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Der Kreisrichter

Paul Heyse: Der Kreisrichter - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleDer Kreisrichter
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1855
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Als ich in der Dämmerung von meinen Irrwegen in das Wirthshaus zurückkam, unterwegs mit wenig anderen Gedanken beschäftigt, als mit meiner neuen Bekanntschaft, traf ich den wundersamen Mann schon in vertrautem Gespräch mit meinem Wirth. Der kleine Heinrich stand neben ihm, und die Hand des Kreisrichters ruhte leicht, während er sprach, auf dem Lockenkopf des Knaben.

Ich habe Ihre Seele schon dem rothen Engel abgewonnen, rief er mir entgegen, und Sie sind nun gänzlich in der Gewalt des hinkenden Teufels. Hoffentlich finden Sie nicht Ursache, den Tausch zu bereuen. Mein sehr verehrter Herr Wirth geht freilich eines Gastes verlustig, der den Ruhm seiner guten Betten verbreiten würde. Aber der ist, denk' ich, auch ohne Sie fest genug in der Welt gegründet, und seinen guten Wein, sein eigen Gewächs, sollen Sie bei mir nicht minder verehren lernen. Laßt es vom besten vorjährigen sein, lieber Herr Gevatter, und schickt mir nicht zu bescheiden. Mein alter Lerche, wie Ihr wißt, ist auch kein Feind des Vortrefflichen.

So ein Gegenstand von sechs Flaschen, Herr Kreisrichter? fragte der Wirth mit einer devoten Art von Vertraulichkeit, wie sie nur Wirthen zu ihren Stammgästen eigen ist.

Bleib's dabei! sagte der Kreisrichter. Dann zauste er den Knaben in den Locken, hinterließ einen Gruß an die Frau Gevatterin, und wir gingen. Ich hatte offenbar an Ansehn im rothen Engel erheblich gewonnen durch die freundschaftliche Art, mit welcher der Kreisrichter seinen rechten Arm mit meinem linken verschränkte; doch stützte er sich nicht auf, und wer seine Füße nicht sah, kam durch die Bewegungen des Oberkörpers kaum auf den Gedanken, daß er lahm sei.

Der Marktplatz war lebendig. Auf den Stufen des fließenden Brünnleins standen Buben und Mädchen und sahen in die erleuchteten Fenster des Hochzeithauses. Einzelne Töne einiger stimmenden Geigen, Flöten und Contrabasse verkündeten die großen Dinge, die bevorstanden, und lockten mehr und mehr Zuhörer in die Fenster und Hausthüren gegenüber. Wir gingen an dem Brunnen vorbei. Die ältesten der Kinder kamen heran und gaben meinem Begleiter die Hand. Es war kein Gesicht unter allen, das über seine mangelhafte Gestalt eine Miene verzogen hätte. Und doch sah er noch auffallender aus, als am Nachmittag; er ging im schwarzen langen Frack, die Handschuhe in der Linken schlenkernd, in der rechten Hand ein Zweiglein Reseda, das er beim Eintritt in das Haus des Bürgermeisters ins Knopfloch steckte.

Oben fanden wir eine zahlreiche Gesellschaft beisammen, und es wollte mir scheinen, als ob man mit dem Beginn des Tanzes auf meinen Gastfreund gewartet hätte. Die Gruppen der jungen Leute, die plaudernd im Saal beisammen standen, belebten sich auf einmal, als seine lange Figur an der Schwelle erschien. Die Mädchen ließen ihre Tänzer stehen und eilten mit hellen Augen zu ihm heran, ihm eine Hand zu geben. Die Musikanten stimmten eifriger, und eine Clarinette that sich mit einem einsamen Lauf hervor, der in einem glänzenden Triller schloß. Der Hausherr kam uns aufs Würdevollste entgegen und hieß auch den ungeladenen Gast herzlich willkommen. Seine ledige Schwester machte die Wirthin, denn die Hausfrau schien schon länger todt zu sein. Immer am Arm des Kreisrichters gelangte ich nun in die Zimmer der Väter und Mütter und mußte eine langwierige Präsentation über mich ergehen lassen. Ich hatte meinen Begleiter heimlich dabei im Auge. Ein stilles Behagen der Herrschaft, die er über diesen Kreis ausübte, lag auf seinem Gesicht, eine leise, gutmüthige Schalkhaftigkeit in den Worten, die er an die Einzelnen richtete. Und obwohl Alle darüber einig zu sein schienen, daß er nicht ganz von ihrem Stoffe war, offenbarte sich doch in der Art, wie ihm Männer und Frauen begegneten, das Bewußtsein, daß sie keinen zuverlässigeren Freund besaßen.

Wir hatten kaum sämmtlichen Honoratioren unsern Respect bezeugt, als die Musik vollstimmig eine Polonaise begann. Mein Freund eröffnete den Ball mit der Wirthin. Wie er mit ihr den Saal hinaufschritt, schien er trotz seiner Gebrechen von Allen am meisten Herr seiner Bewegungen zu sein. Seine Dame, die Ehre vollkommen würdigend, blickte freundlich zu ihm hinauf und nahm ihm jedes Wort, jeden Scherz lebhaft dankbar vom Munde. Er führte sie dann wieder in das anstoßende Gemach, wo sich bald ein Kranz von Müttern um ihn versammelte.

Ich hatte mich inzwischen mit dem Käufer des Weinbergs, der mir von dem Kreisrichter in einem ehrsamen Herrn Apotheker vorgestellt worden war, in die Schreibstube des Hausherrn zurückgezogen, durch ein kleines Kabinet von der lauten Tanzmusik getrennt. Hier stand für die gereifteren Gäste ein Tisch mit Flaschen und Gläsern bereit und mannigfacher Rauchapparat. Wir waren bald Handels einig. Die Clausel des Contracts bezog sich auf jene Grille meines Freundes, das kleine Grundstück dereinst wieder in seinen Besitz zu bringen, und da der Käufer das Stück Rebenland zunächst zu allerhand Experimenten mit neuen Reben und chemischer Düngung zu benutzen dachte, ging er auf annehmliche Bedingungen eines etwaigen späteren Rückkaufes bereitwillig ein. Wir klangen mit den Gläsern an auf den guten Handel, meinen Freund und die Fortschritte der Wissenschaft, und der Biedermann versprach, mir, als dem Unterhändler, eine Probe seiner neuen Künste, wenn sie geriethen, ins Haus zu schicken.

So standen wir auf, und ich trat durch das Kabinet an den Eingang des Tanzsaales zurück. Schon hatten die Gesichter zu glühen, die Augen zu glänzen angefangen, und es war allerdings viel Hübsches zu sehen. Gesunde Jugend ist die halbe Schönheit, hatte mein Kreisrichter gesagt; daran dachte ich wieder. Der Zauber der Frische lag über dem größten Theil der tanzenden Mädchengestalten, hie und da noch ein wenig mehr. Auch die jungen Männer waren meist ansehnlich und von gewandter Haltung und mußten ein sonderliches Talent in der Unterhaltung besitzen. Denn mehr als einmal hörte ich ein helles, unschuldiges Mädchengelächter mitten durch die Walzermelodie, wie ich mich nicht entsinne jemals in Tanzsälen größerer Städte vernommen zu haben.

Nach und nach aber vertieft in meine Gedanken, überhörte ich, daß Jemand zu mir trat. Eine Hand berührte mir die Schulter, und der Kreisrichter stand neben mir.

Sie träumen mehr, als Sie sehen, sagte er lächelnd. Sie bedürfen doch noch einiger Anleitung. Mein Kleinod ist leider gestern entführt worden. Nunmehr ist kein Wuchs, der sich mit dem ihrigen vergleichen ließe, zwischen diesen vier Wänden. Und welches Haar, welche feinen Augen, welche ruhige Stirne! Nur daß der Geist in dem Gesichtchen dennoch überwog, und der Mund mehr durch Sinn und Güte, als durch eine vollkommen schwellende Fülle reizend war. Wir leben im Norden, lieber Freund. Das Gemüth tritt da an die Stelle der Natur und legt die letzte Hand an die Form. – Sehen Sie, da ist die Schwester der Neuvermählten. Seit ich sie dazu vermocht habe, ihr Haar rund abzuschneiden, wie stimmen nun all ihre Züge munter zusammen! Ein kleiner Eigensinn, aber Idealität im Blut und meine sehr gute Freundin. – Und dort die Kleine, Halbwüchsige, die mit den Löckchen im Nacken. Wie sich das Ohr zierlich aus den Haaren abhebt – jetzt fällt leider eine Blume darüber; und das trutzige Näschen in dem allerliebsten Soubrettengesicht, es wird schwer halten, daß es sich in späteren Jahren in eine gewisse Würde hineinfindet. – Sehen Sie jene Schlanke mit der Rose im braunen Haar, die sich eben lachend zu ihrer Freundin wendet? Sie schwebt im Tanzen wie ein Blumenzweig. Diese mandelförmigen Köpfchen, ich liebe sie. Sie mögen altern, wie sie wollen, der Umriß bleibt unverwüstlich.

