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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 19
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
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XIX

Noch immer kamen neue Menschen die rotbelegte Treppe hinauf. Der Vorsaal und die angrenzenden Zimmer des Tiergartenrestaurants waren gedrängt voll. Man hatte für den Jubilar einen Sessel neben den großen Blumenaufbau hingesetzt, der wie ein exotisches Gebüsch aussah. Aber Erich Torner war nicht für Feierlichkeiten, eher wie ein Gastgeber ging er von Gruppe zu Gruppe.

An einem Ecktisch saß seine Frau in dem neuen Kleid aus kupferroter Seide unter ihren Freunden. Es war der Kreis um Köhnens. Eine feindliche Ecke, obwohl Torner am Morgen in der Wohnung erschienen war, um mit seiner Frau gemeinsam zur Eröffnung der Ausstellung zu fahren. Er hatte sogar den Nachmittagsschlaf auf dem Eßzimmersofa gehalten. Auf seinem Bett in dem Schlafzimmer, das er seit Jahren nicht mehr betreten hatte, hatte Resi Köhnen geruht, die ihrer Freundin an diesem wichtigen und aufregenden Tage nicht von der Seite ging. Jetzt saß die ganze Gesellschaft einschließlich Professor Mittelmanns und der kleinen Pianistin Dorle Brausewetter um den Empireecktisch, und nur Alex Schrötter suchte die Verbindung mit Fräulein Durlacher herzustellen. Aber Hildegard wurde von dem Kreis nicht mehr als zugehörig empfunden. Alle waren sie Zeugen gewesen, wie es an jenem Abend bei Köhnens zwischen ihr und Torner angefangen hatte.

Dr. Filscher drängte sich mit Mühe zu Torner durch, um ihm den Glückwunsch seines Chefs auszusprechen. Erkannte Torner ihn wieder? Zwei oder fünf Menschen warteten schon hinter ihm, um dem Jubilar die Hand zu drücken. Einen Augenblick blitzte es in den Augen des Malers auf, als ob er den Assistenten etwas fragen wollte. Aber er sagte nichts. Filscher machte seine Verbeugung und trat ab.

Endlich sah er in dem Gewühl Sibylle kommen. Aus seinen Erkundigungen wußte er, daß es ihre Schwester Gabi und deren Bräutigam war, mit denen sie den Saal betrat. Er beobachtete, wie Torner eine Weile mit den Geschwistern sprach. Einige junge Menschen kamen hinzu. Einmal ging Dr. Durlacher an Sibylle vorüber und machte eine formelle Verbeugung. Filscher strengte sich an, jede leiseste Bewegung aufzufangen. In einem unbedachten Blick konnte sich das Geheimnis entschleiern. Was spielte zwischen Sibylle und diesem jungen Bankier, daß sich die beiden heute kaum zu kennen schienen? Welche Verbindungen bestanden zwischen Sibylle und Torner? Er sah ihr feines kühles Gesicht wenige Meter vor sich. Seltsam zu denken, daß dieses junge Mädchen alles wußte. In wenigen Minuten würde er sie nun zum erstenmal wirklich sprechen können. Eine Stunde lang, eine ganze lange Stunde!

Die Menschen wogten durch die Räume. Größtenteils waren es dieselben, die man immer bei diesen Gelegenheiten traf. Er erkannte den Ministerialrat, der den Minister zu vertreten pflegte. In einer Gruppe sah er Fräulein Durlacher stehen und erinnerte sich, sie im Abendkleid schon öfters gesehen zu haben. Als sie ihn zufällig ansah, glaubte er grüßen zu müssen, aber sie dankte zerstreut. Vielleicht erkannte sie ihn nicht. Ihr Bruder trat zu ihr, und nach einer Weile sah er eine auffallend hübsche Dame von besonders sympathischem Ausdruck bei ihnen stehen. Er erkannte die Schauspielerin Gitta Streicher. Er ging an der Gruppe vorüber und hörte Frau Streicher von Sizilien erzählen. Plötzlich eilte sie auf Sibylle zu, umarmte sie, sprach auf sie ein. Filscher sah die beiden Arm in Arm in eine entlegene Ecke gehen. Es war die gleiche Ecke, in der Frau Torner und Köhnens ihr Quartier aufgeschlagen hatten. Die Zusammenhänge verwirrten sich ihm. Er hätte alle diese Menschen kennen müssen, um Klarheit zu gewinnen. Auf einmal ergriff ihn das Gefühl des Ausgeschlossenseins. Er wußte nichts von den Beziehungen, die um Sibylle spielten. Das ging in rätselhafter Verstricktheit an ihm vorüber. Wie standen diese Menschen zueinander? Was wußte Fräulein Durlacher von Torner oder von ihrem Bruder?

