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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 13
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
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XIII

Es konnte zunächst gar nicht lange genug dauern, bis sie herauskam. Die Gedanken arbeiteten gegen- und durcheinander. Wie es aber auch sein mochte, er hatte das Ende des einen Fadens gepackt. Vielleicht schlang dieser Faden sich um den ganzen Erdball, aber er würde ihn nun nicht mehr loslassen. Tausend Vorstellungen kamen und gingen. Tolle Situationen bauten sich vor dem Auge auf. Am Ende sah er sich immer Erich Torner gegenüber. Sie standen in drohender Haltung voreinander. Eine Situation auf Leben und Tod!

Die Dame kam noch immer nicht. Vielleicht würde es Stunden dauern. Es war gleichgültig. Auch wenn man hier stand, sauste man in rasender Fahrt vorwärts. Die Massen waren ins Gleiten gekommen.

Endlich sah er sie zur Tür heraustreten. Sie ging zu der Haltestelle der Elektrischen. Er folgte ihr, und als sie in den Wagen stieg, sprang er schnell nach. Wenn er sich hinten in den Gang gegen die Außentür stellte, konnte er ihr ins Gesicht sehen. Die Züge hatten sich ihm eingeprägt. Jeden einzelnen Teil verglich er nach dem Gedächtnis mit den merkwürdigen Skulpturen. Nach zwanzig Minuten stieg sie aus. Er folgte ihr nach links in die kleine Nebenstraße. In einem dieser Mietshäuser würde sie wohnen. Er ging auf die andere Seite hinüber, um nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen, mußte aber gleich wieder zurückkommen, weil sie in einer Haustür verschwand. Er zog die Portierglocke. Die Tür tat sich auf. Oben auf der Treppe hörte er noch ihren Schritt.

»Zu wem wollen Sie?« fragte die Portiersfrau.

Es war ein unvermutetes Hindernis. Er machte mechanisch einige Schritte vorwärts und hoffte, daß die Frau ihn in Ruhe lassen würde. Aber sie wiederholte ihre Frage dringlicher und fast schon schreiend. Was sollte er tun? Sich schwerhörig stellen, fiel ihm ein. Aber die Frau kam aus ihrer Koje heraus und pflanzte sich mit eingestemmten Armen auf.

»Ich will zu der Dame, die eben hier durchging,« sagte er verlegen, »aber ich komme im Augenblick nicht auf den Namen.« Er zog ein Portemonnaie aus der Tasche und holte eine Mark heraus.

»Ach so,« sagte sie, »zu Frau Velten wollen Sie.«

»Ja, zu Frau Velten.«

Draußen war ein Auto vorgefahren. Ein junges Mädchen stand vor der Haustür, schloß auf und kam herein. Noch vor den letzten Worten hatte Günther Filscher sie durch die Glasscheibe gesehen. Der Ähnlichkeit nach mußte es eine Tochter der Dame sein. Ohne die Mutter hätte er sie sogar für das Urbild der spanischen Skulpturen halten können. Jetzt freilich bemerkte er mit seinem geübten Auge die Unterschiede.

Sie war schon näher gekommen, als die Portiersfrau den Namen Velten rief. »Ach so, zu Frau Velten wollen Sie!« Das junge Mädchen mußte diese Worte gehört haben. Natürlich hatte sie sie gehört.

»Fräulein Marcks, dieser Herr will zu Ihnen«, sagte die Frau.

»Zu mir?« fragte Fräulein Marcks verwundert. Sie sah den jungen Mann erstaunt an.

»Verzeihen Sie, ich wollte zu Frau Velten.«

»Das ist meine Mutter!«

»Aber hier wurde doch eben ein andrer Name genannt!« stammelte er.

»Sie wollen jedenfalls zu Frau Velten?« sagte das junge Mädchen mit ein wenig strenger Stimme.

