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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 10
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
year
firstpub1930
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»Der Dunkle« hat den Schlüssel zu dem Atelier. Manchmal tritt er spät in der Nacht auf einmal ein. Er ist der böse Geist, der mahnen kommt. Es ist zwei oder drei Uhr nachts. Er findet den Künstler immer noch am Werk. Manchmal hat er die Deckenbeleuchtung schon ausgeschaltet und sitzt auf dem Klotz, die angefangene Arbeit anstarrend. Die Finsternis hängt wie Wolkenzüge aus den Winkeln hernieder.

Der Dunkle dreht das Licht an. Hier herrscht er. Er hat über Licht und Finsternis zu bestimmen. Er zeichnet die Formen vor, die hier werden sollen, diese alten Brunnenfiguren und Statuen, die Könige und Mönche, Engel und Sibyllen. Die Beleuchtung stürzt im Kaskadenfall von der Decke hernieder, schwemmt bis zum Grund der Sockel, stemmt sie ins Helle.

Der Schöpfer wendet nicht einmal den Kopf. Er weiß, wer hinter ihm steht. Er hört das Schnappen des Schlosses, das Knarren der Tür und den schlürfenden Schritt.

»Was ist das?« fragt der Dunkle. In der Mitte des Ateliers steht er selber in Ton gebildet, in der Gestalt eines ungeheuren Frosches dargestellt. Dünne Schenkel stützen den gewaltigen Bauch, aus der eingesunkenen Brust wächst wulstig das breite Maul, Hals, Kopf und Gesicht in eins zusammengezogen. Aus den wampigen Schwimmhäuten spreizen sich die Enden der Finger, breite platte Saugnäpfe.

»Ein netter Spaß!« sagt der Dunkle. »Ein bißchen Markus Behmer, ein bißchen Alfred Kubin.«

»Wollen Sie es haben?« grinst der Künstler ihn an.

»Danke! Nicht zu verwenden, zu porträtähnlich!«

»Für Ihre gute Stube!«

»Da bin ich selbst. Überflüssig!«

Er hat Humor, der Dunkle! Es macht ihm Spaß, sich näher zu betrachten. Er tastet die feinmodellierten Schenkel ab, die scharfe Bauchfalte, die platte Brust. »Was ist das?« ruft er plötzlich und zeigt auf einige schmale Spalte in der Herznähe. »Was ist das?« Er braucht eigentlich nicht zu fragen. Man sieht auf den ersten Blick, daß hier vier- oder sechsmal mit dem Messer hineingestochen ist.

»Eine kleine Übung!« sagt der Künstler.

»Eine rührende Zuneigung zu meiner Person! Hoffentlich bewahren Sie mir diese Anhänglichkeit recht lange. Im übrigen, was wollen Sie? Ich gebe Ihnen die Möglichkeit, sich künstlerisch auszuleben. Sie haben nun einmal diese Vorliebe für die alten Stile. Ich nehme Ihnen die Sachen, die Sie sonst nicht verwerten könnten, zu einem sehr anständigen Preise ab ... Wann werden Sie die Madonna fertig haben?«

Er zeigt auf eine große Figur, die in nasse Tücher eingehüllt ist. »Ich will sie sehen. Nehmen Sie die Hülle herunter!«

»Ich mag sie noch nicht zeigen.«

»Ich habe Ihnen dreitausend Mark darauf angezahlt!«

Der Künstler wickelt schweigend die Tücher ab. Dabei schiebt er die Froschfigur mit dem Fuß beiseite. Jedesmal, wenn er bei der Umkreisung der Madonna an dem Ungetüm vorüberkommt, gibt er ihm einen neuen Tritt. Jedesmal gerät die Tonmasse ins Wackeln und droht zusammenzustürzen. Aber immer deutlicher schält sich die Madonna heraus. Fast gegenstandslos erscheint sie zunächst, und in diesen Augenblicken, da sich erst von unten herauf ihr architektonischer Aufbau offenbart, wie faltiges Gebirge das langhin fließende Gewand, der Bogen der Knie unter dem Tuch, die Mulde des sanften Schoßes und der ansteigende Hang des Oberkörpers, und nun im Gegenspiel der Kräfte als Ausgleich der Massen die Gestalt des Kindes, schaukelnd auf dem Joch des Oberschenkels, hangend an den gespannten Seilen der Arme, die es dem Auge fernhalten wie eine Welt zum besseren Überschauen und zugleich mit leichter Krümmung aus Liebe an sich zu ziehen scheinen, – in diesen Augenblicken sind die beiden Menschen in einer Art Weihe miteinander verbunden. Der Dunkle weiß nichts von dem seelischen Gehalt, aber er wittert die Werte und die Qualität. Seine Nüstern blähen sich wie beim Feinschmecken von seltenen Gerichten. Es ist seine Art, sich mit dem Transzendentalen auseinanderzusetzen. Ein Erstürmen des Himmels mit dem Scheckbuch.

»Wissen Sie, was mich das kostet, Sie diese Figur machen zu lassen? Wissen Sie, daß ich ein Gütchen in Franken dazu ankaufen mußte mit einer alten Waldkapelle, die jetzt abbrennen muß? Nur damit ich sagen kann, daß die Madonne dort gestanden hat!«

Der Künstler hört nicht mehr zu. Er hat die Modellierhölzer ergriffen und arbeitet den Hals aus dem Faltenbehang des Tuches heraus. Einen Hals von wunderbarer Rundung und mittelalterlicher Gehaltenheit, und in den das kommende Leid sich dennoch schon eingekrallt hat, aus dem es fast schon wie ein Schrei herausbrechen will.

»Das ist Ihr bestes Werk!« fängt der Dunkle noch einmal an. Der Künstler antwortet nicht mehr. Nur, als der Dunkle nach dem Zeitpunkt der Vollendung fragt, zeigt er mit dem Fuß in die Ecke. Da liegen Teile des Werkes in Gips gegossen, die Nähte schon geglättet. Er sieht, daß die Madonna fast fertig ist. Nur die Krone auf dem Haupt wird noch durchmodelliert werden, und der Schleier, der aus der Krone über das Haupt fallen wird.

Fertig? Nie wird ein Werk dieses Mannes fertig. Nie wird er es hergeben. Nur der Dunkle weiß den Zeitpunkt zu berechnen, wo er es ihm aus der Hand reißt und es ihm erst wieder zurückgibt, damit der Schöpfer die Patina der Zeit darüber ausgießen kann.

Er sieht noch eine Weile zu, dann kehrt er sich still ab und geht hinaus.

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