Während er sprach, leuchtete sein einziges Auge, und es schien seltsamer Weise, als dehne sich die weit vorstehende Stirn. Sein unscheinbarer Mund war sehr milde im Ausdruck, keine Spur jenes fatalen unsichern Etwas, das die Lippen älterer Herren so oft umspielt, wenn sie die Kenner machen bei Tafel, in Galerien, oder in Tanzsälen. Er sprach während mehrerer Tänze in seiner Weise fort. Die Wenigsten kennen die große Welt, sagte er. Aber in kleinen Städten ersetzen Schicksale oft auf Einen Schlag, was die Bildung des offenen großen Lebens in Jahren nach und nach am Menschen thut. Ich vermisse es nicht, daß ich von der großen Landstraße so entlegen wohne. Die Menschen haben auch hier ihre Lebensgeschichte. Zeit den zwölf Jahren, daß ich hier bin, – wie manchen Schmerz hat mich der Vorzug gekostet, daß mich die Natur zum Vertrauten gestempelt hat.

Das Gespräch wurde unterbrochen, und ich unterhielt mich eine Stunde lang mit Andern. Dann kam er wieder zu mir – es war gegen zehn Uhr – und sagte: Ich bin so selbstsüchtig, daß ich für mich und Sie Urlaub von unserm Wirth erbeten habe. Ich freue mich schon den ganzen Nachmittag darauf, daß wir noch von Italien miteinander reden wollen. Lerche hat für ein notdürftiges Essen gesorgt, und unser rother Engel, wie Sie gehört haben, steht für den Wein. Kommen Sie! Da Sie nicht tanzen, sind wir dem jungen Volk unnütz, und die Alten kennen schon meine Unart, weder zu spielen, noch zu kannegießern.

Ich folgte ihm gern, und wir kamen unbemerkt auf den Flur. Er hatte schon meinen Arm gefaßt, als ein junges Mädchen aus einer Seitenthür hervorhuschte, eben jener kleine Eigensinn, den er mir als die jüngere Tochter des Hausherrn gezeigt hatte. Sie dürfen mir nicht so fort, Onkel! rief sie; Sie entgehen dieser Schleife doch nicht, die ich Ihnen im Cotillon zugedacht hatte.

Haben Sie nicht eine Decoration für meinen jungen Freund, Clärchen? sagte er lächelnd, indem er sich das Band von den spitzen Mädchenfingern ins Knopfloch schlingen ließ. Sie würde ihm doch besser stehen, als mir. Nehmen Sie indessen meinen schon etwas welken Resedazweig als eine Erinnerung an ihren invaliden Ritter.

Ihr Freund verdient gescholten, und nicht belohnt zu werden, erwiederte das Mädchen rasch. Gute Nacht, Onkel! Und sie war wieder davon, ehe ich um Gnade bitten konnte.

Da haben Sie Ihr Gericht! lachte der Kreisrichter im Hinuntergehen. Sie gehören noch nicht zu den Prytanen und müssen Gunst und Glück verdienen, d. h. ertanzen.

Als wir in der Kühle durch die dunkle Stadt gegangen waren und nun aus dem Thore traten und die Mondsichel langsam über den Hügeln emporschweben sahen, stand mein Freund still und sagte: Wo mögen sie jetzt sein, die beiden glücklichen Menschen, denen ich gestern um diese Stunde in den Reisewagen half? Es ist doch köstlich, mit seinem jungen Glück in die weite Welt hinaus zu fahren, wenn der Mond eben aufgeht, alle Winde still schweigen, die Nacht über der Erde schwimmt und darauf hört, wie unser Herz klopft. Davon wußten unsere Älterväter nichts, die aus der Kirche in ihr eigen Haus und Bett zogen, wie übermüthig schön das ist, Alles, was einem seine Heimath bedeutet, mit sich herumführen und in die elendeste Schenke, wo man übernachten muß, sein ganzes Haus und Hab' und Gut in Gestalt einer lieben Frau hineinzutragen. Es steht Ihnen noch bevor; genießen Sie es mit voller Seele – aber nicht zu lange. Es hat Alles seine Zeit, seine Höhe, seinen Verfall.

Mein heimliches Staunen über den Mann wuchs bei solchen Worten immer mehr. Welche lebhafte Phantasie, mit der er die Geheimnisse eines ihm fremden Glückes durchdrang! Denn »wir sind nicht verheiratet« hatte Lerche gesagt. Waren wir es vielleicht einmal? Und wenn nicht, warum in aller Welt nicht? Wie geschaffen schien dieses liebevolle, feste, helle Gemüth, eine Frau glücklich zu machen. Er war häßlich – ich hatte häßlichere Ehemänner gesehen, die von ihren Frauen aufrichtig angebetet wurden. Und wenn er um seines Aeußern willen traurige Erfahrungen gemacht hatte, hätte sich nicht so vielen seiner Worte eine leise Bitterkeit, oder doch ein Anflug von Resignation müssen anmerken lassen? Wie heiter klangen sie, wie ohne jeden Verdacht, daß er entbehre, was er pries!

Ich kam nicht damit ins Reine. Indessen waren wir in sein Arbeitszimmer zurückgekehrt, wo uns Lerche in haushofmeisterlichem Eifer empfing. Eine große Lampe brannte auf dem Tisch vor dem verhangenen Bilde, einige kalte Schüsseln standen darauf, die sechs Flaschen im Cirkel um die Lampe aufgepflanzt. Noch waren die Fenster offen, und das schwarze Laub wogte davor unter dem reinen Himmel. Wir saßen traulich nieder, mein Wirth offenbar in der besten Laune. Lerche ging geschäftig, obwohl nichts zu schaffen war, ab und zu, und man hörte, wie er in den Zwischenräumen draußen das Lob seines Herrn wahr machte, daß er kein Feind des Vortrefflichen sei. Als er die Schüsseln abgetragen und gemeldet hatte, daß meine Lagerstatt in bester Ordnung sei, empfahl er sich für heut. Bei dem letzten Glas einer Flasche darf ich ihn nicht stören, sagte sein Herr gutmütig. Er wird dann gern sentimental, und ich habe ihn oft auf seiner einsamen Kammer laute Reden halten hören, von denen er selber kein Wort verstand. Wir alten Junggesellen haben alle unsere Eigenheiten.

Nun lag ich in dem weiten Lehnsessel, dem Bild gegenüber, und eine vortreffliche Cigarre that das Letzte, mich mit dem Gefühl des größten Wohlseins zu durchdringen. Der Kreisrichter ging rauchend das Zimmer auf und nieder, und eine Pause in der Unterhaltung trat ein.

Endlich machte sich eine lange Gedankenreihe bei mir Luft. Sie sind doch ein glücklicher Mann! sagte ich.

Er blieb stehen und sah mit der freundlichsten Ironie von der Welt auf mich nieder. Meinen Sie? erwiederte er. Nun, ich meine es auch. Aber was will dies »doch«, das Sie dem glücklichen Manne vorsetzten? Ueberrascht es Sie, einen Glücklichen zu finden, wo mancherlei Umstände Sie einen Unglücklichen suchen ließen? Ist nirgend Glück zu Hause bei dem Einsamen? Doch das ist der Onkel einer halben Stadt schwerlich. Oder bei Einem, der sich nicht zu viel thut, wenn er sich gesteht, daß er einer der häßlichsten Menschen seiner Bekanntschaft ist?

Ich weiß, daß Sie sagen wollen, so hätten Sie es nicht gemeint; daß Sie es bestreiten werden, wenn ich sage, Sie hätten ganz Recht gehabt, es so zu meinen. Es hat Leute gegeben, und meine besten Freunde, die sich und mich über meine Ritterschaft von der traurigen Gestalt mit einem Satze trösten wollten, den heutzutage die Kinder von ihren Ammen lernen: Männer brauchten nicht schön zu sein, das sei für die Weiber. Mir war es immer ein Zeichen von der Künstlichkeit unserer Cultur, daß wir auf natürliche Gaben so leicht verzichten. Oder ist dieser leichtsinnig weise Verzicht nicht so ganz ehrlich? – Bemühen wir uns nur, aus der Noth eine Tugend zu machen? Ich wünschte von Herzen, daß es so wäre.

Woher kommt es denn sonst, daß wir, einige Tugendstolze und Kopfhänger ausgenommen, mit dem freundlichen und heiligen Worte Glück gerade das Wünschenswerte bezeichnen, was ohne unser Zuthun uns geschenkt wird? Warum freuen sich die Menschen selbst in einem Spiel, wo es um Nüsse oder Rechenpfennige geht, die glücklichen Karten zu haben; die Rosen, die sie im Garten ziehen, früher, als die im Nachbarsgarten ausschlagen, die Nachtigall, die sie zehn Schritte weiter eben so gut hören würden, gerade auf ihrer Seite des Gartenzauns im Busche nisten zu sehen? Es ist eben für jeden wohltuend, sich als einen Liebling des Himmels ansehen zu dürfen. Und wir sollten gleichgültig dagegen sein, ob wir an unserm eigenen Leibe eine Göttergunst erfahren haben, oder vernachlässigt worden sind? Nimmermehr! – Die alten Völker mit ihrem reinen und frommen Sinn wußten auch dieses Glück hoch zu halten. Es ist nichts Zufälliges und Kleines, daß sie unter all ihren schönen Göttern eine Göttin der Schönheit hatten.

