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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 17
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
year
firstpub1930
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XVII

Dr. Hans Durlacher führte Sibylle Marcks die breite, mit einem roten Teppich belegte Treppe zu seiner Wohnung im alten Westen hinauf. Sie gingen schweigend nebeneinander her. An den Absätzen klirrte das Gitter des Liftschachtes leise, und der Klang zitterte zur Höhe hinauf. Löwenköpfe aus Messing hielten an Gehängen eine dicke Schnur aus rotem Samt, die sich wie eine Schlange ringelte. Die Marmorbekleidung blinkte wie unter Wasser, das darüber zu rieseln schien. Die Etagentüren standen dunkel aus geschnitzter Eiche wie die Portale alter Dome im Halbdunkel der diskreten Treppenbeleuchtung.

»Wir hätten doch den Fahrstuhl nehmen sollen«, sagte er.

Sie schüttelte den Kopf. Er merkte, daß sie die allzu große Nähe in einem so kleinen Raum mit ihm vermeiden wollte. Weshalb eigentlich? Er würde sie nicht anrühren. Diese Sibylle gehörte für ihn in das Reich traumhafter Entrücktheit. Er war nicht einmal glücklich darüber, daß sie in seiner Nähe war. Eigentlich durfte sie nicht aus der Ferne entlegener und unwirklicher Jahrhunderte heraustreten. Es beruhigte ihn, daß sie jeden Abend auf der Bühne stand. Bühne, das war jenseits der Wirklichkeit. Man bedurfte eines Glases, um ihre Züge aus der Loge zu erkennen. Man konnte sie betrachten wie einen fernen Baum oder wie ein kleines Tier, das man im Okular über ein Felsplateau huschen sieht.

Im Grunde wunderte er sich, daß Sibylle nach jenem Abend in der Weinstube nicht einfach aus seinem Leben verschwunden war. Zu seiner Überraschung hatte sie ihn wenige Tage später auf einer Postkarte gebeten, sich seine Sammlungen ansehen zu dürfen. So war sie bereits einmal nach dem Theater bei ihm gewesen, und sie hatten eine Stunde in dem großen Zimmer zusammengesessen, das er durch Herausbrechen einer Mauer gewonnen hatte. Gestern, als der Engel von dem Grabmal des Santiagoritters in diesem Zimmer aufgestellt worden war, hatte er sie eingeladen, die Neuerwerbung anzusehen. Wieder überraschte ihn ein wenig die Schnelligkeit, mit der sie ihren Besuch schon für diesen Abend in Aussicht gestellt hatte. Vielleicht war sie den Werken, die ihre Züge trugen, verbundener, als er ahnte.

Für ihn hatte sich die lebende Sibylle mit den toten Kunstwerken auf eine magische Weise verschmolzen. Ohne die Begegnung mit ihr hätte er sich niemals hinreißen lassen, über seine finanziellen Kräfte hinaus jenen wunderbaren Engel des Grabmals zu kaufen. Es war, als wäre durch sie seine Leidenschaft von den Nerven und dem Gehirn ins Blut übergegangen und hätte ihn zu jeder Torheit fähig gemacht.