Alle Menschen, die er zur Enträtselung des Geheimnisses brauchte, waren heute in diesen engen Räumen zusammen. Sie sprachen miteinander oder gingen sich aus dem Wege. Geheime Beziehungen verknüpften sie. Er sah, wie der Kunsthändler Schabrack sich in einem altmodischen Gehrock durch die Reihen schob. Jedermann wußte, daß Schabrack den Maler Torner gemacht hatte. Er hatte ihm seine Bilder abgekauft, als sie noch zweihundert Mark kosteten, und er kaufte sie ihm heute ab, wo sie viertausend kosteten. Schabrack! dachte Filscher. Dieser Schabrack hatte einige Stücke aus dem »Fund von Cati« für märchenhafte Summen an den faden Dr. Durlacher verkauft. War Schabrack es, der hinter diesen Fälschungen stand, oder war er selbst betrogen? Zum erstenmal hatte Günther Filscher das Gefühl, noch nichts, noch gar nichts zu wissen. Sibylle, dachte er. Alle seine Hoffnungen waren auf das Gespräch mit Sibylle gestellt.

Die Vorhänge wurden beiseite gezogen. Die gedeckte Hufeisentafel lag unter dem Licht der sechzehn Kronleuchter. Zweihundert Menschen drängten sich um die ausgelegten Tischordnungen. Filscher hatte seinen Platz im Gedächtnis. Er sah Sibylle mit Torner zusammenstehen. Sie müssen zusammenstehen, empfand er. Sibylle und er sind verbunden! Er trat auf sie zu. Die ersten Paare schoben sich gegen die Tafel vor. Herren und Damen suchten ihren Namen.

»Ich habe die Ehre, Sie zu Tisch zu führen!« sagte er mit einer Verbeugung. Auf diesen Augenblick hatte er seit Tagen gewartet. Sein Herz schlug hart. Wieder fühlte er die Augen Torners mit einer merkwürdigen Spannung auf sich gerichtet, als wenn er ihn etwas fragen wollte. Was konnte es sein? Er sah in Gedanken den Vorhang in Torners Atelier in schweren Falten niederfallen und das Antlitz über dem Aktbild dahinter schwermütig lächeln. Noch war nichts geschehen. Oder war doch etwas geschehen? Hatte man nicht diesem Fräulein Durlacher einige Andeutungen gemacht? Konnte Torner ahnen, daß man einen Blick hinter den Vorhang geworfen hatte?

Vielleicht hatte der Kanzleirat Meyerholt mit besonderer Freude Torner neben seiner Frau placiert. Wirklich machte sich Torner gegen die feindliche Ecke auf. Das alles nahm Günther Filscher wahr. Es war, als wollte er seine Aufmerksamkeit von Sibylle ablenken, die neben ihm ging. Es kam ihm dumm vor, ihr seinen Arm zu bieten. So sah er gerade ihre Schulter und das weiche Kinn an seiner Seite. Er wußte nicht einmal, ob sie bei seinem Nahen gelächelt hatte oder ob sie Furcht empfand. Ahnte sie, daß er um Torners Geheimnis wußte?

»Bitte rechts!« sagte er. Es waren die ersten Worte, die er an sie richtete. Fast hätte er sie gegen Schabrack gestoßen, der allein seinen Platz aufsuchte.

»Ich weiß nicht, ob Sie mich wiedererkennen?«

Sie lachte ihn an: »Ich habe Sie auch bei meinem Vater wiedererkannt. Haben Sie den Taschenspiegel noch?« Das kam in jugendlicher Unbefangenheit heraus, oder sie konnte sich meisterhaft beherrschen.

»Er liegt irgendwo bei mir zu Hause«, sagte er.

Er mußte noch einmal an das Kopfende der Tafel, um seine kleine Rede für die Museenverwaltung anzumelden. Dr. Köhnen wirkte oben als Manager. »Hinter dem Ministerium und hinter der Stadt!« entschied er und machte sich eine Notiz. Sibylle saß bereits auf ihrem Platz, als Filscher zurückkam. Sie vermied es, ihn anzusehen, als er sich setzte.

»Das Zusammentreffen mit Ihnen ist jedesmal mit einer kleinen Beschämung für mich verbunden«, fing er zögernd an.

