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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 8
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
created20040925
sendergerd.bouillon
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                  Sprach's und es waren alsbald mit der Nonne die Mönche gehoben
Auf ein Gefährt, mit Eseln bespannt, und im tollen Triumphzug
Ging's durch die Straßen dahin mit Pfeifen und Trommeln. Es trabten
Reiter daneben einher, und ringsum wogte der Volksschwarm.
Auch wol Vermummungen trieben sie lärmend, mit Infeln, Talaren,
Schimmernden Priestergewändern, soeben den Kirchen entrissen.
Wer da im brausenden Trubel am besten das trunkene Mönchlein
Auf dem Gefährt nachahmte, dem esel-bespannten, mit Lallen,
Oder wer sonst noch geschickt nachäffte der dunkelen Männer
Einen, die Münster gekannt und die jetzt aus der Stadt sich geflüchtet,
Diesen belohnte die Menge mit lärmvoll jubelndem Beifall.
Aber zumeist doch bejauchzt war der lustige Knipperdolling:
Denn der äffte den Bischof nach, schritt bald gravitätisch
Hin im Ornat, bald regt' er die Hand', als dreht' er die Spindel,
Drechselnd, und sang ein Liedlein dabei zum Spotte des Bischofs,
Spillendreher ihn schimpfend, dieweil er in Stunden der Muße
Drechselnd, so hieß es, bisweilen sich pflegte geheim zu vergnügen.

Dreimal wogte den Markt so hinauf und hinunter der Umzug:
Und nun hielt er gemach vor den ragenden Stufen am Rathhaus,
Wo an erhabener Stelle bereits mit drolliger Würde
Saßen die Richter, erkoren vom Volke, zu sprechen das Urtheil.

Aber es trat nunmehr der gewaltige Knipperdolling
Über die Stufen empor und gebot mit erhobenen Armen
Ruhe dem Volk, daß er übe das Amt und die Klage beginne.
»Hört, einsichtige Richter!«, so hub er an, »zu beweisen
Denk' ich anjetzt, daß der Morio hier mit Recht vor Gericht steht,
Als zuchtloser Patron, Erzsäufer, gefräßiger Dickwanst,
Als Schutzherr der Verdummung, als Unruhstifter – mit einem
Wort, als Vater und Nährer unzähliger Übel auf Erden.
Seht ihn nur an, den da mit dem Wanst: eine wirkliche Arche
Noah's ist er, der Wanst, die aufnimmt sämmtliche Thierlein –
Freilich gekocht und gebraten! doch welcher entronnen der Sündflut,
Müßte versaufen im Wein, so da schwabbt in der Arche des Mönches!
Morio, sag' einmal, wie viel der geräumigen Fässer
Zechtest du leer, seitdem du allein, wie im Kraut der Karnickel,
Saßest im Keller des Klosters? Zu Bern, so hört' ich erzählen,
Tranken dereinst drei Pfaffen vereint zwei Eimer in sieben
Tagen – was schärfet euch also den Durst, ihr Pfaffen? Schon Manchen
Gab's, der das Kirchengeräth in der Schenke verzechte! Bei solchem
Üppigen Leben, bei solchem Geschlemme daheim und in Schenken,
Denkt ihr zu halten das bitt're Gelübd', und das Fleisch zu bezwingen?
Wär' das die richtige Kost für Selbstabtödter? »Ein gutes
Bißlein«, pflegt man zu sagen, »erwecket die Ader«. Und dazu
Lungert ihr müßig zumeist! Ei freilich, ihr faulen und starken
Gäuche, was sollt ihr thun? da setzt ihr euch in die Schenken,
Nistet euch ein in die Häuser begüterter Leute, scherwenzelt
Keck um die Weiblein her! Und die Weiblein dulden's! Natürlich!
Solch ein gemästeter Mönch ist in Buhlschaftsschulden ein wack'rer
Zahler! Betrachtet ihn, Leute, den Morio! Stellt ihn nur etwas
Jünger euch vor: – wie gemacht, nicht wahr? um zu dienen als Burgpfaff
Ältlichen Witwen von Adel? Bei Gott, mich wundert es gar nicht,
Daß sich vor Kurzem geweigert die wackeren Bürger von Nürnberg,
Fort zu Felde zu ziehn, weil sie, wie sie sagten, Bedenken
Trügen, die Weiber indessen daheim bei den Pfaffen zu lassen . . .

Euch zu beweiben in Ehren und eh'liche Sprossen zu zeugen,
Ist euch verwehrt, daß der Diener des Herrn nicht diene dem Weibe.
Doch da versagt euch das Eh'weib ist, so beherrscht euch das Kebsweib,
Oder die Schaffnerin gar und das dienende Weib in der Küche.
Runzelt die Köchin des Pfaffen die Stirn, so erzittert das Kirchspiel. –

