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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 9
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
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Vierter Gesang.

Die Nonne.

                Schwere Geschütze durchrasseln die Stadt auf rollenden Rädern
Nachts und im grauenden Morgen. Wo nicht Zugthiere bereit steh'n,
Hand anlegen die Männer, die Weiber. Geschleppt auf die Wälle
Wird nun der Burlebaus und der Umpenplump und der Satan,
Wird Basilisk und Adler und Kauz, und was sonst noch zu Münster
Von rundlippigen Schlünden in Händen der Täufer. Die faule
Grete nur bleibt auf dem Markte zurück. Schwerfällig, und mühsam
Ist sie vom Orte zu rücken: darum auch heißt sie die faule.
Und man weis't auf dem Markt ihr den ständigen Platz vor dem Rathhaus,
Daß als die mächtigste sie von den Donnergeschützen zu Münster,
Dröhnend bedeute den Streitern von Sion die Stunde des Angriffs.
Doch nicht auf die Umwallung allein, auf der Häuser Bedachung,
Jener, die nahe dem Wall, hinwälzt man die ehernen Schlunde:
Hinter den Luken der Thürm' und den Löchern, in Mauern gebrochen,
Gähnen, noch schweigend, die Röhren: wie Drachen, die lauernd am Eingang
Kauern des Felsengeklüfts. Blockhäuser umragen die weite
Stadt, vor jeglichem Thor ist erhöht ein gewaltiger Erdwall.
Aber das Inn're von Münster, zum Zeughaus hat sich's verwandelt,
Zu Werkstätten die Häuser am Markt, wo schwitzend berußte
Männer am Glutherd steh'n und ein stählern Geklirr und Gehämmer
Unablässig erschallt. Es beseelt Ein Geist die Bewohner.

Knipperdolling und Krechting durcheilen die Gassen wie rasend,
»Kommt«, so rufen sie, »klettern wir auf zu den Spitzen der Thürme!
Nieder mit ihnen! auf daß wir mit Mörsern bespicken die Plattform!
Was hoch ragte, das soll nun erniedriget werden in Sion!« –

So durchlodert der Eifer die Stadt. Doch verborgen in stiller
Zelle noch weilt der Prophet: es erblickt ihn Keiner im Schwarme.
Einsam stand im Gemache der Greis, mit stierenden Augen
Gegen die Wände gekehrt, nicht Trank noch Speise verkostend.
Hat ihm gebrochen die Kräfte der Drang des vergangenen Tages?
Ganz ihm die Sinne verwirrt?
                                                Nun sinken die Schatten des Abends:
Und es vertheilen die Führer die Thore der Stadt zur Bewachung.
Erst auf dem Markte versammeln die Schaaren sich, hören die Losung,
Ziehen bewaffnet dahin, wo man ihnen gewiesen die Posten.
Aber der Jüngling von Leyden, er leitet die Schaar, die gesandt war
Zu dem Servatienthor, wo nahe der Mauer das Kloster
Nitzing ragte, verödet nunmehr, da entwichen die Nonnen.

So war genahet die Nacht. Da tritt aus der einsamen Zelle
Plötzlich hervor der Prophet und besteigt sein Roß und umgürtet
Sich mit gewaltigem Schwert. Es umgibt ihn ein Haufe verzückter
Schwärmer, gewaffnet wie er. Was sträubt so verwirrt auf des Greises
Haupt sich das graue Gelock? was erglänzen so gläsern die Augen?
Was stiert drinnen so schaurig? –
                                                      Es ist der umnachtende Wahnsinn!
Ihn, den Giganten, ihn selbst hat so des gewaltigen Schicksals
Blitz nun ereilt, auslöschend des himmelanstürmenden Geistes
Leuchte: gebrochen, und doch noch trotzend, ein Nebucadnezar,
Schwankt er den Seinen voran. Und es merket zu Münster es Keiner,
Daß wahnwitzig der Meister . . . wer schiede zu Münster den Wahnsinn
Von der Begeisterung noch? Voraus ihm, dem irren Propheten,
Rennt ein Verzückter und ruft, er sehe die Schaaren der Engel
Himmelherab sich senken, zu theilen den Streit der Entscheidung.
Und dies schrie der Verzückte mit tollen Geberden, als wollt' er
Fliegen den himmlischen Schaaren entgegen, und drehte nach rückwärts
Weiter und weiter das Haupt; aus den Höhlungen traten die Augen,
Starr nach oben gerichtet; er fiel auf den Rücken und wälzte
Sich auf dem Boden zuletzt, und es trat auf die Lippen der Schaum ihm.
Andere ritten dem Zuge voran, und riefen die Bürger
Auf in den Straßen, sich rasch zu gesellen der Schaar der Erkornen.
Und in Wahrheit kamen Begeisterte, hörend den Zuruf,
Feurigen Muths, und folgten der Schaar, der erwählten, des Greises
Dort mit dem stierenden Blick und mit dem verwilderten Grauhaar,
Der wahnsinnig hinaus in die finstere, schweigende Nacht zog . . .

