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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 7
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
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Dritter Gesang.

Der Morio.

                Tag für Tag zu den Schaaren des Volks auf dem Markte von Münster
Sprach der Prophet, nie rastend, vom Morgen zum sinkenden Abend.
Unablässig ja war er bemüht, zu erwecken das inn're
Wort
machtvoll in den Herzen der Jünger, erhab'ne Begeist'rung,
Freiheit, aber vereint mit der Freiheit immer den edlen
Ernst und die heilige Strenge des Lebens, der Sitte: des Menschen
Inn're Vergöttlichung, welche ja, selbstlos, einzig vermöchte
Gänzlich entbehrlich zu machen für immer die äußere Satzung.
Aufzuerwecken die Liebe, die jauchzend sich senkt in den Urgeist,
Eins sich wissend mit ihm, und über das Schicksal erhaben,
Und aus zertrümmerten Bildern den ewigen Sinn zu erlösen –
Schwer war, riesig das Werk. Schier schwanden die Kräfte des Greises,
Einzig die fiebrische Spannung der Nerven nur hielt ihn noch aufrecht.
Doch es gelang: er entflammte das Volk, das der Drang schon der Zeiten
Mächtig bewegte. Herab oft kam's, wo er sprach, wie Verzückung
Über die Männer und Frau'n, daß selbst sie zu schwärmen begannen,
Und durchrannten die Stadt mit dem Ruf: »Thut Buße! bekehrt euch!
Folget dem göttlichen Reiche, dem Reiche der Freien und Reinen!« –
Anfangs höhnt sie das Volk, bald aber betrachtet's mit Neugier
Sie, und endlich ergreift auch Spötter das heilige Rasen.
Stumme gewinnen die Sprache, vom kommenden Reiche zu reden,
Blinde durchwandern die Stadt und erzählen von Zeichen am Himmel.
Jeglicher Bettler, der schweift durch Münster, und jeglicher Tolle
Wird mit heiliger Scheu nun betrachtet: die Rede des Irrsinns
Scheint ja geheimeren Sinn zu verbergen und innere Stimmen.
Weiber durchschwämmen die Gassen und suchen die Spur des Propheten;
Nicht nur Männer des Volkes, Patrizier folgen dem Strom auch:
Mönche sogar und Nonnen, entlaufen dem Banne des Klosters,
Mischen sich unter die Schwärmer, um heißer als Alle zu schwärmen.

Also regte zu Münster sich jetzo der Geist, der gewaltig
Fiebernd die Menschen ergriff, wie ein Taumel, ein heiliger Wahnsinn,
Als in schmerzlichem Kampfe das Dasein rang nach Verjüngung,
Und sich gährend die neuen Geschicke der Völker erfüllten.

Aber von außen heran auch kamen nach Münster gezogen,
Folgend dem Ruf des Propheten, die Schaaren der Wiedergetauften.
Über die Haiden und Moore, von Hollands Buchten, den Marschen
Ostfrieslands, Kraftmänner, im ewigen Kampf mit des Meeres
Tücken gestählt, daher, wo gekühlt von den Winden der Ostsee,
Mecklenburgs Saatfelder erblüh'n, und der rüstige Preuße
Bernsteinküsten umwohnt, von der Elbe, vom Rhein, von des Säntis
Grünendem Fuß, von dort, wo durch blühende Auen die Donau
Wallt und das Alpengebirg sangliebende Menschen umwohnen,
Kamen gesellt sie und einzeln, die anabaptistischen Männer,
Gründen zu helfen in Münster das neue, verheißene Sion.
Aber es kamen daher auch Söhne des wandernden Stammes,
Dunkel gelockte: die waren nach Münster dem Weib des Propheten
Heimlich gefolgt und umgaben sie jetzt wie Trabanten die Fürstin.

Münster, die heilige Stadt, wie so ganz nun ist sie verwandelt!
Schüchtern nur noch und vereinzelt im Schwarme der Wiedergetauften,
Wie der Papist, schleicht jetzo der Luther'schen Lehre Bekenner.
Und als gekommen der Tag, wo die Bürger erkiesen den neuen
Rath, da schreiten hervor als Väter der Stadt die Getreuen
Matthissons. Und der Rath ist bald nur ein Schattengebild noch:
Denn es gebeut nur Einer zu Münster, der Bäcker von Harlem.

Wieder nun hat er zu sich auf den Markt die Gemeine berufen,
Stein zum Steine zu fügen im Bau der sionischen Ordnung,
Meisternd das Volk. Da trat aus der Menge hervor und vor ihn hin
Krechting, ein seltsam Männlein, mit häßlichem Höcker und röthlich-
Ruppigem Haar. Nicht wußte genau man, woher er gekommen,
Aber er hielt sich gern zu den Söhnen des wandernden Stammes,
Die sich um Divara schaarten. Er pflegt' in der Männer Versammlung
Lebhaft sich zu ereifern, und heut auch tritt er entrüstet
Vor den Propheten und klagt mit greinenden Worten, zu lässig
Sei in der Stadt für die fernher gewanderten Fremden die Sorge:
Stets noch müßten ja diese zu Münster sich schmiegen und drücken,
Und sich behelfen, verdankend der Milde, wie Bettler ein Obdach,
Während die Luther'schen noch und Papisten vor ihnen sich gütlich
Thäten, und breit sich machten noch stets in Palästen und Klöstern.
»Wär's nicht besser«, so ruft er, »die unbußfertig Verstockten
Fort aus der Stadt zu verbannen? wie lang noch sollen die gleichen
Rechte genießen die Feinde dahier, wie die Bürger von Sion?
Naht sich der Bischof nicht? und wird nicht Jeglicher, der nicht
Mit uns ist, zum Feind alsbald, zum Verräther uns werden
In der belagerten Stadt? Mit Feinden von außen und innen
Sollen zugleich wir uns raufen? Prophete, bedenk' es, und laß nicht
Länger in feindlicher Hand, was schmerzlich entbehren die Unsern!« –

