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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 4
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
created20040925
sendergerd.bouillon
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            Aber zur Ruh' nun streckten aufs Neue die Gaukler, die müden,
Hier und dort sich in's Moos und auf schwellende Kräuter. Des Feuers
Reste verloschen; der Mond ging auf. Bald sanken sie Einer
Hin um den Andern in Schlummer. Wie Nachts an den Fenstern die Lichter,
Also verlöschen auch eins um's and're die Augen der Menschen
Nachts: doch welche der Genius ruft, die liegen wie scheintodt
Wach in den Särgen des Schlummers und schließen die Lider vergebens.

Solches geschah heut Jan und dem Wanderpropheten. Die Beiden
Wechselten häufig den Pfühl, zur anderen Seite sich wendend,
Unruh'voll. Und endlich erhob sich leise der Jüngling:
Hehr vom Monde bestralt, hoch über den Schlummernden aufrecht
Stand er, ihm glühte das Haupt, eng ward ihm die Brust und es trieb ihn
Wieder hinaus in den Wald, der zwiefach schaurig ihn ansah.

Im mondhellen Gehölz hinschreitet er. Plötzlich von Tritten
Hinter ihm hallt's, er wendet das Haupt: da erblickt er des hohen
Greises Gestalt vor sich. »Hat Euch, wie mich selber, des Mondes
Liebliche Helle verlockt?« so fragt er ihn. Aber der Graubart
Mit dem erglühenden Aug', den gekniffenen Lippen, der mächtig
Sich aufwölbenden Stirn, er beginnt sich stracks zu ereifern:

»Finster und schwarz ist die Nacht und die Welt im Dunkel; es flattert
Eulengezücht in der Luft und es schießen wie Pilze des Teufels
Saaten empor, unheimlich bei fahlem Geblinzel der Sterne
Prunkt manch giftige Saat, zureifend der Sense. Gespenster
Wandeln umher und es schwärmen Dämonen, die zehrenden Mehlthau
Sprengen aus ruchloser Hand auch über die besseren Blüten.
Groß ist die Zeit und gewaltig; doch wehe, wenn unsere Herzen
Rein nicht sind: wie sollen im riesigen Kampf wir bestehen?
Schwül ist die Nacht von Gewittern: es wälzen die Buhlen der alten
Metze von Babel in Ängsten auf weichlichem Lager sich schlaflos,
Träger der Kronen und Träger der Infeln: es plagt, da zu reichlich
Sie beim Mahle des Lebens beladen den Wanst, sie der Alpdruck.
Aber wie werden nun auch wir selber die Probe bestehen?
Wird nicht fehlen den Reinen der Muth und dem Muthe die Reinheit?
Freilich es wimmeln hervor, gleichwie nach dem Regen die Frösche,
Jetzt die Propheten; doch helfen sie uns, die zanken um Worte?
Denn sie wissen es nicht, daß die Zeit nun der Thaten gekommen,
Daß es gilt zu vertilgen von Grund aus jegliches Unrecht,
Jegliche Thorheit. O Sohn, abschwören dem Zwange der Satzung
Müssen wir, eigene That muß werden das Gute. Wie aber
Mögen entbehren der Satzung wir schwachen und sündigen Menschen?
Nur durch ein Wunder geschieht's: ein innerer Drang wird ergreifen
Gleich wie ein Rausch, wie ein Fieber die Menschen, ein heiliger Wahnsinn,
Bis sich das innere Wort in allen Gemüthern lebendig
Regt, nicht einzig mehr, wie bisher, auf geschorene Glatzen,
Nein, auf Alle zusammen der Geist sich in flammender Klarheit
Senkt, und Jeder sich selbst wird Priester, Erlöser und Mittler . . .

Schwärmer benennen sie uns – ja! Schwärmer, das müssen wir werden:
Herrscht nicht lange genug schon das nüchterne Wort und der Buchstab'?
Steh' auf eigenen Füssen, o Menschheit, endlich, du altes
Kind, und vermagst du noch immer es nicht, und mußt du zu Grund geh'n
Ohne die Krücken – so geh' zu Grund: nicht werth zu bestehen
Bist du! Was soll uns die Bibel, o Freund? ei, Bibel ist Babel!
Wenn sich der Wille des Herrn nur in alten Scharteken verkündet,
Wenn er durch Söldlinge nur und geschorene Pfaffen zu mir spricht,
Wenn er mit mir nicht selber vernehmlich zu reden sich würdigt,
Wie mit Abraham er geredet, mit Isaak und Jakob,
Acht' ich nimmer ihn werth einen klingenden Heller: er ist ja
Nicht ein lebendiger Gott, nur ein eitel hölzerner Herrgott,
Welcher bestaubt von der Wand, um die Kinder zu schrecken, herabdroht!