»Ach!« machte sie nur. Es konnte alles bedeuten.

»Bitte, gnädiges Fräulein, Sie müssen den Eindruck gehabt haben, daß ich Sie verfolge, als ich bei Ihrem Herrn Vater eintrat?«

»Sie mich verfolgen?« fragte sie erstaunt. »Wieso? Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen. Ich bin nämlich sehr selten bei meinem Vater.«

»Um so mehr. Die Geschichte mit dem Taschenspiegel muß wie ein dummer Anknüpfungspunkt gewirkt haben. Und dann auf einmal tauchte ich bei Anton Marcks auf. Sie werden sich gewundert haben.«

»Und jetzt hier!« sagte sie lächelnd. Noch immer war ihr Ausdruck vollkommen unbefangen.

»Aber dies ist das einzige Mal, daß ich etwas dafür kann«, gestand er. »Ich habe mich neben Sie setzen lassen.«

»So haben Sie die Verpflichtung, mich gut zu unterhalten.«

»O Gott, gut unterhalten! Ich bin ein furchtbar schlechter Gesellschafter. Ich benutze nur die Gelegenheit, um Sie wiederzusehen.«

»Das konnten Sie so ungefähr jeden zweiten Abend im Theater haben«, lachte sie.

»Da war ich auch schon!«

»Hoffentlich fanden Sie das Stück scheußlich.«

»Ja!«

»Und mein Spiel?«

»Zu schwer für die Rolle«, sagte er nach kurzem Besinnen.

»Gott sei Dank!« lachte sie.

Sie sahen sich suchend in die Augen und blickten wieder fort. Ihm war es, als ob sie ihn durchschaut hätte und ihre Unbefangenheit nur Maske wäre. Ahnte sie nicht, daß er Torner auf der Spur war? Würde sie sich schützend vor den Mann stellen, zu dem sie in so geheimnisvollen Beziehungen stand?

»Sie haben große Ähnlichkeit mit Ihrer Frau Mutter«, sagte er unvermittelt.

Sie sah ihn erstaunt an. Zum erstenmal schienen ihre Lippen zu zittern. »Nicht so sehr, wie man im ersten Augenblick denkt«, sagte sie langsam. Ein forschender Ausdruck blieb in ihren Augen. »Wie kommen Sie eigentlich darauf?«

»Es fiel mir schon damals auf, als ich Sie beide in Ihrem Hausflur nebeneinander sah.«

»So«, sagte sie kurz. Er fühlte, daß jetzt sein Vorstoß kommen mußte. Sie wartete darauf, daß er sprach.

Aber ehe er weitersprechen konnte, klopfte der Ministerialrat an sein Glas, um dem Jubilar die Glückwünsche des Ministeriums darzubringen.

Im Augenblick machte die vollklingende Stimme aus der Versammlung von ein paar hundert Menschen eine feierliche Gemeinschaft. Die Blicke wandten sich zu dem Paar, das oben in der Mitte der Tafel präsidierte, dem ein wenig bleichen Torner und der Dame im roten Seidenkleide. Erich Torner hatte die Augen niedergeschlagen, seine Züge sahen entstrafft und teilnahmslos aus, aber wer ihn kannte, wußte, daß das bei ihm der seltene Ausdruck ruhigen Horchens war. Er nahm auf, was in dieser Stunde der Vertreter des Staates über ihn sagte. Es war ihm wichtig, nicht weil er glaubte, daß der Ministerialrat seine eigene Einstellung zu dem Phänomen Erich Torner vortrug. Vielleicht hatte er am Vormittag bei der Eröffnung der Ausstellung die ersten Bilder von ihm gesehen. Aber der Maler wußte, daß es über künstlerische Beiräte, durch Sekretäre, Kritiken und hundert andere Einflüsse in solche Festreden einströmte und ihnen einen Unterbau von wohlmeinender Wahrheit gab.