Also das eifernde Männlein mit häßlichem Höcker und röthlich-
Ruppigem Haar. Dem kleinen und doch hellkreischenden Dränger
Gibt Antwort der Prophet, bei sich mit der inneren Stimme
Werd' er gehen zu Rath, und das, was der Wille des Herrn sei,
Und was erheische das Wohl der sionischen neuen Gemeine,
Künden am anderen Tag. So spricht er, und sinnend hinweg dann
Schreitet er, nächtlich zu Rathe zu gehen mit der inneren Stimme.
Aber die Stimme, die nächtlich im Traum er glaubte zu hören,
Kam nicht manchmal sie auch von den flüsternden Lippen der braunen
Zauberin, die mit dem Gatten, dem träumenden, theilte das Lager? –

Als nun graute der Morgen am nächsten der Tage, verkündet
Heroldsruf in den Straßen umher: wer nicht bis am dritten
Tag sei wiedergetauft, der solle den Freien und Reinen
Nimmer verengen den Raum auf erkorener Stätte des Heiles!

Dort auf der Mitte des Markts, vor sich den geräumigen Eimer,
Stand Rottmann, ruh'los, vom grauenden Morgen zum Abend,
Und es kamen herbei, die erneuerter Taufe begehrten.
Und hier neigten das Haupt sie, und drei Mal netzte besprengend
Sie mit der Flut aus dem Eimer der eifrige Täufer, und drei Mal
Sprach er murmelnd dazu die bedeutsame Rede: » Das Wort ist
Fleisch geworden und wohnet in uns!
Seid wiedergeboren,
Wiedergetauft im Geist und im Namen des ewigen Vaters!« –

Und nun wieder berief auf den Markt, als gekommen der dritte
Morgen, das Volk der Prophet. Es entfaltet die Rollen der Bürger
Sions vor ihm Rottmann, und er sieht, wie gewachsen sie riesig.
Kunde vernimmt er zugleich, daß die Bürger von Münster, die jetzt noch
Hatten die Taufe verschmäht, nun eben sich rüsten, durch Münsters
Thore von dannen zu zieh'n. »Ihr Brüder«, so ruft er, »die fernher
Kamen gewandert, vertheilt nun friedlich, in heiliger Eintracht,
In die Behausungen euch der entweichenden Feinde von Sion!«

Aber es tritt auf's Neue der zungengewaltige Krechting
Hin vor den Meister, und scharf, mit der Stimme, der dünnen und schrillen,
Welche so schneidend und kühl einklingt in die feurige Rede
Matthissons und der andern begeisterten Männer in Sion,
Fragt er, wie zu ernähren, zu pflegen man denke die Fremden,
Welche gekommen als Helfer und Streiter und Bürger von Sion? –

Und es entgegnet ihm eifrig, gehobenen Tones, der ernste
Meister, es seien die Tage der heiligen Liebe gekommen;
Und, wo Jeder ergriffen vom neuesten Geiste, durchdrungen
Sei von dem inneren Wort, da müsse ja spielend und eilig
Ebnen sich jeglicher Pfad, und sänftigen jegliches Hemmniß,
Das Gottlose verwirrt. Wie der frühesten Kirche Bekenner,
Müsse für sie nun auch, die verbrüderten Bürger von Sion,
Fortan jeder Besitz und jegliche Habe gemein sein.
»Seit Jahrtausenden steht«, so rief er, »als Gräuel und Schreckniß,
Grausiger noch als der Krieg, und grausiger noch als die Knechtschaft,
Grausiger noch als der Tod, vor den Augen des Edlen die bleiche,
Die hohläugige Noth, die verdammt zu Qualen des Hungers
Schaaren, von Gott nur gezählt! – Ein Wicht, wer mit Anderem anhebt,
Als mit dem heil'gen Erbarmen für Jene, die schmachten in Elend,
Wenn er sich rühmt, zu erneuern die Welt! Ist berechtigt zu gleichem
Theil doch, zu leben, was lebt! O, wie kommt's, daß dem Prasser der Bissen
Nicht im Munde noch stockt, so er denkt: du prassest vom Antheil
Eines verhungernden Bruders? – Ihr fragt, wie zu lösen die Wirrniß,
Und wie zu sühnen nun endlich ein uraltwaltendes Unrecht?
Brüder, ich habe gegrübelt mit glühendem Haupte: der Selbstsucht
Tod nur ist's, der die Dulder erlös't, die begeisterte Liebe.
Wißt, wem Liebe berührte die Brust, der kommt und zum Opfer
Bringt er, was leicht er entbehrt! doch wenn sie durchdrungen ihn völlig,
Opfert er jeglichen eig'nen Besitz, daß er Allen gemein sei!
Kommt denn, Brüder und Schwestern, wofern im Herzen die Lieb' euch
Glüht, kommt freudig, und laßt uns erproben zu leben gemeinsam,
Theilend die Arbeit in Sion, und theilend den Lohn, den Genuß auch.
Bringe nun Jeder, was sein er genannt, und hole sich künftig,
Was er bedarf, ein Jeder vom Allen gemeinsamen Vorrath.
Nicht mehr wandl' in Purpur der Ein', in Lumpen der And're,
Nicht mehr schwelge der Ein' und hungernd verschmachte der And're:
Jeglicher finde bereit sein Kleid und als Brüder von heut an
Soll uns täglich das Mahl am gemeinsamen Tische vereinen!«

