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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
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II.

Nach dem Mittagessen ging Wolodja auf sein Zimmer, um die Aufgaben zu machen. Sein Zimmer liegt abseits und ist so eingerichtet, wie wenn er der Herr im Hause wäre. Die Mutter will, daß ihr Wolodja es bequem habe, – und sein Zimmer enthält alles, was ein Arbeitszimmer enthalten soll. Niemand stört ihn hier, auch die Mutter kommt nicht herein, wenn er seine Aufgaben macht. Sie kommt erst später, um ihm zu helfen, falls er ihre Hilfe braucht.

Wolodja war ein fleißiger Schüler und hatte, wie es hieß, gute Fähigkeiten. Heute wollte aber die Arbeit nicht recht vonstatten gehen. Was er auch vornahm, immer fiel ihm gleich irgend etwas Unangenehmes ein: er mußte an den Lehrer für den betreffenden Gegenstand und an seine beißenden oder rohen Worte denken, die er nur so nebenbei hingeworfen, die sich aber in die Seele des empfindlichen Jungen tief eingruben.

Die letzten Stunden waren aus irgendeinem Grunde nicht gut ausgefallen: die Lehrer waren unzufrieden in die Schule gekommen, und die Arbeit ging schlecht vorwärts. Die Lehrer hatten Wolodja mit ihrer schlechten Stimmung angesteckt, und von den Seiten der Bücher und Hefte, die vor ihm lagen, wehte ihm eine dunkle, unbestimmte Unruhe entgegen.

Er ging von einem Gegenstand schnell zum zweiten und zum dritten über, und dieses schnelle Vorübergleiten der kleinen Dinge, die man bewältigen muß, um nicht morgen »wie Holz auf Holz« zu sitzen, dieses sinnlose und zwecklose Vorübergleiten ärgerte ihn. Vor Verdruß und Langeweile fing er sogar an zu gähnen, ungeduldig mit den Füßen zu scharren und auf dem Stuhle hin und her zu rücken.

Aber er wußte, daß alle diese Gegenstände erlernt sein müssen, daß sie sehr wichtig sind, und daß von ihnen seine Zukunft abhängt, – und er erledigte gewissenhaft die ihm so langweilig erscheinende Arbeit.

Plötzlich machte er in seinem Heft einen kleinen Klecks und legte die Feder weg. Er sah sich den Klecks genauer an und beschloß, ihn mit dem Federmesser auszuradieren. Er freute sich schon über diese Arbeit, die einige Abwechselung bringen würde.

Auf dem Tisch war kein Messer zu finden. Wolodja suchte eine Weile in der Tasche und fand es unter den verschiedenen unnützen Dingen, die er, wie alle Jungen, ständig mit sich herumschleppte. Als er es herauszog, kam zugleich auch irgendein Heftchen zum Vorschein.

Im ersten Augenblick wußte er noch nicht, was es für ein Heftchen war; als er es aber herauszog, erinnerte er sich an den Prospekt mit den Schattenbildern und wurde sofort lustig und lebhaft.

Das war wirklich das Heft, an das er nicht mehr gedacht hatte, als er sich mit seinen Aufgaben beschäftigte.

Er sprang flink vom Stuhl, rückte die Lampe näher zur Wand und blickte ängstlich auf die verschlossene Türe, ob nicht jemand käme. Dann schlug er das Heft auf der wohlbekannten Seite auf, studierte aufmerksam die erste Zeichnung und versuchte, die Hände auf die angegebene Art zusammenzulegen. Der Schatten geriet zuerst undeutlich, nicht so, wie er sein sollte. Wolodja rückte die Lampe hin und her und krümmte und spreizte die Finger so lange, bis endlich auf der weißen Wand der Mädchenkopf mit dem gehörnten Hute erschien.

Wolodja war es nun lustig zumute. Er neigte die Hände und bewegte leise die Finger, und der Kopf nickte, lächelte und zeigte komische Grimassen.

Wolodja ging dann zu der zweiten Figur über und nach dieser zu den übrigen. Sie alle wollten anfangs nicht recht gelingen, aber Wolodja brachte sie schließlich doch fertig.

So verging eine halbe Stunde, und er hatte die Aufgaben, das Gymnasium und die ganze Welt vergessen.

Plötzlich erklangen hinter der Türe wohlbekannte Schritte. Wolodja errötete, steckte das Heft in die Tasche, stellte die Lampe auf ihren Platz, so schnell, daß sie beinahe umfiel, und beugte sich über das Heft. Seine Mutter trat ins Zimmer.

»Wolodja, komm Tee trinken,« sagte sie.

Wolodja tat so, als ob er den Klecks betrachtete und das Messer öffnen wollte. Die Mutter legte ihm ihre Hände liebevoll auf den Kopf. Wolodja legte das Messer weg und schmiegte sich errötend an die Mutter. Sie schien nichts bemerkt zu haben, und Wolodja war froh darüber. Und doch schämte er sich, wie wenn man ihn an einem dummen Streich ertappt hätte.

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