Die Grenzen zwischen seinem Beruf und den einsam in der Wohnung verbrachten Abenden und Nächten waren ihm eingesunken. In seinem Büro hing er zwei präraffaelitische Bilder auf, und plötzlich begann er damit, Akten aus dem Dienstbetrieb mit nach Hause zu nehmen. Dann saß er an seinem Schreibtisch aus strenger Renaissance, umgeben von den Künstlerträumen romanischer, gotischer Jahrhunderte, und arbeitete, bis ihm die Feder aus der Hand fiel. Nie verrechnete er sich in solchen Stunden, wenn er schwierige Rechnungen auszuführen oder zu prüfen hatte. Unter dem Brodem seiner Gefühle und Gedanken funktionierte unbeirrbar der Zahlenmechanismus, der in irgendeinem Zellenkomplex seines Gehirns verborgen war. Er hörte früher auf, lesen als rechnen zu können. Wollüstig trank er den Zauber dieser Stunde ein. Schließlich brachte er jeden Tag Abrechnungen und schwierige Aufstellungen nach Hause mit. Seine unpoetische und dennoch phantastische Arbeit war ihm Ersatz für die an solchen Abenden schmerzlich vermißte Fähigkeit, schreiben zu können. Er fühlte genau, was er unter dem Licht der Moscheeampel, bei dem Duft der Räucherkerzen und der schweren Blume des dicken gelben Weins eigentlich hätte schreiben müssen. Ihm schwebte eine Mischung von d'Annunzio und Verlaine vor, etwas, das schwer und purpurn in einem Strombett aus Gold und Basalt dahinrann. Aber auch Lektüre, die er sich nach seinem Geschmack aussuchte, konnte ihn nicht derart befriedigen wie die Beschäftigung mit den Zahlen und Ziffern, die etwas Traumhaftes für ihn hatten und seltsame Symbole durcheinanderspielten. Gesetzmäßigkeiten kehrten immer wieder und zerstoben vor andern Gesetzmäßigkeiten. Es war ein Wogen und Gleiten von Kräften und Vorstellungen. Fünf waren die Finger einer Hand, sieben die Planeten. Legte man die andre Hand dazu, dann gab es plötzlich die Primzahl siebzehn. Welche Welten trennten sie von dreizehn etwa oder von dreiundzwanzig! Manche Zahlen schwammen über den dunklen Wassern ihres arithmetischen Aufbaus, hatten lange Wurzelenden in die Tiefe gesenkt. Manche wiederum stachen wie Korallenriffe heraus, aus einem Guß, hart und knöchern, nicht zu zerlegen. Solcher Art waren die Sensationen, die er erlebte.

Durch den Kauf des Engels hatte er sich mit einem Schlage aller Mittel entblößt und hunderttausend Mark Schulden gemacht. Eigentlich war ihm diese Angelegenheit eine Enttäuschung gewesen. Er hatte mit einem Schwanken seiner ganzen Existenz gerechnet. Als er aber einmal Zwingermann zugesagt hatte, die Summe von einem Tag auf den andern aufzubringen, da war der Geschäftsmann in ihm aufgesprungen, hatte die Situation klar ins Auge gefaßt und gerechnet. Das Auto und den Chauffeur konnte man aufgeben. Vierzigtausend Mark waren einfach dem Konto zu entnehmen. Das übrige erhielt man auf Wechsel, wobei ein beträchtlicher Teil durch hinterlegte Obligationen gedeckt war. In drei Jahren waren diese Wechsel zu begleichen. Das bedeutete, daß man kaum noch zweitausend Mark im Monat für sich hatte. Früher waren es fünftausend gewesen. Man mußte einen neuen Haushaltsplan machen, wenn von der Beschränkung nach außen nichts sichtbar werden sollte.

Es war nichts mit dem ungewissen Sprung ins Dunkle. In vierundzwanzig Stunden war alles bestens geordnet. Eigentlich war nichts geschehen. Die große Verwandlung war ausgeblieben. Und wer weiß, vielleicht konnte man den Engel in kurzer Zeit nach Amerika um das Doppelte verkaufen und so jenen Zauberbann brechen, der ihn mit diesem jungen Mädchen verband.

Ah! machte Sibylle unwillkürlich, als sie den Raum betrat. Ein handschmiedeeiserner Lettner aus einer Renaissancekapelle war vor die weiße Marmorfigur gestellt. Dahinter stieg der Engel als weiße kühle Flamme vom Boden auf, schwebte über einem weiten Trümmerfeld, totenernst, nicht klagend und nicht getröstet, nicht vernichtet und nicht jubilierend, einfach mit seinem großen beschwingten Ausdruck, der voller Rätsel war wie der Tod, vor dem er die Wache hielt. In der Ecke brannte eine kleine »ewige Lampe«. Ihr rotes Licht floß wirkungslos von dem Marmorkörper ab, kaum einen rötlichen Schimmer auf den Schultern zurücklassend.