»Sie haben es verschmäht,« sagte der Redner, »dem breiten Publikum zum Gefallen zu arbeiten. Nicht einmal Ihren Anhängern, zu deren begeistertsten ich mich rechne, haben Sie es leicht gemacht. Wenn man nach einigen Ihrer Bilder dachte, Sie auf eine feste Formel bringen zu können, dann warfen Sie das Steuer herum und fingen an einem neuen Ausgangspunkt ganz von vorn an. Sie sind der ewig Suchende unter unsern Lebenden. Sie wollten stets nicht nur schöne Bilder schaffen, sondern zugleich die Entwicklung vorwärtstreiben, und Sie haben sie vorwärtsgetrieben! Die delikate Malweise der Impressionisten, die Ekstase der Expressionisten, die klare Sachlichkeit der Neuesten haben Sie auf den einen Nenner Ihrer Persönlichkeit gebracht. Hat unsre Zeit einen eignen Stil, dann ist er in Ihren Arbeiten zu finden. Nennt sie erst das Suchen nach einem solchen Stil ihr eigen, so ist noch mehr dieses Suchen in Ihren Gemälden niedergelegt. Nie haben Sie bei erreichten Zielen ausgeruht. Sie kannten keine Entspannung, kein Ausruhen, keinen Frieden. Nicht einmal bei sich selbst haben Sie Anleihen gemacht, wie es sonst wohl jeder Künstler einmal tut. Bei jedem einzelnen Ihrer Werke sprangen Sie mit gestrafften Sehnen und Muskeln neu in die Arena. Und wenn es dennoch feststeht, daß jedes Ihrer Bilder unverkennbar Sie selber sind, obwohl Sie als ein Proteus der Wandlungsfähigkeit daherkommen, so dokumentiert sich darin das Wunderbare und Unerklärliche, das in jedem Schaffenden enthalten ist.«

Filscher wandte kein Auge von dem Angeredeten und nur manchmal streifte sein Blick Sibylle, deren Finger nervös das Brötchen zerkrümelten. Hatte Erich Torner bei den letzten Worten des Ministerialrats nicht ganz unmerklich gelächelt? Dachte er an die Plastiken Gil de Siloes und Juan Guas und der andern spanischen Meister, bei denen er ausgeruht hatte von seiner strengen Suche nach dem eignen Stil? Oder lächelte er über den Ausdruck der Frau im kupferroten Seidenkleid an seiner Seite? Ihr aufgeblähtes und welkes Gesicht sagte ganz deutlich: Feiert ihn nur, ich allein weiß, was das für ein Mensch ist!

»Mögen Sie seine Frau?« fragte Filscher in das Gläserklingen hinein Sibylle.

»Ich kenne sie nicht!«

Er suchte aus dem Klang ihrer Stimme herauszuhören, wie sie zu Torner stand, dessen Geheimnis sie vor ihm verwahrte. Ehe er eine neue Frage stellen konnte, erhob sich ein Stadtrat, um die Glückwünsche der Stadt und des Oberbürgermeisters auszusprechen, und als diese Rede beendet war, winkte Köhnen ihm zu, und er selbst klopfte nun kurz entschlossen an sein Glas, um im Namen der Museenverwaltung und ihres Chefs, des Geheimrats von Bock, zu gratulieren. Er hatte Weisung bekommen, nur wenige Sätze zu sprechen und keine wärmeren oder begeisterten Töne durchklingen zu lassen. Eigentlich hätte er es bei einem kurzen Glückwunsch und der Entschuldigung des Geheimrats bewenden lassen müssen, aber die wenigen Worte erschienen ihm auf einmal vor Sibylle zu dürftig, und so machte er einige Zusätze.

»Wir Museumsmenschen neigen mehr der Vergangenheit zu. An Gil de Siloes oder Juan Guas' oder Rembrandts fünfzigstem Geburtstag sollen die Reden der damaligen Museumswächter sogar auffallend kühl gewesen sein. Um so begeisterter erklingen sie jedesmal später bei dem fünfhundertsten Geburtstag der Meister. Ich kann mich daher kurz fassen und auf die große Festrede verweisen, die in nunmehr vierhundertundfünfzig Jahren ein Museumsdirektor an dieser Stelle über Erich Torner halten wird, und ich kann Sie, verehrter Herr Professor, versichern, daß wir im voraus jedes dieser Worte unterschreiben. Dem Lebenden und Schaffenden aber bringe ich inzwischen mit den besten Wünschen dieses Glas dar!«

Er setzte sich mit ein wenig Herzklopfen nieder. Die Reihen der Kellner entwickelten sich wie eine Schnur aus der Tür, um den nächsten Gang zu servieren. Er sah, wie Torner sein Glas niedersetzte. Es war eine sehr gemessene Bewegung. Das zurückgehaltene Gespräch rauschte längs der Tafel wieder auf. Er wußte, daß jetzt, nach seiner Rede, das Fernbleiben des Geheimrats allgemein erörtert wurde. Man hatte wenigstens erwartet, daß die Museenverwaltung den Ankauf eines der Gemälde Torners bekanntgeben würde. Nun hatte sich der Allgewaltige durch einen jungen Assistenten vertreten lassen.