Aber indeß der Prophet auszog nordwärts durch das Kreuzthor,
Stand am anderen Ende der Stadt, am Servatienthore,
Nahe dem Nitzingkloster, mit seinem bewaffneten Haufen
Jan von Leyden, als Führer und Ordner, bestellend die Thorwacht.
Und er vertheilte die Einen am Thor, auf dem Walle die Andern,
Hinter den Mauern zugleich, in die manch gähnendes Rundloch
Gegen das Lager hinaus für Büchs' und Karthaune gewölbt war.
Und in die räumigen Höfe des Klosters auch legt' er Besatzung.

Jegliches hatt' er geordnet. Da plötzlich ersah er die braune
Divara wieder vor Augen. Sie schloß an die Streiter sich mannhaft,
Drängte mit liebendem Eifer sich stets in die Nähe des Jünglings;
Und so nah'te sie ihm auch jetzt. Doch der Sinnende wandte
Stolz von der Nahenden sich, dem verlockend-unheimlichen Weibe.

Und entweichend vor ihr, einsam durchschritt er die innern
Hallen des düsteren Klosters, verlor sich tiefer und tiefer
In den mäandrisch-verschlung'nen, den nächtlich-umdunkelten Gängen.
Schauerlich hallte der Tritt in der finsteren Öde – das Dunkel
Schreckte den Wandelnden hier und dort mit gespenstigen Larven.
Und es bedünkt' ihn, als huschten, den Grüften entstiegen, die Jungfrau'n
All' um ihn her, die seit Jahrhunderten hier in den Zellen
Krank an vergeblichem Sehnen das blühende Leben vertrauert,
Und als drängten sie sich, mit blutlos lechzenden Lippen
Gleich Vampyren heran, ruh'los, noch sehnlich verlangend
Selbst noch im Grabe, dem kühlen, was ihnen versagte das Leben . . .

Sinnend so schreitet er hin, es umgraut ihn das nächtliche Dunkel.
Doch was schimmert ihm dort wie ein Sternlein vom Ende des langen
Finsteren Ganges entgegen? Er folgt dem erzitternden Irrschein,
Schreitet vorüber die Reihen der Zellen, hinab bis zur letzten,
D'raus ihm das Lichtlein schimmert. Da, horch, es erklingt wie ein Seufzer
Ihm aus der Zelle heraus – ein Seufzer, so eigen und seltsam
Klingt er, so heiß, so erstickt, wie gehaucht in höchster Entzückung.
Und er öffnet entschlossen die Thür. In die einsame Zelle
Fällt sein Blick, da steht er betroffen. Es flackert ein Lämpchen,
Und ein Weib, das Gelock entfesselt, in weißem Gewande,
Sieht auf den Knieen er liegen in andachtheißer Entselbstung.

Noch nicht merkt sie des Fremdlings Nah'n. Ihr lodernder Blick ist
Starr nach oben gerichtet, nach einem von Rosen umkränzten
Heilandsantlitz, umschwebt von himmlischen Knaben, und mild-ernst
Blickend. Verklärung stralt um die Beterin her, wie der Goldgrund
Um ein Heiligenbild.
                                  Nun tritt genüber der Jüngling
Ihr, und es trifft ihn der Blick der Verzückten: da lodern die starren
Augen noch mächtiger ihr, noch flammender glüh'n ihr die Wangen
Einen Moment, und sie stammelt aus brennenden Lippen gepreßten
Laut – ein Seufzer noch folgt – dann aber, wie Flammen
Plötzlich verloschen, als wären sie müd, wenn zuhöchst sie gezüngelt,
Stirbt in den Wangen, den Augen des Weibes die Glut: sie erhebt sich,
Tritt entgegen dem Fremden, wie Einer, gerissen aus tiefem
Traum, unwilligen Blicks, in Verwirrung dem Störer begegnet.