Sie werden mich nicht mißverstehen, als begriffe ich nicht auch das Stück Wahrheit in jenem Satze, den ich bestritten. Der beste Werth eines Mannes für die Seinen und die Welt besteht allerdings in Anderem, als in seinem Gesicht und seinen wohlgestalten Gliedern. Aber in diesem Sinne betrachtet – wo bleibt der Unterschied zwischen den Geschlechtern? Und darf dies ein sittlicher Mensch nicht einsetzen, ohne darüber jene natürlichen Gaben zu verachten, die mir unter allen sogenannten Glücksgütern voranzustehen scheinen?

Das Letztere müssen Sie einem Menschen zu Gute halten, der diesen Vorzug immer entbehrt hat und niemals die Aussicht hatte, sein böses Glück zu verbessern, was bei allen anderen Ungnaden des Schicksals zu hoffen freisteht. Man überschätzt jedes Versagte.

Er sagte dies Alles lebhaft, aber völlig heiter. Kein Zug von Empfindlichkeit lag in seinem Gesicht. Dann that er einige Schritte durchs Zimmer und stand wieder am Tische still, das Auge auf das verhangene Bild gerichtet.

Und es ist auch ein Unterschied, fuhr er fort, den die weisen Leute vergessen. Ein mangelndes Glück ist nicht gleich ein Unglück. Unsere nördliche Welt von heutzutage ist eine Welt gedankenvoller Arbeit, sittlicher Energie. Was Wunder, daß ihren Männern ein Glück im Preise gesunken ist, das nicht auch in den Bereich ihres Strebens gelegt ist! Aber das ist eine harte und stumpfsinnige Thorheit, zu verlangen, daß man den Mangel jenes Glücks auch dann noch nicht empfinden soll, wenn er ans Unglück grenzt.

Noch jetzt, wo ich, wie Sie selbst gestanden, doch ein glücklicher Mensch bin, kann ich auf Augenblicke jenes Gefühl in mir zurückrufen, das ich als junger Mensch, schon als Knabe empfand, wenn ich über die Gasse ging und die Kinder ließen ihr Spiel ruhen, um mich anzusehen, oder die Mädchen stießen sich heimlich mit den Ellenbogen an, sich auf den seltsamen Menschen aufmerksam zu machen. Glauben Sie nicht, daß ich der Narr war, jedes glatte Stutzergesicht zu beneiden. Ich fühlte mich, und je mehr ich zum Menschen aufwachte, desto herzhafter und tröstlicher sagte ich mir all jene weisen Dinge, die über den wahren Werth des Menschen zu sagen sind. Ich hatte auch die Genugtuung, daß der Schrecken vor mir nicht unbezwinglich war. Manches Kind, dem auf den ersten Blick nicht wohl bei mir wurde, hing später von Herzen an mir. Ich hatte mehr als einen Freund auf Leben und Tod; und sogar Freundinnen, leider mehr, als mir lieb war, und darunter die schönsten Mädchen in der Stadt.

Bin ich doch selbst ein Zeuge gewesen, daß Ihr Glück Ihnen darin treu geblieben ist, versetzte ich.

Er lächelte vor sich hin. Wenn ich Feinde hätte, sagte er, ich würde ihnen dieses Glück wünschen, das erst in gewissen Jahren einigermaßen vergütet, was es einem in der Jugend kostet. Es ist recht hübsch, wenn die Menschen ein gutes Zutrauen zu einem haben, die Eltern einem unbesorgt ihre Töchter, die Brüder ihre Schwestern, die Ehemänner ihre leichtsinnigsten Frauen anvertrauen. Nur ist dieser Beweis von Achtung ein wenig zweideutig, wenn man beschaffen ist, wie ich. Der Ruf eines gefährlichen Menschen ist kein Ruhm. Aber wenn der Ruf eines völlig ungefährlichen auch mehr ein Mißgeschick, als eine Schande ist: es kommen Stunden genug, wo man sich seiner schämt.

Er trank ruhig ein Glas und füllte es von Neuem. Sein blasses Gesicht röthete sich, mehr, als vom Wein, von Erinnerung. Ich schäme mich dieser Scham nicht, setzte er hinzu. Man hätte kein Herz im Busen, wenn man von so viel Auszeichnung nicht beschämt würde.

Und doch bin ich versucht zu glauben, daß Sie sich und den Menschen damals Unrecht thaten.

Mir? Gewiß nicht. Häßlichkeit glänzt in jungen Jahren am meisten. Den Menschen? Ich glaubte es damals selbst zuweilen. Um dieses frommen Glaubens willen habe ich sogar die Thorheit begangen, in einem Zimmer, wo leider kein Spiegel hing und die Nacht schon hereinbrach, der schönsten meiner Freundinnen zu gestehen, daß ich öfter, als es mit rechten Dingen zugehen könne, von ihr geträumt hätte. Es war nur die Vorrede zu einer schönen langen Herzensgeschichte, die ich ihr nicht geschenkt haben würde, hätte sie an der Vorrede mehr Geschmack gefunden.

Es war der Thörin eigener Schade, erwiederte ich, und ein größerer für ihr ganzes Geschlecht. Aufrichtig, bester Mann: war die eine leere Seele werth, daß Sie an all ihren Schwestern verzweifelten? Sollte es nicht auch in Ihrer Jugend mehr als Ein Clärchen gegeben haben, dessen kleiner Eigensinn kluger Weise darin bestanden hätte, Sie besitzen zu wollen?

Vielleicht, sagte er trocken. Dann wäre nur leider der kleine Eigensinn von dem größeren übertrotzt worden, der mir im Blute saß. Mein Sinn war unrettbar an Schönheit verloren, und der Widerspruch, der mir mit auf die Welt gegeben worden, die ungenügsamsten Sinne in einem weniger als notdürftigen Bau, der Streit zwischen meinen Bedürfnissen und dem Mangel alles Dessen, worauf man Ansprüche stützen darf, war so heftig und unversöhnlich, daß es endlich selbst den Himmel erbarmt zu haben scheint.

Mit einer strahlenden Miene stand er in sich versunken. Ich habe mehr genossen, als ihr Alle! sagte er plötzlich halb für sich. Dann hob er sein Glas, sah eine Weise in das leuchtende Roth hinein und sagte dann: Der Wein hat schon zu viel ausgeplaudert, als daß ich Ihnen nicht Alles sagen dürfte und müßte. Füllen Sie Ihr Glas! Wem kann ein Alter besser vertrauen, als der Jugend!

Wir klangen leise mit den Gläsern an. Dann trat er an das Bild und zog den Vorhang zurück. In dem warmen Lampenlichte floß ein wunderbares Leben über die Gestalt, als würde das Blut in den Wangen röther, die Augen strahlender. Er schob einen Sessel dem meinigen gegenüber, nachdem er den Tisch in die Mitte des Zimmers gerückt hatte, und verbarg einen Augenblick die Stirn in der Hand. Darauf sprach er:

Eine leere Seele war sie nicht. Vielleicht verstand sie mich besser, als die Anderen alle. Aber ihr Erstaunen, ihre völlige Ahnungslosigkeit und der Blick, mit dem sie mich ansah, ob ich es auch wirklich war, dem solche Worte über die Lippen gekommen – das Alles traf tiefer und entscheidender, als Hohn und Grausamkeit hätten treffen können. Sie hat Recht, sagte ich mir, als ich ging; man soll nichts gegen die Natur thun. Es wäre ein Verbrechen am Instinct, der Gleich zu Gleich gesellt, wenn sie mir zu gehören wünschte.

Seit jenem Abend wußte ich, daß ich allein bleiben würde.

Und seltsam, seitdem ich dieß wußte, und der erste Schmerz ausgeblutet hatte, gefiel ich mir besser als je zuvor, und wurde heiter ohne Zwang und erlebte die allerbesten Tage.

Seit meinen Knabenjahren waren mir beide Eltern gestorben. Und da mich nichts an meinem Heimatorte hielt, wo ich einzig um jener schönen Freundin willen meine Ferien zuzubringen pflegte, gab ich am Morgen nach meiner Demüthigung Bücher und Kleider einem Schiffer rheinab mit auf den Weg nach Bonn, band meine Geige auf den Tornister und wanderte getrost, freilich in sehr kleinen Tagreisen, das Ufer hinunter.

Ich stellte viele nützliche Betrachtungen unterwegs an, unter andern, daß ich drei und zwanzig Jahre alt war und mich schon ein ansehnlich Stück Leben lang vogelfrei durch die Welt getrieben, auch drei runde Jahre auf verschiedenen Universitäten herum studirt hatte. Ich kam zu dem Schlusse, mich ernstlicher, als bisher, der Göttin des Rechts zu widmen, vor deren verbundenen Augen ich ganz wohl zu bestehen erwarten durfte.

