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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 12
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authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
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XII

Als Dr. Filscher am Morgen sein Büro betrat, leuchtete das Rufzeichen des Geheimrats auf.

Es handelte sich um jenes Bild Erich Torners, das die Stadt gewissermaßen zum Auftakt des fünfzigsten Geburtstages des Meisters angekauft hatte.

»Ich bin in der Angelegenheit um meinen Rat gebeten worden«, sagte der Geheimrat. »Gehen Sie doch bitte einmal zu Torner und erkundigen sich, was mit dem Bild los ist. Es gibt nämlich Fälle, daß ein Maler ein Bild zweimal malt und nachher nicht recht mit der Sprache heraus will.«

»Sehr wohl, Herr Geheimrat.«

»Ihr Bericht hat Zeit bis morgen. Was Neues mit diesen spanischen Plastiken?«

»Nein.«

Als Filscher am Rüdesheimer Platz die Treppen zu dem Atelier in die Höhe stieg, hatte er Herzklopfen. Erich Torner war für ihn der größte lebende Maler unter den jüngeren Deutschen. Eine Gestalt, wie es sie seiner Ansicht nach seit den großen Impressionisten nicht mehr gegeben hatte. Einmal würde alles bedeutungsvoll sein, was mit ihm in irgendeiner Verbindung stand, fühlte er. Vielleicht würde er selber einmal, in dreißig Jahren etwa, von diesem Besuch in einer Zeitung berichten.

Die Reinmachefrau öffnete die Tür. Günther Filscher gab seine Karte ab. Erich Torner kam selbst im Schlafrock heraus. »Entschuldigen Sie meinen Aufzug!« sagte er. Auch in diesem merkwürdigen Kostüm bewahrte er seine Haltung. Das Haar war energisch zurückgestrichen. Die kleine Schnurrbartbürste funkelte von Brillantine. Die Worte waren wie das harte klare Profil. »Sie trinken eine Tasse Mokka mit mir!« kommandierte er. Er kommandierte immer ein wenig, aber in der lässigen Art eines Gardekavalleristen.

Das Atelier war mit einem farblosen Licht erfüllt. Es schrie förmlich nach Farbe. In der Mitte stand die Plastik, an der Torner gerade arbeitete. An den Wänden erkannte Filscher die Skizzen zu dem bekannten Gemälde in der Akademieausstellung. An der Seite war das Atelier durch einen langen weißgrauen Vorhang abgeteilt. Dahinter ist etwas verborgen, mußte Filscher sofort denken. Er brannte darauf, einen Blick hinter diesen Vorhang zu tun.

»Sie sind der Assistent des Geheimrats von Bock«, begann Torner mit einer Höflichkeit, deren Ernst ein wenig nach Ironie schmeckte, »und demgemäß kommen Sie wegen meines Porträts der Erma Lent.«

»Ja,« gab Filscher zu, »Geheimrat von Bock hat mich beauftragt, Ihre Meinung über dieses Bild einzuholen. Es wurde behauptet, daß es sich um eine Fälschung handelte. Man will im Magistrat einen Fall daraus machen.«

»Leider handelt es sich hier um keinen Fall«, sagte Torner lächelnd. »Die Stadt hat ein richtiges Bild von mir gekauft: mein Porträt der Tänzerin Erma Lent.«

»Aber dieses Bild soll noch einmal existieren. Handelt es sich dort um eine Fälschung?«

»Dann müßte ich selbst den Beruf eines Kunstfälschers ausüben. Das Bild ist zweimal von mir gemalt worden.«

»Davon wußte man nichts.«

Torner ging an den Schreibtisch und holte ein Blatt Papier heraus. »Hier habe ich eine Erklärung an die Presse aufgesetzt.«

Filscher las. Torner bekannte darin, das Bild zweimal gemalt zu haben: Ein Berliner Kunstsalon hatte eine Ausstellung von ihm vorbereitet. Sein bestes Gemälde, eben dieses Porträt, befand sich damals in London. Die Rücksendung verspätete sich. Der Maler wie der Aussteller wollten gerade dieses Bild nicht missen, und so setzte sich Torner kurz entschlossen an die Staffelei und malte das Bild aus dem Gedächtnis noch einmal. Es war natürlich ein Experiment, dessen Gelingen nicht feststand. Merkwürdigerweise gelang es. Die zweite Fassung war sogar die bessere.«

