Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Heyse >

Der Kreisrichter

Paul Heyse: Der Kreisrichter - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/heyse/kreisric/kreisric.xml
typenovelette
authorPaul Heyse
titleDer Kreisrichter
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1855
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
Schließen

Navigation:

Meine Freunde kamen über Tag und erzählten, daß sie die Schauspieler noch eine große Strecke weit in Kähnen begleitet hätten. Die schöne Willy sei sehr blaß gewesen, aber freundlicher als gewöhnlich, wenn sie auch wenig gesprochen habe. Einer hatte einen Handschuh aufzuweisen, den sie auf ihrem Zimmer vergessen, und wußte sich nicht wenig damit. Ich hörte das Alles mit an, als spräche man von einer Fremden. Die Nacht lag so weit hinter mir, wie wenn Jahre dazwischen verflossen wären.

Am Nachmittag, schon gegen die Dämmerung, saß ich über den Büchern allein, freilich, ohne zu wissen, was ich las. Da kommt meine alte Wirthin herein und sagt, eine Dame sei unten, eine Verwandte von mir, die mich zu sprechen wünsche. Sie müsse von der Reise kommen, denn ein Koffer sei ihr nachgetragen worden. Sie scheine jung zu sein, mehr könne sie nicht sagen, denn das Gesicht trage sie dicht verschleiert.

Die gute Frau hatte noch nicht ausgeredet, so war ich vom Sitz auf und in großen Sätzen die Treppe hinunter. Durch die Glasthüre sah ich in das Hinterstübchen meiner Wirthin. Eine Gestalt stand am Fenster und sah in den Blumengarten hinaus. Einen Augenblick später – und ich lag keines Worts, keiner Besinnung mächtig in ihren Armen.

Ich ermannte mich zuerst, als ich im Hause nach mir rufen hörte. Es war ein Bekannter, der mich abholen wollte. Der Herr ist ausgegangen, beschied ihn die vorsichtige Alte.

Wir müssen fort von hier, sagte sie. Ich will dich haben, ehe ich wieder wie verloren in der Welt herumgehe. Gestern Abend, als du mir das Alles sagtest, hattest du mich fast überredet, daß es so besser und nothwendig sei; du kannst mich überreden, wozu du willst. Ich habe es eine Nacht und einen Tag bedacht und nicht die Kraft gefunden, so vernünftig zu sein. Die Vernunft ist auch eure Sache. Wir haben nur ein Herz, und meins will Alles für Alles geben. Wenn deine Vernunft dann meint, daß wir uns doch wieder trennen müssen, so bin ich dann doch einmal glücklich gewesen. Ich bin unserer Truppe entflohen, Niemand weiß, nach welcher Gegend hin, und hier am Orte hat mich Keiner erkannt. Ich hörte auf der Straße, daß sie von mir sprachen, als ich vorüberging. Ich lachte unter meinem Schleier, ich wußte, du könntest mich heute nicht verstoßen. Denke nun von mir, was du willst, daß ich leichtsinnig sei, ein thörichtes, zudringliches, verliebtes Weib, es ist Alles wahr, aber du wirst es nicht ändern, mit all deiner stolzen Vernunft nicht. Ich bin einmal in meinem Leben verkauft worden. Wie wollen die Menschen mich nun schelten, wenn ich mich verschenke, um jene Schmach zu verschmerzen!

So sprach sie, und mehr, und ihr ganzes Wesen schien mir vertauscht. Uebermüthig, neckisch, trotzig, dabei ein Lachen in den Augen, das den letzten Rest meiner vielgescholtenen Vernunft über den Haufen warf.

Ich schickte die Wirthin nach einem Wagen. Indessen gingen wir in mein Zimmer hinauf, und sie half mir einpacken in stürmischer Freude, daß sie meine kleine Häuslichkeit durchmustern durfte. Ein paar Bände Dramen, die gerade auf dem Tische lagen, warf sie mit in den Koffer. Für die Regentage, sagte sie. Und vor Allem die Geige nicht vergessen! – So waren wir reisefertig, als der Wagen eben vor die Hausthüre rollte.

Ich trug der Wirthin auf, meinen Freunden zu bestellen, daß ich auf unbestimmte Zeit hätte verreisen müssen. Dann fuhren wir fort, im verschlossenen Wagen, in der Dämmerung von Keinem der Vorübergehenden erkannt.