Mit der Musik hielt ich es zu intim, um je daran zu denken, einen richtigen Meister aus mir zu machen. Sie sehen, daß ich an der ganzen linken Seite einigermaßen zu kurz gekommen bin. Ich betrachtete die Geige allezeit als die Wiederherstellerin des fehlenden Gleichgewichts, als mein linkes Auge und den eigentlichen linken Fuß, auf dem ich sicher im Leben stand. Und weil ich von früh auf immer nur für mich allein musicirt hatte, war ich über den Dilettanten nicht hinaus gekommen und konnte es schwerlich von der Zukunft hoffen.

In Bonn richtete ich mich arbeitsam und philisterhaft ein. Die Verbindungen lockten mich wenig. Freunde hatte ich ohnehin bald mehr, als ich brauchte, denn die Ironie, meine einzige Waffe gegen alles Unbequeme, stumpfte sich bald an verschiedenen dicken Schädeln ab. Selbst daß ich bereitwillig im Geldleihen war – sonst ein so zuverlässiges Mittel bei guten Bekannten vergessen zu werden – half mir wenig, wie es denn auf Universitäten überhaupt nicht verfangen will. Im Uebrigen wußten die Meisten nicht recht, was sie aus mir machen sollten, und da ich meinestheils mir aus den Wenigsten etwas machte, sah ich es gleichmüthig mit an.

So verging ein Winter und Frühling.

Eines Sommertags kommt einer meiner Freunde auf mein Zimmer und stört mich von den Büchern auf. Es seien Schauspieler in Königswinter, die dort vierzehn Tage lang spielen würden. Eine Wunderschöne sei darunter. Keiner in der ganzen Burschenschaft, die gerade am Ufer gesessen, als sie landeten, sei unverliebt nach Bonn zurückgekommen. Sie heiße Wilhelmine; die Schauspieler selbst nennten sie die schöne Willy. Nun tummle dich, Bruderherz, daß wir noch zu rechter Zeit hinauskommen, das Meerwunder zu sehen. Sie spielt die Louise in Kabale und Liebe.

Eine gewisse Ahnung wollte mich an den Sitz fest schrauben. Sie wissen aber, daß ein Student am Nachmittag im schönen Wetter keinen eigenen Willen hat. So ließ ich mich fortschleppen. Heimlich lechzte ich freilich nach einer Augenweide, denn ich hatte mich viele Monden lang vor allem Schönen standhaft verschlossen.

Als wir hinaus kamen, hatte das Schauspiel schon begonnen. Damals lag ein Wirthshaus dicht am Rhein, das vor Zeiten ein herrschaftlicher Besitz gewesen war und unter manchen Resten seiner früheren Bestimmung auch ein kleines Theater aufzuweisen hatte, noch recht wohl im Stande. Die eine Seite dieses Anbaues ging in den Hof, und ein hinterer Zugang führte aus dem Obstgarten in einige Zimmer, die für die Garderobe bestimmt waren. Wir Studenten hatten das Alles längst ausgekundschaftet, denn es kam zuweilen, daß einige Theaterlustige unter uns sich der Gelegenheit bedienten und ein Stück zum Besten gaben.

Wir fanden den kleinen Zuschauerraum überfüllt, aber das Auftreten der Schönen hatten wir noch nicht verpaßt. Es war eine Truppe dritten Ranges und außer dem Director kein irgend erhebliches Talent darunter. Indessen – wir hatten lange gefastet, und so waren wir nicht geizig mit ehrlich gemeintem Beifall. Die ersten Scenen zwischen dem Alten und dem Bösewicht gingen glänzend vorüber.

Nun ward ein Murmeln durchs ganze Publikum hörbar, und alle Augen hefteten sich schärfer auf die Thür, durch welche Louise Millerin eintreten sollte. Ich stand im Gedränge an einem Pfeiler, und, ehrlich gesagt, die erste Aufwallung der Hoffnung war schon wieder gekühlt. Ich glaubte aus andern Erfahrungen unsern nicht sehr wählerischen Burschengeschmack genügend zu kennen, dessen Flamme nur eines schwachen Windes bedurfte, um zum Dach hinauszuschlagen.

Zerstreut sah ich vor mich nieder, als mich ein unermeßliches Klatschen aufschreckte. Ich blickte auf, sie stand schon auf der Bühne. Es war mir, wie wenn sie vom Himmel herabgefallen wäre.

Ich beschreibe Sie Ihnen nicht. Sehen Sie das Bild Ihnen gegenüber an; das war sie. Als ich später das erstemal in die Kirche trat, die das Original bewahrt, war mir die Aehnlichkeit fast gespenstisch erschreckend.

Nun aber hob sie die schwarzblauen Augen auf und ließ sie ohne Gegenstand über das Haus schweifen, auch über mein Auge weg. Ich fühlte den Pfeiler zittern, an den ich mich lehnte.

Aber die Gewalt, die von ihr ausging, ähnlich wie ich sie auch Bildern gegenüber schon empfunden hatte, zog sich wieder von mir zurück, als sie zu sprechen anfing. Nicht, daß sie ohne Verständniß gesprochen hätte, aber völlig ohne Wärme und Seele. Mit dem gleichgültigsten Ton entfielen ihr jene Bekenntnisse schwärmerischer, überfließender Sehnsucht, die so viel Andacht vor dem Dichter brauchen, um im Munde einer heutigen Schauspielerin uns mit der Einfachheit der Wahrheit zu berühren. Auch ihre Bewegungen waren gelassen, kühl, müde. Die herrliche, nicht gar große, aber volle und stolze Gestalt regte sich wie im Traum, wie schlafwandelnd. Die Augen sahen zuweilen bei Ferdinands glühendsten Schwüren theilnahmlos auf die dürftigen Coulissen, und obwohl meine Kameraden mit ihrem Applaus nicht nachließen, hörte ich doch in den Zwischenacten mancherlei verdächtige Reden, z. B. wer so schön sei, sei schon an und für sich Schauspiels genug, oder die Rolle passe nicht für ihre Figur, oder auch, ihr sei nicht wohl dabei, den Schwan unter den Krähen vorzustellen. Denn daß ihr das Publikum vielleicht nicht der Mühe werth schien, konnte einer doch anscheinend gebildeten Künstlerin auch nicht von fern zugetraut werden.

Auf den wenigen geschriebenen Theaterzetteln, die am Eingang des Wirthshauses angeklebt waren, stand sie als Frau aufgeführt. Ihre Jugend und Frische schien diesem zu widersprechen. Je länger ich sie aber beobachtete, desto weniger zweifelte ich daran. Eine gewisse ahnungsvolle Dämmerung des Wesens, die in der Rolle der Louise so nöthig ist, fehlte ihr nun gerade ganz. Sie war zurückhaltend, aber nicht scheu, unbefangen in jeder Geberde, aber nicht unwissend, ungelöst an Geist und Leidenschaft, aber nicht durchweht von verhaltener jungfräulicher Feuerkraft. Das Räthselhafte ihrer Person vollendete den Triumph ihrer Schönheit. Als das Stück vorüber war, und die Hoffnung der Meisten, die Zauberin näher kennen zu lernen, durch den kurz angebundenen Director vereitelt worden, zeigte sich die Schwärmerei in den Herzen meiner Commilitonen so einträchtig, daß die sechzig und mehr Nebenbuhler sich unter dem vom Wirth ausgekundschafteten Fenster der Schönen aufstellten und ein damals beliebtes Ständchen im vollen Chor absangen. Die Gardinen blieben indeß herabhangen, obwohl das Licht dahinter brannte und beide Fensterflügel weit offen standen. Dann ließ sich ein Theil der Enthusiasten im Garten beim Wein nieder, während ein anderer in die Bonner Kneipen zurückwanderte, um dort den Freunden Wunder über Wunder zum Besten zu geben.

Ich hatte mich von den Andern getrennt und trug mein volles Herz entlang dem lautlosen Rhein auf einem einsamen Fußpfade nach Hause.

Ich wußte noch nicht, wie es um mich stand. Erst am andern Morgen sollt' ich es erfahren, da meine Gedanken durch keine Macht des Willens an die Arbeit zu fesseln waren. Meine alte Hauswirthin, die mich sonst immer in der Frühe geigen hörte, kam besorgt herauf, als Alles still blieb, und fragte, ob ich krank sei. Schlecht geschlafen hatte ich allerdings, so viel mußt' ich mir selber eingestehn. Und wenn Arbeitsscheu eine Krankheit ist, so war ich herzlich krank. Nun sann ich über die beste Kur. Ueber Tag war ich mit mir darüber einig, daß Enthaltsamkeit das schnellste Mittel sei. Gegen die Theaterstunde lief die Krankheit mit dem Arzte durch, und ich saß einer der Ersten vor den schicksalsvollen Brettern.

Die schöne Frau gewann nur noch in der Nähe. Ich sah erst, daß Kunst, Lampenlicht und Putz keinen Theil an ihrer Zauberei hatten. Auch fiel mir auf, daß sie sich einfacher kleidete, als die andern weiblichen Mitglieder der Truppe, die sie mit viel Theaterflittern gern überglänzt hätten. Dafür schien Alles, was sie trug, ihr eigen zu gehören, die kleine goldene Kette um den Hals, die wenigen Spangen und Ringe, und sie trug Jegliches mit einer vornehmen Nachlässigkeit, die sehr gegen das vordringliche Prahlen ihrer Colleginnen abstach. Leider stand sie ihnen an Lebhaftigkeit des Spiels eben so nach wie an Sucht zu gefallen. Es war dieselbe kalte Passivität heute wie gestern.