Also sprach der Prophet, und lang noch, feurig-beredsam,
Pries er dem lauschenden Volke die heilige Gütergemeinschaft,
Strenge verdammend das Leben der Üppigen und die Verschwendung,
Welche da schreit zum Himmel um Rache, so lang in dem Staub noch
Tausende, hungernd und siech, vor den Thüren der Schwelger verschmachten.
Und er sprach, bis die Herzen der Hörer fanatisch erglühten,
Bis sie zu schwärmen begannen, zu jauchzen, zu springen, zu tanzen,
Preisend die Herrlichkeit des erneuten sionischen Reiches.
Und in die Arme nun stürzen sie sich, es versöhnt mit dem Todfeind
Freudig der Todfeind sich, und hier, vor dem Aug' des Propheten,
Frieden und Liebe gelobt sich die heilige Brüdergemeine.
Und dann eilen sie hin, um, was sie zu Eigen besitzen
In den Behausungen, willig zu Füßen zu legen dem Meister.
Was sich emsig erworben der Bürger in Jahren an goldnen,
Silbernen Rollen, er bracht' es dar; und es kamen die Frauen,
Legten die Ringe, das edle Geschmeid, die Korallen und Perlen
Vor den Propheten, entäußerten froh sich des liebsten Besitztums.
Und wer kalt noch geblieben, wer heimlich im Herzen noch schnöde
Selbstsucht nährte, gezwungen doch folgt' er der mächtigen Strömung.

Wie im Triumphe geleiten die Bürger von Sion als neue
Brüder die Fremden vom Markte zu ihrer bestimmten Behausung.
Männer, nach Münster gewandert von Nah' und Ferne beziehen
Jetzo die stattlichen Klöster im Kirchspiel »über dem Wasser«,
Räumige Nester, aus welchen die Vögel entflogen: am Aa-Fluß
Und in der Mitte der Stadt. Die verlaß'nen Patrizierhäuser
Stehen geöffnet, und in den Palästen am prangenden Marktplatz
Wirft sein ärmliches Bündel der viel schon gewanderte Volksmann
Schmunzelnd hin, und macht sich's bequem in den schönen Gemächern.

Welch' ein Gestoß und Gedräng' in den Straßen von Münster! Die Fremden
Wogend in Schaaren, zu suchen die ihnen gewiesene Wohnstatt;
Ihnen entgegen die Züge der Flüchtenden, welche Verbannung
Lieber gewählt, als die Sprenge von Rottmanns Eimer am Marktplatz.
Eilig zieh'n sie dahin mit unmuthbleichen Gesichtern,
Und doch ängstlich zugleich, denn es blickt von den Anabaptisten
Auf sie Mancher, mit Hohn und mit Drohungen Eile gebietend.
Trauer, Verwirrung herrscht im drängenden Schwarm der Vertrieb'nen:
Söhne ja waren von Vätern getrennt und Brüder von Brüdern,
Gatten sogar auch hatte zuletzt des veränderten Glaubens
Hader entzweit, und es sah mit düsteren Augen der Jüngling
Ziehen die weinende Braut, die entfremdete Jugendgespielin.

Doch es durchwanderten auch Diakone die Straßen geschäftig,
Welche gesandt der Prophet, in der Stadt rings jeglichen Vorrath,
Jeden Besitz zu verzeichnen, damit er werde Gemeingut.
Krechting führte sie an: doch nicht mit der Milde des Sions-
Bürgers betrieb er das Werk: er nahm, was der Willige darbot,
Barsch wie ein Scherge dahin. Was Goldes und Silbers er vorfand,
Oder von Schmuck und Gewanden und anderem köstlichen Hausrath,
Und was nicht schon der Eigner bereits aus eigenem Antrieb
Brachte zum Rathhaus hin, das schleppt' er hinweg. Und auf Wagen
Lud er den Mundvorrath, der umher in Fülle gespeichert
Lag in Kammern und Scheunen: unzählige Scheffel der Kornfrucht,
Speck und Butter und Käse, den Stockfisch auch und den Häring.
Davon nahm er mit sich auf die Wagen, so viel nur die Deichsel
Trug, und das Übrige merkt' er sich an zu erneuerter Umfahrt.
Und auch das Roß und das Rind in den Stallungen wurde verzeichnet,
Denn es sollte fortan an gemeinsamer Krippe gefüttert
Sein, zu gemeinsamem Dienst, zu gemeinsamer Speisung in Sion.
Oftmals sperrten die Bahn in den Straßen die schwankenden Karren
Krechtings, oft auch stießen gehemmt im Gedräng' sie zusammen
Mit den enteilenden Zügen der Bürger zu Fuß und zu Wagen.

