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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 24
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
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XXIV

Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern. Dem Wohnzimmer, in dem man sich jetzt aufhielt, und dem angrenzenden Schlafzimmer. Draußen gab es noch eine Küche und ein Mädchenzimmer, das verhältnismäßig geräumig war. Der Klosettraum war mit Brettern im Flur abgeschlagen. Außer dem Kunsthändler wohnte nur noch die alte Wirtschafterin hier.

Die Ermittlungen hatten bisher folgendes ergeben: Schabrack erhielt in dieser Wohnung fast niemals Besuch. Es kam kaum vor, daß außer den gewöhnlichen Lieferanten jemand die Klingel benutzte. Gestern gegen halb zwanzig Uhr, als Schabrack bereits ausgegangen war, hatte es nach Angabe der Wirtschafterin plötzlich geklingelt. Ein großer Herr stand draußen und fragte nach dem Kunsthändler. Dieser Herr sollte bereits mehrmals in der Wohnung gewesen sein, die Wirtin kannte aber nicht den Namen und hatte überhaupt keinerlei Ahnung, wer er war. Er mochte im Laufe der letzten Jahre etwa zehnmal dagewesen sein.

Gegen zwei Uhr nachts wachte die Wirtin dadurch auf, daß Herr Schabrack nach Hause kam. Er war nicht allein, sondern in Gesellschaft jenes unbekannten Herrn, den die Wirtin deutlich an seiner Stimme wiedererkannt haben wollte. Sie achtete aber nicht darauf, sondern schlief wieder ein. Im Schlaf glaubte sie einmal das Geräusch eines schweren Falles zu hören. Als hierauf aber alles ruhig blieb, nahm sie an, daß sie nur geträumt hätte, und schlief weiter.

Heute früh, als sie in das Zimmer zum Reinmachen kam, fand sie Herrn Schabrack ermordet vor. Er lag dicht an der Schwelle zwischen den beiden Zimmern. Offenbar war er getötet worden, als er sein Schlafzimmer betreten wollte. Der Mörder hatte ihm ein Messer ins Herz gestoßen, Schabrack war hintenüber gefallen. Der weiche Teppich mochte das Aufschlagen gemildert haben.

»Die Tür zwischen den Zimmern soll morgens offengestanden haben. Die Wirtin selbst machte sie zu, als sie die Polizei anrief. Wir haben sie deshalb ebenfalls wieder geschlossen. Der Tote liegt unmittelbar dahinter. Wollen Sie ihn sehen?«

»Nein, danke!« sagte Filscher.

»Die Aussage der Frau steckt voller Widersprüche«, fuhr der Polizeirat fort. »Es erscheint unglaubhaft, daß die Frau nichts über den einzigen Besucher dieser Wohnung wissen sollte. Es ist ferner schwer anzunehmen, daß sie von dem Geräusch des niederstürzenden Körpers nicht völlig erwachte und die weiteren Vorgänge wenigstens zu erlauschen suchte. Ferner stellte sich heraus, daß noch eine andre Person in der Wohnung aus und ein gegangen ist. Eine Treppe höher wohnt eine Frau mit ihrer Tochter.«

»Peiser«, sagte Dr. Filscher.

Hier mischte sich der Untersuchungsrichter plötzlich in das Gespräch.

»Ah, Sie kennen Frau Peiser?«

»Ich kenne sie nicht. Ich habe nur zufällig gehört, daß sie über Schabrack wohnen soll.«

»Was heißt zufällig gehört?« fragte der Richter scharf. »Sie kannten doch Herrn Schabrack? Hat er zu Ihnen von Frau Peiser gesprochen?«

Filscher fühlte mit einiger Beklemmung, daß jedes Wort von ihm ungeahnte Konsequenzen haben mußte. Selbst wenn er etwas verschwieg, konnte es folgenschwer für die Beteiligten sein. Auf einmal ertappte er sich dabei, daß er jemanden schützen wollte. Wen? Torner? Wenn Torner der Mörder war, auch dann wollte er nicht dazu beitragen, ihn zu überführen. Die Amtsmienen der Polizeiorgane weckten seinen Widerspruch.