Und so blieb es all die folgenden Tage. Das Uebel war nur, daß sich mir die Empfindung dafür völlig abstumpfte, daß man mich mitten in der Vorstellung hätte anrufen und fragen können, welches Stück gespielt werde – und ich wäre die Antwort schuldig geblieben. Wenn sie gerade nicht auf der Bühne war, stierte ich in die Schalllöcher des Contrabasses in dem kleinen Orchesterraum und sah und hörte nichts um mich her. Trat sie wieder auf, so ließ mein Auge nicht von ihr, und lebte nichts an mir, als mein Auge.

Es konnte nicht fehlen, daß so viel feurige junge Leute mit der Autorität des Directors bald fertig wurden. Schon am dritten Abend nahmen die Schauspieler alle an einer Gondelfahrt Theil, und der Senior der Burschenschaft, ein sehr schmucker Jüngling von ritterlicher Haltung, erlangte die beneidete Gunst, neben der schönen Willy im Kahn zu sitzen und ihr seine Huldigungen zu sagen, die sie in ihrer müden, zerstreuten Weise gleichgültig anzuhören schien. Ich beobachtete die Beiden aus einem andern Nachen mit einem Herzklopfen, das ich mir, so gut es ging, als das Muthfieber der Resignation auszulegen bemüht war. Ich war noch vernünftig genug, einzusehen, daß man kein stattlicheres Paar wünschen könne. Aber die geringen Fortschritte, die der Glückliche machte, thaten mir doch überaus sanft. Sie mußte Verstand haben, wenn ihr dieser Anbeter, der ein guter unbedeutender Mensch war, nicht sonderlich zusagen wollte.

Bald verbreitete sich das Gerücht von ihrer unbezwinglichen Tugend zugleich mit mancherlei Historien, die man auf Kosten der drei oder vier andern Damen erzählte. Sie hatte eine gewisse Art, allen Freiheiten zuvorzukommen, ohne Unfreundlichkeit eine Schranke um sich zu ziehen, und die Thorheiten, die um sie herum mit den leichtern Geschöpfen getrieben würden, völlig zu überhören, so daß einige Zuversichtliche, die sich vermessen hatten, wenigstens einen Kuß zu gewinnen, nach geringen Anstalten zur Eroberung ihre Wette freiwillig verloren gaben. Ich hörte dem unablässigen Hin- und Herreden über das Räthsel mit großer Genugtuung zu. So hatte diesmal wenigstens Keiner etwas vor mir voraus. Denn auch die Schauspieler, mit denen man sich beim Weine befreundete, konnten sich nicht besserer Erfolge rühmen. Von ihrer Vergangenheit wußten sie nichts. Sie war eines Tages in Mainz zum Director gekommen mit der Bitte, sie zu engagiren. Sie habe früher nie gespielt. Mit Ihrem Gesicht spielt sich's von selbst, hatte der Director gesagt. Seitdem sei sie ein Jahr bei ihnen, und habe nichts zugelernt.

Es fügte sich ein paarmal, daß ich auf Spaziergängen in ihrer Nähe war und hörte, was sie mit Andern sprach. Es klang Alles gut aus diesem Munde. Einigemal sah ich ihre Augen auf mir ruhn, ohne jenes nicht sehr gütige Verwundern, mit dem mich die Andern ins Auge faßten. Es that mir wohl bis ins Herz hinein, obwohl ich in der Verwirrung, wie mir immer geschah, lahmer wurde als sonst. Die ruhige Teilnahme stand ihr gar zu gut, ihr Gesicht belebte sich, wenigstens bildete sich's der arme Wicht ein, dem doch durch diese Teilnahme nur wieder Seine Narrheit vorgehalten wurde.

Gelegentlich richtete ich auch wohl ein Wort an sie, wenn sie einmal vor so vielen Hofmachern im Augenblick keinen hatte. Sie war sehr freundlich, und mir schien, redseliger, als zu den Andern. Aber die Freude hatte immer bald ein Ende. Entweder kam ein Dritter dazwischen, oder ich ertappte mich, wenn sie eine Frage an mich richtete, darauf, daß ich ohne zu hören und zu denken in ihr Gesicht gestarrt hatte. Dann schoß mir das Blut in die Schläfen, und, meine Verwirrung wohl bemerkend, war sie freundlich genug, unter einem Vorwand abzubrechen.

Ihre Güte und Menschlichkeit raubte mir vollends, was an mir noch mein gewesen war.

Ich will Sie nicht ermüden und Tag für Tag jenes verworrene Leben zurückzurufen suchen. Der gefürchtete vierzehnte war endlich da. Der Director, den eine Verpflichtung nach Cöln rief, war nicht zu bewegen, noch eine Woche zu bleiben, obwohl er glänzende Geschäfte machte. Für den letzten Abend war ein Lustspiel angekündigt. Ein Ball, den die Studenten im Saale des Wirthshauses veranstaltet hatten, und eine solenne Kneiperei sollten den schönen Traum dieser beiden Wochen abschließen.

Was aus mir werden würde, wenn ich aus diesem Traumleben aufwachte und den traurigen Tag nicht mehr erträglich finden konnte, weil er einen Abend hatte, das hatte den ganzen Morgen wie ein schwerer stumpfer Nebel über mir gelegen. Schon Mittags ließ ich mich in der Fähre übersetzen, um auf dem Marsch nach Königswinter meine beklommenen Sinne zu lüften. Es war nicht allzu heiß; aber ich kam nur keuchend von der Stelle und mußte oft ausruhen. Mir war, als ging ich, ein Armersünder meinem letzten Stündlein entgegen.

So kam ich freilich zuerst von Allen an und hatte sogar das melancholische Glück, die schöne Frau, die am Fenster stand, ehrerbietig zu grüßen. Dann schlich ich mich ins Theater, das dunkel war, saß auf meinem angestammten Platz dicht vor dem Orchester nieder und genoß ungestört die Wollust der wüthendsten Liebesschmerzen.

Endlich kam ein Schwarm Anderer in das noch unerleuchtete Haus und fand mich, den Kopf auf die Arme gelegt. Ich sagte, daß ich hier eine Stunde geschlafen hätte, vom Gang ermüdet. Da es dunkel war, konnte mich mein Gesicht nicht verraten. Das Haus überfüllte sich bald; alle Thüren mußten offen bleiben, denn man stand bis auf den Gang hinaus. Das schlechte kleine Orchester fing an eine lahme Ouverture zu kratzen, das alberne Lustspiel begann, ich lachte ein paarmal hell auf, wo nichts zu lachen war, denn die Posse dieses Lebens kam mir immer toller vor. Mitten in dieser Armseligkeit trafen mich einmal die ernsthaften Augen der schönen Frau, die heute noch zerstreuter spielte, als gewöhnlich, aber in Schönheit strahlte, wie nie. Eine ungesunde Lustigkeit erhitzte mich. Ich wollte mir überdieß vor meinen Freunden ein glänzendes Zeugniß geben, daß ihre Neckereien, mit denen mich die Scharfsichtigsten nicht verschont hatten, sehr unbegründet gewesen seien.

So ging der erste Act vorüber. Die Musikanten, die mit der Truppe zogen und hie und da in einer Operette eine größere Rolle spielten, waren heute besonders schlecht bei Tact und Gehör. Sie hatten, da es der Abschiedstag war, sich zu guter Letzt in dem Wein von Königswinter noch eine besondere Güte thun wollen, und der Vorgeiger zumal war stark bezecht. Als sie nun eines ihrer gewöhnlichen Zwischenactstücke einsetzten, das aus dem Don Juan nicht ungeschickt zusammengestohlen war, konnte der Mann seinen wankenden Bogen nur zu einem mißtönigen Stammeln bewegen. In der Aufregung, in der ich war, hörte ich das nicht lange mit an. Mit einem Sprung war ich über der Schranke, hatte die mißhandelte Geige ergriffen und spielte aus aller Macht, so daß meine Mitspieler in einen ungewohnten Zug kamen und selbst das überlaute Gespräch im Publikum unterbrochen wurde. Als sie mich sahen, brachen sie in ein ungestümes Klatschen aus und riefen mir Scherze und Neckereien zu, worauf es wieder still wurde bis ans Ende des Stücks. Einige Köpfe der Schauspieler sahen hinter dem Vorhange vor, der Director kam aus der Coulisse, sogar das Kleid der schönen Willy sah ich im Proscenium wehen. Das befeuerte mich immer mehr. Mit den wildesten Passagen stattete ich meinen Part aus und ließ meine Geige über die anderen Stimmen herrschen, so viel das nicht sehr vorzügliche Instrument hergeben wollte. Am Schluß neues Bravo und der Ruf, daß ich auf meinem Platze bleiben und allein weiterspielen solle. Ich willfahrte gern. Ich wußte ja, daß sie hinter dem Vorhang stand, und daß ich keine andere Sprache reden durfte, ihr meine Abschiedsgedanken zu offenbaren. Während ich spielte, regte sich kein Laut im Hause. Viele mochten in ihr Herz greifen und fühlen, daß ich einen Theil ihrer eigenen Empfindungen aussprach. Denn als ich schloß, blieb es noch eine Weile still. Dann erst machten sich die gepreßten Geister in anhaltendem Bravo Luft.