Frommes, entsagendes Leben, das soll um des Clericus Stirne
Spinnen den Heiligenschein, so meinten's die Stifter der Orden.
Heiligenschein? ei, wie? was wird aus dem Heiligenscheine,
Wenn ein Pfaff in der Gosse sich wälzt, und Nächtens geführt wird
Von Stadtknechten hinweg aus der Straße, dieweil er in später
Stund' vor der Thür des Bordells als ein trunkener Heide gelärmt hat?
Weiß doch Jeder ein Lied vom trunkenen Pfaffen zu singen!
Kürzlich gen Osnabrück mit Anderen reis't' ich; wir saßen
Auf dem gemieteten Wagen. Da hatten zum Reisegenossen
Wir einen Pfaffen, der toll und voll wie ein Kärrner bezecht war.
Lallend die Frau'n stets neckt' er im Wagen, und als nun die Nacht kam,
Scholl bald hier, bald dort aus der Ecke des finster'n Gefährtes
Ängstlich ein weibliches Rufen von wegen des frechen Gesellen.
Selber ein ältliches Weib, das im Arm einen weinenden Säugling
Hielt, nicht wußte sie, sollte den schreienden Rangen sie stillen,
Oder sich scheltend erwehren des frech umtastenden Saufbolds . . .
Zornig bedrohten wir ihn, auf die Straße hinaus ihn zu werfen,
Aber es half nicht viel. Da bändigt' ihn endlich der Schlummer,
Und er legte das Haupt, das weinschwernickende, g'rade
Mir auf die Brust; ich lacht' und ließ ihn gewähren: mir macht' es
Spaß, wie er arglos schlief, nicht ahnend, der pfäffische Schlucker,
Daß er schlief an dem Busen des grimmigen Anabaptisten.

Gibt es ein Schauspiel wol, so schnöd, als ein trunkener Pfaff ist?
Müßte nur sein, daß der Heuchler noch widriger ist und der Mucker,
Der vor den Leuten die Sünden und heimlichen Frevel verkleistert
Mit scheinheiligem Firniß. – Auf menschliche Schwächen beruft ihr
Euch und natürlich Bedürfniß? O ihr – weit über Bedürfniß
Seid ihr verlottert und schmutzig, und Mancher, der sollte der Hirt sein,
Lebt als das räudigste Schaf oft selbst in der ganzen Gemeine! –
Nein, nicht menschliche Schwäche nur ist's, die bricht das Gelübde;
Denn ihr macht das Gelübd' mit dem Vorsatz schon, es zu brechen!
Einst wol führte den Frommen ins Kloster der Drang der Entsagung,
Jetzo den Faulen der Drang, ein behaglich Leben zu führen.
Was einst Fromme gestiftet für heilige Diener der Kirche,
Jetzo verzehren's die Diener des Bauchs. Und daß euch der Seckel
Allzeit strotze, verkauft ihr der Einfalt schmunzelnd den Himmel,
Schier wie der Fuchs, der den Mond im Brunnen als Käse verkaufte
Seinem Gefährten, dem Wolf. Nur wenn in dem Kasten der Pfennig
Klingt, sprach Tetzel, da springt aus dem Feuer das büßende Seelchen!
Ist nicht lange genug schon das Silber der Deutschen in wälschem
Schreine gewandert nach Rom, um die päpstlichen Lüste zu füttern? –

Ja, in weltlichem Sinn hinlebt ihr, das Geistliche thut ihr
Lässig und eilig nur ab. Ihr plappert die Messe herunter,
Worte verschluckend, daß Gott im Himmel die Sprüchlein so wenig
Als ihr selber versteht. Ihr verstehet sie nicht, denn vergessen
Habt ihr euer Latein. Unwissende seid ihr und Tröpfe,
Sprecht wie die Mastschweintreiber, und möchtet die Leuchten der Welt sein?
Meint ihr, die heilige Weihe, sie mache zum würdigen Pfaffen
Den hainbüchenen Klotz? da irrt ihr: was hilft es dem Langohr,
Wenn er's Ciborium trägt? In den Klöstern die Büchergestelle,
Wie sie gelehrtere Väter und frömmere Männer errichtet,
Was sind diese für euch? was soll denn der Kuh die Muskatnuß?

Salz der Erde, wo bist du? Wol mag's noch Etliche geben,
Wie der bewanderte Lange vor Jahren in Münster gewesen,
Und wie ich selber den wackern Ambrosius Haßlinger kannte,
Den Traumüller, den Edinger auch, und den würdigen Hülskamp:
Aber die Meisten von denen, die heut sich scheeren die Glatze,
Sind von verlotterter Art, sind Buhler und grobe Bacchanten!
Und da wundert es Manchen, daß nirgends mehr in der Welt noch
Einer was hält auf Pfaffen, und daß man die Kirche verachtet?
Unglückseliges Rom, das in solchen gefährlichen Zeiten
Solcherlei Rüstzeug hat! Nicht schlagen die Ketzer und Feinde,
Nein, nur die Söldner der Kirche – die schlagen die Dauben dem Faß aus!
Pfaffe, was hast du zu sagen zu deiner, und deiner Gesellen
Schutz und Verteidigung? sprich!« –So rief in's Ohr der gewaltige
Knipperdolling dem Mönch, dem bezechten. Doch der war inzwischen
Ruhig entschlummert. Er hatte das Haupt, das beschwerte, zur Seite
Gegen die Nonne geneigt, und ruht' ihr über der Schulter.