In einem abgelegenen Winkel des Siebengebirges, wohin sich selten ein Student verstieg, hatte ich eine Bekanntschaft. Ein Bergwanderer bin ich freilich nie gewesen. Meine Bekanntschaft schrieb sich aus einem der vielen Dörfer längs dem Rhein, wo ich im letzten Frühjahr einmal in der Schenke einen seltsamen Kauz getroffen hatte, der mich durch einen melancholischen Zug in dem verbrannten Soldatengesicht anzog. Ich gewann ihm durch eine gute Flasche und meine oft bewährte Qualification zum Vertrauten das Herz ab. Er erzählte mir eine unglückliche Liebesgeschichte, die ihn dazu gebracht, in einer versteckten Wildniß des Gebirgs, das vor zwanzig Jahren noch nicht so wegsam war wie heute, eine Försterstelle anzunehmen. Kein Anderer wolle hin, weil man dort sterben und verderben könne, ohne daß eine Christenseele davon erführe. Ihm sei es schon recht so. Alle Monate mache er einen Gang an den Rhein hinunter in sein Heimathdorf und versorge sich mit Wein. Wildpret habe er mehr, als er bezwingen könne, und ein alter Soldat, wie er, verstehe sich auf die Küche. Er lud mich ein, ihn einmal zu besuchen. Es sei ohnehin eine Verwöhnung, daß er in dem Bett seines Vorgängers schlafe. Anno 13 und 14 sei es oft den Generalen nicht so gut geworden.

Unter dem Dach dieser ehrlichen Seele barg ich meinen Schatz. Mein guter Lerche machte große Augen, als ich ihm sagte, wir würden seine Gastfreundschaft auf einige Zeit in Anspruch nehmen. Dann nickte er verstehend mit dem Kopf und seufzte. Es dauerte keine Stunde, so wäre er schon für seinen schönen Gast durchs Feuer gegangen. Es hätte freilich dazu nicht einmal ein so weiches Herz bedurft, wie das seine; denn war sie jemals liebenswürdig gewesen, so war sie es in dieser grünen Einöde hundertfach.

Ich weiß nicht, wie uns die Tage hingegangen sind. Die Sonne schien so golden sie nur konnte, der Wald umstand unser Haus, die beiden Hunde unseres Wirths spielten um uns herum, nicht weit von uns schwatzte der Bach ins Gelag hinein – wir saßen, wandelten, sprachen und schwiegen, wie es uns ums Herz war, und die Nacht war unerwartet da. Einmal erstiegen wir auch eine Höhe, ruhten auf den Klippen und sahen in die tiefe Welt hinunter und über den Rhein, der von Leben wimmelte. Ich sah meine Geliebte an; kein Zug ihres Gesichts sprach von einem Verlangen, an diesem ferngerückten Leben wieder Theil zu haben.

Zuweilen las sie in den Büchern, die wir mitgenommen hatten. Sie bat mich dann, meine Geige zur Hand zu nehmen und nach meiner Art zu phantasiren. So stand ich denn draußen an einen Stamm gelehnt und sah durchs Fenster, wie sie drinnen auf- und abging, das Buch in der Linken, mit dem rechten Arm lebhaft gestikulirend. Hörte ich dann auf, so brannten ihr die Wangen bis an die Augen hinauf.

Ich mache Fortschritte, sagte sie. Du bist ein guter Meister, und ich lerne leicht.

So kam es eines Abends, daß ich ihr vorschlug, ein Stück zusammen zu lesen. Ich nahm einen Band aufs Gerathewohl und schlug den Othello auf. Ich habe früher wohl die Desdemona gespielt, sagte sie. Aber mein Othello verstand es nicht, mich in die Illusion zu bringen. Ich fürchte, ich habe von der Rolle noch nichts verstanden.

Wir lasen, oder vielmehr, ich las das Ganze und überließ ihr nur die eine Rolle. Sie war Anfangs unsicher im Ton, aber bald fand sie sich in das innerste Wesen dieses so aus der Fülle des Gemüths geschaffenen Einakters. Sie blieb nicht lang auf ihrem Sitz. Sie stand auf und stellte dar, was sie sprach. Wenn sie nichts zu thun hatte, stand sie am Fenster, die Arme gekreuzt, den Blick zu Boden gesenkt. Dann belebte sie ihr Stichwort von Neuem. Die Scene, wo Desdemona sich beim Auskleiden von Emilia helfen läßt, spielte sie sitzend und sprach beide Rollen. Die ahnungsvolle Schwüle, aus der das Lied von der Weide vorbricht, wie ängstlicher Vogelgesang aus Gewitterlüften, erschütterte mich in allen Tiefen. Sie sang die klagenden Strophen nach einer Melodie, die mir neulich auf der Geige gekommen war, und die ich ihr noch einmal hatte spielen müssen. Wie sie dann zum zweitenmal fragte:

