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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 3
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
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III

Am Morgen wurde Dr. Hans Durlacher, der Juniorchef des Bankhauses Düsen & Durlacher, in seinem Kontor von dem Kunsthändler Zwingermann angerufen.

Nein, er wolle nichts Besonderes und möchte auch am Fernsprecher nichts sagen, aber er hätte etwas für ihn.

»Großes Objekt? Welche Zeit? Ich interessiere mich gegenwärtig für die Mingperiode.«

Nun, Dr. Durlacher würde sehen. Sie könnten sich am Nachmittag im Café Elsenheim am Kurfürstendamm treffen. Er würde Photos mitbringen.

Zwingermann war vorsichtig. Nie sagte er am Fernsprecher ein Wort zu viel. Er hatte keine Ahnung von einem »Fund von Cati«. Er wußte nicht, daß gewisse Abbildungen bei den Mitgliedern des Museenverbandes zirkulierten. Und wenn auch, er würde sich nichts daraus machen. Er hatte da lediglich einige Sachen, einige sehr wertvolle Sachen, von Erich Wein, und der hatte sie von Runge, und der hatte sie von Schabrack. Der große Monumentalbrunnen in London war von allen Autoritäten für echt gehalten worden. Schabrack sollte einen Züricher Privatdozenten an der Hand haben, der an einem Buch über den Fund von Cati arbeitete und die neuen Sachen kunstgeschichtlich einordnete. Aber Zwingermann würde trotzdem die Vorsicht nie außer acht lassen. Man konnte im Kunsthandel nie wissen. Die Geschichte mit den falschen Corots lag noch allen in den Gliedern, und man munkelte, daß der alte Schabrack auch da seine Hand im Spiel gehabt hätte. Das heißt: wer munkelt? Die Fernstehenden wissen von nichts, und die Eingeweihten werden sich hüten, ein Wort zu sagen. »Man munkelt« heißt im Kunsthandel, daß hier oder dort einer möchte, daß gemunkelt wird.

Hans Durlacher ärgerte sich jedesmal über Zwingermanns Art. Wenn ihm etwas angeboten wurde, wollte er wissen, wie und was. Sein Konto war jetzt immer angespannt. Er wollte sofort darangehen, einen Plan machen, eventuell irgendein Stück seiner Sammlung abstoßen. Wenn Zwingermann sagte: »Ein Pferdekopf aus der Mingzeit!«, dann konnte die Phantasie anfangen zu spielen. Jetzt schweiften seine Gedanken in allen Ländern und Zeiten herum. Es störte ihn bei der Arbeit. Er überraschte sich dabei, wie er seine Wohnung umräumte, ganze Wände neu ordnete, Ecken auseinanderriß. Und das alles, weil Zwingermann »etwas für ihn hatte«. Als sein Vater, der Seniorchef, bei ihm eintrat, fuhr er fast zusammen. Aber der alte Durlacher wollte nur etwas über ein Akzept wissen.

Vielleicht war Hans Durlachers ganze Sammlertätigkeit mit einem schlechten Gewissen verbunden. Noch keine drei Jahre war es her, daß er zu sammeln begonnen hatte. Er wußte nicht, wie es plötzlich über ihn gekommen war. Irgendwie hing es mit dem damaligen Besuch des früheren Kriegskameraden Edmund Stahl zusammen. Jedenfalls fiel ihm Edmund Stahl ein, sooft er an die Anfänge seiner Sammlungen dachte.

An und für sich war es mit Edmund Stahl nichts Besonderes gewesen. Man hatte mit ihm im Kriege irgendwo im Osten an derselben Front gelegen. Plötzlich schrieb er aus Hamburg eine Karte, da er zufällig von der Existenz des Hauses Durlacher vernommen oder gelesen hatte, und wenige Tage darauf tauchte er selber auf, bevor er sich nach Argentinien zurückbegab. Zuerst hatte Hans Durlacher geglaubt, daß ein Anleiheversuch dabei herauskommen würde, aber im Gegenteil, der frühere Gefreite d. L. Stahl dachte nicht daran, in Geldverlegenheit zu sein.

Noch immer hatte Stahl das ungezügelte und gewalttätige Gebaren, durch das er schon damals einen exotischen Hauch in das streng geregelte militärische Dasein gebracht hatte. Außer im Kriege war er wirklich unmöglich für Europa. Es gab einfach nichts, was er nicht unverblümt aussprach. Der gut erzogene junge Durlacher paßte zu dem ehemaligen Kameraden in keiner Weise, und dennoch imponierte ihm etwas an diesem Manne, der schon als einfacher Soldat getan hatte, was er wollte. Sie machten zusammen eine Tour durch die möglichen und unmöglichen Lokale der Stadt, sie hatten lange Gespräche in jener Stimmung, die der nüchterne Beobachter schon als Betrunkenheit bezeichnen wird, die die Beteiligten aber lediglich als Erhöhung des gewohnten Zustandes empfinden. Stahl sprach unaufhörlich und trank Unermeßliches. Sein Lieblingsthema war die Erotik der Eingeborenen, deren Künste er mit breiter Ausführlichkeit vortrug. Nicht der Stoff, aber die selbstverständliche Freiheit und Unbefangenheit, mit der Stahl sprach, bezauberten Durlacher. Es war, als wenn unter der sengenden Redeweise des Fremden etwas in ihm aufschmölze. Neue, ungeahnte Welten drangen auf ihn ein. Er begann etwas von der inneren Grenzenlosigkeit des Daseins zu spüren.