Hoch nun erscheint die Gestalt: eine schwärmende Heilige scheint sie,
Und Heroine zugleich. Mit so mächtigem Baue der Glieder,
Wie doch vereint in den Zügen so rührender, himmlischer Ernst sich?
Wie mit so stolzer Gestalt so schwärmerisch schmachtender Augstral?
Büßerin scheint sie, zerknirscht und reuig – und dennoch umschwebt sie
Magdlich ein Unschuldshauch! – Und wie ist sie verwandelt so völlig,
Seit im Gesicht ihr erloschen die Gluten der frommen Entzückung!
Mälig hat sich der Purpur der flammenden Wange zu krankhaft-
Leuchtender Blässe gedämpft, und des schwärmerisch-blickenden Auges
Ränder umspielt und umschattet in bläulichen, grünlichen Tönen
Himmlische Müdigkeit und die Schwermuth heiliger Liebe.

Seltsam im Herzen bewegt, spricht Jan zur Frommen gewendet:
»Sage, wie kommt's, daß allein du zurück in des düsteren Klosters
Hallen noch bliebst und nicht mit den anderen Schwestern hinauszogst,
Weichend der nahen Gefahr, und dem Wort des Propheten gehorchend?«

Ruhig erwidert die Nonne darauf: »Wol zogen der Schwestern
Letzte hinweg noch am Morgen des heutigen Tags, in ein neues
Leben sich stürzend; ich aber, o Fremdling, werde von hier nicht
Weichen, so lang im Winkel der Krug und das schimmelnde Brot mir
Fristet das Leben und nicht die Gewalt aus der Zelle mich fortreißt!«

Also die Nonne. Dem Jüngling erschließt sich das Herz, so wie Einem,
Welchem in düsterer Schlucht eine prangende Blume sich plötzlich
Zeigt, die da wie ein Stern in der Waldnacht steht. Es vermag nicht
Kühl zu bezähmen des Herzens Erregung der staunende Träumer,
Und mit der Sprache des off'nen, des jugendlich-feurigen Muthes
Ruft er: »O herrliches Weib, warum aus der einsamen Zelle
Hast du den Spiegel verbannt für immer? O wie doch vermochtest
Du dich zu bergen so lang vor dem spähenden Auge der Sehnsucht,
Welches die Weiten durchschweift, ein Bild wie das deine zu finden?«
Sprach's, und sie blickte wie zürnend. Doch er fuhr fort in Entzückung:
»Wenn ich mir dacht' ein Weib, ganz würdig der Liebe, beglückend,
Dacht' ich es mir so hehr und so stolz, so schön und so edel,
Dacht' ich es mir mit so großen und mondhaft leuchtenden Augen,
Dacht' ich das stolze Gesicht so verklärt mir von reizender Blässe,
Dacht' ich so ernst mir und sinnend die Stirn, und die Locken so goldbraun
Schimmernd, die Lippen umschwebt von solch liebreizender Schwermuth!
Ist's denn möglich, daß fremd ich dir scheine, wie alle die Andern?
Dünkt mich doch, als wärst du vertraut mir gewesen von jeher!« –

Also rang aus des Jünglings Gemüthe, des stolzen, auf einmal
Glühend hervor sich die Fülle des liebenden, tiefen Empfindens.
Männlich und kindlich zugleich, harmlos und vertraulich, mit kecker
Hand, schier ohn' es zu wissen, erfaßt er eine der langen
Hangenden Flechten der Nonne, von jenem entzückenden Goldbraun,
Welches wie goldene Fassung den blanken Juwel des Gesichtes
Leuchtend umrahmt. Doch es fällt aus dem Auge der Schönen ein Zornstral
Auf den verwegenen Schwärmer: gebieterisch weis't sie hinweg ihn.
Zornvoll steht sie vor ihm.
                                          Da erwacht auch im Busen des Jünglings
Wieder ein stolzeres Regen: im Aug' eine Flamme des Unmuths,
Trotzt er der kühnen Geberde des Weibes. Ein leuchtender Blick trifft
Sie so gewaltig, dem ihren begegnet der seine so sieghaft
Jetzt mit des männlichen Geistes Gewalt, daß ein leises Erbeben
Plötzlich den Leib ihr durchläuft . . . Ist das noch der schwärmende Jüngling,
Der wie ein spielendes Kind nach den bräunlichen Flechten gegriffen?
Ei, wie kommt's, daß sie zittert und daß ihr Aug' vor des Fremdlings
Auge betroffen sich senkt? – Da zuckt es wie flüchtiges Lächeln
Über die Züge des Jünglings; ein freudig-stolzer Gedanke
Streift ihm die leuchtende Stirn. Doch erloschen sogleich ist das stolze
Lächeln in liebender Milde des Blicks, und wieder beginnt er:
»Sprich, warum doch willst du der Welt entsagen für immer?«

