Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fjodor Sologub >

Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/ssologub/kuss/kuss.xml
typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
Schließen

Navigation:

XVII.

Wolodja saß in der Schule. Er langweilte sich und hörte kaum zu . . .

Er blickte auf: von der Decke zur vordern Wand des Klassenzimmers glitt ein Schatten. Wolodja stellte fest, daß der Schatten vom ersten Fenster kam. Er fiel durch das Fenster zuerst in die Mitte der Klasse und glitt dann an Wolodja vorbei nach vorn: offenbar ging jemand durch die Straße. Als dieser Schatten sich noch bewegte, fiel durch das zweite Fenster ein anderer Schatten, der anfangs auch über die hintere Wand huschte und dann schnell zu der vordern hinüberglitt. Ebenso war es auch am dritten und am vierten Fenster. Die Schatten fielen auf die Decke und die Wände des Klassenzimmers und bewegten sich in entgegengesetzter Richtung, als die Leute durch die Straße gingen.

»Hier ist es also anders als im Freien, wo der Schatten dem Menschen folgt; wenn der Mensch nach rechts geht, bewegt sich hier sein Schatten nach links, und andere Schatten kommen ihm entgegen!«

Wolodja warf einen Blick auf den ausgemergelten Lehrer. Sein kaltes, gelbes Gesicht ärgerte ihn. Er suchte seinen Schatten und fand ihn auch an der Wand hinter dem Sessel. Der Schatten machte zwar alle die häßlichen Bewegungen des Lehrers mit, hatte aber weder das gelbe Gesicht noch das beißende Lächeln, und Wolodja betrachtete ihn mit Wohlgefallen. Seine Gedanken waren weit weg, und er hörte überhaupt nichts mehr.

»Lowljew!« rief ihn der Lehrer an.

Wolodja stand mechanisch auf und starrte den Lehrer blöde an. Er hatte dabei einen so geistesabwesenden Gesichtsausdruck, daß die Mitschüler auflachten und der Lehrer eine strenge Miene aufsetzte.

Wolodja hörte darauf, wie der Lehrer ihn höflich und beißend verhöhnte. Er zitterte vor Kränkung und Ohnmacht. Der Lehrer erklärte schließlich, daß er ihm für sein Nichtwissen und seine Unaufmerksamkeit einen Vierer geben müsse, und forderte ihn auf, sich wieder hinzusetzen.

Wolodja lächelte blöde, setzte sich hin und begann über das Vorgefallene nachzudenken.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.