»Thätst du dergleichen um die ganze Welt?

und dann:

»Ich will des Todes sein, thät' ich solch Unrecht

»Auch um die ganze Welt –«

fiel mir das Buch aus den Händen, die Thränen bezwang ich nicht mehr, und jauchzend und weinend hielten wir uns in den Armen.

Den Rest des Abends war ich zerstreut und schweigsam. Sie hatte kein Arg dabei und hielt es allein für Nachwirkung unseres Lesens. Auch sie war still, aber mehr als einmal sprach sie: Ich war nie glücklicher. Man kann gar nie glücklicher werden, als ich bin. – Diese Worte reiften meinen Entschluß.

Um Mitternacht, als sie schlief, stand ich auf. Die helle Nacht fiel auf das herrliche Gesicht, die Lippen schlummerten roth, und sie athmete ruhig wie ein Kind. Ich drückte einen Kuß auf ihr weiches Haar und ging sacht aus dem Zimmer.

Unser Hausherr lag auf seinem harten Lager, das er nun schon vierzehn Tage neben dem Herd der kleinen Küche eingenommen. Steh auf, alter Freund! sagte ich, als er verwundert aus seinem leisen Schlaf emporsah. – Wir gingen in den Wald hinaus, die Hunde gaben keinen Laut. Ich sagte ihm, daß ich fort müsse, und gab ihm einen Brief an meine Geliebte, den ich schon vor dem Schlafengehen verstohlen geschrieben hatte. Ich nahm darin Abschied von ihr für immer. Daß sie an meinem Herzen nicht zweifeln solle, weil ich es vermochte, jetzt schon von ihr zu gehen, brauchte ich sie nicht zu bitten. Wir kannten uns, sie kannte den unerschütterlichen Entschluß in mir, in der Welt nicht neben ihr zu stehen. Sie wußte auch, daß mich keine armselige Besorgniß von ihr trieb, ein Glück, wie wir es hatten, könne verblassen, wenn der Herbst uns noch im Walde fände. Aber wenn man das Notwendige thun muß, soll man sich doch nicht erst nöthigen lassen. Und das sagt' ich ihr noch, daß ich jetzt erst gehen dürfe, da ich sie nicht mehr allein ließe, daß ihr der Genius zum Gefährten bleibe, und eine Aufgabe, und eine Zukunft. Ich bat sie, mir zu schreiben, mich nicht zu vergessen; doch wenn sie in der Welt noch ein anderes Glück fände, es nicht um meinetwillen von sich zu stoßen. – Ich frug Lerche, ob er sich entschließen könne, seine Wildniß zu verlassen und bei ihr zu bleiben, so lange sie ihn nicht fortschickte. In die Hölle würde er ihr nachgehen, verschwor er sich; ich hatte es wohl gewußt. So gab ich ihm alles Geld, was ich bei mir hatte, eine Summe, die für die erste Zeit ausreichte, und ließ mir von ihm versprechen, mir zu schreiben, sobald seine Herrin in Verlegenheit sei. Dann nahmen wir Abschied. Ich möchte Ihnen einen von den Hunden mitgeben, sagte er noch zuletzt; aber das Thier würde wieder zurücklaufen, sie sind ganz an diesen Engel gewöhnt. Der Himmel weiß, wie Sie's fertig bringen, davonzugehen.

Also verließ ich sie, wiederum in der Nacht, aber nach allem Kampf den reinen Himmel im Herzen. Ich wanderte die ganze Nacht, nur zuweilen ruhte ich und horchte um mich her. Ihre Stimme sollte ich nicht wieder hören. Die Geige trug ich, alles Andere war zurückgeblieben. Als ich endlich die Sonne aufgehen sah, spielte ich Desdemona's Lied und weinte mich noch einmal satt. Dann vollbrachte ich meine Reise.