»Verzeihen Sie,« flüsterte Sibylle, »ich möchte mit diesem Engel einige Minuten allein sein. Nur einige Minuten!«

»Gewiß!« sagte Dr. Durlacher und ging leise hinaus. In der Tür warf er einen flüchtigen Blick zurück. Sibylle stand mit gefalteten Händen. Sie sah aus, als ob sie im nächsten Augenblick niederknien würde. Seine Hand zitterte leise auf der Türklinke. Sibyllens Bitte hatte ihn überrascht. Wieder empfand er den magischen Zusammenhang zwischen ihr und diesen gotischen Werken. Es ging wie ein Rätsel zwischen ihr und dem Marmor hin und her. Das war wie unsichtbare elektrische Ströme. Mit vollkommener Deutlichkeit sah er sie in Gedanken vor sich, wie sie vor dem Engel kniete und mit den Lippen seine Füße berührte. Er hätte durch das Schlüsselloch sehen können. Er tat das manchmal, um in einer Art Selbsttäuschung von draußen einen gewissermaßen verstohlenen Blick auf seine Schätze zu werfen. Man konnte durch das Schlüsselloch gerade die Marmorfigur erkennen. Aber er wandte sich ab, um nicht der Versuchung zu erliegen.

Es konnte nur einige Augenblicke gewesen sein, als Sibylle die Tür öffnete. »Ich danke Ihnen«, sagte sie mit einer freien und natürlichen Stimme. »Dieser Engel ist wunderbar!« Sie machte Anstalten zu gehen.

Erschrocken hielt er sie zurück. Er hatte in der Nische, dort wo sie vor wenigen Tagen zusammengesessen hatten, eine Platte herrichten lassen und selbst das Porzellan dazu ausgesucht. »Ach!« rief sie entzückt aus.

»Es stammt aus dem Besitz des Herzogs von Leuchtenberg. Sie werden ihn als Eugen Beauharnais und Stiefsohn Napoleons kennen.«

»Entschuldigen Sie die dumme Frage: Sind diese Sachen nun schöner dadurch, daß sie aus einem solchen Besitz stammen, oder spielt da eine Art Snobismus hinein?«

Er lächelte. »Es ist doch immerhin ein eigenartiges Gefühl, sich der Teller einer historischen Persönlichkeit zu bedienen. Haben Sie keinen Sinn dafür?«

»Offen gestanden, nein. Ich würde nur Sachen um mich dulden, zu denen ich ein ganz persönliches Verhältnis habe.«

»Aber Sie selbst haben soeben bei dem Engel des Gil de Siloe einige Minuten der Weihe verbracht!« Er hob sein Glas.

Auch sie befeuchtete mit dem schweren Wein ihre Lippen, gab aber die feindliche Haltung nicht auf. »Es interessiert mich nicht, daß diese Statue von Gil de Siloe ist. Sie hat eine starke Beziehung zu meinem Leben, sie ist mir ähnlich. Vielleicht bin ich oder meine Mutter das vor fünfhundert Jahren gewesen, die dem Künstler diesen Gedanken eingab. Vielleicht habe ich als kleines Mädchen dabei gesessen, wie dieser Schöpfer meine Mutter oder mich abbildete.«

»Die Werke, die Ihnen ähnlich sehen, erstrecken sich immerhin auf mehrere Jahrhunderte«, warf er lächelnd ein.

»Gerade deshalb«, rief sie aus. »Vielleicht habe ich in diesen Jahrhunderten immer wieder auf der Erde gelebt und bin immer wieder gekommen. Und der Bildhauer auch. Vielleicht kommen wir auch jetzt immer noch alle hundert Jahre auf die Erde, und das Spiel wiederholt sich von neuem.«

Durlacher sah sie einigermaßen fassungslos an. »Glauben Sie an Seelenwanderung?« fragte er. Seine Frage klang so komisch, daß sie lachen mußte.

»An Seelenwanderung? Ja, vielleicht glaube ich daran.« Sie lenkte ab und nahm noch einmal von der Fischmayonnaise. »Entzückende Sachen haben Sie hier, Eugen Beauharnais' würdig!«

Er bemerkte mit einiger Überlegenheit, daß die kleine Schauspielerin nicht verwöhnt war. Der Imbiß war schon auf seinen Zweitausendmark-Etat zugeschnitten, und ihm selber machte das Zulangen wenig Freude, da er an die französischen Sardinen, den Kaviar und die vollfleischigen Hummern dachte, die alle auf dieser Platte fehlten. Die Langusten aus der Adria machen es doch nicht, stellte er gerade bei sich fest.

