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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 22
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
year
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XXII

Lange nach Mitternacht kehrt der Schöpfer der Madonna in sein Atelier zurück. Diese Nacht noch hat er sich ausbedungen. Eigentlich ist das Werk fertig. Morgen wird es abgeholt werden.

Er weiß, daß seine Werke krumme und schmutzige Wege gehen. Solange sie bei ihm sind, sind sie rein. Sie sind mit ihm zusammengewachsen, sie müssen aus ihm herausgeschnitten werden. Und dann haben sie Schicksale, von denen er nur dunkel ahnt.

Jedesmal in der Nacht hat er zuerst Steinträgerarbeit zu verrichten. Die Arbeiten für den Tag und für die Öffentlichkeit werden zurückgeschoben, aus der Ecke hinter dem Vorhang rollt er die Madonna heran. Sie ist schwer wie der große Brunnen mit der keuschen Susanne, der vor anderthalb Jahren fertig wurde. Das ist, als ob man das Rad des Ixion dreht, Nacht für Nacht dasselbe, und am Morgen wieder alles zurück. Aber es ist der einzige lustvolle Teil der Arbeit, verantwortungsloses Spiel der Muskeln und Bänder. Das verbindet mit der herzhaften Antike oder mit ganz entfernten primitiven Zeiten.

Irgendwo steht da noch die Spottfigur auf den Dunklen. Mit Fußtritten stößt er das froschartige Gespenst vor sich her, daß die Teigmasse ins Wackeln kommt. Mag sie umsacken! Aber wenn der Dunkle heute nacht kommen sollte, soll er sie erblicken. Er hat versprochen, in dieser letzten Nacht nicht zu kommen, aber er gibt Versprechen nur, um durch ihren Bruch zu quälen. Man kann gegen ihn nichts machen. Der Dunkle hat alle Gewalt.

Zum hundertstenmal stößt er der Figur das Messer in die Herzgegend. Diesmal läßt er es stecken.

Plötzlich fällt ihm ein, daß in dieser Nacht der einzige Mensch, der alles von ihm weiß, kommen wird. Er und dieses junge Mädchen: das ist über alle Liebe, noch über die Stimme des Bluts hinaus. Das ist wohl schon vor Jahrhunderten so gewesen, daß sie zu seinen Füßen saß, damals als sie beide das letzte Mal auf dieser Erde waren. Vielleicht schon zwei- oder drei- oder zehnmal, viele Jahrhunderte oder Jahrtausende zurück. Es ist wie eine undeutliche Erinnerung. Manchmal sprechen sie darüber, wie es war, als er, einer der großen gotischen Meister, auf dieser Erde lebte. Vielleicht wird man es nochmals oder noch viele Male erleben – in den späteren Leben, die kommen werden.

Er denkt daran, daß sie es noch nicht weiß, daß diese Nacht die letzte sein wird. Er wird es ihr auch nicht sagen. Aber man kann kein größeres Werk als diese Madonna mehr schaffen. Vielleicht hat man sie nicht geschaffen, sondern nur aus der Kraft der vergangenen Jahrhunderte geschöpft. Man ist vielleicht nur ein Instrument, das aufnimmt und den Ton fortträgt. Wer will das entscheiden? Er setzt sich auf den Schemel, der Statue gegenüber, und sieht sie an. Es ist eins der größten Werke aller Zeiten. Einen kleinen Betrug hat man dazu begehen müssen, eine winzige Erschleichung, von der er selbst nie herausbekommen kann, worin sie im Grunde besteht. Aber das ist sein eigenes und persönliches Verbrechen. Das Werk bleibt davon unberührt. Es ist da, ein erratischer Block in unsrer gottfremden Zeit.

Draußen kommen Schritte. Nur der Dunkle oder das Mädchen können es um diese Zeit sein. Fast ehe er sie hörte, hat er erkannt, daß es die Schritte des jungen Mädchens sind. Er besinnt sich, daß er eigentlich gespannt sein müßte, denn sie wollte ihm Nachrichten bringen. Aber er ist nicht gespannt. Er empfindet zu deutlich, daß es die Nacht des letzten Abschieds ist. Alles wird gleichgültig.

Sie sitzt auf dem Kissen zu seinen Füßen, schlingt die Arme um seine Knie und sieht abwechselnd die Skulptur und ihn an.

»Ich habe die Abbildung der Madonna gesehen!« beginnt sie.

»So bietet der Dunkle sie schon aus?«

»Er hat sie einem Bankier angeboten, der schon die heilige Katharina besaß und jetzt den Engel des Grabmals gekauft hat. Er heißt Durlacher, von dem Bankhaus Düsen & Durlacher. Ich habe beide Werke bei ihm gesehen. Du kannst dir denken, wie erschüttert ich war, als ich den Engel wiedersah!«

Er streicht ihr mit der Hand über den braunen Scheitel.

»Übrigens sind enorme Preise für die Stücke gezahlt worden. Der große Brunnen hat in London zweihunderttausend Dollar gebracht. Durlacher hat für den Engel fünfunddreißigtausend Dollar bezahlt.«

»So hat der Dunkle Hunderttausende verdient.«

Sie bemerkt das Messer, das in dem Tonklumpen steckt. »Das – das solltest du nicht tun!« sagt sie leise.

»Hast du mit diesem Dr. Filscher über die Arbeiten gesprochen?« weicht er aus.

»Ja. Der Museenverband hat die Unechtheit der Stücke festgestellt. Sie sind Schabrack und einem Edmund Stahl auf der Spur.«

»Ich dachte es mir, als dieser Dr. Filscher zu mir kam. Weiß er, daß ich es bin?«

»Ich glaube, er weiß es!«

»Der Museenverband ist vorsichtig. Es werden Wochen vergehen, ehe er handelt, und dann wird alles anders sein. Es kann noch keine Beweise, nur Vermutungen geben.«

»Du müßtest dich bereithalten, plötzlich abzureisen!« sagt sie ängstlich und schmiegt den Kopf an sein Knie.

»Ich bin bereit, abzureisen«, sagt er. »Ich werde einmal ganz plötzlich fort sein.«

»Ich komme dir überall hin nach.«

»Nein, nein,« wehrt er hastig ab, »du mußt hier bleiben. Wir werden uns schon noch wiederfinden.« Plötzlich beugt er sich über sie und küßt sie. »Ich danke dir für alles, was du mir getan hast, du geliebtes Bild!«

Sie fühlt seine Tränen und hebt erschrocken den Kopf. »Was hast du?«

»Es ist, weil die Madonna fertig ist«, beruhigt er. »Ich werde jetzt lange nichts arbeiten.«

»Und deine modernen Sachen?«

»Die patze ich schon hin«, lächelt er. »Du mußt jetzt gehen!«

Gehorsam steht sie auf, küßt ihn und geht hinaus. An der Tür sieht sie sich noch einmal um. Als sie draußen ist, bricht sie in Weinen aus. Es schüttelt sie durch und durch. Sie hat ihm nicht sagen können, wie nahe die Gefahr ist. Geliebtes Bild! Sein Wort bohrt sich ihr ins Herz. Geliebtes Bild hat er sie genannt. Sie ist nur das Bild der Geliebten. Niemand auf der Welt ahnt, daß er nie aufhören wird, die Frau zu lieben, deren Bild sie ist. Sie lehnt sich gegen die Wand des nächsten Hauses und birgt ihr Gesicht in den Händen.

Im Atelier steht der Meister vor der Froschfigur des Dunklen. Er dreht das Messer in der Tonmasse hin und her. Plötzlich reißt er es heraus und steckt es in die Tasche.

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