Aber es sagen die Thoren, erlöset schon hab' uns der feiste
Wicht, der entlaufene Pfaffe, der Luther. Der hat aus Ägypten
Uns zwar geführt, doch er läßt, statt weiter zu zieh'n in's gelobte
Land, in der Wüste nunmehr uns sitzen. Es winkte das Schicksal
Ihm, doch stumpf wie er ist, Schweinslederprophet wie die Andern,
Brütet er stets altmönchisch noch über der Tünche der Staben
Und dem gegebenen Wort, und das Grübeln, es macht ihn zum Schwachkopf.
Freilich, er glaubt schon ein Wunder des tapferen Muth's zu verrichten,
Wenn er des Nachts nur kecklich den Steiß zum Bette herausstreckt,
Um so den Teufel zu schrecken, den Teufel mit Hörnern und Kuhschweif,
Welcher ihn immer verfolgt, wie er meint, im Bett und am Schreibtisch.
Thörichter Satansbanner! o kehrt' er doch endlich des Geistes
Mehr als des Steißes hervor; das half' ihm baß, denn der Teufel,
Der ihn plagt, ist der schwarze, der klotzige Bursche, der Buchstab!
Ist er weiter gegangen, als man ihn geschoben? Bei jedem
Prügel, den Rom dem erboßt-starrköpfigen Mönch in den Weg warf,
Strich er vom Katechismus hinweg einen Glaubensartikel,
Nur so zum Trotz: seit ruhig man sitzen ihn läßt auf der Wartburg,
Ist er zu Ende mit seinem Latein, ist dämlich und zaghaft,
Sammt dem gelehrten Genossen, dem Meister der Schule, Melanchthon.
Wie zwei Fuhrmannsgäule, gespannt an den Wagen und rastend
Still vor der Schenke, wo zecht in des Mittags Schwüle der Eigner,
Kühlung fächeln einander mit wehenden Schweifen und oft auch
Brüderlich reiben einander die bremsengestochenen Rücken:
So am verfahrenen Karren der schüchternen Kirchenverbess'rung
Stehn auf dem selbigen Flecke der Martin dort und der Philipp,
Harrend des heiligen Geists, und begnügen sich, einer dem andern
Brüderlich weiterzuwedeln vom Rücken die neckenden Bremsen.

Nie, nie helfen uns diese, die Grübler und Skribler, die zagen
Klosterlateiner, die weisen Magister, so nüchtern und schüchtern!
Nein, die Begeisterten müssen es thun! Doch diese wo sind sie?
Bei Glückspilzen, da wohnet sie nimmer, die heil'ge Begeist'rung!
Nur die Bedrängten, die Dulder, die sind die Gefäße des Geistes.
Wär' einst Jakob gelegen auf weichlichen Polstern im Bette,
Statt auf dem Boden, zu Häupten den Stein, als Decke den Himmel,
Niemals wären zu ihm wol heruntergestiegen die Engel!
Ja, die Begeisterten müssen es thun! Und Begeisterte weckt jetzt
Allenthalben der Herr im Volk: es verklärt sich die dumpfe
Stätte des Handwerks schon und die traurige Stube der Armuth
Mit Pfingstflammen: es treten hervor aus niedrigen Hütten
Männer, die haben den Geist, und reden mit feurigen Zungen.
Also erweckte der Herr uns zuerst den Propheten von Zwickau,
Und ob in blutigem Staub auch schmählich verröchelte Münzer,
Wimmelnd erheben bereits allwärts sich die Jünger, die Kämpen,
Ganz sich vertrauend und voll, mit Leib und Seele, dem Sturme,
Welcher die Länder durchbraust, vom niederen Land, wo die Sunde
Tosen, zum Hochland hin, und welcher erneuern die Welt wird.
Ja, die erbangende Welt, die steht wo sie Luther gelassen,
Setzt nun wieder in Schwung sich: vom neuesten Lichte die Funken
Sprühen schon allwärts auf: bald scharen die Wiedergebornen,
Wiedergetauften im Herrn um das heilige Banner von Sion
Sich, um das Banner des neuen, prophetenverkündeten Sion,
Welchem im Stillen der Herr schon die sichere Stätte bereitet.
Ganz aus der Welt zu vertilgen das Unrecht gilts und die Thorheit,
Um zu vereinen sodann in beglückendem Bunde die Guten.
Horch, das Gericht, es verkündet sich schon: sind schwanger die Lüfte
Nicht von Schwertergeklirr ringsum? feig zittern die kleinen
Geister von Wittenberg, da gekommen die Zeit nun der Thaten,
Welche vom Boden die Lauen zugleich mit den Kalten hinwegfegt,
Und den Begeisterten gibt die erneuerte Erde zu eigen!« –