Doch jetzt wandte der Kläger zum anderen Mönch sich und sagte:
»Du da, hag'rer Gefährte des wänstigen Moriobruders,
Schier zu vergleichen wie eine von Pharaos mageren Kühen
Neben der fetten, und neben der satten die lüsterne Todsünd',
Meinst du, daß fertig ich sei mit dem Sündenregister der Pfaffheit?
Dünkst dich besser als dieser, dieweil dir mangelt der Dickwanst?
O, ich kenne dich wol! Du bist von dem Holze, von welchem
Man zwar nicht Burgpfaffen mit kupf'rigen Nasen, doch Henker
Schnitzelt und Hexenverbrenner! Wer ist rachsüchtiger, frag' ich,
Als ein Pfaffe? Dieweil euch die fröhliche Liebe verboten,
Haßt um so gründlicher ihr. Wie viel Erzengel auf einer
Nadelspitze zu sitzen vermögen, das glaubst du zu wissen?
Und wer zweifelt an dir, den bedräu'st du mit Folter und Holzstoß!
Mönchshand hat Jahrhunderte lang Brandscheiter geschichtet
Gott zur Ehr'; ließ Haufen von zauberverdächtigen Weiblein,
Haufen von Ketzern den Stoß in geschwefeltem Hemde besteigen:
Ewig steht sie, die Säule des Rauchs – Schandsäule des Mönchthums!
Mönchshand stieß in die Kerker hinab die erlesensten Geister!
Mönchshand metzelte jüngst sechstausend Täufer in Holland . . .
Ist denn immer der Mönch nur ein Mastthier, oder ein Raubthier?
Sagt doch ein Sprüchlein: Der Mönch – wenn schwarz, so ist es der Teufel,
Und wenn weiß – so ist es die Frau Großmutter des Teufels!« –

Also der Kläger: es lohnt' ihn der Schwarm mit Gelächter und Beifall.
Aber es hatten, von Krechting geleitet, inzwischen die braunen
Söhne des wandernden Stammes entflammt einen mächtigen Holzstoß,
Den sie grinsend umtanzten mit frech-muthwilligen Sprüngen.

Jetzo ruft, der da führt, hoch wölbend die Brauen, den Vorsitz
In dem Gericht, van Straaten, der Gaukler: »Nun kneipt mir den trunk'nen
Morio, daß er erwach', und ziemend vernehme das Urtheil!«
Und es erwachte der Mönch, von den Händen der Männer geschüttelt.
Nochmals führt zu Gemüthe der Richter ihm, daß er bezichtigt
Als »zuchtloser Patron, Erzsäufer, gefrässiger Dickwanst,
Als Schutzherr der Verdummung, als Unruhstifter – mit einem
Wort, als Vater und Nährer unzähliger Übel auf Erden«:
Und dann wandt' er zum andern, dem hageren Moriobruder
Sich, und bewies, daß beide nun erst im Vereine der rechte
Völlige Morio seien, daher sie billig das Urtheil
Treffe vereint. Sie sollten zuerst ablegen die Kutten,
Werfen ins Feuer sie stracks: dann wolle man gnädiger strafen.
»Petrus!«, rief er, »bedenk', daß die Schlüssel des Himmels in and're
Hände gerathen! Du, Paulus, bedenk', daß du nur ein Saulus!
Und so besinnt euch rasch! denn so ihr dessen euch weigert,
Wird man verfahren mit euch nach dem Moriobrauche der Väter!« –

Peter, der Hagere, stand mit finsteren Blicken und stummem
Trotz vor dem Volke. Doch Paul, der gemästete, als den Bescheid er
Hatte vernommen, auch einigermaßen dabei sich ernüchtert,
Drohend umringt, abzog er die weinig triefende Kutte,
Warf ins Feuer mit raschem Entschluß sie, rufend: »In Gottes
Namen! ist letztlich die Zeit in Wahrheit also verändert,
Und die Geschornen vertagt und die Keller der Klöster geleert auch,
Will ich von heut' kein Pfaff mehr sein!« – Beifälliger Zuruf
Scholl im Volk und Lips van Straaten, der munt're, begann so:
»Höret anjetzt, ihr Männer, den Urtheilsspruch, den ich künde!
Weil sich der Morio nur zur Hälfte bekehrt, und zur Hälfte
Trotzt, muß zwiefach sein auch der Spruch. Der Bekehrte, der Dickwanst,
Werde belohnt, indem man ihm die gesegnete Nonne
Gibt zum Weib, zu welcher ihn zog ein heimlicher Drang schon,
Denn ihr saht, wie er traulich auf sie sich im Schlafe gelehnt hat!
Aber der Hagere da, der schweigend noch immer in schnödem
Trotze verharrt« – »Ins Feuer mit ihm!« so kreischte der wilde
Krechting; »ins Feuer mit ihm nach dem Moriobrauche von Münster!« –

Aber nun plötzlich erscheint der Prophet inmitten des Volkes
Wieder; um ihn das Gefolg der Getreusten, der Feurigen, Ernsten,
Und der Verzückten und Seher, die ihn wie Trabanten umgaben.
Finster und unwirsch blickt' er: das lärmende Thun mißfiel ihm,
Und von den Rathhausstufen herab ansprach er die Menge:
»Bürger von Sion! mich dünkt, mit eitlem Gejauchz' und Gelärm' nicht
Gilt es zu feiern den Tag der Befreiung! Den Bürgern von Sion
Ziemt ein heiliger Ernst nur! Des inneren Wortes Erweckung,
Welches erlösen die Welt nun soll, nicht ist sie vollendet:
Einkehr heischt sie ins Herz, nicht lärmendes, eiteles Treiben.
Viele noch gibt es, ich seh's, die im Geist nicht wiedergeboren!
Freiheit, Brüder, sie hat's nicht Noth, daß sie feiert ein Sieg'sfest,
Auf Marktplätzen und Straßen, bevor nicht frei, wie von außen,
Auch von innen wir sind, und gesichert was kaum wir errungen.
Sendet den Mönch zum Thore hinaus in das Lager des Bischofs!«