»Ja – nein – ich weiß nicht. Es ging eine Dame hier herauf.«

Fräulein Marcks streifte ihn nochmals mit einem verwunderten Blick, kehrte sich ab und ging die Treppe hinauf. Es war eine peinliche Situation. Auch die Portiersfrau stand ratlos. Sie wußte nicht, ob sie nun ihre Mark erhalten würde.

»Ich habe mich wohl geirrt«, sagte er, drückte der Frau das Geldstück in die Hand und ging rasch hinaus.

Draußen konnte er seine detektivischen Fähigkeiten belächeln. Der Zufall hatte ihm eine Portiersfrau zugespielt, und er begnügte sich damit, ihr ein Trinkgeld zu geben. Er hätte mit der jungen Dame die Treppe hinaufgehen müssen. Irgend etwas wäre ihm eingefallen. Er besaß zum Beispiel einen kleinen Taschenspiegel. Er konnte vorgeben, ihn auf der Treppe zu Torners Atelier gefunden zu haben. Das ergab einen Anknüpfungspunkt. Man würde sich über Torner unterhalten. Er malte sich die Szene aus. Es war nur nötig, umzukehren und sich bei Frau Velten melden zu lassen.

Vielleicht würde ihm das hübsche junge Mädchen aufmachen! Sie würde annehmen, daß er einen Vorwand suchte, um sich ihr zu nähern. Er würde in die Erde sinken vor ihrem Lächeln, aber er würde sie wiedersehen oder jedenfalls mit ihrer Mutter einige Worte sprechen. Es konnte mit ein paar Sätzen alles abgemacht werden. Vielleicht entdeckte er bei dieser Gelegenheit etwas Wichtiges in der Wohnung. Es konnte zum Beispiel ein Bild dort hängen, etwas aus dem »Fund von Cati«. Diese Frau Velten, oder wie sie hieß, als Sibylle oder heilige Katharina.

Er drehte wirklich um und ging zur Haustür zurück. Er schämte sich vor der Portiersfrau. Ihr breites Gesicht mit der grauen Haarsträhne wurde nur für einen Augenblick hinter der Scheibe der Portierswohnung sichtbar und verschwand wieder. Er stieg die mit einem billigen Läufer belegten Treppen in die Höhe. Geschmacklose Figuren kehrten in den Fenstern immer wieder: zwei Frauen, die sich mit Kornähren bekränzten. Aber die Ähren waren ganz deutlich Würste. Endlich fand er das Messingschild: Velten. Noch immer konnte er hinuntergehen, aber er zog schnell die Glocke. Den kleinen Taschenspiegel steckte er aus der Brusttasche des Anzugs in die Manteltasche, um ihn bereit zu haben. Hinter der Tür hörte er Bewegung.

Eigentlich kam es ihm erst jetzt zum Bewußtsein, weshalb er hier war. Hinter dieser Tür barg sich das Geheimnis einer der ungeheuersten und raffiniertesten Kunstfälschungen. Vielleicht trat er wie ein Verhängnis in die Wohnung ein, und die Glocke, die er innen schrillen hörte, war ein Unglückssignal für die Bewohner. Das junge Mädchen von der Treppe machte ihm auf.

»Verzeihen Sie,« fing er umständlich an, »Ihre Frau Mutter war vorhin bei Herrn Professor Torner.«

»So?«

»Ja, ich sah sie dort die Treppe in die Höhe gehen. Ich kam nämlich gerade von Torner. Ich war bei ihm gewesen. Ich hatte etwas mit ihm zu besprechen. Ich bin nämlich Kunsthistoriker.« Es schien ihm richtig, möglichst viel von sich und seinen Beziehungen zu Torner einzuflechten. Auf einmal fiel ihm ein, daß er sich vorstellen mußte. »Mein Name ist Filscher, Dr. Günther Filscher.«