»Ich hätte gern anders über Torner gesprochen«, sagte er zu Sibylle.

»Sie haben sehr witzig und nett geredet. Aber weshalb erwähnten Sie diese spanischen Meister?«

Er wurde rot. In diesem Augenblick kam es ihm zum vollen Bewußtsein, daß er sich für die Eingeweihten verraten hatte. Er hatte einem plötzlichen Reiz nachgegeben, Torner und auch Sibylle zu warnen. Ihr sollt mich nicht für ungefährlich halten; wollte er ihnen sagen. Er suchte in den Reihen die Gestalt Schabracks. Auch Schabrack sollte bei seinen Worten ein wenig erzittern. Der Kunsthändler nahm gerade Sauce und schien ganz dieser Beschäftigung hingegeben. In diesem Augenblick bemerkte Filscher das Gesicht Fräulein Durlachers. Sie und Torner warfen sich einen einzigen Blick zu, der wie ein Funke zwischen zwei elektrischen Polen durch den Saal fuhr. Was war das? Was spielte zwischen den beiden? So hatte diese junge Dame ihn wirklich gestern in Torners Interesse aushorchen wollen? Er sah zu Sibylle hinüber, aber sie schien nichts zu bemerken. Oder hatte sie sich nur so fest in der Gewalt? Erich Torner – Fräulein Durlacher dachte er. Die Szene in seinem Büro stand vor ihm.

»Welche spanischen Meister habe ich genannt?« fragte er mit ruhiger Stimme zurück. »Ach so, Gil de Siloe und Juan Guas! Ich hätte auch noch Pedro de Mena nennen können. Diese Namen gingen mir nur gerade durch den Kopf, weil ich in den letzten Wochen einige Abbildungen aus der spanischen Gotik gesehen habe.« Er sagte es ganz leichthin und beschäftigte sich mit seinem Fisch.

»Ich liebe diese Zeit ganz besonders«, sagte sie.

»Lieben Sie auch die Arbeiten von Erich Torner?«

»Ach ja, in gewissem Sinne. Wie kommen Sie darauf?«

»Ich glaube, Sie müßten in einem ganz besonderen Verhältnis zu Torner stehen.«

»Das ist nicht so sehr der Fall«, sagte sie langsam.

»Ich dachte, daß Sie eine große Verehrung für ihn hätten.«

»Fragen Sie mich heute nicht nach Torner!« Das war wie in Angst herausgestoßen. Plötzlich veränderte sie ihre Stimme: »Weshalb haben Sie mich in den letzten zwei Wochen belauert?«

»Weil Sie mir gefielen«, sagte er und schämte sich gleich darauf der Banalität. Er fühlte die Wahrheit und die Lüge dieser Antwort und wurde rot.

»Das ist nicht wahr!« sagte sie. Er hörte ihr heftiges Atmen.

»Es ist nicht die ganze Wahrheit«, sagte er leise.

»Weshalb sagen Sie mir nicht die ganze Wahrheit?«

Er sah sich ängstlich nach der Dame auf seiner linken Seite um. Sie plauderte angeregt mit ihrem Tischherrn, einem Journalisten.

»Ich darf nicht!«

Ihre Hände lagen plötzlich still wie tote Vögel auf dem Tischtuch. Sie wagten sich nicht anzusehen. Was hatten sie sich gesagt? Vor Filschers innerem Blick stand plötzlich in merkwürdiger Ideenverbindung die Aussicht aus seinem Bürofenster. Berlin lag vor ihm, dieses Labyrinth der Geister. Ein dunkles Gelöbnis stieg in seiner Erinnerung auf. Das Ende eines Fadens hatte er packen wollen. Jetzt hielt er ihn in der Hand. Aber es war so ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Es war kein Triumph dabei, nur eine rätselhafte Beklemmung. Wußte dieses junge Mädchen alles? Ja, sie wußte alles! Und sie wußte zugleich, daß er dicht vor der Lösung des Rätsels stand. Sie hatte es schon gewußt, als er in dem Atelier ihres Vaters auftauchte. Sie hatte bemerkt, wie er vor dem Theater und an den Haltestellen der Elektrischen auf sie wartete.

In diesem Augenblick schlug Professor Ambrus an sein Glas, um den Jubilar im Namen der Akademie der Künste und Wissenschaften zu feiern.

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