»Und diese zweite Fassung hat die Stadt gekauft?«

»Ja, die zweite bessere Fassung.«

»Ich sah das Porträt vor einigen Tagen in der Kunsthandlung Schabrack. War das die zweite Fassung, die die Stadt angekauft hat?«

»Schabrack? Jawohl, das ist die zweite Fassung gewesen. Die erste Fassung befindet sich in Privatbesitz.«

»Der Besitzer weiß aber, daß Sie das Bild noch einmal gemalt haben?«

Torner lächelte. »Der Besitzer hat an dem Objekt, glaube ich, ein starkes Interesse. Wenn er Wert darauf legen sollte, würde ich das Bild selbstverständlich zu dem gleichen Preise zurücknehmen. Die Stadt jedenfalls hat das endgültige und besonders gelungene Bild gekauft. Oder halten Sie meine Handlungsweise für inkorrekt?«

»Wenn Sie dem Besitzer anbieten, das Bild zurückzukaufen, nicht!«

»Ich bedauere, daß das Gerede entstanden ist. Eine kurze Anfrage bei mir hätte genügt, um die Sache aufzuklären.«

Es war merkwürdig, aber Filscher glaubte nicht daran, daß Torner sein Bild zweimal gemalt hatte. »Wußte der Kunsthändler, bei dem Sie das Porträt in Berlin ausstellten, daß es nicht dasselbe Bild war, das in London hing?«

»Nein, der Kunsthändler wußte nichts davon. Er wollte durchaus das Bild haben, und so malte ich es zum zweitenmal, da ich das Original nicht aus London erhalten konnte.«

Torner schien sich für die Frage nicht mehr zu interessieren. Er arbeitete an seiner Kaffeemaschine und reichte dem Besucher eine kleine Tasse herüber. »Trinken Sie bitte«, sagte er. »Ich bin morgens kein Mensch, wenn ich nicht die gehörige Portion Koffein im Magen habe. Übrigens hat es wenig Zweck, daß Sie mich ausfragen. Systeme sind bei mir immer geschlossen und bis auf den letzten Punkt durchdacht. Selbst wenn ich lügen sollte, würde die Wahrheit nie herauskommen. Aber ich habe das Bild in der Tat zweimal gemalt. Natürlich ist mir die Geschichte peinlich. Sie verstehen. – Was halten Sie von meiner Plastik da?« Das alles war leichthin und wie zum Scherz gesagt.

In diesem Augenblick ging das Telephon draußen. Man hörte, wie die Aufwartefrau antwortete.

»Einen Augenblick«, sagte Torner, horchte und ging hinaus.

Günther Filscher sah sich allein in dem großen Raum. Sein Blick überflog die Wände, die fünf oder sechs Bilder daran, die Skizzen zu dem bekannten Akt mit dem verhüllten Kopf. Von draußen kam Torners Stimme. Es gab dort eine längere Auseinandersetzung. Zum Greifen nahe bauschte sich der Leinenvorhang mit den gerafften Falten. Was ist hinter ihm verborgen? Nichts wahrscheinlich, ein Waschtisch, ein Haufen Modellierton, alte Paletten. Oder doch ein Geheimnis? Draußen ging das Gespräch weiter. »Wenn ich es dir doch sage!« beschwor Torner offenbar einen Zudringlichen. Dann hörte er wieder zu, warf nur sein kurzes »Ja – ja« dazwischen.