»Weil ich sie hasse!« versetzt mit bitterem Lächeln die Jungfrau.
»Weil sie ein sündiger Pfuhl – kein Engel entrinnt der Befleckung!
Weil ein dämonischer Finger nach Allem, was rein ist auf Erden,
Neidisch greift und verrucht, wie nach glänzenden Augen der Kinder
Picken die Raben« . . .
                                    »O schmähe sie nicht«, so erwidert der Jüngling:
»Schmähe sie nicht; denn wisse, die Welt will mächtigen Schwunges
Eben sich schöner erneu'n, zustrebend erhabenen Zielen!
Andere Zeiten begrüßen wir bald, wo das Edle, das Reine,
Heimisch wieder zu werden vermag auf irdischem Boden . . .
Komm, laß freudig dich grüßen als edelste Tochter von Sion!«

Sprach's und mit sanfter Gewalt an der Hand zu erfaßen die Jungfrau
Strebt er, sie aber ergrimmt, wie berührt von verwegenem Unhold:
»Weiche zurück von mir!« ruft sie . . . und mit bebender Stimme
Fügt sie leiser hinzu: »mir schaudert vor deiner Berührung!«

Anstarrt Jan sie betroffen: er weiß nicht, ob sich verwirrte
Sinne geberden so fremd, ob heilige Scheu der Geweihten?
»Wie, du schauderst?« so ruft er. »Ich schaud're«, versetzte die Jungfrau
Und sie blickte dabei wie betäubt, wie verloren, mit großen
Augen den Jüngling an; »ja Fremdling, ich schaud're vor deinem
Blick, vor dem Lächeln des Mundes . . . so blickte, so lächelte Jener,
Welcher zuerst mich schaudern gelehrt, und vor welchem ich schaudernd
Zuflucht hier nur gefunden in düsterer Zelle des Klosters« . . .

Forschend in's Antlitz blickte der Jüngling ihr, es ergriff ihn
Mitleid innig. Und wieder begann er: »Vertraue mir, Edle,
Künde mir, wie du gelernt, vor dem Blicke des Mannes zu schaudern?«

Bitter, wie Hohn, umzuckt es der Jungfrau Lippen: »Erzählen
Soll ich dem Fremdling, dir, was ich trotzend verhehlte dem trauten
Ohre der flehenden Mutter?« – »Erzähle mir's dennoch!« – Ein Zauber
Lag in des Bittenden Stimme, die tief aus dem Herzen heraufklang.

Wieder nun senkte die Nonne den Blick. Und ruhig zu sprechen
Fortfuhr Jener: »Vertraue dich mir! du bedarfst des Beschirmers!
Weißt du es nicht, daß die Stadt seit gestern den Wiedergetauften
Gänzlich geworden zu Eigen? Daß Mönch und Nonne fortan nur
Sicher im Kriegsfeldlager noch weilen des Grafen von Waldeck,
Welcher als Bischof jüngst und als Fürst zu Münster geherrscht hat?«

Ei was bricht sie zusammen bei Waldeck's Namen, die stolze
Nonne? was sinkt sie hinab auf den eichenen Schemmel des Betstuhls,
Gleich als ob ihr versagten die Knie' und schwänden die Sinne?
Und mit den Händen verhüllt ihr Gesicht sie. Aber nun plötzlich
Springt sie empor, tritt hin vor Jan, und: »Vernimm mich«, so ruft sie,
»Anabaptist! – du magst, ja du sollst es erfahren, das Schicksal
Hillas, und was sie hieher in die Zelle des Klosters geführt hat!
Höre mich an, denn es spornt mich zu reden ein flammender Drang setzt!
Höre mich an: dann gib mir getreuen Bericht, ob in Wahrheit
Besser geworden die Welt, seit Hilla für immer entsagt ihr!« –