Ich blieb auch im Verlauf der Komödie im Orchester sitzen, während der Vorgeiger neben mir seinen Rausch ausschlief. Aber ich nahm keinen Theil an dem Spiel, nicht einmal so viel wie bisher. Denn ich scheute mich, die Augen zu ihr aufzuschlagen, als hätte ich mich verraten und auch den Anteil verscherzt, den ich früher in diesen Zügen zu lesen glaubte. Der zweite Act ging so vorüber. In der folgenden Pause konnte ich nicht anders als wieder den Bogen führen, diesmal nur wie ein rüstiger Kapellmeister. Auf eine Improvisation ließ ich mich trotz aller Bitten nicht mehr ein und stahl mich, kurz ehe der Vorhang aufrollte, aus dem Theater in den Garten hinaus.

Die Sommernacht wehte über die Blumenbeete und durch die Zweige der Apfelbäume, und der Gesang der Grillen schwirrte im Grase. Ein Leuchtkäfer flog an mich heran; ich haschte ihn und trug ihn eine Weile in der Hand. Bei Tag bist du häßlich, sagte ich, und ließ ihn wieder fliegen. Die Aufregung, die ich über den ganzen Tag in mir getragen hatte, ließ endlich von mir. Weder jene böse Lustigkeit, noch ein eigentlicher Schmerz war in meinem Innern, dafür eine süße Dumpfheit und jene Steigerung der Sinne, die sie allen begegnenden Stimmen der Natur empfänglicher macht. Mitten im Garten stand ein brettarmiger, niedriger alter Baum, um den eine Bank gezimmert war. Man konnte ohne Mühe hinaufsteigen, und ich ersah mir eben einen bequemen Sitz. Durch die Lücken der Zweige konnte ich den Garten vor mir übersehen, dahinter den Hof und die Fenster des Tanzsaales, wo schon die Lampen angezündet wurden. Zur Rechten Dächer des Städtchens, links der dunkle Rhein, über den Schiffchen glitten. Ein größeres kam mit vollen Segeln vorüber. Die Schiffslaterne spiegelte sich ruhig im Wasser, und rothbeschienene Kindergesichter tauchten aus der Tiefe des Bootes auf. Ich sah in die Nähe und Weite wie in eine fremde Welt, die man mir zu beschauen gönnte. Rings hauchte um mich der Duft der Nachtblumen, und der Thau rieselte erfrischend über mich herab.

Ich schloß jetzt aus dem Lärmen, der vom Theater her erscholl, daß das Stück zu Ende sein müsse. Wirklich sah ich bald den Tanzsaal sich beleben, Andere über den Hof herausströmen, um sich erst durch einen Trunk im Freien von der überstandenen Hitze zu erholen. Einige Bürgerfamilien aus Bonn und Königswinter, die es den Studenten zu Gefallen mit der Gesellschaft von Schauspielerinnen nicht allzu ängstlich nahmen, hatten zugesagt an dem Balle Theil zu nehmen, und die Gegenwart einiger Professoren bewog auch viele von den Bedenklicheren zu bleiben. Bald war der Garten laut und regsam von lustwandelnden Paaren; Gelächter und Geflüster wehte an dem Baum vorüber, auf dem ich saß, und erst als aus dem Saal die Geigenstriche lockten, blieb ich wieder in meiner verborgenen Finsterniß allein.

Umsonst strengte ich mich an, unter den wirbelnden Schatten, die jetzt an den hellen Fenstern vorüberflogen, die Eine, die ich meinte, herauszufinden. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, hinabzusteigen und sie im Saale aufzusuchen. Daß ich sehen sollte, wie sie von Hand zu Hand, von Arm zu Arm ging, und mehr als Einer ihre Schulter an seiner Brust fühlen dürfte, – das konnte ich von meiner noch nicht sehr reifen Resignation nicht verlangen. Ich war heimlich damit zufrieden, daß ich sie aus der Ferne nicht ausfindig machte. Ich ging sogar mit mir zu Rath, ob ich es möglich machen könnte, sie überhaupt nicht mehr zu sehen. Die Beschämung, diesen Entschluß zu fassen und selbst wieder umzustoßen, sollte mir erspart werden. Denn plötzlich kam sie am Arm jenes schönen Studenten, der schon bei der Gondelfahrt ihren Ritter gemacht hatte, über den Hof daher; hinter ihnen die zweite Liebhaberin mit ihrem Galan und ein Kellner, der ein Tischchen und einige Gläser und Flaschen trug.

Sie betraten den Garten, und zu meinem Schrecken gingen sie gerade auf meinen Baum los. Es war zu spät, um unbemerkt hinab zu klettern, und so ergab ich mich in mein Schicksal, da sie kein Licht hatten und mein Versteck sicher genug schien. Sie ließen sich wirklich unter mir nieder, das Tischchen wurde aufgestellt und der Kellner empfahl sich.

Meine Schöne trug einen vollen Rosenkranz im Haar und schien sehr blaß und gedankenvoll. Sie hörte ihren Begleiter geduldig ein langes Geschwätz über das Stück und die Vortrefflichkeit ihres Spiels auskramen und sagte dann ruhig: Sie irren sich, oder reden gegen Ihre Meinung. Ich fühle es am besten, daß ich für die Rolle nicht passe. Andere, zu denen ich vielleicht mehr Geschick hätte, stehen leider nicht auf unserem Repertoir. – Worauf ihr Ritter nicht unterließ, eine Lanze gegen Jeden einzulegen, der an der Vollkommenheit ihrer heutigen Darstellung zu zweifeln wage, sollte es auch die Dame selber sein. Das andere Paar war in seine eigenen Angelegenheiten zu sehr vertieft, um hierüber eine Meinung zu haben.

Die Gläser wurden vollgeschenkt, und der Burschensenior erhob das seine und brachte einen Trinkspruch auf die Schönheit aus. Man stieß an, und Willy nippte aus ihrem Glase, während die Andere ihrem Erkorenen tapfer zutrank. Da, als eben der Sprecher sich wieder setzte und sich anschickte, seinen Toast zu glossiren, krachte der Ast, auf dem ich saß, so vernehmlich, daß alle Vier in die Höhe sprangen.

Ich hätte nichts Sehnlicher gewünscht, als daß mir in diesem Augenblick Eulen- oder Rabenflügel gewachsen wären und mich unverzüglich aus dem Garten über den Rhein in die weite Welt getragen hätten.

Dergleichen ereignete sich freilich nicht. Aber wie ein armes in die Enge getriebenes Jagdthier in der Verzweiflung zuweilen einen Muth faßt, der sonst seine Sache nicht ist, so gab mir meine böse Lage allen Humor und alle Fassung, die mir sonst der schönen Frau gegenüber gefehlt hatten. Ich ließ meine Kameraden lachen, die beiden Schauspielerinnen staunen, und stieg sehr gelassen von meinem Baum herab. Erst als ich festen Boden unter mir hatte, ließ ich mich zu Erklärungen herbei. Ich hätte bekanntlich Anfälle von Schlafsucht, sagte ich. Thatsache sei, daß man mich vor Beginn des Schauspiels im Theater schlafend gefunden habe. Auch sei ich nach dem zweiten Act hinausgegangen, um mir draußen ein Plätzchen zu suchen, meiner müden Natur ihren Willen zu lassen. Da die Bänke im Garten nicht sicher genug vor Störung geschienen hätten, wo hätte ich mich besser betten können, als in die sicheren Aeste dieses dunkeln Baumes?

Sie hätten herabstürzen können, sagte Willy mit all jener Herzlichkeit, die mich sonst schon erquickt hatte.

Ich war gottlos genug zu erwiedern, daß, wer auf Einem Beine lahm ist, nicht sehr fürchtet, es auf beiden zu werden.

Aber Sie haben vorhin nicht eben schläfrig gespielt, sagte die zweite Liebhaberin.

Es kam Ihnen nur so vor, Fräulein, versetzte ich. In Wahrheit schlief ich auch damals, und Sie hörten nichts als meine Träume, die allerdings lebhaft und ängstlich waren. Ich bitte nochmals um Entschuldigung, daß ich dies trauliche Beisammensein gestört habe. Leben Sie wohl!

So wollte ich von ihnen gehen. Willy schwieg und sah mich ohne ein Zeichen des Gefallens oder Mißfallens an. Aber die Andern hielten mich mit freundschaftlicher Gewalt und wollten mich nicht eher loslassen, als bis ich für meine unhöfliche Schlafsucht Buße gethan und mich mit einem Trinkspruch wieder zu Ehren gebracht hätte. Ich ergriff ein Glas und brachte ein Hoch aus auf die Nacht, die eine Mutter der Glücklichen und Traurigen, der Liebenden und Einsamen sei, die Blumen duften und den Johanniswurm leuchten lasse und insonderheit immer die Gönnerin eines armen Schlafsüchtigen gewesen sei. Es war in meinem Spruch für Jeden etwas; die beiden Studiosen deuteten sich ihn als einen Glückwunsch zu ihren Rechten auf die Gesellschaft der Schönen und stimmten laut in das Vivat mit ein.