»Das ist's«, rief nun Lips, »was ich selber gedachte zu sagen.
Hört, wie als Richter ich's meine. Dieweil im Trotze der Hag're
Schweigend verharrt, so soll man sofort mit Stricken ihn binden
Auf einen Esel verkehrt, und hinaus durch's Thor auf die Straße
Jagen gen Telgte den Esel, hinein in das Lager des Bischofs! –
Fahr' wol, Freund, und berechne, wie viel Erzpfaffen auf einem
Eselsrücken zu sitzen vermögen!« – Er sprach's, und gebunden
Ward auf den Esel der Mönch und hinaus gen Telgte getrieben.

»Aber in's Feuer«, so rief noch Lips, »in den brennenden Holzstoß
Werft die Traktätlein des Mönchs, die in unseren Händen geblieben!«
Und man warf in die Glut die Traktätlein des hageren Mönches,
Sah sie mit Jubel verkohlen. »Ins Feuer mit Allem«, so scholl es,
»Was noch übrig in Münster von solchen Scharteken des Mönchthums!«
Und nun schleppte man fröhlich die Reste papistischer Schriften
Aus den Behausungen her und warf in die Glut sie mit Jauchzen.

»Männer von Sion, ich lob' euch«, begann nun der Meister von Harlem,
Fieb'risch erglühend, »daß, wie ihr zertrümmert daheim und in Kirchen
Heute die Bilder, damit nicht mehr sie ihn trüben, des Geistes
Bildlos sich in die Tiefen der Wahrheit tauchenden Augstern,
So auch jetzo vernichtet den Rest des papistischen Schriftthums!
Aber ich sag', nicht sollten allein die Scharteken des Mönchthums,
Nein, ihr Männer von Sion, es sollte verstummen das ganze
Krause Geschwätz' und Gelärme des äußeren Worts in beklexten
Pergamenten und Blättern, das ganze papierene Babel,
Das unendlich sich thürmend, wie einstens das steinerne Babel,
Zungen und Geister verwirrt. Was sind sie, die Bände, die Rollen,
Welche die Menschen gehäuft, und worein sie sich brütend versenken,
Ohne doch je zu erlauschen des innersten Geistes Verkündung?
Die Buchklexer, sie ließen entarten das ehrliche Wort längst
Zum buntlappigen Schalk, zur bepinselten Metze die Wahrheit!
Und die Gelehrten, was thaten sie anders, als hüten der Weisheit
Goldene Barren, anstatt sie zu nützen? Wie Kinder, so plappert
Einer dem Andern nach die Orakel der ewigen Wahrheit,
Und nicht Einer bedenkt, daß das Herz sie sollten befeuern!
Todt ist die Buchweisheit: d'rum soll der beseelte Gedanke,
Und das lebendige Wort nun springen in zündenden Funken
Mitten im Volk von Stirne zu Stirn, von Lippe zu Lippe!
Längst schon ist sie gefunden, die Wahrheit, aber sie modert
Seit Jahrtausenden schmählich in Schränken; hinaus denn ins Leben,
Frisch hinaus! ei was da gedruckt, ei was da gebunden?
Nein, von Druck und Banden befreit, wie der Vogel in Lüften,
Soll sie fliegen, und singen von jeglichem Wipfel ihr Liedlein!
Kalt ist der Buchstab', aber das Wort, es glüht und es zündet!
Wie uns erstarrte das Bild, so ist uns erstarrt auch der Buchstab,
Uns zum Dämon geworden, anstatt zum Befreier und Mittler!
Darum hinweg mit dem Wust, der die inneren Quellen verschüttet!
Laßt nur verstummt erst sein im Gesümpfe den quackenden Froschchor,
Und ihr werdet den Sprosser alsbald im Gebüsche vernehmen!
Erst wenn ganz wir befreit, wenn ganz wir verjüngt und erneuert
Sind von innen heraus, dann mag auch das Bild und das Wort sich
Wieder verjüngen und wieder zu Ehren gelangen der Buchstab'.
Doch kein Mitleid jetzo für diese verlotterten Sünder!
Was sie zusammen gesündigt, das sollen zusammen sie büßen!
Werft in's Feuer die Bücher, so viel noch zu finden in Sion!«