»Ja, und was wünschen Sie?«

»Ich sah, als ich fortging, Ihre Frau Mutter die Treppe in die Höhe gehen, und gleich darauf fand ich diesen kleinen Spiegel. Ich nahm ihn aus Neugierde an mich. Nachher erkannte ich Ihre Frau Mutter in der Elektrischen wieder. Ich dachte, daß dieser Spiegel ihr gehören könnte.«

Die junge Dame nahm das kleine Ding und betrachtete es. »Ich kann mich nicht erinnern,« sagte sie und rief dann mit lauter Stimme: »Mutti, komm doch bitte einmal heraus!«

Frau Velten kam durch den Flur gegangen. Es war ein seltsam beklemmendes Gefühl, dieser Frau so nahe gegenüberzustehen. Dr. Filscher wiederholte umständlich seinen Bericht über das Zusammentreffen auf Torners Treppe.

»Der Herr will wissen, ob dir dieser Spiegel gehört«, unterbrach das junge Mädchen ungeduldig.

»Nein, den Spiegel kenne ich nicht.«

Frau Velten war ein wenig verlegen. Sie hatte das Gefühl, daß man hier noch einige Höflichkeiten austauschen müßte. Aber ihre Tochter unterbrach sie.

»Haben Sie vielen Dank«, sagte sie kurz. »Das Ding muß jemand anderem gehören.«

Es war Zeit für ihn, eine Verbeugung zu machen und zwei Schritte zurückzutreten. Die Tür schloß sich hinter ihm. Er ging die Treppe hinunter. Eigentlich hatte er nichts erreicht, aber er kannte jetzt wenigstens den Namen Velten. Man mußte einen von den Kunstreferenten der großen Zeitungen fragen. Die kannten jeden Klatsch in der Künstlerwelt.

Es war etwa fünfzehn Uhr geworden. Wenn er ins Romanische Café ging, würde er Bekannte treffen, die ihm über Torner und Frau Velten Auskunft geben konnten. Vielleicht rief er auch auf der Museenverwaltung an. Er ging über die Augsburger Straße, dann an der Gedächtniskirche vorüber. Vor dem Café kaufte er eine Mittagszeitung, knüllte sie in die Tasche und trat ein. Wegen der frühen Stunde waren erst wenige Menschen anwesend. In einer Ecke saß der Kunsthändler Zwingermann mit einer merkwürdigen Frau in grauen, fast männlichen Reisekleidern. Ihr Haar war ungewaschen, man konnte nur schwer seine Farbe erkennen. Zwingermann! Richtig, er hatte zu Zwingermann gehen wollen, um ihn etwas zu fragen. Als er den Mokka bestellt hatte, ging er an dem Tisch vorüber, grüßte und berührte den Kunsthändler bei der Schulter.

»Ach verzeihen Sie, Herr Zwingermann. Ich wollte Sie etwas fragen. Sie saßen doch neulich im Café Elsenheim mit Herrn Schabrack und noch einem Herrn zusammen. Besinnen Sie sich?«

»Cafe Elsenheim? Mit Schabrack? Ich weiß nicht.«

»Vorgestern nachmittag um siebzehn Uhr etwa«, versuchte er einzuhelfen.

»Richtig, da saß ich mit Schabrack und einem Herrn zusammen. Schabrack sagte aber keinen Ton. Schabrack redet nie im Café.«

»Ich möchte gern wissen, wer dieser andere Herr war, mit dem Sie zusammensaßen. Ich glaubte ihn nämlich zu kennen, besinne mich aber nicht.«

Zwingermann nahm den Ausdruck angestrengtesten Nachdenkens an. Nur an seiner Hand, dieser kleinen fleischigen Pantherklaue, bemerkte Filscher zu seiner Verwunderung, daß Zwingermann nervös war. Weshalb regte sich der Kunsthändler auf?

»Ich weiß, daß dieser Herr eine Dame kennt, deren Namen ich gern wüßte«, sagte er. Nach Frauen zu fragen, machte einen beruhigend harmlosen Eindruck.