Während ich so noch bei ihnen stand und die kleine Soubrette mich mit allerhand Fragen und Neckereien aufhielt, kam eine Schaar von Tänzern mit ihren Mädchen in den Garten, und unsere Zurückgezogenheit hatte ein Ende. Man habe die Damen im Saale vermißt, hieß es, und das Fest drohe um seinen vollen Glanz zu kommen. Als ein neuer Tanz Alle wieder ins Haus rief, wurde auch die Bank um den Baum leer. Nur ich stand vor dem verwaisten Tischchen.

Sei's denn! sagte ich. So soll die Thorheit ihr Ende finden. Ich nahm das Glas, aus dem sie getrunken hatte. Es war noch halb voll. Der Schönheit, sagte ich laut, und der Nacht! und trank es aus. Dann wandte ich mich und ging standhaft dem Ende des Gartens zu, meinen Heimweg anzutreten.

Da plötzlich, wie ich gleichgültig den Blick über den Hof voranschicke, seh' ich was, das mir den Fuß an den Boden heftet. Sie selber kam mit raschen Schritten auf den Garten zu, über das helle Kleid ein dunkles Mäntelchen geworfen, ganz allein. Vor überlautem Herzklopfen drohte mir die Brust zu springen, und es umfing mich wie Schwindel. Sie wird etwas verloren haben, sagte ich vor mich hin. Der Schmerz will noch ein Nachspiel mit mir halten. – Ich stand an einem Monatsrosenbusch mitten im Weg. So gern ich wahrhaftig wollte, ich konnte mich nicht regen, um ihr aufzuweichen.

So kam sie nahe zu mir heran und schien unverlegen, mir hier allein zu begegnen. Ich war das freilich gewohnt, daß man mich im Geringsten nicht fürchtete. Hier aber that es mir dennoch weh und gab mir im Augenblick meine Haltung wieder. Sie hatte es sonst beharrlich vermieden, mit Einem von uns irgendwo ohne andere Gesellschaft zu sein. Jetzt ging sie mit gleichmütigen Schritten auf mich zu.

Es ist heiß drinnen! sagte sie. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich auf einem Gang durch den Garten begleiteten. Wenn ich gespielt habe, mag ich nicht tanzen. Es bringt mich um die ganze Nachtruhe.

Ich stellte mich ihr zur Verfügung, und wir gingen tiefer in den Garten hinein. Meinen Arm bot ich ihr nicht. Eine Weile schritten wir schweigend neben einander durch die dämmrigen Gänge.

Sie haben nicht in dem heutigen Stück ausgedauert, fing sie plötzlich an. Seien Sie offen, es hat Ihnen nicht genügt, ich habe Ihnen nicht genügt. Sie sollen mir nichts einwenden, ich weiß es, ich weiß es nicht erst seit heute, daß meine Kunst mir noch eine fremde ist. Es ist zum Theil meine Schuld, ich spiele selten mit ganzem Herzen, nur weil ich zufällig auf dem Theater stehe und die Leute erwarten, ich werde nun den Mund öffnen und sprechen, was mir der Souffleur vorsagt. Die Andern bei der Truppe, obwohl sie weniger Mittel haben, bringen es doch weiter, weil sie sich's angelegen sein lassen, wär' es auch nur aus Eitelkeit. Ich bin nicht einmal eitel.

Ich hörte diese rührend offenen Bekenntnisse, die sie mit ungewöhnlicher Wärme aussprach, nicht ganz so dankbar an, wie ich gesollt hätte. Du machst wieder einmal den Vertrauten, sagte ich zu mir selbst. Fast um weiteres Vertrauen abzuschneiden, erwiederte ich: Sie haben keine Veranlassung, eitel zu sein. Sie sind Ihrer Wirkung sicher, wenn Sie sich nur zeigen.

Sie blieb stehen und sah mich in dem Sternzwielicht so ernsthaft und traurig an, daß ich mich meiner Worte schämte. Von Ihnen will ich diese Sprache nicht hören, sagte sie; denn sie klingt ungütig in Ihrem Munde, wenn sie in anderen nur fade klingt. Wer so viel Musik hat, wie Sie, versteht, daß mich diese Worte kränken müssen. Sie wissen es besser, ich bin nur darum nicht eitel, weil ich unglücklich bin. Wenn mir die Menschen und die Welt gefielen, es würde mir wohl daran gelegen sein, auch ihnen zu gefallen.

Ein Unglücklicher, und wäre er das größte Talent, wird es in unserer Kunst nicht weit bringen. Mich wenigstens haben meine Schicksale wie zugeschlossen, wie mit hundert Schleiern verhängt. Ich bin stumpf an allen Organen und habe keine Interessen. Wer nicht froh sein kann, dem ist nichts wichtig, als sein Inneres, und das Leben liegt ihm weit ab.

Wie soll ich aber froh sein? Ich bin freilich mitten unter dem Leichtsinn aufgewachsen, aber oft genug schauderte mir um so mehr vor ihm, weil er neben dem Elend in den Tag hinein lachte. Ich bin ein Schauspielerkind. Als ich siebzehn Jahre alt war, wurde ich von der Mutter an einen reichen Polen verkauft. Drei Jahre lang zog ich mit ihm herum; er hatte mich zwar in aller Form geheirathet, aber er hielt mich wie eine leibeigene Magd, deren Schönheit ihm gefiel. Wir besuchten Sommers die Bäder, wo gespielt wurde. Dann verschloß er mich in seiner Wohnung und ließ mich oft viele Tage und Nächte nicht an die Luft. In einer Nacht kam er nach Hause um die gewöhnliche Zeit, nach dem Schlusse der Bank. Ich hatte im Nebenzimmer geschlafen, als ich plötzlich durch einen Schuß aufgeweckt wurde. Er hatte den Rest seines Vermögens verspielt.

Ich mußte Schmuck und Kleider verkaufen, um ihn begraben zu lassen. Kaum blieb so viel, daß ich nach der nächsten Stadt reisen konnte, wo ein Schauspiel war. Ich konnte mir die Gesellschaft nicht aussuchen, ich mußte froh sein, daß ich aufgenommen wurde, denn ich hatte nie gespielt, außer in Kinderrollen, und es war Niemand, der mich in die Schule nehmen konnte. Der Director erbot sich wohl dazu, aber ich sah, daß ich ihm nicht im Geringsten entgegenkommen durfte.

So ist denn nichts aus mir geworden. Und doch verleugnet sich mein Blut nicht ganz. Mir ist immer, als müsse noch eine Zeit kommen, wenn die Erinnerung an die erlittene Sklaverei mehr verwischt ist, wo ich fühlen werde, wie der Stein von meinem Herzen fällt und es sich wieder frei und freudig ausdehnt. Ich will dann größere Aufgaben suchen und eine Umgebung, die mich hebt. Jetzt, wenn ich auch könnte und nicht, um zu leben, hier aushalten müßte, es hülfe noch nichts.

Und doch, sagte sie mit einem plötzlich verwandelten, helleren Tone, und doch ist es schade, daß Sie gerade heute nicht im Schauspiel ausgehalten haben. Ihr Spiel hat mich ganz eigen belebt. Ich weiß es, daß ich meine Sache hernach besser gemacht habe, obwohl ich immerhin im Lustspiel nicht an meinem Platze sein werde. Es war in den Tönen so viel wahre Leidenschaft, und die ist es gerade, der ich bisher nirgend begegnet bin, so viel Hitze, Wildheit und Zügellosigkeit mir auch das Leben umlagert haben.

Sie sprach noch viel über die Art, wie meine Musik sie ergriffen habe, und ich ging wie im Traume neben ihr. Es ist mir leid, daß wir morgen fortgehen, sagte sie endlich. Ich hätte viel von Ihnen gelernt. Denken Sie zuweilen an mich, wenn Sie musiciren. Vielleicht wirkt es in die Ferne. Wollen Sie mir das versprechen?

Ich wußte nichts zu antworten. Wir waren wieder am Ausgang des Gartens angelangt und standen vor dem Hof. Die hellen Fenster erleuchteten ihr Gesicht, das himmlisch blühte und glühte. Ich ergriff ihre Hand und küßte sie ohne ein Wort. Als ich wieder aufsah, begegnete ich ihren Augen. Ich habe Ihnen vertraut, sagte Sie sanft. Sie sollten sich auch vertrauen, mehr als Sie thun. Sie sind kein Sohn der Nacht, sondern dennoch ein Sonnenkind, was Sie sich auch einreden mögen. Leben Sie wohl!

Sie faßte meine beiden Hände, dann küßte sie mich auf den Mund und ging ins Haus zurück. –

In welcher Verfassung ich zurückblieb, will ich nicht zu schildern versuchen. Auch ist ein solcher Sturm und Wirbelwind, Jauchzen und Stöhnen der Leidenschaft, wie es nach jenem Kuß in mir hauste, von Niemand nachzuempfinden, der nicht die vielen Jahre schon in meiner Haut gesteckt und sich am Ende schier an sich selbst gewöhnt hatte. Ich weiß nur, daß ich lange, lange auf einem Grasplatz lag, das Gesicht in den Thau gedrückt, ohne eine klare Empfindung von mir selbst. Nur dunkel drang in mein Bewußtsein die Nähe der Menschen, verlorene Töne der Musik, Blumenduft und Kühle der Nacht. Ich wußte nur Eines mit voller Empfindung: ich war dennoch ein Sonnenkind.