Solches und Anderes sprach der Prophet. Da qualmte der Holzstoß
Höher empor, und es schleppten herbei die sionischen Bürger
Nach dem Gebote des Bäckers von Harlem Bücher und Schriften,
Feurig erregt. In den Hallen der eilig verlassenen Klöster
Standen des Schriftthums Schätze bestaubt, vom Folioriesen
Bis zum winzigen Zwerg. In der Eingangshalle des Doms auch
War seit Jahren gehäuft des gedruckten, geschriebenen Reichthums
Fülle, der Stolz von Münster, zum Nutzen der ganzen Gemeine.
Rascher entleert als gefüllt nun ward sie, die räumige Halle!
Hei, wie da im Gedränge der Eifrigen wieder vor Allen
Knipperdolling sich regte, mit ihm auch der riesige Tylan!
Triefend von Schweiß, auf den Armen und wuchtigen Schultern getragen
Brachten sie Berge von Bänden, erstickend beinahe den Holzstoß,
Wenn sie die wuchtige Fracht auf die brennenden Scheiter entluden!
Anders bemüh'te sich Krechting: mit helfenden Schaaren zum Rathhaus
Eilt' er; aus den Gemächern und moderbestaubten Archiven
Bracht' er der Stadt Urkunden geschleppt: die verwitterten Schriften,
Die Privilegien, Pflichten des Raths, des Capitels, der Gilden,
Obrigkeitlich und bürgerlich Recht, Schuldbücher, und Alles,
D'rauf des Besitztums Ordnung der Bürger zu Münster beruh'te.
All' das bracht' er geschleppt und lachend, mit höhnischer Freude
Sah er in knisternder Flamme die gelblichen Blätter verkohlen.
Und wie ein Taumel ergreift nunmehr des Verbrennens, Vernichtens
Lust die Gemüther; es bringt frohlockend der Schüler die Büchlein,
D'rüber er schwitzend gesessen; und selbst der Magister, vom wilden
Geiste des Tages ergriffen, gehorcht dem Gebot des Propheten,
Und mit Freuden entleert er den Schrank in die lodernden Flammen.

Horch, aus dem Holzstoß klingt's, wie die wimmernden Seelen der Bücher!
Wie das prasselt und glüht! Wie in wehender, wallender Lohe
Kochend die bräunlichen Massen mit schwarzen, verkohlten sich mischen,
Durcheinander sich drängen, als wollten der Qual sie entfliehen
Aus der verzehrenden Glut! Es rollen sich knisternd die Blätter
Eins nach dem anderen auf, als blättr' in dem Buche des Teufels
Faust: ha, wie sie sich windend und krümmend verlodern, verkohlen!
Wo nicht selbst sie die Flamme berührt, da setzt sie der Gluthauch
Schon in Brand, der heiß sie umweht, und es bricht aus erhitzten
Massen die Lohe von selbst wie aus leichtem entzündlichem Schwefel.
Aber es bleibt noch zurück ein spinnwebdünnes Geblätter,
Und auf dem stofflos-leichten verkohlten Geblätter ist lesbar
Stets noch die Schrift – Buchstabe, du zäher Geselle, so lange
Trotzest des Feuers Gewalten du noch und der Rache des Schicksals?
Und das Geblätter, es flattert empor, von den Lüften getragen,
Stöbert umher um den Stoß, wie der Flaum, wenn Tauben der Geier
Zauset in wehender Luft . . .
                                              Heißa, wie poltern die wucht'gen
Folianten hinunter, daß hoch aufstieben die Funken,
Während im Sturz sie zu Asche die glimmenden Scheiter zermalmen!
Hei, an diesen wol nagt er sich müde, der glutende Wolfszahn!
Schier zu kurz ist der Zahn, zu enge der feurige Rachen,
Um zu zerkau'n, zu verschlingen die riesig gewaltigen Massen!
Ha, wie wehrt sich und sperrt sich das Ledergebinde, das zähe!
Aber des Glutelements unermüdlich erneuerter Anfall
Zwingt es zuletzt; in verdoppeltem Qualm hin über den Marktplatz
Wogt mißduftiger Rauch von den glimmenden Resten der Thierhaut.
Lips von Straaten, der Gaukler, mit lustigen Reden und Sprüngen,
Schnüffelt er, wittert er immer umher an dem brennenden Holzstoß,
Schwörend, er witt're genau die verschiedenen Gerüche heraus noch
Von den verkohlenden Häuten: es dampfe heraus aus den Flammen
Noch von Esel und Bock und Rind und Schaf, die den Büchern
Hatten die Häute gelieh'n, und oft mit den Häuten – die Seelen . . .
»Dies Fegfeuer, es reinigt gewißlich in Sion die Lüfte«,
Fügt er hinzu; »ei, glumset und gloset nur, Böcklein und Langohr!
Zeit ist's, daß ihr nun endlich zum fegender Feuer verdammt seid!« –