»Ich kenne Herrn Schabrack nur durch rein geschäftliche und sachliche Besprechungen. Den Namen Peiser hörte ich in einem andern Zusammenhang: Ein Bekannter von mir hatte auf der Eisenbahn seinen Koffer vertauscht. Nach vielen Nachforschungen konnte er endlich bei Peiser den Koffer zurücktauschen. Zufällig erzählte er mir davon. Ihm war auf der Treppe der Name Schabrack aufgefallen.«

»Wie wurde Ihr Bekannter zu Peiser gewiesen?«

»Das ist eine furchtbar komplizierte und wirklich ganz gleichgültige Sache.«

Auf einmal fiel ihm ein, daß der Verdacht sehr wohl auf diesen merkwürdigen Herrn Stahl gelenkt werden durfte. Ja, sprach nicht überhaupt die Wahrscheinlichkeit dafür, daß Stahl der Mörder war? Edmund Stahl zu schützen, hatte man nicht die geringste Veranlassung.

»Der Mann, mit dem mein Bekannter den Koffer vertauscht hatte, hieß übrigens Edmund Stahl. Er hat seinen Wohnsitz in Valparaiso. Hier wohnte er zunächst in einer Pension Falk in Charlottenburg. Von Frau Falk wurde meinem Bekannten auch gesagt, daß er seinen Koffer von Peiser abholen könnte.«

»Ah,« sagte ein Kommissar, »Pension Falk, das ist schon das Richtige! Frau Falk nimmt es mit der polizeilichen Anmeldung nicht sehr genau.«

»So, und wie heißt Ihr Bekannter mit dem vertauschten Koffer?«

»Es ist der Schriftsteller Johannes Amende.«

»Und wann spielte sich die Geschichte ab?«

»Vor etwa zehn Tagen.«

Der Richter sah sich triumphierend um. »Es stimmt genau. Frau Peiser sagte nämlich aus, daß vor zehn Tagen ein Herr Krause auf Veranlassung des Herrn Schabrack zu ihr gezogen wäre. Vor drei Tagen wäre er wieder abgereist. Bis dahin hatte er sogar die Schlüssel zu Schabracks Wohnung und brachte seine Tage gewöhnlich hier zu. Merkwürdigerweise erwähnte die Wirtschafterin gar nichts von diesem Herrn. Später gab sie dann zu, daß die Sache sich so verhielt. Ihr Edmund Stahl ist selbstverständlich dieser Krause!«

Filscher nickte. »Stark belastend ist auch der Inhalt des Koffers. Herr Stahl führte in seinem Koffer Brandraketen, Zelluloidstreifen, Würfelspiritus und ähnliche Brandstifterutensilien mit. Er fuhr mit zwei Burschen, die ähnliche Koffer bei sich hatten, auf einer Kleinbahn von Haßfurt in die Berge. Bei der Station, auf der sie ausstiegen, brannte einige Stunden später eine alte Waldkapelle ab.«

»Wo man nachher alte Kunstwerke fand, nicht wahr?« fragte der Polizeirat. »Das hängt doch mit der Kunstfälschergeschichte zusammen?«

»Leider ist diese Angelegenheit noch nicht im geringsten geklärt«, bog Dr. Filscher ab. Man sollte bei Stahl und seinem Koffer bleiben.

»Ich werde nochmals die Wirtschafterin vernehmen«, sagte der Richter. »Vielleicht kann man sie mit dem Namen Stahl kriegen.«

»Sie gibt auch eine sehr genaue Beschreibung jenes Herrn, der Schabrack in der Nacht nach Hause begleitet haben soll«, ergänzte der Kommissar. »Der Herr Kunstsachverständige kennt sicherlich viele Menschen aus diesen Kreisen. Vielleicht kann er nach der Beschreibung den Unbekannten identifizieren.«

Der Polizeirat lächelte. »Der große Unbekannte wird meistens nicht identifiziert. Die Wirtschafterin gibt an, daß der Unbekannte sich anscheinend Geld von Herrn Schabrack holen kam. Wir haben nun in Eile die Geschäftsbücher der Kunsthandlung durchgesehen. Schabrack stand naturgemäß zu vielen Menschen in geschäftlichen Beziehungen. Die Firmen oder die Künstler, denen er größere Beträge zahlte, waren aus den Büchern leicht zu ermitteln. Das Geschäftspersonal konnte uns von sämtlichen Herren, die in den Büchern auftraten, genaue Schilderungen geben, die alle nicht auf die Beschreibung der Wirtschafterin paßten. Ich glaube an diesen Unbekannten nicht!«

»Wie beschrieb sie ihn denn?« fragte Filscher stockend. Er hatte Angst vor der Antwort.