Ernst aufhorchte der Jüngling; die Nonne begann zu erzählen:
»Eigen gesinnt, bald träumerisch-still, bald knabenhaft trotzend,
Weltscheu, fromm und züchtig erzogen von frommen Erzeugern,
Tief in der Brust ein gewaltig Verlangen, dem dürftig und schal sich
Zeigte die Welt, das gern sich verlor in unendliche Fernen,
So wuchs Hilla heran. Man pries im Volke der Jungfrau
Jugendlich blühenden Reiz, und ein Ritter von edlem Geschlechte
Wollte die Minne gewinnen der Spröden, der Züchtigen, Scheuen.
Magdlich erglüht sie. Da drängt er an sie sich mit wilder Begierde:
Aber es war unbezwinglich die Scheu vor des Mannes Berührung
Ihr in die Seele gelegt, und ebenso stolz und gewaltig
War sie, als schwärmerisch-fromm. Nun ergrimmte der stürmische Werber,
Raubte zuletzt ruchlos die sich Sträubende, brachte sie tückisch
Auf ein einsames Schloß und erneute die schändliche Werbung.
Aber sie wandte sich nun vom Bedränger mit doppeltem Abscheu,
In jungfräulicher Seele gekränkt, daß er, Minne gelobend,
Nur entweih'n sie gewollt zum Zielpunct frecher Begierden.
Ach, die erblühende Blum' im Feld, sie ist näher den Füßen
Als der Hand, und sie läßt sich bequemer zertreten als pflücken!
Lang noch trotzte sie ihm; in gewaltigen Gliedern zur Abwehr
Hatte sie männliche Kraft. Da wandt' er zu Mitteln der Hölle
Sich: er versetzte den Trank ihr mit tückischen Säften: bewußtlos
Sank sie in Schlaf, wie der Tod so tief. Und als sie erwachte,
Fand auf dem Lager sie ruhend gesellt sich dem Ruhenden, wehrlos,
Sah um den Nacken den Arm des Entführers vertraulich geschlungen.
Schlummernd, so lag er, die Lippen umschwebte zufriedenes Lächeln.
Aber ihr selbst war zu Muth, als wär' ein entsetzlicher Frevel
An ihr gescheh'n: es durchzuckt ihr die zitternden Glieder ein fremdes,
Nimmer verstand'nes Gefühl; sie beginnt vor sich selber zu schaudern,
Rafft sich empor, und zurück auf das weichliche Lager den Böswicht
Schleudernd, der, eben erwachend, noch fest sie zu halten bemüht ist,
Stürzt sie hinaus in die Nacht . . . Viel Tag' lang schweift sie in Wäldern,
Schweift sie auf Haiden umher, schläft Nachts in Höhlen. Und nimmer
Sieht sie den heimischen Herd. Aufnimmt zuletzt sie die Zelle.
Und nie wieder, das schwört sie, gedenkt sie zu lassen die Zelle,
Nimmer zu schauen die Welt. So ist Hilla Nonne geworden.
Und auch der Werber aus edlem Geschlecht, der hieher sie gescheucht hat,
Warf sich in Priestergewande: doch nicht um der Welt zu entsagen,
Nein, er zog, wie so Mancher aus edlem Geschlechte, den Chorrock
Über den Harnisch, als Fürst einen Bischofsstuhl zu besteigen:
Und bevor noch erhalten die sämmtlichen Weihen der Edle,
Ward ihm gedrückt auf die Stirne die Bischofsinfel zu Münster«.

Seltsam erstaunt, fragt Jan: »Du sprichst vom Grafen von Waldeck?«
Hilla neigte das Haupt. »Er fand auf dem fürstlichen Thronstuhl«,
Sagte sie, »nimmer das Glück und den Glanz, den mit weltlich gesinnter
Seel' er gesucht. Mir aber erblühte der Frieden in einsamer Zelle,
Und ein Glück, das ich nimmer geahnt. O, wie könnt' ich entsagen
Jemals der himmlischen Lust, die beseliget ohne Befleckung,
Ohne zurück im Herzen zu lassen den Stachel der Reue!
Mir durchglühte die Seele nach höherem Glücke die Sehnsucht
Unruh'voll, und nun fand ich es hier zu den Füßen des Heilands!
O, wer schildert die Wonne, zu welcher auf himmlischer Andacht
Schwingen der Geist sich erhebt in der einsamen Kammer, die süßen
Schauer, mit welchen die Hallen der Kirche den Beter umwittern!
Ruhe, so süß, wie sie schwebt um den Altar, wie von den hohen
Wölbungen nieder sie quillt, winkt nirgends auf Erden! Das Taglicht
Hat nichts Irdisches mehr, und es schweben wie spielende Engel
Im Halbdunkel verloren die himmlischen Lichter und Stralen.
Weihrauchdüfte berauschen den Sinn, und die Stimmen der Orgel
Sind ein klingender Sturm, der die Seelen wie Blätter dahinreißt,
Brausend nach oben sie führt! Und die Bilder der Heil'gen, sie leben,
Denn sie erwidern die Liebe, in immer erhöhterem Liebreiz
Stralend, je länger der Blick sie umschmiegt in brünstiger Andacht!
Sieh' den Gekreuzigten hier! Dies Bild, o wie ist es zum Seelen-
Bräutigam mir geworden, zum himmlischen Tröster, zum hohen
Spender der Freuden! Wie schmückt es die einsame Zelle so lieblich!
Wie du heute mich fandest verloren in süßer Entzückung
Siehe, so lag ich Nacht um Nacht, und wünschte des Dunkels
Nahen herbei, wenn der Tag mich umgab, mit heißem Verlangen.
Und wenn das Herz mir schwoll und zu eng mir wurde die Zelle,
Und ein Sehnen die Brust durchwogte, mir selbst unerfaßlich,
Eilt' ich nächtlich hinaus in die einsame Halle des Kreuzgangs:
Da quoll zauberisch mir in den Busen herab durch die hohen
Fenster der goldige Mond: auf die kühlenden Quadern des Kreuzgangs
Sank ich nieder und trank es in mich, das berauschende Mondlicht,
Und als wären mir leise die rinnenden Adern geöffnet,
Fühlt' ich ein wonnig Zerfließen. Da schwanden mir alle die Bilder,
Und der Gekreuzigte selbst; es umfaßte mit glühenden Armen
Mich ein unendliches Glück und in Schauern der Wonne verging ich!«

