Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Harich >

Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/harich/kunstfae/kunstfae.xml
typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
year
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120718
projectid9d05a931
Schließen

Navigation:

II

Hundert, zweihundert Professoren und Assistenten von Universitäten, Akademien, Kunstverwaltungen, Museen, Kupferstichkabinetten in Detroit, Kopenhagen, Berlin, Paris, London, Buenos Aires suchen in diesen Wochen nach einer Spur, die zu der geheimnisvollen Werkstatt führt.

Sie wissen, daß es einen gibt, der in lautloser Stille unerhörte Meisterwerke schafft, eines nach dem andern, in langer Kette, die nicht abreißen will. Die Arbeit eines ganzen Menschenlebens ist bereits auf den Markt geworfen, und immer noch taucht Neues auf. Oder lebt er nicht mehr? Vielleicht haben sich gewissenlose Menschen des Lebenswerks eines genialen Sonderlings nach seinem Tode bemächtigt. Vielleicht wurde er sogar von ruchloser Hand aus dem Wege geräumt. Vielleicht arbeitet er immer noch weiter, sitzt als harmloser Mensch in Restaurants und Cafés und ist in einsamen Nachtstunden von Dämonen besessen. Niemand kann wissen, wie so etwas vor sich geht.

Auch er weiß nicht, was in der Welt vor sich geht. Aus dem internationalen Museenverband dringt keine Stimme in den Kunsthandel hinein, und der Mann, der zu seiner Arbeit so absonderlicher und verbrecherischer Umwege benötigt, weiß nicht einmal viel von den Vorgängen im Kunsthandel. Er bekümmert sich nicht mehr darum, seit er mit einer dunklen Existenz vor drei oder vier Jahren das Abkommen schloß, das ihm ein gesichertes Arbeiten verbürgte. Er weiß nicht, wo seine Arbeiten hinkommen, er sieht sie nie wieder, hört nichts wieder von ihnen. Er arbeitet. Es ist eine Wut zur Arbeit in ihm. Manchmal kommt der Dunkle und breitet Photos vor ihm aus, den ganzen Tisch voll Bilder, das Ruhebett, den Fußboden voll Bilder. Eine ganze Welt aus Bildern! Einen Kranz von Statuen auf den Gesimsen verwitterter Dome, einen Wald von Säulen, die Wunderhöhlen dunkler Altarnischen, den Prunk goldener Gewänder, den stählernen Ernst von Harnischen aus geglättetem Stein, das Ungestüm vorjagender Rosse, Könige und Königinnen, und sie besprechen die Arbeit.

Ist der einsame Mann jemals auf den Gedanken gekommen, daß er Fälschungen ausführt? Damals, als er für das erste Werk das viele Geld erhielt, durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Seitdem nimmt er es mit Gelassenheit hin, daß er ein Betrüger ist. Es ist die Form seines Daseins. Er stellt es sachlich fest und bleibt innerlich ruhig dabei, obwohl in ihm eine geheimnisvolle Kraft bedrohlich heranwächst. Manchmal schwillt es schon wie eine Wolke von dunkler Spannung in sein Bewußtsein hinein. Vielleicht wird er sich einmal an jemandem dafür rächen müssen, daß er ein Verbrecher geworden ist. Aber das liegt noch in weiter Ferne. Das hat mit dem Leben draußen zu tun. Sein eigenes Leben sind die nächtlichen Arbeitsstunden.

Er braucht keine Modelle. Er reißt ihre Form in sich hinein, diese Form, die einmal Zeit war und jetzt zeitlos geworden ist. Nie kann er von den Vorbildern etwas ganz gebrauchen. Das macht die Zeit, die immer noch daran haftet. Er braucht seine eigne Welt, er hebt die Behandlung des Faltenwurfs ins ewig Lebendige. Die Hintergründe werden bei ihm transparenter, das Blattwerk wirft er wie einen Teppich aus Stein über das Gemäuer. Die Figur des toten Königs auf seinem Sarkophag sinkt wie in den Mittelpunkt der Welt hinunter. Ein andermal schwebt der tote Bischof wie von Engeln getragen auf seinem Bett aus Marmor. Er dankt den Bildern des Dunklen, daß er so arbeiten kann. Daß er Stücke aus dieser vorhandenen Welt herausbrechen kann und in sein eigenes Leben überführen darf. Krone und Mitra und der von Speeren durchbohrte Heilige sind ihm näher als die Arbeiterheere der Leuna-Werke und ihr wogender drohender Rhythmus. Er braucht die Aura von Einsamkeit um seine Menschen, wie nur die alten Zeiten sie hatten.

Manchmal hält er mitten in seiner Arbeit inne, erschrocken von der tiefen Stille der Nacht, die über ihn gestürzt ist. Es gibt nichts Erschreckenderes als die Totenstille der großen Städte, die plötzlich wie eine Blase aus dem Grunde aufsteigt und über den Dächern platzt. Es ist wie ein jähes Knallen über seinem Haupt. Davon wacht er auf und merkt, daß seine Nerven zittern und seine Arme ihm weh tun. Dann setzt er sich auf den Marmor einer umgestürzten Figur und spricht in Gedanken mit dem einzigen Menschen, der manchmal zu ihm kommt und alles von ihm weiß.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.