»Verzeihen Sie,« fing Sibylle wieder an, »von wem haben Sie eigentlich Ihre heilige Katharina und diesen Engel gekauft?«

»Weshalb wollen Sie das wissen?«

»Nur so, aus Neugierde. Es interessiert mich, welche Kunsthandlung solche fabelhaften Sachen auf den Markt bringt.«

»Die Katharina von Zwingermann. Haben Sie den Namen schon gehört?«

»Zwingermann? Nein!«

»Und den Engel habe ich von Schabrack gekauft. Allerdings durch Zwingermanns Vermittlung.«

»Schabrack? Ja, der ist bekannt. Und, wenn ich fragen darf, was zahlt man für solche Kunstwerke? Verzeihen Sie diese indiskrete Frage, aber es interessiert mich brennend.«

Er sah sie erstaunt an. »Wenn Sie es wissen wollen: für die Katharina habe ich seinerzeit sechstausend Mark gezahlt, und für den Engel –,« er machte eine kleine Pause, während der er sich nochmals überlegte, ob er den Preis sagen sollte, »für den Engel habe ich fünfunddreißigtausend Dollar gegeben.«

»Das ist viel Geld«, sagte sie ganz ruhig.

Er ärgerte sich, daß diese Summe so wenig Eindruck auf sie zu machen schien. »In der Tat, es ist viel Geld.«

»Fast einhundertfünfzigtausend Mark! Glauben Sie, daß diese Statue das wert ist?«

»In diesen Dingen kann man nicht von Wert sprechen«, sagte er. »Die Sachen haben ihren Preis. Man zahlt sie oder man zahlt sie nicht. Der Engel war für vierzigtausend Dollar fest verkauft. Der Käufer konnte das Geld nicht auftreiben und trat zurück. Auf diese Weise erhielt ich das Werk.«

»Könnten Sie es ungefähr für denselben Preis weiterverkaufen?«

»Ich glaube, daß ich einmal sehr viel Geld damit verdienen werde.«

»Und wenn es sich hier – um eine Fälschung handeln würde? Sind Sie ganz sicher, daß diese Statue ›echt‹ ist?«

»Hervorragende Kenner halten sie jedenfalls für echt.«

»Natürlich wird sie echt sein«, sagte Sibylle und erhob sich. »Jetzt muß ich aber endlich nach Hause fahren.«

»Schade«, sagte er, obwohl es ihm nicht einmal unangenehm war, daß sie ging. Er bangte sich nach Einsamkeit. Er würde den Lettner öffnen und die Statue betrachten, vielleicht eine, vielleicht drei Stunden. Und er würde dabei an Sibylle denken, viel intensiver als jetzt, da sie da war.

In diesem Augenblick ging das Telephon. Es war ungewöhnlich, daß man ihn um diese Zeit noch anrief, immerhin kam es vor. Man wußte, daß er meist bis zum Morgengrauen auf war. Er hob den Hörer.

Seine Schwester Hildegard war es. »Du bist noch auf, das ist gut. Ich wollte dir nur etwas über deinen Engel von dem spanischen Grabmal mitteilen.«

»Bitte!«

»Hast du ihn fest gekauft?«

»Ja!«

»Dann sieh zu, daß du ihn sofort weitergibst. Es ist eine Fälschung!«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich weiß es!«

»Hast du vielleicht mit Bock gesprochen?«

»Nein, nicht mit Bock, mit jemand anderem. Verlaß dich darauf: der Engel ist gefälscht!«

»Kannst du mir nicht irgendeine Andeutung machen?«

»Nein, das kann ich nicht, und ich werde es nie können. Durch einen Zufall, einen ungeheuer seltsamen Zufall bin ich in den Besitz dieses Geheimnisses gekommen. Ich kann dir nichts Näheres sagen.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Vielleicht war es dumm von mir, dich anzurufen. Aber ich wollte dich vor Schaden bewahren.«

»Dazu ist es in diesem Falle zu spät.«

»Wenn du energisch bist, kannst du den Kauf rückgängig machen.«

»Nicht, ohne daß du mir einiges Material gibst. Aber ich vermute, daß du nur Verdachtsmomente hast.«

»Sehr starke Verdachtsmomente!«

»Ich glaube es nicht!«

»Das konnte ich mir denken. Also denn: Gute Nacht!«

»Kannst du mir wirklich nichts Näheres sagen?«

»Nein!«

»Dann also: Gute Nacht!« Er hängte ab.