So sprach Hilla und wieder erglühten ihr Wangen und Augen:
Liebeberauscht und erstralend in mehr als irdischer Schönheit
Stand sie vor Jan. O dieses von himmlischer Liebe verklärte
Jungfrau'nbild – wem es wäre vergönnt, an die Brust es zu drücken,
Und zu sagen: Du bist mein eigen! Ein glühender Seufzer
Ringt aus des Jünglings Brust sich empor. »O Hilla«, so ruft er,
»Ströme die Woge der Lieb' aus dem Borne der edelsten Seele
Nicht ins Unendliche hin! laß lieber sie segnend erfrischen
Diese bedürftige Welt! o schwebe vom Himmel, dem hohen,
Wieder zur Erde herab, um die Erde zum Himmel zu machen!
Hilla, kennst du die Minne, die irdische? schüttle das Haupt nicht!
Himmlisches, irdisches Lieben – es ist ein Trachten, ein Sehnen
Nach dem unendlichen Glück! Wer glutvoll betet, o Hilla,
Wie ich dich beten geseh'n, der versteht auch glühend zu minnen!
O du kennst sie, die Minne! Die Alltagskinder da draußen
In dem Gedränge der Welt mißbrauchen den Namen der Minne,
Doch du, Nonne, du kennst sie! Unendlichen Schatz der Empfindung
Birgt dein Herz, doch es kam ein Würdiger nicht, ihn zu heben.
Jener Gewaltsame, welcher dir frevelnd entrissen das Höchste,
Heiligste, statt mit den Lauten des Herzens, den rührenden, zarten,
In dir sacht zu beschwören den Schauder der magdlichen Seele –
Niemals hat er die Minne gekannt! Und Tausende steigen
Tag um Tag in das Dunkel der Gruft, nicht kennend die Minne,
Nicht die Wonnen der Minne, und noch viel minder den heiligen
Ernst der Entzückung in Liebe, der keuscher als selber die Unschuld
Ist, und Eins mit der Treu', und stärker als Himmel und Hölle . . .

Immer verlangte das Herz mir, nach Kronen des Glückes zu greifen,
Immer erträumt' ich ein Reich, wo sich Himmlisches, Irdisches einten:
Und dies wonnige Reich, was wär' es mir ohne die Minne?
Glaub' mir, ich habe, wie du, als Träumer die Menschen geflohen,
Und doch flammte der Drang in der Brust mir nach einem geliebten
Bilde, vor welchem ich könnt' anbetend vergehen in Liebe.
Ei, sie schelten uns stolz: doch Stolze nur wissen zu lieben!
Gänzlich zum Sklaven sich machen in jubelndem Drange des Herzens,
Das ist der Gipfel des Glücks für die stolzesten, freiesten Seelen,
Welche die tiefste der Gluten im innersten Grunde verbergen!
Das ist Wonne, wie nimmer sie werden die Zwerge begreifen,
Die nur zu Sklaven sich machen, dieweil sie als Sklaven geboren.
Wer da besitzt kein Selbst, wie vermag der eines zu opfern?
Einzig die Edlen verstehen zu minnen. Wir, Hilla, versteh'n es!
Aber nur Edle versteh'n auch zu lohnen das Opfer der Minne!
Schmeichelnd – o Schicksalshohn! – umdrängten mich lockende Weiber,
Seit mir der Erstlingsflaum um das Kinn und die Lippen gesproßt ist:
Aber was konnten sie bieten, als kleine Gefühle, die Kleinen?
Freilich – sie schwärmten und lärmten mit klingendem Prunk der Empfindung,
Sie umtanzten mich Spröden mit Cymbelgetön, wie Verzückte,
Aber was soll der Bacchantinnen Chor mir? ich suche die Göttin!
Gleichwie verschmachten der Dürstende muß in umwogender Salzflut
Auf der unendlichen See, so, auf Wellen der Liebe getragen,
Hab' ich nach Liebe geschmachtet! – Ich lernte verachten die Weiber,
Lernte verschmähen der Minne Geschenk. Da nahte vor Monden
Mir ein Weib, ein dämonisch Geschöpf, mit verlockendem Anreiz,
Und als wollte sie rächen an mir ihr Geschlecht, das verschmähte,
Strebte sie mich zu bestricken durch Zauber. Doch schlecht nur gelang ihr's.
Aber es drohte die Fessel doch stets noch mit leisem Geklirre . . .
Siehe, da fand ich dich: und ich sah, was lang ich ersehnte:
Holdestes, Reinstes vereint, eine Heil'ge zugleich und Titanin!
Und nun gänzlich gelöst ist der Zauber, der schnöde, für immer,
Jenes unheimlichen Weibes! Du bist mein Heil nun, o Hilla!
Folge mir! Schwelgen wol mag ein Weib in himmlischer Liebe,
Aber die irdische nur mag krönend vollenden ihr Schicksal!« –