Wer ist der stattlich Beleibte mit doppeltem Kinn und mit güldener
Kett' um den wulstigen Hals, den ein prunkendes Rappengespann dort,
Von den betreßten Lakaien umgeben, in Eile dahinführt?
's ist der verspätete Probst aus dem Maurizstifte, der jetzt erst
Zog von dannen, nachdem in der Stadt er noch Manches geordnet.
Unglücksel'ger Prälat! zu tief in den Becher in später
Nacht wol hast du geguckt, daß heut' du so noch in Münster
Wagst dich zu zeigen im Lichte des Tages! Der Troß, die Karosse
Mit Kleinoden befrachtet, die güldene Kette, die weichen
Finger der golden beringten und fettglanz-spiegelnden Patschhand,
Welcher die Knöchel verschwinden im Fett: das Alles, o Dickwanst,
Solltest du sorgsam heute verbergen am Tage der großen
Abrechnung! – Weh' dir! mit den stechenden Augen erlauert
Hat dich der schelmische Krechting schon! Mit ironischem Bückling
Naht sich das höckrige Männlein und fällt in die Zügel den Rappen:
»Würdiger Herr! ich wünsch' euch glückliche Reise vom Herzen,
In's Heerlager hinaus des gewesenen gnädigen Bischofs!
Zieht in Frieden dahin! Nur was das begleitende Fahrgut
Anlangt, wisset, daß heut' in Münster die Gütergemeinschaft
Wurde verfügt, und auf des Propheten Geheiß hier eben ich selber
Schaff' auf belasteten Wagen zum Rathhaus hin, was die Bürger
Früher zu Eigen besessen und jetzt die Gemeine beansprucht.
Euch auch, würdiger Herr, dieweil noch in Münster verweilend,
Trifft dies neue Gesetz; so erlaubt, daß ich so wie der andern
Ehrlichen Leute Besitz, auch den eurigen für das gemeine
Wesen in Anspruch nehmend, erfülle die Pflicht, die mir obliegt!« –
Sprach's und winkte die Helfer herbei, und im andern Moment saß
Kläglich gerupft und beschämt wie ein Pfau mit entrissenen Federn
In der Karosse der Propst. Frei ließen sie jetzt ihm die Zügel:
Und nun doppelt geröthet von glühendem Ärger das Antlitz,
Fuhr er zum Thore hinaus, noch erflehend im Stillen des Himmels
Rach' auf die Stadt und die schnöden Erfinder der Gütergemeinschaft.

Als nun völlig geräumt von den Luther'schen und den Papisten
Münster sich sah, die vom Himmel erkorene Stätte des Heiles,
Senkt auf die Anabaptisten, die schwärmenden, bleichen, des Jubels
Drang sich herab, und die jüngst noch in düsteres Brüten verloren
Schlichen, wie waren sie jetzo im Taumel der Freude verwandelt!
Hin durch's wimmelnde Volk schritt Matthisson und belobte
Freudig die Bürger von Sion, daß willig sie Alles geopfert:
Schon in's Unendliche mehre der Vorrath sich auf dem Rathhaus,
Silbers und Goldes und sonst noch anderen köstlichen Gutes,
Machtausstattung in Fülle gewährend dem streitenden Sion.

Aber es rief im Schwarme mit zwinkernden Augen der wilde
Knipperdolling: »Was jagen wir Spatzen, ihr Leute, vergessend
Schier auf das fetteste Wild im Revier? In den Kirchen, da gibt es
Weihegeschenke noch viel, goldstrotzende Priestergewänder,
Kelche von lauterem Gold, Monstranzen und Ampeln; dazu auch
Wackere Heil'ge, die halb schon zu Schinken geräuchert der Weihrauch,
Und die im silbernen Herzen verlangen nach läuternder Schmelzung!
Auf in die Kirchen!« – So rief der gewaltige Knipperdolling.
Und nachhallt es im Schwarm: »In die Kirchen!« und billigend nickte
Matthisson: und es warfen die Schaaren vom Markt in den Domhof
Sich, wo auf prangendem Platz, in säuselnder Linden Umschattung,
Ragte der Dom, und stolz sich im weitum laufenden Viereck
Hoben der Bischofssitz und die stattlichen Häuser der Domherrn.
Jüngst noch tummelte hier sich geräuschvoll üppiges Leben:
Aber so einsam war es, so stille geworden im Domhof!
Lang schon weilten sie ferne, des Hochstifts Häupter. Nun aber
Füllte den prangenden Platz neuschwärmendes Leben: es drängten
Sich vor den Pforten des Domes die stürmenden Anabaptisten.

Und nun öffnete weit mit wuchtiger Rechte die Pforten
Knipperdolling: da wogten hinein in die Halle, bedeckten
Hauptes, die Stürmer, voran der Prophet, zur Seit' ihm die andern
Führer in Sion. Doch drinnen im Dom, in heiliger Dämm'rung,
Standen auf zwanzig Altären umher die Gestalten der Engel,
Der Erzväter und Heil'gen, so ernst und mild, und Madonna
Blickte herab von der Wand, wo farbig auf goldenem Grund sie
Franko von Züthphen, der Meister, gemalt mit unsäglichem Liebreiz:
Alle sie stralten verklärt: einbrach durch farbige Scheiben
Dämmerndes Licht in die Halle, die prangte mit ragenden Säulen.