Am nächsten Morgen reiste Edmund Stahl nach Argentinien zurück, nicht ohne ihm einige indianische Waffen und Decken als Geschenk zu hinterlassen. Sicher ahnte er nichts von der Veränderung, die seine kurze Anwesenheit in Hans Durlacher bewirkte. Seit der Bankier an jenem Morgen nach Hause gekommen war, fügte er sich zwar wie bisher den Geboten der Pflicht, soweit sie seinen Beruf und seine Arbeit betrafen, lehnte sich aber offensichtlich gegen jene weitere Ausdehnung des Pflichtbegriffs auf, die auch das Verhältnis zur Familie, Sparsamkeit, geregeltes Leben und Überwindung unordentlicher Neigungen umfassen will. Er mietete sich eine eigene Wohnung, stattete ein Zimmer den indianischen Stücken gemäß aus und wies gelegentliche Einmischungen seines Vaters in sein Privatleben in einer höflichen, aber bestimmten Form ab.

Das Merkwürdige war, daß er sich innerhalb weniger Monate zu einem Kunstsammler entwickelte, den man auf allen Auktionen und in allen Antiquitätenläden antreffen konnte. Diese neue Neigung lag nun freilich von Edmund Stahls Wesen denkbar weit ab, und doch gab es auch hier direkte Verbindungslinien. Beschäftigung mit exotischen Dingen ist die Art des zivilisierten Mitteleuropäers, sich der Grenzenlosigkeit des Daseins zu bemächtigen. Ein höchst kultiviertes Hineintauchen in ferne Welten und entlegene Zeiten, ein Wunschtraum, den man herbeiführt, da die Ermattung der Instinkte nichts anderes mehr zuläßt. Vielleicht lag auch noch ein Rest barbarischen Erbes darin, sich mit kostbaren Stoffen zu umgeben, seltsame Formen aufzustapeln, ein Funkeln von Gold, Edelgestein und Emaille um sich spüren zu wollen.

Innerhalb dieser neuen Besessenheit aber vergeudete Hans Durlacher nichts. Auch wenn sein Bankguthaben von jetzt ab immer voll in Anspruch genommen war, tauschte, verkaufte und kaufte er mit einem ganz besonderen Geschick. Der Kaufmann in ihm bemächtigte sich auch dieses neuen Gebiets. Die gesammelten Stücke hatten für Hans Durlacher im Grunde keinen besonderen Geldwert. Wenn er seine Arbeit beendet hatte und sonst nichts Besonderes ihn abhielt, lebte er in seinen drei Zimmern ein eigenes Leben, bei dem er sich höchstens von seiner Schwester Hildegard beobachten ließ. Es war fast eine religiöse Verzückung, die ihn erfüllte. Er konnte still auf einem alten Tamburin dasitzen und seine Augen im Kreise gehen lassen. Die Moschee-Ampel strömte dickes gelbes Licht über ihn. Der zerschlissene Samt alter Barockstühle blickte ihn leichenhaft fahl an. Die verdunkelten Farben holländischer Bilder glühten bronzen. Über dem dunklen Gold eines schweren Altarschreins schimmerte das hellere in der Mitra eines Bischofs aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Reliquiare, gestickte Altarvorsätze, Kustodien, Ostensorien glommen von Ständern und Tischen, aus den Vitrinen glitzerten vorgeschichtliche Falbeln, Kameen, Fibeln.

An solchen Abenden trank er aus einem der venezianischen Gläser einen schweren bernsteingelben Wein von einer Blumigkeit, die den Atem beklommen machte. Es kam vor, daß er bis zur Bewußtlosigkeit trank. Er brauchte das, um die Geräusche der Großstadt zu überwinden, die durch die Fenster zu ihm drangen, oder um zu vergessen, daß er Hosenbeine mit tadellosen Bügelfalten trug und gräßliche Dinge, wie Kragenknöpfe und Sockenhalter, an sich hatte. Eine Zeitlang versuchte er es mit alten Kostümen, aber es befriedigte ihn nicht.

Er hielt, da er sich in seiner Neigung vor den Blicken eines Mannes fürchtete, keinen Diener, sondern zwei Mädchen, von denen die eine vollauf mit Staubwischen und Reinigen seiner Zimmer beschäftigt war. Übrigens machte es ihm nicht viel aus, wenn der Staub auf den in Blütenform gearbeiteten Kerzenträgern oder zwischen den verschlungenen Bändern eines schmiedeeisernen Altargitters aus der Renaissance millimeterdick lag. Seine Gesichtszüge selber sahen allmählich wie verstaubt aus. Er war in den letzten Jahren mager geworden, die Augen hatten den Glanz verloren und schienen tiefer in den Höhlen zu liegen. Ein halbes Jahr, nachdem Edmund Stahl wieder nach Argentinien gefahren war, begannen die Schläfen Hans Durlachers grau zu werden.