In diesem Augenblick stieß einer der Kommissare einen leisen Schrei aus. Er kniete am Boden vor dem alten Sekretär aus Birnbaumholz. Er hatte ein schwarzes Heidschnuckenfell beiseite geschoben und klopfte auf der Diele herum. Dann zog er einen Schraubenzieher aus der Tasche und löste drei Schrauben. Alle Anwesenden sammelten sich um ihn und sahen ihm zu. Er öffnete eine Klappe. Der Deckel einer Stahlkassette wurde sichtbar.

»Der Schlüssel wird bei dem Toten sein.«

Ein Beamter öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Günther Filscher sah Schabrack in einer dunklen Blutlache daliegen, mit einem entsetzten Gesicht hintenüber gekippt. Der Hirschhorngriff eines Messers steckte in dem Frackhemd. Der kurzgeschnittene Spitzbart drohte mit einem gesträubten Ausdruck in die Höhe. Das Fürchterliche aber waren die Hände, die zugleich abzuwehren und festzuhalten schienen. Hände, die im Tode wieder zu Klauen geworden waren. Man konnte an einen toten Frosch denken, der auf dem Rücken lag und den weißen Bauch nach oben wölbte. Dumm, gewichtig und schwerfällig lag er da, aber die Hände offenbarten das Raubvogelhafte.

Der Beamte hob den Schlüsselbund in die Höhe, die Schlüssel wurden ausprobiert, der Deckel der Kassette sprang auf. Der Kasten war fast bis zum Rand mit eingewickelten Geldrollen gefüllt.

»Donnerwetter! Das sind Zehntausende!« sagte der Kommissar.

»Das Geld muß gezählt werden!« entschied der Untersuchungsrichter.

Das Heidschnuckenfell wurde neben dem Loch ausgebreitet und die Rollen sorgfältig daraufgelegt. Es gab Rollen von hundert bis fünfhundert Mark.

Der Polizeirat notierte die Summen. Auf allen Umhüllungen war mit Tinte der Wert vermerkt. Immer neue Schichten wurden in dem eingemauerten Kasten sichtbar. Über hunderttausend Mark hatte der Polizeirat addiert, und noch war kein Ende abzusehen. Mehr als eine halbe Stunde dauerte es, bis der Boden sichtbar wurde.

»Zweihundertsiebenundvierzigtausend sechshundertfünfzig Mark!«

Die Herren hatten sich um das Loch im Fußboden herumgestellt und sahen erstaunt auf die aufgehäuften Rollen.

»Vielleicht hat Herr Schabrack doch nicht über alle Zahlungen Buch geführt,« sagte der Kommissar, »sondern in einigen geheimen Fällen aus diesem Vorrat geschöpft.«

»Es kann das Betriebskapital für das Geschäft mit den nachgemachten Stücken sein«, stimmte der Richter zu. »Was meinen Sie dazu, Herr Dr. Filscher?«

Filscher zuckte die Achseln. Er mußte daran denken, daß die fünfunddreißigtausend Dollar von Durlacher in diesem Geld enthalten waren. Der Richter ließ die Rollen wieder hineinlegen, die Kassette schließen und den Teppich darüber decken.

»Das Geld muß nachher geholt werden«, bestimmte er. »Führen Sie die Wirtschafterin herein!«

Ein Schupomann führte eine alte magere Person durch die Tür. Sie stutzte, als sie den Toten erblickte. Vielleicht ist die Frau doch schuldig, dachte Filscher. Gott gebe, daß sie mit diesem Edmund Stahl zusammen die Tat ausgeführt hat!