Lustig genährt, wächst riesig der Brand in der Mitte des Marktes.
Hei, wie thürmt sich genüber den stolzen Palästen der Holzstoß,
Selber ein Flammenpalast! Hoch züngeln als goldene Zinnen
Flammen ins Blaue hinauf! – Endlos um die glühenden Scheiter
Über einander gehäuft wächst riesig das flammengeweihte
Schrifttum – nur allmälig vermag man's zu bieten der Lohe,
Die schon allzu bedrohlich durchglutet die Lüfte. Gethürmt ist's
Bis zu den Rathhausstufen hinan. Auf der höchsten der Stufen
Steht der Prophet und nimmt, zornvoll, ein Buch nach dem andern
Aus den geschichteten Haufen und wirft es hinab in die Flammen.
»Welch' unendliche Fülle gedruckter, beschriebener Blätter!«
Ruft er mit bitterem Lächeln. »Wie viele geschwätzige Blätter
Hängen am Baum der Erkenntniß, und ach wie so wenige Früchte!«
Wieder ergreift er ein Buch, er streift mit dem Blicke die Umschrift,
Und er lies't: »» Theophrastus, vom innersten Wesen der Dinge:
Handelt von heimlichen Kräften der Steine, der Pflanzen und Thiere.
««
»Liegen sie nicht in uns selber, die besten der magischen Kräfte?
Denken wir d'ran, sie zu nützen! In's Feuer mit dir, Theophrastus!«
Wieder ergriff er ein Buch und las: » Von den Thaten des großen
Alexander, wie weit er in Persia, India vordrang
« –
»Ei, was soll es uns helfen, wie weit Alexander gedrungen,
Wenn wir, es lesend, nur um so beharrlicher hinter dem Ofen
Sitzen, gebogene Rücken und schwächliche Beine gewinnen?
Selbst ist der Mann! Wer thut, was er soll, ist so groß wie die Größten!
Fort – in's Feuer hinab mit dir, Macedonierkönig! –«
»» Commentarius«« . . . Notengestrüpp, wo der Wicht den gelehrten
Gegner mit seinem Latein und mit gröblichen Wendungen abtrumpft . . .««
Fort in die wabernde Glut! – Ei, »» Quintessentia rerum,
Schule der Weltweisheit, der gesammten, so alten als neuen,
Handlich geordnet
«« –»ich wette, der Bursch hat selber im Traume
Nimmer geahnt, daß auch noch zu Anderem da ist die Weisheit,
Als so handlich geordnet zu steh'n auf den Büchergestellen« . . .
»» Petri Fels: Grundveste des heiligen, römischen Papstthums««
Und hier: »» Lutheri Spiegel der Ehren – der Kampf mit dem Papstthum!««
Wörtergezänk – noch balgt kleingeistiger Troß in des Tempels
Vorhof sich, wenn längst schon entriegelt das Inn're des Tempels!
Fort in die Glut ihr beide zugleich, kleingeistige Zänker!« –

Und nun reicht ihm ein Buch aus dem Haufen der grinsende Krechting:
»Ei, da siehe, das Wort, das geschrieb'ne, verehrte: die Bibel!«
» Bibel ist Babel!« versetzt der Prophet, und in wilder Verzückung
Fügt er hinzu: »Hinab auch die Bibel!« Da nahte der bleiche
Rottmann schüchtern dem Meister: »Enthält nicht Wahrheit die Bibel?« –
»Bruder«, versetzt der Prophet, »Was ist Wahrheit?« fragt schon Pilatus.
Manchmal wird ihr zu Muthe, der Wahrheit, schier wie dem Vogel,
Welcher sich mausert, und mehr, es wird ihr zu Muth, wie dem Vogel
Phönix im Araberland! Da meinen so Manche, sie dürfe
Nicht so thun, wie der Phönix im Araberlande: sie müsse
Thun wie die Eule, die lichtscheu hockt im Geklüft, und der Ibis,
Der träg füttern sich läßt von den Händen der Priester im Tempel.
Ja, Kleinmüthige sagen, man müsse sie unter den Glashut
Stellen und doppelt verehren die alternd-gebrechliche, doppelt
Ängstlich sie hüten und schonend ihr fristen das schwächliche Leben.
Wisset, ihr Männer, im Dome zu Lübeck sah' ich ein Weiblein
Unter dem Glas, nur so groß wie ein Mäuschen. Ihm wurde durch Zauber,
Als es ein Mägdlein war, in frischester Schöne noch prangend,
Ewiges Leben verlieh'n, doch zugleich nicht ewige Jugend.
Und so ist sie verwelkt und vergilbt und vertrocknet zum uralt
Runzligen Mütterchen erst, und endlich zur Größe des Mäusleins
Ist sie zusammengeschrumpft. Es durchscheint ihr die Glieder die Sonne,
Hält man sie gegen das Licht. Wie ein Fötus im Leibe der Mutter
Hockt sie und brütet so hin und regt sich nur einmal im Jahre.
Sehet, das wäre das Loos auch der alternd-erhaltenen Wahrheit!
Aber sie will sich verjüngen! Sie will nicht thun wie die Eule,
Nicht wie der Ibis, noch leben so hin, wie zu Lübeck das Weiblein
Unter dem Glas im Dome! Sie will so thun wie der Vogel
Phönix im Araberland! Sie will ihr eigener Sohn sein,
Wie ihr eigener Vater! Sie will ihr Unsterbliches retten,
Opfernd das Sterbliche kühn! Was verbrennt, ihr sterbliches Theil ist's!« –

Also rief der Prophet, und wie er in Hallen des Domes
Hatte die Bilder herunter gestürzt, daß erbebten die Grüfte,
So auch warf er in lüstern entgegen ihm züngelnde Flammen
Jetzo das heilige Buch, machtvoll, aus erhobenen Händen:
Gierige Lohe verschlang's, und es wühlte nunmehr auch die glühe
Teufelsfaust in den Blättern der heiligen Apokalypse . . . .

Wieder ein anderes Buch nun reicht ihm der grinsende Krechting,
Und er las: »des Ovidius Naso Göttergeschichten,
Zierlich anjetzt in Reimen verdeutscht
.« Ein stattlicher Band war's,
Und mit Bildern der Götter und Göttinen lieblich geziert auch.
»Fabelgeschwätz«, so rief der Prophet, mit düsterer Strenge;
»Tand, der die Geister entfremdet dem Ernst, mit lieblichen Worten
Und mit üppigen Bildern in weichliche Träume sie wiegend –
Fort auch dieses!« Er rief's, und erhob in den Händen das Buch schon,
Um es mit kräftigem Schwunge hinab in die Flammen zu schleudern.