Also der Jüngling, und wieder die Hand zu erfassen der Jungfrau
Strebt er in liebendem Drang. Sie stößt aufs Neue zurück ihn –
Aber ihr zittert die Hand. Schon hat vor dem leuchtenden Jüngling,
Welcher in schöner Erwarmung mit Lauten des Herzens zu ihr spricht,
Wie noch nie sie vernommen, ein Zauber sie mächtig ergriffen,
Herz und Sinne berückend, ein fremder, berauschender Taumel.
Und das gewaltige Weib mit den müden und schmachtenden Augen
Glüht wie zuvor sie geglüht: doch die Glut, sie ist anders geartet!
Macht Entsagung nur weicher das Herz, nur reifer die Sinne,
Nur empfänglicher noch für den zündenden Blitz des Verlangens?
O wer vermöcht' es zu schildern, das rührend-entzückende Schauspiel,
Wenn aus Zügen, der Welt entfremdet, aus kühlen und strengen
Augen, aus bleichem Gesicht voll herben, vom Stolze gedämpften
Reizes auf einmal schämig ein minneverlangender Purpur
Bricht, zur bebenden Braut sich die Spröde, die Heilige wandelt!

Aber die Nonne, sie faßt sich wieder – noch weiß sie es selbst nicht,
Was ihr die Sinne verwirrt, noch kämpft sie mit dunklen Gefühlen.
Angstscheu blickt sie um sich, mit wogendem Busen, wie schwindelnd,
Gleich als spähte sie aus nach Hilfe. Zuletzt mit verwirrten
Lauten noch stammelt sie: »Horch! klang nicht vom Thurme die Stunde
Mahnend herab, die zu Psalmengesang in der Kirche die Schwestern
Rief in der Samstagnacht? Mir ziemt es, hinab in die heil'gen
Räume zu wandeln, wie sonst, ob allein auch, daß ich des Ordens
Heiligen Brauch vollzieh', und getreu nachlebe dem Eidschwur,
Den ich gethan vor Gott!« So die Jungfrau. Aber mit sanftem
Lächeln entgegnete Jan: »Umsonst heut nach dem gewohnten,
Mahnenden Schlage der Stunden im Thurm hinlauschest du, Hilla –
Wisse, heruntergestürzt ist die Spitze des Thurms, und Karthaunen
Sind auf die Quadern gepflanzt! O gewöhn' an andere Klänge
Jetzt, o Hilla, das Ohr! horch auf! vor dem Fenster der Zelle
Schmettert der Sprosser ein Lied, im duftigen Garten des Klosters!« –
Spricht's und es lauscht eine Weile den brünstigen Tönen die Nonne,
Unruh'voll, sich selber vergessend. Doch dann, wie erschreckend,
Reißt mit Gewalt ihr Ohr von den schmelzenden Klängen, ihr scheuer
Blick von dem Jüngling sich los und flüchtet, gescheucht wie ein Vogel,
Hin zu des Heilands Bild: einen leisen und flehenden Seufzer
Sendet sie hin aus der Brust, der gepreßten . . .
                                                                          Da plötzlich erlischt still
Knisternd die Lampe, die glomm vor dem Bild und erhellte die Kammer.
Und durch's Fenster herein quillt leuchtend der goldene Vollmond:
Und es steht wie verklärt nun auf einmal der Jüngling in vollem
Licht, doch das Heilandsbild, es verliert sich im schattigen Dunkel.