Aber die heil'gen Gestalten im himmlischen Frieden des Tempels,
Hehr wol standen sie da, doch machtlos. Nieder vergebens
Dräute mit flammendem Schwert von dem Hochaltare der Cherub,
Und es befiel wie ein leises Erbeben die Evangelisten,
Die vor dem hohen Altar Wacht hielten, auf prächtig geschmückter
Umfangsmauer des Chors, vier marmorne, ragende Bilder,
Haupt und Blick zur Gemeine gekehrt und den Finger der Rechten
Legend auf's offene Buch, das empor mit der Linken sie hoben.

Glutvoll haftet der Blick des Propheten auf dieser Gestalten
Marmorpracht; es verdüstert das Antlitz tiefer sich, wilder
Runzelt die Stirne sich ihm. »Seht«, ruft er, »wie hier sich die todten
Steine noch brüsten, wie keck mit dem steinernen Blick sie herabschau'n!
Wie auf versteinerte Blätter mit steinernem Finger sie weisen!
Wie auf steinernen Lippen noch liegt die versteinerte Botschaft,
Welche lebendig war vor mehr als einem Jahrtausend!
Anderer Evangelisten bedarf nun die Welt, eines neuen
Evangeliums – seht! was da weisen die steinernen Finger,
Ist ein lebendiges Wort nicht mehr: ein steinerner Buchstab'
Ist's, der schreckt und verwirrt. In entseelter, versteinerter Hülle
Ward uns der ewige Gott zum Götzen, der Götze zum Dämon,
Ward zum Gespenste der Geist – nicht anders daraus zu erlösen,
Als indem man zertrümmert den Stein! Streng wandelt das Schicksal
Über Lebendiges hin – wir sollten die Steine verschonen?« –

So der Prophet und die Stufen besteigt er und streckt sich gigantisch
Hoch empor: »Ich zertrümm're den Stein, um den Geist zu befreien!«
Ruft er, und flammenden Auges, mit kräftigem Stoße der Rechten
Wirft er donnernd hinunter sie, eins nach dem andern, die hohen
Marmoridole, daß rings in dem vierfach dröhnenden Hinsturz
Säulen und Wölbungen zittern, und selber die Todten erwachen,
Und aus den Grüften des Doms nachwimmert ein schauriges Echo . . .

Und vor dem Donnergedröhn auch erbeben die Anabaptisten:
Nur der Prophet steht ruhig und hehr dort unter den Trümmern,
Wie ein Titan, der den Himmel gestürmt, und den Sterblichen ihre
Götter soeben zur Erde herab vor die Füße geworfen . . .

Aber es rief, vor den Andern sich fassend zuerst, der gewalt'ge
Knipperdolling: »Ein Krach war das, der gewiß so ergiebig
Nachdröhnt rings in der Welt, daß empor in die Lüfte geschnellt wird
Gar aus dem Neste der Vogel, aus weichlichem Bette der Schläfer,
Und aus dem Seckel des Reichen das Gold; aus der Kanzel das Pfäfflein,
Und manch' waltender Fürst aus dem üppig gepolsterten Thronstuhl! . .
Wahrlich, es ist nicht Schad' um die steinernen Evangelisten!
Aber die silbernen dort auf dem Nebenaltar, die Apostel,
Diese zerschmettern wir nicht, die schmelzen wir sänftlich, und prägen
Blinkende Thaler daraus, auf daß sie hinaus in die Welt geh'n,
Wie es Aposteln geziemt!« – Er sprach's, und riß vom Altare
Lachend herunter die zierlich getriebenen Silbergebilde.

Und der fanatische Drang, der, entflammt in des Volkes Gemüthern,
Eben den eig'nen Besitz hinopferte freudig – wie sollt' er
Schonen der Schätze des Doms? Monstranzen und goldene Kelche,
Silberne Leuchter und Ampeln und golden gestickte Gewänder –
Vom Altar, von der Wand, aus den Schränken entraffen sie Alles
Lärmvoll, stürzen sich über Reliquienschreine zertrümmernd.
Asche in Silbergefäßen und Knochen der Heil'gen, in Perlen
Zierlich gefaßt, Gliedmaßen, die nimmer verwelken, geschmückte
Finger und Zeh'n, auch Zähne sogar und Nägel der Finger,
Gleißen in Gold: das Alles verwüsten sie, reißen herunter
Perlen und Erz und verstreuen die Todtengebeine. Zum Rathhaus
Schleppt man in Körben die Beute. Doch immer noch wildere Schaaren
Dringen von außen heran. Ha sieh', wie des wandernden Stammes
Söhne dazwischen sich tummeln! Zu Roß in die heilige Halle
Kam auch Krechting getrabt und band, hart vor dem Altare,
Lachend den stampfenden Gaul an die nächste der prangenden Säulen.
Und er war's, der spornte, wo Andere zagten, die braunen
Söhne des wandernden Stamms, zu vollenden das Werk der Zerstörung:
Denn es gezieme, so rief er, nun schonungslos zu vernichten,
Was von papistischem, Geist-einlullendem Zauber noch übrig.