»Wir haben festgestellt,« fing der Richter an, »daß Herr Schabrack mit keinem Herrn, wie Sie ihn schildern, in Geschäftsverbindung gestanden hat.«

»Nein,« sagte die Alte, »diese Geschäfte sind nicht durch die Bücher gegangen.«

»Aber Sie sagen doch, daß dieser Herr sich von Schabrack Geld holen kam, und irgendwo muß dieses Geld doch gebucht worden sein?«

»Dieses Geld ist nicht gebucht worden.«

»Was ist denn das für Geld?«

Die Alte warf einen scheuen Blick nach dem Toten, als fürchtete sie sich, in seiner Gegenwart das Geheimnis zu verraten. »Kann die Tür zugemacht werden?«

Der Polizeirat schloß die Tür. Die Alte atmete auf, als Schabrack verschwunden war.

»Das Geld liegt dort!« Sie zeigte auf die Stelle vor dem Schreibtisch. »Sie dachten wohl, daß ich das Geld für mich bewahren wollte?«

»Sie dürfen uns nicht für dumm halten. Dieses Geld haben wir längst gefunden. Aber vielleicht hat es ein andrer nicht gefunden, der es sich holen wollte! Wie denken Sie darüber?«

Die Alte schwieg. Dr. Filscher wartete gespannt auf die Beschreibung des Unbekannten. Jetzt mußte die Vernehmung darauf zusteuern.

»Sie hatten uns die Person des Herrn Krause, der hier tagelang in der Wohnung aus und ein ging, verheimlichen wollen. Vielleicht gibt es noch eine andre Person, die sich des öfteren hier aufhielt?«

»Ich weiß von keinem andern.«

»Das ist merkwürdig. Wir haben nämlich inzwischen in Erfahrung gebracht, daß sich ein Herr Stahl, Edmund Stahl aus Argentinien, hier aufgehalten hat!«

Auch jetzt blieb die Alte ganz ruhig. »Es ist Herr Krause«, erklärte sie. »Er hieß Stahl.«

»Das ist ja sehr interessant! Weshalb wurde er falsch genannt? Und wie kam er überhaupt zu Peisers?«

»Darüber weiß ich nichts. Auch Herr Stahl stand mit Herrn Schabrack seit langer Zeit in Geschäftsverbindung.«

»Er wohnte doch bis dahin in der Pension Falk in Charlottenburg?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie werden es schon wissen«, redete der Untersuchungsrichter ihr zu. »Es war da doch eine Geschichte mit dem vertauschten Koffer.«

Die Frau machte mit beiden Händen eine abwehrende Bewegung. »Ja,« sagte sie, »das ist alles wahr, aber es hat nichts mit dem Mord zu tun. Der Mörder ist der große blonde Herr mit dem Bart!«

Günther Filscher horchte auf. Großer blonder Herr mit dem Bart, dachte er. Er sah sich in ein Atelier eintreten. Der blonde Riese mit den freundlichen Augen kam ihm entgegen, und hinter ihm auf dem Holzblock saß Sibylle. Er fand es merkwürdig, daß er bei den Worten der Wirtschafterin an Anton Marcks denken mußte. Er hatte ein Wort gefürchtet, das auf Torner hinwies. Gott sei Dank war Torner in der Nacht nicht bei Schabrack gewesen. Großer blonder Mann mit dem Bart, dachte er zum fünften- oder sechstenmal. Die Worte hakten sich in seinem Gehirn fest.

»Sie haben uns diesen fremden Herrn mit dem Bart sehr genau beschrieben«, fuhr der Richter in der Vernehmung fort. »Sie sagten, daß er einen hellen Anzug trug und immer sehr freundlich aussah. Merkwürdigerweise kann sich niemand von den Angestellten auf einen solchen Herrn besinnen, obwohl er doch wohl zu dem näheren Bekanntenkreis des Ermordeten gehört haben muß. Oder können Sie, Herr Dr. Filscher, sich auf einen Kunsthändler oder Künstler besinnen, auf den diese Beschreibung ungefähr passen könnte?«

»N–ein«, brachte Filscher heraus.