Auf einmal stand Filscher auf, ging vor dem Vorhang auf und ab, zwei-, dreimal, und dann schob er ihn beiseite. Das Gespräch draußen war in vollem Gange. Torner hatte gerade das Wort ergriffen. Hinter dem Vorhang war es dunkel. Man mußte ihn hochheben, um etwas sehen zu können. Jetzt! Eine Staffelei stand da und ein Bild darauf. Merkwürdig. Es war das Bild von der Akademieausstellung, dieses Bild, über das ganz Berlin sprach, dieser wunderbare Akt mit den Schultern, die wie fließendes Wasser waren, mit den Schenkeln, die sich wie breite Blätter um eine Blüte legten. Aber hier war der Kopf darauf. Das mußte näher studiert werden! Was war das für ein Gesicht? Wo hatte er diese feine schmale Stirn schon einmal gesehen, diesen schwärmerischen Ausdruck des Auges, die sanfte Rundung des kleinen Kinns? Es war doch etwas mit diesem Gesicht gewesen! Und plötzlich wußte er: es war das Gesicht jener spanischen Skulpturen. Gerade dieses Gesicht entwuchs dem Hals des Aktes.

Das war wie ein Faustschlag mitten auf die Stirn. Um Gottes willen! empfand er und ließ den Vorhang sinken. Das durfte niemand wissen! Er drehte sich schnell zu der Gruppe der fünf Arbeiter um und zündete sich eine Zigarette an. Es war, als ob man einen Mord angesehen hätte. Oder wie eine ganz, ganz große Entdeckung. Die Gedanken jagten sich hinter der Stirn, griffen übereinander, hoben sich auf. Es war, wie wenn man nichts denkt, weil man zuviel auf einmal denken muß. Würde man dem Geheimrat davon berichten? Würde man es für sich behalten, bis alles aufgeklärt war? Ja, war Torner denn nun wirklich der Kunstfälscher? Der berühmte Erich Torner?

»Nein, mein Kind«, sagte Torner draußen. »Davon kann keine Rede sein. Du sekkierst nicht mich, sondern dich durch deine Geschichten.« Merkwürdig, daß man das so deutlich hören konnte. Da zankte sich dieser Maler vielleicht mit einer Frau, von der er los wollte, und man stand hier und wußte etwas von ihm, was kein Mensch wußte. Man konnte jetzt die Treppe hinuntergehen und sagen: Erich Torner ist ein Betrüger, ein Kunstfälscher!

In diesem Augenblick kam der Maler zurück. »Verzeihen Sie, man wird manchmal gestört. Haben Sie sich die Plastik inzwischen angesehen?«

Günther Filscher hatte kein schlechtes Gewissen. Zwischen ihm und diesem Manne war jetzt Krieg. Aber er war furchtbar erregt. Er hörte sich ruhig und sachlich sprechen, obwohl seine Stimme eigentlich zittern mußte. Ein Mechanismus war eingeschaltet, Federn schnurrten ab, ein Apparat lief in unbeirrbarem Gang. Er lag auf der Lauer, er registrierte alle Aussprüche des Malers. Da stand die Plastik mit den fünf Arbeitern. Da hingen drei, vier Bilder an der Wand von einem unerhörten Zeitwillen. Irgendwo in der Ecke stand eine Staffelei mit einer neuen angefangenen Arbeit. Eine junge Dame, in einem merkwürdigen Faunspelz. Und dieser selbe Mensch sollte der Schöpfer jener merkwürdigen Plastiken sein?

Man durfte von diesem Stuhl möglichst lange nicht aufstehen. Jeden Augenblick konnte etwas Neues kommen. Einer von den Menschen, die hier verkehrten, mußte um das Rätsel wissen. Aber es kam niemand. Erich Torner sprach in seiner scharfen und amüsanten Art über die Neuerwerbungen der Nationalgalerie. Man hörte mit Vergnügen und Gewinn zu. Auf Augenblicke war der junge Kunsthistoriker wieder der verehrende Besucher, der vor dem großen Maler saß. Bis er von neuem auf der Lauer lag, voller Erwartung, daß ein Wort, eine Miene das Geheimnis berührte. Dabei mußte er sich hüten, auf jenes Bild anzuspielen. Jeden Augenblick empfand er es. Keine Sekunde, da er nicht fühlte, daß dieses Gesicht sie beide durch den Vorhang hindurch anstarrte. Aber er durfte nicht darauf zu sprechen kommen, nicht einmal auf weiten Umwegen. Jede Erwähnung sogar der spanischen Plastiken mußte Torner sagen, daß er den Vorhang hochgehoben hatte.