Zwingermann lächelte. »Richtig, er sprach an dem Nachmittag mit Gitta Streicher. Meinen Sie die?«

Filscher kannte Gitta Streicher dem Namen nach. »Ich meine noch eine andere Dame«, sagte er. »Aber wer war der Herr, mit dem Sie zusammensaßen?« Er ahnte nicht, daß gerade Sibylle Marcks in jener Minute mit Frau Streicher zusammen gewesen war.

»Der Herr? Das war der Bankier Durlacher, Sohn von Düsen & Durlacher.«

»Danke, nun weiß ich Bescheid. Ich kenne ihn von einer Gesellschaft her. Man vergißt in Berlin so leicht.«

»Bitte schön, Herr Doktor.«

Sie trennten sich. Filscher schob sich zum Zeitungsständer vor. Es sollte so aussehen, als wenn er zufällig an Zwingermanns Tisch vorbeigekommen wäre. Er kramte zwischen den Blättern. Dann fiel ihm ein, daß er die Mittagszeitung noch zu lesen hatte. Der Kellner hatte den Mokka auf seinen Platz gestellt. Filscher setzte sich nieder. Er hätte gern mit jemandem über Erich Torner gesprochen. Zwingermann fragte man wohl am besten nicht mehr. Da saß der Maler Veith und rührte in der Kaffeetasse. Der würde ihm jede Auskunft geben können. Er wollte noch einen Blick in die Zeitung tun und sich dann zu Veith setzen.

Er schlug die Zeitung auseinander. Auf einmal fiel sein Blick auf eine kleine Notiz. Was war das für eine seltsame Sache? Er las:

»Der Brand der Kapelle Sancta Maria in der Scharte bei Haßfurt (Unterfranken) hat erneut die Aufmerksamkeit auf jene wundervolle Madonna gelenkt, die sich in der Sakristei der völlig eingeäscherten Kapelle befand und wie durch ein Wunder gerettet wurde. Es handelt sich hier um eines der kostbarsten Monumentalwerke der fränkischen Gotik aus dem 13. Jahrhundert. Wie wir erfahren, wurde die Plastik, die den Vergleich mit den größten Bildwerken jener Zeit aushält, von einem holländischen Sammler erworben.«

Hatte Zwingermann nicht einen forschenden Blick zu ihm herübergeworfen? Er nahm sich zusammen, um keine Überraschung merken zu lassen. Er zündete sich mit einem ruhigen Lächeln die Zigarette an. Das, was er da soeben gelesen hatte, das war doch das Rezept, nach dem der Fund von Cati in den Kunsthandel gebracht worden war? Hatte man schon jemals von einer Madonna in der Kapelle Sancta Maria in der Scharte gehört?

Merkwürdig! dachte er und faltete das Zeitungsblatt zusammen. Plötzlich durchschüttelte ihn wie ein Fieberschauer die Gewißheit, daß die Fälscherzentrale sich in Berlin befand. Erich Torner, dachte er. Ahnte der Betrüger nicht, daß sich das Netz um ihn zusammenzog?

Aber wie sollte er es ahnen? Noch hatten die Beteiligten, noch hatten der Geheimrat, Professor Ambrus und er zu niemandem ein Wort gesprochen. Noch ahnte niemand, daß der »Fund von Cati« seit Wochen Gegenstand minutiöser Untersuchungen war. Das war wie zwei Welten verschiedener Dimensionen, die sich schattenhaft nebeneinander entwickelten, ehe sie sich krachend ineinanderschoben.

Als er aufstand und seinen Mantel anzog, sah er plötzlich zum Greifen deutlich das Gesicht des jungen Mädchens vor sich und fühlte mit einem seltsam süßen Erschrecken, daß sich die Ereignisse irgendwie um ihre Person drehten. Es war wie die Berührung ihrer Schatten ganz tief in einem Grunde, über dem sie getrennt standen.

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