Doch wer tritt da plötzlich hervor? Ha, siehe, der bleiche
Träumer, der Jüngling-Mann, mit den reinen und stolzen und ernsten
Zügen, den sehnenden Augen, den Lippen, die dürsten nach Leben,
Jan von Leyden. Zuerst am heutigen Tag, seit jenem,
Da er nach Münster gelangt, entreißt er dem brütenden Schweigen
Sich, worein er versank, zu vereinen sich mühend des Meisters
Lehre, die kühn zwar, frei, doch düster und ernst, mit dem eig'nen
Gährenden Drang, den Gedanken der eigenen feurigen Seele.
Nicht ein Laut war entfloh'n seit Wochen dem Munde des Träumers:
Doch nun trat er hervor und, erfaßend den Arm des Entflammten,
Rief er ihm zu: »Halt ein, o Prophet! nicht allzugewaltig
Schür' und nähre den Brand, sonst wird er, uns über den Scheitel
Wachsend, auch Sion verzehren zugleich mit dem schuldigen Babel!
Laß uns den Naso, Freund! laß leben in Sion die schönen
Fabeln und Bilder der Dichter! Es wechselt auf Erden die Wahrheit,
Ewig wahr ist die Fabel allein auf den Lippen der Sänger!
Wirf ins Feuer die Bibel, und lösche die Lampen, die dämm'rig
Matt uns erhellten die Nacht, da es Tag nun geworden; doch nimmer
Schmähe das liebliche Licht, das aus wieder erstandenen Rollen,
Wieder erstandenen Bildern der Heiden heraus uns den ersten
Heiteren Stral in die dunkle, die mönchisch-verdüsterte Welt warf!
Sie, die aus Welschlands Schutte gegraben die Bilder der alten
Götter, ihr Grabscheit war's ja zuerst, was die Festen des Mönchthums
Schaufelnd gelockert, eh' Wort und Schrift sich zur Fehde beflügelt!
Ist durch sie doch der lieblich-erhabene Name der Schönheit
Über die Alpen gedrungen: da sah'n wir, wie trüb und wie traurig
Hier uns das Leben umgab, und es floß in verkümmerte Seelen
Wieder ein männlich Gefühl, es erschlossen sich wieder die Sinne.
Wirf ins Feuer was todt, o Matthisson, doch verschone
Was zu erneuertem Leben erwacht! Da den Phönix der Wahrheit
Du hellblickend erkannt, der, alt und schwach, in die Flammen
Eben zu stürzen sich sehnt, so verkenne den Phönix der Schönheit
Nicht, der soeben verjüngt aus dem flammenden Grab sich emporhebt!
Wie du die Evangelisten gestürzt und die Bibel verbrannt hast,
Hat man nicht so dereinst auch die heiteren Götter der Alten
Grollend ins Feuer gestürzt? Doch sieh', es verzehrten die Flammen
Auch nur ihr sterbliches Theil – als Götter nur sind sie vernichtet,
Aber als leuchtende Bilder der Schönheit, Leben-verklärend,
Sind sie nun wieder entstiegen dem Grab: frisch, hehr, in verjüngtem
Reize verbünden sie sich dem befreienden Geiste der Zeiten,
Unserem Geist, dem die Stätte wir eben bereiten in Sion!
Laß uns den Naso, Freund, und der Anmuth heiteres Erbe;
Laß uns die lieblichen Märchen, die lieblichen Bilder der Dichter!« –

Also der muthige Jüngling. Da war wie getroffen ins tiefste
Herz der ergraute Prophet. Sein flammengehärteter Sinn war
Einwurfs nimmer gewohnt. »Man merkt«, rief er, »daß umher du
Zogst mit der Rotte der Gaukler, der liederlich-schnöden Gesellen:
Liederlich sind sie ja immer, die Gaukler, die Comödianten!
Liederlich sind sie, die Singer und Reimer, die Lautner und Harfner!
Liederlich sind, die hantiren mit Pinsel und Meißel! Sie geben
Ehre mit zierlichen Worten dem Schönen, in lieblichen Bildern
Stellen sie's dar; sie erbauen die schönsten, die herrlichsten Tempel,
Aber im eigenen Geist, tief drinnen, da sind sie des Unflaths
Voll und der Unschönheit, unlauteren Sinns und verwildert!
Und indeß um sich her sie verklären die weltlichen Dinge,
Hängt es wie Spinnengeweb' um ihre unsterblichen Seelen!
Seht, wie Babel sich brüstet mit üppig-verlockenden Künsten!
Seht, wie zu Rom auf dem Stuhle der Päpste der weichliche, bunte
Tand mit jeglicher Schmach sich verschwistert! Da herrschet die Hoffart,
Und die Tiara befleckt sich mit heimlichem Mord und mit Blutschand!
Darum stürz' ich mit allem papistischen Zauber auch diesen!
Darum verbann' ich aus Sion die weichlichen, üppigen Künste!
Darum schleudr' ich hinab in die Glut dies Buch wie die andern!« –