Als ich mich endlich erhob, mußte Mitternacht vorüber sein. Ich wankte durch den Garten und trat in den Hof. Durch die Fenster konnt' ich sehen, daß das Fest längst zu Ende war. An einem Tisch in der Mitte des Saals saßen noch Einige trinkend beisammen, während die Meisten auf einer Streu längs den Wänden schon im tiefen Schlafe lagen. Es war ein ziemlich wüster Anblick. Oben in den Zimmern, die die Schauspieler in Beschlag hatten, brannte kaum noch hie und da ein Licht.

Indem ich noch überlege, ob es nicht am gerathensten sei, hier zu übernachten, da ich mir auf meinem kühlen Lager ein Unbehagen in den Gliedern zugezogen hatte, sehe ich den Kellner beschäftigt, das Hofthor zu schließen. Ich mache mich an ihn heran und bitte ihn, mir irgend eine Kammer anzuweisen, wo ich schlafen könne. Der Saal sei überfüllt. Er mustert mich mit schlaftrunkenen Augen und sagt auf einmal: Da sind Sie ja doch noch. Ich habe zwar auf die Hausthüre Acht gegeben und der Hausknecht auf das Hofthor, aber in dem Leben und Treiben, dacht' ich, wären Sie uns doch entgangen. Ich habe was für Sie von dem schönen Frauenzimmer, der Schauspielerin oben in Nummer Zehn; ich habe den ganzen Garten nach Ihnen durchsucht; sie wollte nicht glauben, daß Sie schon fort wären.

Mit diesen Worten händigte er mir einen versiegelten Brief ein und blieb stehen, meine weiteren Wünsche in Empfang zu nehmen. Es ist gut! sagte ich und schickte ihn fort.

Ich lehnte mich an die Mauer des Hauses, meine Füße wollten mich nach so viel Schrecken und Stürmen nicht mehr tragen. Das Fenster neben mir gab Licht genug, daß ich lesen konnte. Sie schrieb: »Ich habe mit dem Director gesprochen; da er längst mit unserm Capellmeister brechen wollte, ging er gern darauf ein, Sie an dessen Stelle zu engagiren. Er will in Cöln einige Sänger und Sängerinnen für die Truppe gewinnen und öfter kleinere Opern geben. Wenn Sie sich losmachen können, wäre es auch nur auf ein Jahr, so reisen Sie mit uns, oder folgen uns in einigen Tagen. Willy.« –

Eine halbe Stunde, nachdem ich den Brief gelesen, stieg ich die Treppe des Wirthshauses hinauf. Eine schwache Lampe dämmerte auf dem Corridor zwischen den Zimmern. Ich las die Nummern über den Thüren, acht – neun – zehn –; da kämpfte ich den letzten Kampf. Ein Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch, ich hörte Schritte drinnen auf- und abgehen, endlich klopfte ich an.

Der Riegel wurde zurückgeschoben und eine hastige Hand öffnete. Ich habe Sie erwartet, sagte sie; ihre Stimme klang unsicher, ihre Augen hingen forschend an meinem Gesicht. Sie war noch völlig angekleidet, sogar der Kranz von Rosen saß noch in dem dunkeln Haar. Auf dem Tische stand ein Licht; wir setzten uns ihm gegenüber, die Flamme wankte von ihrem Athem.

Sie haben mir wohlthun wollen, fing ich an. Ich komme, Ihnen zu danken. Der flüchtige Antheil, den Sie mir Fremden geschenkt haben, wird mich mein Lebenlang begleiten, und auch Sie sollen ihn nicht vergessen. Aber was jetzt so schön ist, daß es einen armen Verstand fast aus den Fugen bringen könnte, kann so verderblich werden, daß es uns Beide unglücklich macht, mich, indem es mich vernichtet, Sie, indem Sie sich Vorwürfe machen würden, mich mit dem besten Herzen so weit gebracht zu haben.

Ich sah, daß sie etwas erwiedern wollte und kam ihr zuvor. Ihre Stimme hätte meine Besonnenheit zu Schanden gemacht.

Daß Sie mir theuer sind, sagte ich, wissen Sie, denn Sie wollten sich mir freundlich erzeigen, indem Sie mir einen Platz in Ihrer Nähe frei machten. Daß ich Sie aber bis zur Verzweiflung liebe, können Sie nicht wissen. Denn Sie stehen über dem unbarmherzigen Wunsch, ein Opfer täglich vor Augen zu haben. Nachdem ich Ihnen dies gesagt habe, werden Sie fühlen, daß ich es mir selber schuldig bin, Sie nach dieser Nacht nicht wieder zu sehen.

Ich war im Begriff aufzustehen, als mich ihre Augen trafen, groß und glänzend. Und wenn Sie mir dennoch nichts Neues gesagt hätten? sprach sie mit ihren innigsten Lauten, wenn es mir seit diesem Abend klar wäre, daß auch ich Sie nicht mehr entbehren kann? Wollen Sie mich Ihrem Stolz opfern? Können Sie es?

Sie täuschen sich, sagte ich; Ihr menschliches Herz täuscht Sie. Ich muß freilich nach allen Zeichen Ihrer Freundschaft glauben, daß etwas in mir sei, was mich Ihnen werth macht, was Sie vieles vergessen läßt, woran die meisten Ihrer Schwestern Anstoß nehmen würden. Aber wie es auch sei, unsere Gefühle für einander sind nicht gleich. Ich bin Ihnen vielleicht Viel, Sie mir Alles. Sie würden Unrecht thun, Alles für Viel hinzugeben.

Ich bin ein herzlich unvollkommenes Geschöpf; Sie das vollkommenste, das meine Augen je gesehen haben. Nur ein Rausch der Güte kann Sie darüber verblenden, daß wir nicht dazu angethan sind, neben einander herzugehen. Auch wenn ich nicht das Unglück hätte, mit diesen hoffnungslosen Schmerzen Sie anzusehen, – selbst ein Verkehr der Freundschaft würde uns nicht auf die Länge glücklich machen. Einzeln, wie ich in der Welt stehe, kann mich das Bedauern der Menschen oder ihr verletzender Blick wenig anfechten. Neben Ihnen erschiene ich mir selber als ein Zerrbild und würde mir sagen, daß ein Schein des Lächerlichen auch auf Sie fallen müßte, während Sie jetzt, wohin Sie treten, die Freude und das Entzücken bringen.

Während ich sprach, starrte sie unverwandt in das Licht und schüttelte nur dann und wann langsam das Haupt. Ihre Augen wurden feucht.

Sorgen Sie nicht um mich, fuhr ich fort und stand auf. Ich werde weiter leben und hoffentlich noch ein nützlicher und auch wohl zufriedener Mensch werden. Es giebt alte Krieger, denen man die Kugel aus der Wunde nicht hat herausziehen können. Sie leben doch, und nur in stürmischer Witterung oder im Frühling rührt sich das Blei in dem geheilten Gliede. Machen Sie davon die Nutzanwendung auf mich. Behüte Sie Gott! Denken Sie freundlich an mich.

Sie saß unbeweglich, ich fühlte, daß ich gehen mußte, wenn ich nicht vor ihre Füße stürzen und meine armseligen Worte alle widerrufen sollte. So ging ich, und sie ließ mich gehen. Auf der Treppe, die ich rasch hinabstieg, war mir, als hörte ich sie rufen. Blind rannte ich weiter, durchs Haus, durch die Thür und die Gasse hinab, die zum Rhein führte. Ich sah nicht mehr zurück. Wenn sie am Fenster gestanden und gewinkt hätte, ich wäre umgekehrt, und hätte es mein Leben gekostet.

Am Ufer stand eine Schifferhütte, ich pochte den Mann heraus und bewog ihn, mich zur Stunde nach Bonn zurückzufahren. Wie die Wellen sich schluchzend am Kahne brachen, rings um uns her die letzte tiefe Finsterniß der nun bald schwindenden Nacht, schüttelten mich meine Schmerzen gewaltsam. Ich lag vorn im Nachen und horchte auf die Fluth. Das dünne Brett zwischen mir und der Tiefe, wenn das plötzlich wiche, so wäre mir sehr wohl, dachte ich. Ich glaubte, glücklicher und Unglücklicher im Leben nicht mehr werden zu können.

Aber je weiter ich mich von ihr entfernte, desto klarer wurde ich darüber, daß ich gethan, wie ich mußte. Es ist eine großherzige Laune von ihr gewesen, sagte ich mir, oder wenn es mehr war, hätte es den Launen des Lebens doch nicht Stand gehalten.

Als ich nach Hause kam, war ich so weit mit meinem Innern gediehen, daß ich mich niederlegen und an Schlaf denken konnte. Ich schlief auch wirklich einige Stunden und wachte erst am späten Morgen auf. –

*

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