Erst am nächstfolgenden Tag kam ein Brief von ihr; sie hatte ihn im ersten Sturm des einsamen Morgens geschrieben. Nach allen Schmerzen schrieb sie jedoch, daß sie sich füge und es auch zu fassen hoffe, ehe sie wieder unter Menschen käme. Sie wolle nach Frankfurt, dort ein Engagement zu suchen. Sie fühle jetzt, daß eine Künstlerin in ihr stecke. Sie wisse auch, wann der erste Funken dieser Flamme in ihr Herz gefallen sei.

Bald nachher schrieb sie mir aus Frankfurt, daß sie dort bleiben werde. Der treue Lerche wolle sie nicht verlassen. Ich antwortete ihr so warm und voll, wie es in mir war, so ruhig, wie ich konnte. Das Wort »Sehnsucht« ist in unsern Briefen hinfort nicht genannt worden.

Es währte nicht lange, so waren die Zeitungen mit Berichten ihrer Erfolge angefüllt. Unter meinen Kameraden war viel Redens darüber. Die Wenigsten hatten es ihr zugetraut, daß sie jemals andere Triumphe, als die einer schönen Frau, erringen würde. Sie schrieb mir von Allem, was ihre Kunst betraf; ich sah alle Schätze der unvergleichlichen Natur vor mir sich entfalten. Nur zuweilen wollte eine Besorgniß in mir aufzeigen, wenn ich sah, mit wie verzehrender Inbrunst sie jede neue Aufgabe ergriff, und ich beschwor sie mehr als einmal, sich nicht aufzureiben. Sie beruhigte mich mit den heitersten Versicherungen, daß sie jetzt erst wisse, was Wohlsein heiße.

Und so lebt' ich hin, ein glückliches Leben, freilich im Schatten; aber ohne Wunsch, in der Erinnerung an den reich genossenen Sonnenschein jener beiden Wochen in den Bergen.

Einige Jahre mochten vergangen sein, und während unerquicklicher Arbeiten zum letzten Examen freute mich nichts, als meinen Schatz von Briefen anwachsen zu sehen. Dieser und Jener meiner Bekannten, der sie inzwischen in Frankfurt spielen gesehen und sein begeistertes Herz gegen mich ausschüttete, brachte mich wohl noch um den Schlaf einer Nacht. Aber mein Entschluß, sie nicht wieder zu sehen, hielt allen Versuchungen Stand.

Da kam eines Tages ein Brief aus Frankfurt von Lerche's Hand. Er enthielt eine Einlage von ihr, mit Bleistift im Bett geschrieben, leidenschaftlicher, als wir uns bisher zu schreiben erlaubt hatten. Wie ich noch in der ungewohnten Wonne schwelge, diese Sprache wieder zu vernehmen, fällt mein Blick auf den Umschlag, den Lerche vollgeschrieben. Sie ist nicht mehr, hieß es darin. Gestern Abend spielte sie noch die Desdemona, zum erstenmal, mit einem ganz unerhörten Erfolg. Ich begleitete sie aus dem Theater, sie war sehr aufgeregt und ging zu Bett, ohne einen Bissen zu nehmen. Am andern Tag gegen 10 Uhr, als sich nichts regte auf all mein Klopfen, ließ ich die Thür aufbrechen. Da lag sie im Bett mit geschlossenen Augen und war nicht zu erwecken. Der Arzt meint, es sei ein Schlagfluß gewesen. Ich nahm das Papier, das auf ihrer Decke lag, in Verwahrung und schicke es hier mit. Von ihren Haaren hab' ich auch für Sie abgeschnitten. Ich bringe sie Ihnen selbst.

Der Erzähler schwieg und stand vom Sessel auf, in dem er zurückgesunken geruht hatte. Er trat an das Fenster und stand dort eine lange Zeit, indeß seine Worte in mir nachklangen und meine Augen von dem Bilde gegenüber nicht weichen wollten. Ich hörte endlich, wie er das Fenster schloß. Dann trat er wieder an den Tisch und schenkte die Gläser voll. Wir müssen noch ein Glas zusammen trinken; es leben die Lebendigen und die Unsterblichen! sagte er. Stoß' mit mir an! Wer das von mir erfahren hat, zu dem muß ich hinfort Du sagen.

Er umarmte mich. Dann ergriff er die Lampe und begleitete mich in das Gemach, wo das Bett für mich aufgeschlagen war. Ich selber schlafe bei meinen Schätzen, sagte er lächelnd und deutete auf das Polster vor dem Bilde zurück. Ich warf noch einen letzten Blick darauf; am andern Morgen, als ich Abschied nahm, war der Vorhang darübergezogen.

 << Kapitel 2 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.