»Willst du von Neuem«, so rief der erglühende Jüngling, »zur düstern
Zelle gestalten die Welt, nur daß uns der Zauber des Schönen
Nicht zum Bösen verlocke? Mir trachtet die Seele nach reinem,
Göttlichem Leben wie dir! doch wahrlich, ohne der Anmuth
Herzenerhebenden Reiz, nicht möcht' ich leben auf Erden,
Auch mit Heiligen nicht! Und kannst du des Guten und Edlen
Würdigen Ernst nicht einen mit heiterer Freude des Lebens,
Sag' nicht, daß du erlöset die Welt und begründet das neue
Sion, die Stätte des Heils! – Du saßest in einsamer Zelle,
Still, dein schwärmender Sinn, zuwandt' er sich immer nur einem
Pole des Lebens: es wölbte sich eng dir der Kreis der Betrachtung
Über dem Haupt! Ich aber, ich habe durchwandert die Lande
Jugendlich offenen Sinns; von wärmerer Sonne befeuert
Ward mir das Blut, und zerstreut hat helleres Blau mir die nord'schen
Nebel im Geist. So erschloß sich die Welt mir des Geistes und Herzens
Voll und ganz: nun glüh' ich nach Einem: zu schauen auf Erden
Endlich in seligem Bunde vereinigt die Lust und die Tugend!
Siehe, so spiegelt sich anders in deinem und anders in meinem
Geiste das Sionsreich! Bis hieher, o Meister von Harlem,
Sind wir zusammen gewandert; nun aber, nun zweiet der Pfad sich
Dir und mir: so entfalten geschiedene Banner in Sion
Wir in ehrlichem Streit, und den Irrenden richte das Schicksal!« –

Also der Jüngling, und rings aufhorchend erschrack die Gemeine
Vor den gewaltigen Worten, mit welchen dem hohen Propheten
Jan von Leyden getrotzt. Es erstaunten die Bürger von Sion
Vor des gebietenden Jünglings Gestalt und es neigten im Stillen
Schon sich die Herzen ihm zu, durch heimlichen Zauber gewonnen.
Aber es stand todtbleich der Prophet, wild rollte das Aug' ihm
Unter den buschigen Brau'n. Ihn befiel ein Zittern – zur Ruh' dann
Winkt' er das leise Gemurmel im Volk und gedachte zu reden . . .

Doch nun drängen heran sich eilende Boten. Sie melden,
Daß ausbrachen gesammelt am heutigen Tage des Bischofs
Schaaren von Telgte gen Münster, und schon von den Thürmen der Stadt sich
Zeige der nahende Feind, sie mit stürmender Hand zu befehden.
Mächtig drohe das Heer, denn es sei mit reisigem Hilfsvolk
Und mit Kriegesbedarfe verstärkt von rüstigen Nachbarn,
Cöln und Cleve voran, und sogar auch der luther'sche Hesse
Stelle sich unter die Fahnen des Pfaffen im Streite gen Münster.

Heftig erregt war das Volk. In sich wie zusammengesunken
Schien der Prophet. Doch endlich erhob er aus brütendem Schweigen
Wieder das Haupt und wie tobend mit heftiger Stimme begann er:
»Männer von Sion! es nahet der Feind, daß ich kämpfend und siegend
Auch den Bethörten in Sion bewähre die göttliche Sendung,
Welche hierher mich geführt. Obsieg' ich den äußeren Feinden,
Werden beschämt mir vor Augen die heimischen Gegner verstummen!
Wisset, ihr Brüder im Herrn! seitdem ich geschritten durch Münsters
Thore, hat kaum einmal mir der Schlummer die Lider der Augen
Leise berührt; kaum fand ich die Zeit, um die brennenden Lippen
Mir zu benetzen des Tags einmal, wenn eifernd von Morgen
Bis zum Abend ich rang, um das Sionsreich zu begründen,
Mahnend und predigend immer, das innere Wort zu erwecken.
Heiß kocht mir das Gehirn wie in ewigem Feuer; denn groß ist,
Drückend und schwer ist das Werk, zu welchem der Herr mich berufen . . .
Und nun sollte das Wort des Propheten in Sion geschändet
Sein, und der Lüge geziehen der Geist, der in mir sich verkündet?« . . .

So der Prophet. Da versagt' ihm die Kraft und die Stimme. Gebrochen
Sank er in Rottmanns Arme. Doch neu aufrafft er sich wieder:
»Männer von Sion«, so rief er mit fieberisch-glastenden Augen;
»Gehet nun hin, und schließet die Thor', und umgürtet die Waffen,
Harrend der Stunde, die nahet, bevor noch die Sonne zum zweiten
Mal gen Westen sich neigt, und in welcher es Allen euch kund wird,
Was mir die Stimme des Herrn in die flammende Seele gelegt hat:
Ja, geht hin, und harret der Stunde, in der ihr mit Augen
Schaut, wie der Herr durch mich und die Treuesten meiner Erkornen
Sion führt zum Triumph und das Wort des Propheten verherrlicht!« –

Sprach's und entließ mit dem Wink die Versammelten. Wogend vom Marktplatz
Strömte zurück in die halb schon umdunkelten Gassen die Menge,
Stürmisch erregt, in Gesprächen, entgegen mit feurigem Muthe
Blickend dem kommenden Tag, und erglüht, sich zu rüsten zur Abwehr.

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