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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 21
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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XX.

Wolodja nahm seine ganze Willenskraft zusammen und gab sich eine Zeitlang mit den Schatten, so sehr sie ihn auch anzogen, nicht mehr ab. Er versuchte das Versäumte nachzuholen.

Aber die Schatten verfolgten ihn hartnäckig. Und wenn er sie auch gar nicht rief, wenn er auch die Finger gar nicht zusammenlegte und die Gegenstände auf seinem Tische gar nicht ordnete, damit sie Schatten auf die Wand werfen, – die zudringlichen Schatten kamen von selbst und ließen ihn nicht in Ruhe.

Wolodja interessierte sich nicht mehr für die Dinge selbst, er sah sie fast gar nicht mehr an, seine ganze Aufmerksamkeit galt ihren Schatten.

Wenn er nach Hause ging, und die Sonne, wenn auch in einen Nebelschleier gekleidet, durch die Herbstwolken durchbrach, freute er sich, wenn überall flüchtige Schatten huschten.

Und wenn er abends zu Hause war, drängten sich um ihn die Schatten, die von der Lampe kamen.

Überall waren Schatten: scharf umrissene Schatten von Lampen und Kerzen, verschwommene Schatten vom zerstreuten Tageslicht, – sie umdrängten Wolodja, durchkreuzten sich und verstrickten ihn in ein unzerreißbares Netz.

Die einen waren unergründlich, rätselhaft, die andern erinnerten an etwas, wiesen auf etwas hin. Gewisse Schatten waren seine lieben, vertrauten Bekannten, und Wolodja suchte sie, wenn auch ohne es selbst zu wollen, und haschte nach ihnen im Gewirr der fremden Schatten.

Aber diese lieben, vertrauten Schatten waren immer traurig . . .

Wenn Wolodja sich auf der Suche nach diesen Schatten ertappte, fühlte er Gewissensbisse und ging zu seiner Mutter, um ihr zu beichten.

Einmal konnte Wolodja der Versuchung nicht mehr widerstehen: er trat vor die Wand und machte den Schatten eines Kalbes. Die Mutter überraschte ihn bei dieser Beschäftigung.

»Schon wieder!« rief sie zornig aus. »Ich will den Direktor bitten, daß er dich in den Karzer sperrt.«

Wolodja errötete und sagte finster:

»Auch im Karzer ist eine Wand . . . Überall sind Wände.«

»Wolodja!« rief die Mutter bekümmert aus: »Was sagst du?«

Wolodja bereute aber schon seine rasche Bemerkung und fing zu weinen an.

»Mutter, ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist!«

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