Und sie vollenden es, traun! Was prangend von zierlichem Schnitzwerk
Stand und Gebilden des Meißels im Dome, heruntergeschmettert
Ward es; besudelt, zerkratzt an der Wand auch wurden die Bilder,
Klirrend zerschlagen die Scheiben, die farbigen, keck die geschnitzten
Prachtarbeiten des Chors und die prangenden Stühle zertrümmert.
Die Rauchfässer entweihten, die Weihbrunnkessel sie schamlos.
Schneidend herab von der Orgel, der ragenden, klang in gequälten
Tönen ein disharmonisch' Gebraus, denn es tastete rohe
Hand des Zigeuners darauf, zum Scherz: es klang wie der Wehruf
Eines gefesselten Riesen, von tückischen Zwergen gefoltert.
Wüste Gesellen in Priestergewändern, in Stolen und Infeln,
Tanzten dazu. So waren des alten papistischen Zaubers
Rest zu vernichten beeifert die Stürmer im Dome zu Münster.

Doch als jetzo verlassen den Dom der Prophet und die Seinen,
Listig blinzelt nun wieder der rüstige Knipperdolling,
Und indem ihm der Blick hin über die Häuser der Domherrn
Schweift, und des Bischofs Palast: »Wie Schad', daß entflohen«, beginnt er,
Hier aus den Nestern die Vögel mit sammt den vergoldeten Eiern!
Die hochmögenden Herren, mit Kisten und Kasten entwichen
Sind sie, haben uns nichts als die Wände, die kahlen, gelassen.
Einer nur ist erst kürzlich entfloh'n, und in drängender Eile
Bracht' er zur Hälfte nur fort das Geräth aus der weiten Behausung.
Seht ihr den stattlichsten hier von allen Palästen im Domhof?
Das ist der seine: da haus't' er, ein fürstlicher Schwelger, der Domherr
Melchior: Domcellarius war er; vom edlen Geschlechte
Derer von Büren entstammt: hinlebt' er mit üppigen Weibern,
Bankettirend und zechend, dazwischen sich freuend des Waidwerks.

Still nun stand der Prophet und mit ihm bestaunten die Fremden
Alle den stolzen Palast. Neugierig drängte der Schwarm sich
Jetzo, von Knipperdolling geführt, in die inneren Räume.

Und sie betraten Gemächer, wo leise gedämpft nur die Tritte
Auf Prachtteppichen klangen, und farbig erglänzten die Wände
Von anmuthigen Scenen. Da sah man Diana, die schlanke,
Birschend im Wald, und es lechzte mit hängenden Zungen die Meute
Rings um die Göttin her. Und wieder auf anderem Plane
Saß, von Trauben umhangen, auf strömendem Fasse der Weingott,
Lachend, und Grazien auch, pausbackige fröhliche Dirnen,
Tanzten auf grünenden Au'n, und, in rosigen Lauben entschlummert,
War Frau Venus gemalt, eine derbere, nordische Schöne,
Ruhend auf Blumen, und neben ihr stand ein dreister Cupido.
Manches Geräth war übrig: die Würfelbehälter, die Damen-
Bretter, sie standen umher noch auf zierlichen Tischen, auch Leiern
Fand man, Geigen und Flöten, bestaubt in den Winkeln. Doch nicht bloß
Weichlicher Künste Geräth war heimisch im Hause des Domherrn:
Rittersmann von Geburt ja war er, und hatte den Harnisch
Lang vor der Kutte getragen: im Rüstsaal barg er die blanken
Panzer und Helme, Pistolen und Schwerter, und Sättel und Sporen,
Und noch manches Gezeug für Krieg und fröhliches Waidwerk.

Lieblich verbreitete sich von des Domherrn Hause nach rückwärts
Ein reich blühender Garten mit künstlich geschmückten Rotunden:
Säle wie Grotten, die Wände mit seltenen Muscheln und bunten
Steinen geziert, und dazu kühlplätschernde, springende Bronnen,
Laub- und Blumengerank, zum trauten Asyl für des Sommers
Mittagsschwüle bestimmt. In der traulichsten Ecke des Gartens
Ragte, von Epheuranken umgrünt und üppigem Weinlaub,
Ein gar zierlicher Bau, mit purpurnverhangenen Fenstern.
Dort auch traten sie ein nun, die spähenden Anabaptisten,
Und ein duftiger Raum umgab sie: wohnlich und üppig
War er geschmückt. Und sieh', da fanden sie schimmernde Gürtel,
Schleier, auch goldene Schnüre, das weibliche Haar zu durchflechten,
Und von Frauengewand buntfarbigen, glänzenden Reichthum,
Wirr durcheinander gehäuft: manch zierlich gewundenen Kopfputz,
Mieder von rothem Damast, und Pantöffelchen, perlengestickte:
Aber in dämm'riger Nische, da stand, umschlossen von seid'nen
Prunkvorhängen, das Lager mit goldig gleißendem Schnitzwerk.

»Seht«, sprach Knipperdolling, »da haus'te das schönste der Weiblein
Melchiors – denn er begnügte sich nicht, wie And're, mit einem
Kebsweib, nein! hier aber verbarg er die lilienweiße
Schöne mit röthlichen Haaren, genannt Gabriele von Ottwitz.
Närrisch plagt' ihn die Lieb', und er trank auch zuweilen, so sagt man,
Wie ein Polack, aus dem Schuh der Geliebten. Es waren unlängst noch
Schier allmächtig zu Münster bei uns dickhalsige Domherrn;
Doch allmächtiger war, als der Dompfaff selber, das Kebsweib
Des hochmögenden Herrn, und so viel hochmögende Herren
Wir da hatten, so viel Kebsweiber auch gab es, und mehr noch:
Und sie wohnten im Haus des Galans; und wenn er verschämt thun
Wollte, der Pfaff, vor den Leuten, so nannt' er Base das Weibchen.
Und bei Gelagen und Festen, da saß zuoberst das Kebsweib
Des ehrwürdigen Herrn – dann erst die Gesponsin des Rathsherrn!« –

So durchstreifend die Räume des Domherrn, fanden die Männer
Sättel und Flinten, und Würfel und Becher und Flöten und Leiern,
Gürtel und Mieder sogar, und seidene Kissen und Decken:
Eins nur fanden sie nicht in den weiten Gemächern des Domherrn:
Geistliche Bücher und Schriften: es lag im Winkel ein einzig
Ärmliches Lederbrevier, das die Betaufgabe dem Frommen
Weidlich hatte verkürzt, denn es fehlten unzählige Blätter . . .