Dabei saßen sie, kaum zwei Meter von diesem Gesicht entfernt, ruhig am Tisch, rauchten Zigaretten und unterhielten sich wie zwei interessierte Kunstfreunde. Bis Torner nach der Uhr sah. »Verzeihen Sie, ich muß diese gemütliche Sitzung leider unterbrechen.«

Filscher erhob sich. »Ich bitte um Entschuldigung, ich habe Sie über Gebühr lange aufgehalten.«

»Sehr gefreut!« sagte Torner mit einer höflichen Verbeugung, die alle weiteren Worte abbrach. Filscher mußte sich zügeln, um nicht noch einen gefährlichen Blick nach dem Vorhang zu wagen. Er ging die Treppe hinunter. Eigentlich kam er jetzt erst zur Besinnung. Er blieb auf dem unteren Treppenabsatz stehen, um zu überlegen. Aber durfte er hier stehen bleiben? Vielleicht kam Torner gleich hinterher und traf auf ihn? Er mußte weiter, sich wenigstens in die nächste Haustür stellen, wenn er den Maler beobachten wollte. Und das wollte er doch? Er mußte ihn jetzt Tag und Nacht beobachten.

Plötzlich fiel ihm Schabrack ein. Er hatte das Porträt von Erma Lent bei Schabrack gesehen. Und Schabrack hatte neulich in dem Café Elsenheim am Kurfürstendamm gesessen. War ihm nicht etwas dabei aufgefallen? Richtig, Schabrack hatte mit dem Kunsthändler Zwingermann zusammengesessen. Und noch ein dritter Herr war dabei gewesen. Ob der gewußt hatte, daß Schabrack und Zwingermann sich kannten? Er würde jetzt zu Schabrack gehen und ihn fragen: »Sie saßen doch neulich im Café Elsenheim mit Zwingermann und noch einem Dritten zusammen. Wer war dieser Dritte?« Oder vielleicht war es besser, wenn man Zwingermann danach fragte. Zwingermann wohnte im Westen, man konnte ihn leichter erreichen.

Eine Dame kam die Treppe in die Höhe. Noch immer stand er auf dem Absatz. Er würde sie vorbeilassen und dann fortgehen. Jetzt bog sie um die Ecke. Sie war nicht mehr ganz jung, vielleicht vierzig. Er sah es an ihrem Gang. Als sie an ihm vorüberging, hob sie den Kopf hoch. Sie hatte den Schleier zurückgeschlagen, im Augenblick erkannte er ihr Gesicht. Es war gut, daß sie schnell weiterging. Er konnte sein Erstaunen nicht zügeln. Sie war es! Es konnte kein Zweifel möglich sein. Älter und durchfurchter schon der Kopf, aber unverkennbar die Frau von dem Bilde dort oben hinter dem Vorhang!

Er fühlte, daß er kreideweiß geworden war. Er hörte die Frau die Treppe hinaufgehen, Stufe für Stufe. Natürlich, Torner erwartete sie und hatte deshalb das Gespräch so plötzlich beendet. Oben wurde eine Tür geöffnet und zugeschlagen. Filscher schlich langsam nach oben. Das Geheimnis zog ihn mit fast körperlicher Kraft an. Er stand hochatmend vor der Tür und mußte an sich halten, um nicht zu schellen. Innen hörte er deutlich sprechen. Wenn er jetzt hineinstürzte und die beiden vor das verhüllte Bild riß! Dann aber ging er doch leise hinunter. Noch einmal mußte er an der Stelle stehenbleiben, wo die fremde Dame an ihm vorübergegangen war. Man würde ihn hier nicht überraschen. Er mußte es hören, wenn die Tür sich öffnete. Eigentlich wollte er an nichts denken, er wollte nur gerade hier stehenbleiben. Es war, als ob die Erde unter ihm gebebt hätte und er nun warten müßte, bis sie sich wieder beruhigte.

Dann ging er hinaus und verbarg sich in der Tür des nächsten Hauses.

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