jungen Birken kleben an ihm. Wie sie sich nur halten können!«

»Das Wasser wird sie schon einmal herunterspülen,« sagte Wanja mit seinem Baß, »der Abhang wird in den Fluß rutschen.«

»Warum nicht gar!« rief Kolja ungläubig aus und blickte Wanja so an, als flehte er ihn an, es nicht zuzulassen.

»Es wird doch so kommen!« sagte Wanja mit bösem Lächeln.

Kolja blickte traurig zum Abhang hinüber: die dicken roten Lehmschichten türmten sich hoch übereinander und sahen so aus, wie wenn sie seitwärts mit einem Riesenspaten abgeschnitten wären. Kaum merkliche Sprünge trennten hie und da die Schichten voneinander. An einzelnen Stellen unten am Wasser waren kleine Vertiefungen zu sehen, die wohl der Fluß herausgespült hatte. Das Wasser floß klar und durchsichtig dahin und schmiegte sich zärtlich an den mächtigen Abhang.

– Das Wasser ist schlau, – sagte sich Kolja, – es leckt das Ufer ganz allmählich weg. Aber ich kann nicht recht glauben, daß diese ganze Riesenwand mit allen den lustigen Birken in den Fluß stürzen wird! –

»Nun, das wird nicht so bald kommen,« sagte er laut.

Die beiden Jungen schwiegen eine Weile. Und wieder erklang Koljas zarte und freundliche Stimme:

»Auch im Walde ist es so schön! Es duftet nach Harz.«

»Nach Terpentin,« bemerkte Wanja.

»Nein, es duftet so schön!« rief Kolja freudig aus. »Morgens sah ich ein Eichhörnchen. Anfangs lief es über die Erde, dann kletterte es so schnell eine Fichte hinauf, daß der Schwanz nur so flimmerte.«

»Und ich sah eine tote Krähe unter einem Busch liegen,« erklärte Wanja. »Weißt du, dort,« sagte er, mit dem Kopf und den Schultern auf die Seite zeigend, wobei sich sein ganzer Körper wie im Krämpfe krümmte. »Ich habe mir die Stelle gemerkt.«

»Wozu?« fragte Kolja erstaunt.

»Ich bringe die Krähe nach Hause,« erklärte Wanja, »und lege sie der Marfa ins Bett.«

»Sie wird ja erschrecken!« sagte Kolja ängstlich.

»Die Krähe? Sie ist ja tot, mein Lieber!« sagte Wanja mit solcher Schadenfreude, als wäre er glücklich, daß die Krähe tot sei.

»Nein, nicht die Krähe, sondern Marfa!« sagte Kolja mit leisem Lächeln, die lustigen Augen ein wenig zusammenkneifend, was seinem zarten Gesicht einen süßsauern Ausdruck, der irgendwie an Berberitzen erinnerte, verlieh.

»Ach so!« sagte Wanja gedehnt. »Ich glaubte, du meintest, die Krähe würde vor der Marfa erschrecken. Marfa ist so häßlich wie die Sünde. Meine Mutter hält sich niemals hübsche Dienstboten: sie ist auf den Vater eifersüchtig.«

»So, eifersüchtig!«

Kolja sprach das ihm nicht ganz verständliche Wort gedehnt aus, als lauschte er seinem Klange.

»Sie fürchtet, daß er sich in ein Dienstmädchen verliebt,« erklärte Wanja lachend. »Als ob er sich nicht auch eine außer dem Hause anschaffen kann!« fügte er schadenfroh hinzu.

Sie schwiegen wieder eine Weile. Und Kolja begann von neuem, aber schon etwas unsicher:

»Wie schön doch die Wiese dort rechts ist! Da gibt es so viel Blumen, und sie sind alle verschieden, ganz bunt ist die Wiese. Und sie duften so schön.«

Wanja blickte ihn verdrießlich an und brummte:

»Und überall haben die Kühe hingemacht.«

»Dir kann man es wohl gar nicht recht machen,« sagte Kolja und lächelte wieder so, daß sein Gesicht einen süßsauren Ausdruck annahm.

»Ich mag keine Gefühlsduseleien,« sagte Wanja. »Ich mag lieber rauchen und trinken.«

»Trinken?« fragte Kolja erstaunt und entsetzt.

»Na ja, Wein oder Schnaps,« sagte Wanja mit geheuchelter Ruhe und blickte Kolja mit boshafter Grimasse von der Seite an.

»Wir dürfen doch keinen Wein trinken,« entgegnete Kolja mit vor Entsetzen bebender Stimme. »Das tun nur die Erwachsenen, und auch das ist nicht schön.«

»Das ist alles nicht wahr,« antwortete Wanja entschieden. »Sie haben allerlei Vorschriften erdacht, um uns in ihrer Gewalt zu haben. Die Eltern bilden sich ein, daß wir ihr Eigentum seien. Sie tun mit uns alles, was ihnen paßt.«

»Das Trinken ist ja auch schädlich, man kann davon krank werden,« wandte Kolja ein.

Wanja blickte ihn so seltsam an, daß er ganz wirr wurde. In Wanjas hellen, gleichsam durchsichtigen Augen flammten bernsteingelbe Funken auf.

»Was?« fragte er lächelnd und das Gesicht verziehend.

Kolja konnte seinen Blick von Wanjas Augen nicht losreißen, und vergaß, was er hatte sagen wollen. Wanjas Augen flößten ihm Unruhe ein, und ihr durchsichtiger Glanz trübte gleichsam sein Gedächtnis.

Er besann sich schließlich mit großer Anstrengung und sagte:

»Mamachen wird böse sein.«

»Mamachen!« wiederholte Wanja voller Verachtung.

»Wie kann man nur Mamachen nicht folgen?« fragte Kolja unsicher.

Wanja blickte ihn wieder an. Seine hellen, durchsichtigen Augen erschienen Kolja so merkwürdig und widerwärtig, und es wurde ihm ganz bange zumute. Wanja aber sagte, die Koseworte mit tiefer Verachtung betonend:

»Nehmen wir an, daß Mamachen dich liebt. Willst du denn immer Mamachens Püppchen sein? Ich tue aber alles lieber nach meinem Willen. Die Freiheit ist doch was ganz anderes, mein Lieber! Sie ist etwas anderes, als an den Blümchen zu riechen und für Mamachen Sträußchen zu pflücken. Was soll ich noch viel mit dir reden?! Es gefällt dir ja hier so gut.«

»Ja, gewiß,« sagte Kolja mit stiller Freude.

»Na ja, aber wir wollen nicht mehr lange hier bleiben,« sagte Wanja lebhaft, seine schmalen Schultern zuckend. »Ganz gleich, ob es schön ist, oder nicht: wir wollen noch eine Weile spielen und dann in die Stadt gehen, um Staub zu schlucken.«

Kolja schwieg. Er dachte jetzt an sein Mamachen.

Mamachen liebt ihren Kolja. Sie ist so freundlich und so lustig. Sie hat aber ihr eigenes Leben. Sie liebt die Gesellschaft der vergnügten jungen Leute, die sie oft besuchen, immer lachen, viel und lustig sprechen, Kolja liebkosen und manchmal auch über ihn scherzen. Kolja langweilt sich nicht in ihrer Gesellschaft, denn er ist ja auch selbst lustig, gesprächig und zutraulich. Sie sind ihm aber alle so fremd und fern und verdecken gleichsam sein Mamachen vor ihm.

»Die Fische wollen heute nicht anbeißen,« sagte Wanja. »Es ist auch Zeit, nach Hause zu gehen. Komm abends an den Waldrand.«

»Gut,« sagte Kolja.

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