»Es würde auch schwierig sein«, mischte der Polizeirat sich lächelnd ein. »Ein großer starker Herr mit hellblondem Vollbart und breitem heiteren Gesicht: es ist die genaue Umkehrung dessen, wie sich das Volk den Mörder vorstellt. Die Frau wollte nicht trivial sein. Herren mit blondem Vollbart sind heute eine Seltenheit.«

Die Alte sah bösartig zu ihm hin. Sie verstand die Worte nicht, fühlte sich aber verhöhnt. Dennoch blieb sie äußerlich ruhig. Sie warf einen scheuen Blick nach der Tür, hinter der der Tote lag. »Herr Schabrack ist tot«, sagte sie. »Man kann jetzt manches sagen. Natürlich ist der blonde Herr allen Personen aus dem Geschäft unbekannt. Herr Schabrack hatte etwas Geheimes mit ihm. Es handelte sich um alte Denkmäler, glaube ich. Niemand wußte etwas davon. Der Herr arbeitete sie für ihn, sie wurden für alt verkauft.«

»Der Kunstfälscher!« sagte der Richter und sah Dr. Filscher an.

Der blickte zu Boden. Er dachte an Marcks, an Sibylle, an Torner, an Nora Velten. Noch einmal ging er in Windeseile alle Erlebnisse der letzten Wochen durch. Jeder Satz, den er gestern mit Sibylle gewechselt hatte, klang ihm durchs Ohr. Wenn nur nicht dieses Neue dazwischen gekommen wäre, daß der Kunstfälscher der Mörder und der Mörder der Kunstfälscher sein konnte!

»Haben Sie wegen der gefälschten Kunstwerke bereits eine Spur aufgenommen?« klang die Frage des Richters hart an sein Ohr.

Er riß sich hoch. »Ja,« sagte er zögernd, »wir haben einen bestimmten Verdacht. Er geht aber in ganz andrer Richtung als die Aussage dieser Frau. Die Personalbeschreibung würde nicht im geringsten stimmen.

Er merkte auf einmal, daß diese Aussage eine Lüge war. Es war ja seit dieser Minute nicht mehr Torner, den er für den Fälscher hielt! Plötzlich las er alle Anzeichen richtig. Er war der Wahrheit so nahe gewesen und hatte sie nicht erkannt. Um Torner sollte Sibylle gebangt haben, als sie die Entdeckung nahen fühlte? Nein, um ihren Vater bangte sie! Und Torners Gedanken sollten Jahre hindurch um Nora Velten gekreist haben? Nein, Anton Marcks war es, der sich von seiner einstigen Frau nicht lösen konnte. Anton Marcks hatte Nora Velten immer und immer wieder im Bilde beschwören müssen, während Torner nur gelegentlich ihren Akt skizziert hatte. Es war alles richtig so. Die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Daseins drückte sich in diesem Tatbestand aus. Die irrende Sehnsucht des einen und die übersättigte Verachtung des andern.

»In welcher Richtung haben Sie Ihre Nachforschungen angesetzt?« fragte der Richter. »Ich glaube, daß immerhin von Schabracks Händlertätigkeit einiges Licht auf diese Mordangelegenheit fallen kann, und umgekehrt.«

»Ich darf mich darüber nicht äußern, ohne meinen Chef, Geheimrat von Bock, gefragt zu haben.«

»Diesen Edmund Stahl aber bringen Sie doch mit den Kunstfälschungen in Zusammenhang?«

»Jawohl, ich bin überzeugt, daß er wichtige Handlangerdienste dabei leistete.«

»Und bei dem Mord?«

»Das weiß ich nicht.«

»Jedenfalls brauche ich dringend das Material dieser Kunstfälscherangelegenheit. Ich bitte Sie, Herr Doktor, sich bis heute nachmittag von Ihrem Chef die Erlaubnis zu erwirken, in vollem Umfang darüber auszusagen. Wir müssen zusammenarbeiten! Vielleicht darf ich Sie heute noch im Polizeipräsidium in meinem Zimmer erwarten.«

»Hoffentlich kann ich Herrn Geheimrat erreichen.«

Als Filscher schon in der Tür war, rief ihm der Richter nach: »Ich glaube übrigens, daß Sie sich mit Ihrem Verdacht getäuscht haben. Ihren Kunstfälscher hat die Wirtschafterin ganz richtig beschrieben.«

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