»Hilla!« rief mit Begeist'rung der Jüngling, »die flackernde Flamme,
Siehe, verlischt, da verzehrt in der qualmenden Lampe das Öl ist,
Und es quillt in die Zelle herein uns von oben ein neues,
Himmlisches Licht! O mißtrau' ihm nicht, dem helleren Glanze
Dieses unendlichen Lichts! Laß fahren die flackernde Lampe!« –
Aber sie fleht: »O weiche von mir, du schnürst mit den sanften,
Seltsamen Worten so schmerzlich das Herz in der Brust mir zusammen!
O, mir ist als wär' das Gemach voll Qualm! es versagt mir
Odem und Stimme!« – So klagt sie. Da drückt an's Fenster der Zelle
Sacht ein wehender Hauch – es erschließt sich – die freieren Lüfte
Quellen herein. Sie hauchen so würzig, von Düften geschwängert
Blühender Sträucher im Garten des Klosters – es geht durch die Bäume
Wie im Traum ein leises Geflüster. Ein magischer Bann zieht
Hilla mit Jan an's Fenster, das off'ne: die Beiden, sie blicken
Schweigend hinaus, und es steht vor ihren erglühenden Augen
Die sternprangende Nacht: von den Stralen der Stern' und des Mondes
Fühlen sie sich wie von Wellen umrieselt – unendliches Leben
Thaut vom Äther herab in die jugendlich-glühenden Seelen.

»Siehe, wie weit und wie herrlich die Welt, und wie enge die Zelle!«
Ruft der begeisterte Jan. »O komm, und folg' mir in's lichte
Leben hinaus! Du schweigst? o, du mußt mir folgen, und sträubst du
Spröde noch länger dich hier, so werd' ich mit kräftigen Armen
Dich umfassen und liebend hinweg aus der Zelle dich tragen!«
Und mit dem Muthe, dem tollen, der Liebe, der Jugend, umfaßt er
Stürmisch die Nonne: da läuft durch den Leib ihr ein plötzlicher Schauer:
Bleich ist ihr Antlitz, bleich wie im Tod, kalt Wangen und Stirne:
Und er dünkt sich entsetzt einen Leichnam im Arme zu halten . . .
Aber da weht ihm plötzlich ihr Odem glühend entgegen . . .

Doch sie findet noch einmal sich wieder: mit schweigendem Ernste
Tritt sie bebend zurück. Ihr folgen die Blicke des Jünglings.

Und auf's Neue nun blitzt es im Aug' wie erwachender Stolz ihm.
Aber er spricht mit Ruhe zuletzt: »Fahr' wol denn, o Hilla!
Konnt' ich selbst nicht wecken in dir die gewaltige Minne,
Mein ist die Schuld, nicht dein. Wie sollt' ich eitel dir zürnen?
Wahrlich, solang dich noch Sünde bedünket die Minne, so lang noch
Höllische Flamme der Kuß dir scheint, und des Mannes Berührung
Schauder erregt, so lang nicht freudig zu folgen dem Manne,
Ihm wie ein harmlos Kind am Busen zu ruh'n du vermöchtest,
Vorwurfslos – so lang nicht pochend das eigene Herz dir
Sagt, daß ernster auf Erden und heiliger nichts als die Minne:
Siehe, so lang wär' wahrhaft Sünde die Minne! Die echte
Minne ja wäre sie nicht! – Und so fahr' wol denn, o Hilla!
Konnt' ich zur Liebe noch nicht, zu sündlos-freudiger Liebe,
Wecken das Weib, nicht will ich die Nonne zur Sünde verlocken! –

Sprach's und wandte sich ab, um hinweg aus der Zelle zu schreiten.
Aber dem Scheidenden schlägt noch an's Ohr ein plötzlicher Aufschrei.
Wie in der Glut des Gefechtes zuweilen ein Krieger noch fortkämpft,
Wenn ihn das tödtliche Blei schon ereilt, dann aber vom Streitroß
Plötzlich sinkt, ein Entseelter, bevor er noch spürte die Wunde:
So war das ringende Weib unwissend vom Pfeil des Verlangens
Lang schon getroffen in's Herz, und nun endlich brach sie zusammen.
Aber der Jüngling wendet das Haupt und sieht sie am Boden
Niedergesunken, und ruh'n mit geschlossenen Augen, bewußtlos.

Hoch aufwogt ihm das Herz, frohlockend mit glühendem Antlitz
Neigt er sich über die holde Gestalt und bedeckt sie mit Küssen.

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