Aber es hatten sich andere Schaaren der Anabaptisten
Stürmend indessen gewendet zu anderen Kirchen und Klöstern;
Und als nun der Prophet mit den Seinen vom Hause des Domherrn
Kam, da wälzte sich ihm entgegen ein Schwarm, der gefangen
Führte mit Jubel ein Paar Mönchlein in der Mitte. Die Mönchlein
Siehe, dieselben ja sind es, die kürzlich so schnöd man hinausstieß
Über die Schwelle des Kellers am Markte! »Wir kommen«, berichtet
Einer der lärmenden Schaar, »vom verlassenen Kloster am Aafluß.
Als in den Keller hinab wir drangen, zu seh'n, was von firnem
Tranke der mönchische Troß in der Eile noch etwa zurückließ,
Fanden wir einen von diesen, den Wänstigen da, vor dem größten
Stückfaß sitzend, das Glas in der Hand voll köstlichen Rheinweins.
Harmlos lacht' er uns an mit dem weinig-gerötheten, breiten
Zechergesicht, und als wir mit Spott und Gelächter ihn grüßten,
Hielt er uns freundlich grinsend entgegen das blinkende Kelchglas,
Und mit lallender Zunge verlangt' er, wir sollten Bescheid thun.
Längst schon hatte geflüchtet sich fort aus dem Kloster die Pfaffheit,
Er nur, der wackere Paul, der verwaltende Meister des Kellers,
War auf dem Posten geblieben und kümmerte nichts um die Welt sich.
Nichts von dem wilden Tumult, von der Wirrsal dieser vergangnen
Tage war nieder zu ihm in die traulichen Räume gedrungen.
Hätten wir dort ihn gelassen, er hätte vergnüglich dem jüngsten
Tag entgegengezecht: wir aber, wir rollten die Fässer
Ihm vor der Nase hinweg; da folgt' er uns gerne von selber.

Anders ertappten wir diesen, den hageren Bruder. Ihn fanden
Wir in der Zelle noch sitzend. Wie Paul bei den Fässern, so hatte
Dieser bei alten Scharteken in einsamer Zelle des Fliehens
Stunde versäumt, und grübelnd die Welt um sich her vergessen.
Brütend betrafen wir ihn in der Zelle, bemüht zu vollenden
Noch ein gelehrt' Traktätlein von heiligen Dingen. Da les't nur:
»» Quaestiones, gelös't nach den Regeln scholastischer Weisheit:
Caput primum: Wie viel Erzengel und Engel auf einer
Nadelspitze zu sitzen vermögen. – Secundum: Geringer
Ist das Vergeh'n, einen Menschen zu tödten, als etwa dem Armen
Sonntags flicken die Schuh', dem Verbot der Kirche zuwider.
Tertium caput: Ein größer Verdienst ist's, ertränken ein Hexlein,
Als zwölf tausend ertrinkenden Christen das Leben zu retten.««