Also der Anabaptist, und er sprach noch lang, sich ereifernd
Über die nüchternen, zagen Propheten: er schmähte die stolzen
Kronen- und Infulträger, er schmähte die Welt, die verderbte,
Schmähte zuletzt auch den Jüngling, den horchenden, selbst, der in solcher
Zeit sich geselle den Gauklern. Doch bald umarmt' er ihn wieder,
Küßt' ihm zärtlich die Stirn. Der aber versetzt' ihm, erwarmend:

»Wundersam hast du, o Greis, mir erschlossen den Blick in die Zukunft.
Selbst zwar merkt' ich es längst, wie die Menschen, die Völker, ein neuer
Drang gar mächtig ergreift: doch es dünkte mich Wörtergezänk nur,
Was ich vernahm; du aber, du wirfst in die Seele mir Flammen!
Gilt es in Wahrheit zu stiften ein Reich nun der Liebe, des Glückes?
Sieh! – seltsam bin ich geartet: ein doppeltes Streben
Wohnt – im Herzen; ein Drang nach dem Hohen und Rechten und Reinen,
Aber ein Drang nach dem Glücke zugleich, nach den Freuden des Lebens.
Niemals kann mir genügen ein Brüten in dumpfer Entsagung,
Aber auch niemals kann mir die Lust, die gemeine, genügen,
Die nur die Sinne berauscht und das Herz nicht höher beflügelt.
Und so ging ich bisher, ob auch mich verzehrend in Sehnsucht,
Rein durchs Leben und stolz: mich schützt vor Gemeinem der Abscheu.
Tugend und Lust zu vereinen, das ist's, was ewig ich träume:
Träumer ja bin ich noch stets, wie ich es gewesen als Knabe.
Leicht war immer und tief mir die Seele zu rühren: ich konnte
Weinen vor Lust, wenn neu sich der Anger beblümte; mich reizte
Jegliches Edle und Schöne. Doch auch nach dem Schimmernden, Bunten,
Stand mein Sinn: wo ich Kieselchen fand und glimm'rigen Schiefer,
Konnt' ich darein taglang mich mit glühendem Auge vertiefen.
Selten nur hatt' ich Gespielen: mich scheuten die Altersgenossen,
Denn ich liebte zu herrschen; auch haßt' ich beinahe die Knaben,
Und ich gesellte mir lieber ein halbwild schweifendes Mägdlein,
Welches auf einsamem Felde die Zicklein pflegte zu hüten.
Gänzlich gehorchte sie mir, und half mir glänzende Steinchen
Suchen: da fanden wir einst am Weg einen lichten Karfunkel:
Meinte, das wär' ein Sternlein, gefallen vom Himmel, und hoffte,
Gleich mit dem blitzenden Stein mir ein königlich Reich zu gewinnen.
Damals träumt' ich von Schwertern und Kronen und Purpurgewändern
Fort und fort: ich verlor das Gestein, doch es blieb mir der Glückstraum.
Und nun hielt ich mich gerne zu Reisigen, Händlern und Schiffern,
Die weit waren gewandert und manches Erstaunliche, Fremde
Hatten nach Hause gebracht: mir entbrannte das Herz vor Begierde,
Selber die Fremde zu schau'n. Viel hört ich erzählen vom Goldland,
Eldorado genannt: ausmalt' ich die Pracht mir des Landes,
Und ich dacht' es bewohnt mir von hohen und herrlichen Menschen.
Gern wol hätt' ich durchzogen die Länder als Schiffer und Kaufherr,
Doch da Vater und Mutter erblichen, ein hungernder Knabe
Blieb ich zurück: es erbarmte sich meiner ein wackerer Volksmann,
Nahm mich auf und erzog mich zum Jünger und Helfer im Handwerk.
Aber es schweifte der Geist aus der dumpfigen Stube doch immer
Mir auf den Markt und die Gassen hinaus, und die Erker, die Zinnen
Stolzer Gebäude, die Pfeiler, die ragenden Thürme der Kirchen
Hatt' ich wie träumend vor Augen. Am Festtag starrt' ich den Priester
An im Dom, da er stand in den Weihrauchwolken am Altar,
Und schon die Wölbungen selber des Domes, die Bilder, die Säulen
Rührten das Herz mir wie Klänge der Orgel; das Leuchten und Flimmern,
Duften und Klingen, es kam wie Verheißung unendlichen Glückes
Über mich her und ich dünkte mir träumend im Äther zu schweben.