Er war sich über das Gefährliche seines Zustandes klar, aber er würde sich nicht mehr ändern. Nach den Erschütterungen des letzten Jahrzehnts würde die Bank, bei einigermaßen vorsichtiger Haltung, keine besonderen Krisen mehr durchmachen, wenn man auf größere Expansion verzichtete. Man war mit aussichtsreichen Industrien verbündet und nicht allzu hoch engagiert. Das mochte ausreichen. Auch durch die Liebe würden keine Krisen mehr kommen. Das Leben war zeitlos geworden. Alle Stile und Kulturepochen machten mit einem Schlage halt, wenn sie in dem Zimmer des Sammlers Aufstellung nahmen. Die Entwicklung lag unter Glas. Es war gleichgültig, ob man noch zehn oder zwanzig Jahre lebte. Sämtliche Stücke des berühmten Ganymedfundes würde man doch nicht mehr zusammenbekommen. – – –

Als Durlacher sich umgezogen hatte und gerade ausgehen wollte, um sich mit Zwingermann im Café Elsenheim zu treffen, besuchte ihn seine Schwester. Hildegard Durlacher war die einzige in der Familie, die ihm seine Zurückgezogenheit nicht verübelte.

»Ah, du gehst aus!« rief sie ihm in der Diele entgegen. »Ein seltenes Ereignis! Für mich bist du einer der wenigen Menschen, die überhaupt noch wohnen. Ich glaube, du hast sogar schon auf jedem deiner Stühle gesessen und sogar schon in die meisten deiner Bücher wenigstens hineingesehen. Du bist ein Unikum!«

Sie lachte, als sie vernahm, daß er mit Zwingermann verabredet war. »Also auf dem Kriegspfad! Von Zwingermann hast du übrigens deine besten Sachen!« fügte sie hinzu.

Er nickte. Sie ging in das Zimmer hinein und suchte vor der Seidenbespannung, die aus einem französischen Schloß stammte, nach der einen Statue, die sie an dieser Stelle zu finden gewohnt war.

»Ach, du hast deine heilige Katharina verkauft!« rief sie enttäuscht aus. »Es war dein schönstes Stück!«

»Liebst du es sehr?« fragte er lächelnd.

»Sehr!«

»So komm!«

Er führte sie in sein Schlafzimmer, wo die heilige Katharina dem Bett gegenüberstand. Hildegard trat schnell vor. Diese kleine Skulptur liebte sie über alles. Wie der fast geometrisch aufgeteilte Goldgrund den realistischen Ausdruck des Gesichts in einer strengen, fast archaischen Form zusammenhielt! Und dann dieses Gesicht selber! Den traurigen Blick der dunklen Augen, den verzückten Mund! Es war etwas Herzzerreißendes in diesem kleinen Heiligenantlitz, auf dessen runder schmaler Stirn ein Abglanz des goldenen Himmels zu liegen schien.

»Wie heißt der Künstler doch?« fragte sie. »Du hast es mir hundertmal gesagt, und immer vergesse ich es. Es ist mir auch gleichgültig, aber vor einem solchen Werk muß man doch den Namen seines Schöpfers in der Unterwelt beschwören. Ich glaube, daß er dann einen Augenblick aufhorcht.«

»Ich wollte, der Künstler hieße Pedro de Mena, aber es ist sicher nur ein Schüler von ihm oder ein Mitglied seiner Werkstatt. Man weiß nichts Genaues.«

»Würdest du die Katharina mir verkaufen?« fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Komm, ich muß ins Café! Zwingermann wartet.«

Als sie die Treppe hinuntergingen, fiel ihr auf einmal ein, weswegen sie zu ihm gekommen war.

»Ja, was ich sagen wollte: Ich habe gestern gehört, daß es hervorragende Fachleute auf der Welt gibt, die die meisten Sachen, die aus dem Kunsthandel kommen, für falsch halten.«

»Dann hast du mit Geheimrat von Bock gesprochen!« sagte er lächelnd.

»Woher weißt du das? Nun ja, er führte mich gestern abend bei Winkelhausens zu Tisch. Natürlich erzählte ich ihm von deinen Sammlungen. Darauf meinte er, daß das Sammeln sehr gefährlich wäre, weil fast alles unecht sei.«

»Nur die Sachen in seinen Museen sind echt, nicht wahr?«

»Die Museen haben einen internationalen Verband, der genau auf Fälschungen aufpaßt und alle Mitglieder, aber nur diese, warnt.«

»Sehr freundlich von ihm! Aber weißt du, wie man diesen Verband in den Fachkreisen nennt? Den Fälscherverband! Weil er alles Echte unecht macht.«

Sie lachten und reichten sich die Hände. Wenn er mit seiner Schwester zusammen war, kam Hans Durlacher sich um zehn Jahre jünger vor.

»Auf Wiedersehen!« Sie gingen bester Laune auseinander.

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