Solches und Anderes gibt aus des Mönches gelehrtem Traktätlein
Dieser zu hören im Kreis. Doch es drängen von anderer Seite
Lärmende Schaaren herbei. Und es nahen auch diese sich leer nicht:
Denn ein Weib in der Nonnen Gewand, doch gesegneten Leibes
Bringen sie jubelnd geführt. »Seht«, rufen sie fröhlich den Brüdern
Zu, »wir kommen daher aus dem Nitzingkloster, wo fromme
Jungfrau'n dienten dem Herrn. Doch es haben vor etlichen Tagen,
Sie auch in Eile das Weite gesucht, mit der Habe sich flüchtend.
Nun, wir haben alldort Nachlese gehalten! Da sah'n wir
Gleich, wasmaßen dem Herrn sie gedient im Kloster, die Nönnlein!
Wißt ihr, was wir gefunden so hie und da in den Zellen,
Und in den Winkeln der Schränke vergessen, auch wol auf dem Boden
Hin und wieder verstreut in der Eile? Von zärtlichen Brieflein
Lasen wir auf ein Schock; Nachschlüssel, die Pforte des Klosters
Heimlich zu öffnen bei Nacht, Strickleitern, vom Fenster der Zelle
Reichend hinab zum Boden des nächtlich-einsamen Gartens:
Solcherlei fanden wir dort, und dazu: die gesegnete Jungfrau
Da, hochschwangeren Leib's, die, weil zwei Herrn sie im Kloster
Hatte gedient, sich jetzt, wie ihr seht, mit dem doppelten Segen
Schleppte zu schwer, um in Eile von dannen zu flieh'n wie die Andern!
Gings ihr doch wie dem Wolf, der schmächtigen Leibes geschlüpft war
Durch ein Loch in den Stall, doch dann, bei gedunsenem Umfang,
Nicht mehr konnte zurück!« – So scherzt er und Spott und Gelächter
Schallt ringsum.
                          's ist Krechting vor Allen, der Töne des Muthwills
Anschlägt, seit der Prophet sich entfernt mit den ernsteren Schwärmern.
Und im beweglichen Volke verkehrt bleichwangiger Ernst sich
Zu spottsüchtiger Laune gemach vor der Nonn' und den Mönchlein:
Aber zumeist vor Paul, dem bezechten: er taumelte drollig
Immer, und suchte zu sprechen mit lallender Zunge. Sie necken,
Stoßen ihn. Ausruft Einer im Schwarm: »Ei, wäre nur Fastnacht
Heut in Münster, wir könnten das dicke, betrunkene Pfäfflein
Herrlich als Morio brauchen – als Narrenpatron, wie wir immer
Einen aus Lappen zusammengeflickt, mit strohener Füllung,
Und dann hielten mit ihm an der Fastnacht Schlusse den Umzug!«
Vielfach schallt's in der Menge: »Bewahrt ihn auf bis zur Fastnacht,
Diesen betrunkenen Gauch, daß wir ihn als Morio brauchen!« –
»Meint ihr, Leute«, so ruft mit der kreischenden Stimme dazwischen
Krechting, »wenn auf den Leib uns der Bischof jetzt mit den Söldnern
Rückt, und die Stadt einzäunt und zu streiten es gilt für das neue
Sionsreich, daß Muße noch bleibt, um zu feiern die Fastnacht?
Denkt ihr ein Schalksnarrenfest altmünsterisch noch zu begehen,
Und einen Narrenpatron im Triumph umher zu geleiten,
Thut es am heutigen Tag! wir feiern ja heut die Befreiung
Von einheimischen Feinden! Die äußern, die Söldner des Bischofs,
Steh'n noch bei Telgte zu Hauf'. Wer weiß, wie bald sie heranzieh'n! –
Weht doch freier die Luft, da Matthisson mit den finstern
Muckern von dannen gegangen. – Ich sehe die fröhlichen Bursche
Lips van Straatens um mich und die Leute vom wandernden Stamme.
Ei, was sollten nur Alle dahier in Münster umhergeh'n
So kopfhängerisch-düster wie Matthisson und wie Rottmann?« –

Sprach's; und fröhlich umarmte den höckrigen Kleinen der wilde
Knipperdolling: »Du sprichst aus der Seele mir, Bruder!« so rief er.
»Wisset«, so fuhr er fort, zu den Fremden im Kreise gewendet,
»Wißt, daß jährlich dahier zu Münster ein strohener Popanz,
Den wir Morio nennen, als Narrenpatron in der Fastnacht
Wird umher im Triumphe geführt. Wenn aber die tollen
Tage vorüber, entkräftet die Leiber, die Beutel geleert sind,
Und zur Besinnung gekommen die Narren, da schleppen noch einmal
Unseren Narrenpatron wir an's Licht; doch diesmal als armen
Sünder, und bringen ihn vor ein Gericht, ein eigen bestelltes,
Wo man scharf ihn verklagt und sämmtlicher Frevel bezichtigt,
Als zuchtlosen Patron, Erzsäufer, gefräßigen Dickwanst,
Als Schutzherrn der Verdummung, als Unfriedstifter, mit einem
Wort, als Vater und Nährer unzähliger Übel auf Erden.
Aber das Urtheil sprechen sodann ihm die Richter, das immer
Lautet auf Tod durch's Feuer. Nun wird er auf einen entflammten
Haufen von Scheitern gesetzt und verbrannt, daß im Winde die Funken
Fliegen vom Markt weit über die Stadt und hinunter zum Aafluß.
Sehet, ihr Brüder, so übten den Brauch bisher wir zu Münster!

Und nun sag' ich mit Krechting, dieweil wir den Morio haben,
Lasset uns Fastnacht halten! Auch ich bin nicht für das ew'ge
Augenverdreh'n, Kopfhängen! ich bin so Einer vom alten
Schlag, westphälische Art: Dreinschlagen, das will ich von Herzen
Gern, wenn's gilt, doch das Schwärmen, das Predigen und das Verzücktsein
Steht mir nicht zu Gesicht. D'rum mein' ich mit Krechting, wir sollen
Fröhlich sein vor dem Herrn! Wer taugte zum Morio besser,
Als der Geschorene da? Wir machten in Münster ja längst schon
Ähnlicher stets einem Pfaffen den Morio, als einem andern
Gottesgeschöpf! und während er brannt' auf den Scheitern, der Popanz,
Dachte so Mancher im Kreis: o wär's doch Dieser und Jener
Von den Gesalbten da d'rüben im Domhof! Ja, in die Kutte
Hätten wir stets ihn gesteckt am liebsten, den Morio, wenn nicht
Ängstlich der Rath uns verdorben den Spaß! Nun, Brüder, nun wollen
Wir's nachholen: Ihr wählt die Gerichtsbeisitzer am Marktplatz,
Und mich laßt vorstellen den Kläger! dem Moriopfaffen
Will ich ein Liedlein singen, wie keines bisher ihm geklungen!
Nüchtern gedenk' ich zu machen den Schlucker, wie voll er auch sein mag!« –

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