»Was ist Ihnen?« fragte Sibylle erschrocken. Sie sah, daß er kreidebleich geworden war und dicke kalte Tropfen ihm auf der Stirn standen.

»Olala«, sagte er mühsam und versuchte, sich zu setzen, blieb dann aber doch stehen. »Es war jemand am Telephon!«

Sie goß ein Glas Wasser ein und reichte es ihm. »Kann ich etwas für Sie tun? Soll ich einen Arzt holen?«

Er wehrte ab. Die Depression war vorüber. »Es ist nicht so schlimm. Mir sagte nur jemand etwas ganz Merkwürdiges.«

»Wollen Sie es mir sagen?«

»Ja, ich kann es Ihnen sagen. Aber es ist natürlich Unsinn. Mir sagte jemand am Telephon, daß die Statue eine Fälschung ist. Denken Sie!«

Es schien sie nicht im mindesten zu berühren. Wahrscheinlich konnte sie die Tragweite dieser Mitteilung gar nicht ermessen. Vielleicht war es der Ausdruck seines Gesichts, der sie schließlich doch erschreckte. Sie ließ das Glas, das sie in der Hand hatte, fallen. Es gab auf dem Teppich einen kurzen dumpfen Ton.

»Ich dumme Gans!« rief sie aus. »Nun habe ich Ihnen das schöne Glas zerschlagen.«

»Ach, das Glas!« sagte er. »Aber wenn die Statue nun wirklich unecht ist!«

»Hat man Ihnen Beweise gegeben?«

»Nein! Meine Schwester war am Telephon. Durch einen seltsamen Zufall wäre sie hinter das Geheimnis gekommen.«

»Und Sie glauben ihr?«

»Nein, ich glaube ihr nicht. Es muß ein Mißverständnis sein.«

Sibylle trat vor die Ecke. Die ewige Lampe glühte auf dem Rankenwerk des Lettners, und dahinter lohte als weiße kalte Flamme der wachende Engel. Durlacher war hinter sie getreten und faßte in der Erregung nach ihrer Hand.

»Und wenn es nun gefälscht wäre?« sagte sie. »Wenn nun ein lebender Künstler dieses geschaffen hätte! Wäre es Ihnen dann weniger wert?«

»Es wäre nichts wert!« gab er zur Antwort.

Er verstand nicht, was an seinen Worten komisch sein konnte. Aber Sibylle fing plötzlich an zu lachen. Er sah sie erstaunt an. Es war ein ganz seltsames Lachen, das er nicht zu deuten wußte.

Auf einmal hielt sie ein. »Ich muß jetzt gehen!«

»Bleiben Sie noch ein wenig hier!« Es war ihm unerträglich, in dieser Stunde allein zu sein.

Sie schüttelte den Kopf.

»Wir wollen noch über den Engel plaudern. Sie lieben ihn doch! Wissen Sie, da war ein großes Grabmal des Hochmeisters von dem Santiagoritterorden.«

»Hören Sie doch auf damit! Was geht mich dieser Ritterorden an! Die Statue ist erschütternd!«

»Nicht wahr? Sie kann einfach nicht unecht sein!«

Es sah aus, als ob sie wieder auflachen wollte. Aber sie hielt ein und herrschte ihn an: »Bringen Sie mich hinunter!«

Er griff nach den Schlüsseln in der Tasche und öffnete die Tür. Auf einmal fühlte er, daß sie nicht wiederkommen würde. Es war wie ein Abgrund zwischen ihnen aufgerissen. Er mußte etwas gesagt haben, was sie bis auf den Tod verletzte. Er wußte nicht, was es sein konnte. Sie ging vor ihm die Treppe hinunter, er wagte nicht zu sprechen.

Als er die Haustür aufgeschlossen hatte, neigte sie nur schweigend den Kopf und eilte davon.

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