Trunkenen Ohrs auch horcht' ich nach Wundergeschichten aus alter
Zeit, nach der Kunde der Reinen auf Montsalvatsch, nach der Ritter
Kämpfen um's heilige Grab. Und auch von Zauberern hört' ich,
Hörte von Faust, von Adepten, die Golderz brauen im Tiegel,
Und Elixiere des Lebens. Von neuen atlantischen Inseln
Hört' ich, woher Kleinode so viel nun in unseren Welttheil
Strömen, und wo Seefahrer, das Schwert in der Hand, eine neue
Schönere Welt sich erobern, umleuchtet von neuen Gestirnen.
Nimmer gefiel mirs zuletzt in der dumpfen, der nebligen Heimat,
Im Flachlande, bespült von der Flut, eintönig und endlos:
Und so folgt' ich dem Drang und gesellte mich fahrenden Leuten,
Handelsgenossen und Schiffern: das blühende Flandern durchschweift' ich,
Stand am geschäftigen Strande des Britten, die Städte des Südens
Schaut' ich, bis Lissabon zog ich hinab. Da ging mir die Sonne
Leuchtender auf, und ich lernte vom Häßlichen scheiden das Schöne,
Scheiden vom Rohen das Edle; den feineren Sinnen genügte
Nun nicht mehr, was zuvor mir im nordischen Lande gefallen.
Arm wie ein Bettler durchzog ich die Welt, wie ein König genoß ich
Sie, als Betrachter, als Träumer. Doch ach, erst halb nur verkörpert
Fand ich das, was ich träumte; noch immer das Beste vermißt' ich.
Nirgends ja sah ich die Menschen beglückt; und das Hohe, das Reine,
Wie es mir stand im Sinn, so in Wahrheit fand ich es nirgends.
Halb nur befriedigt, in Sinnen verloren, so kehrt' ich zur Heimath.
Doch bald faßte der Drang mich, zu wandern, aufs Neue. Der wackre
Lips van Straaten, er lockte den müßigen Träumer nach Deutschland,
Welches ich selbst schon ersehnte zu schauen: so folgt' ich den Gauklern.
In armseligem Flitter, in kindischem Spiele begann ich
Mir zu gefallen: in Reimen, in feurigen Versen versucht' ich
Mir eine eigene Welt zu erbau'n. Auf dem Haupte die Krone,
Thöricht erschien ich mir selbst, doch ich träumte den Traum des Karfunkels
Wieder, und träumend vergaß ich zu nehmen vom Haupte den Flitter« . . .

»Jüngling«, sagte der Anabaptist, »was du träumtest und suchtest,
Niemals werden wir schweifend es mühlos finden am Wege,
Niemals wird es beschert uns werden im Schlafe. Wir selber
Müssen nun Hand anlegen, die bessere Welt zu erschaffen.
Und wie sollten wir nicht? Was schiene denn jetzt noch unmöglich?
Haben das Größte wir nicht schon erlebt im Sturze der alten
Kirche? Gescheh'n nicht Zeichen und Wunder? Ist nicht ein bedeutsam
Zeichen das knallende Pulver des Mönchs, das in Schutt die granit'ne
Zwingburg wirft? sind nicht ein bedeutsam Wunder die Künste
Guttenbergs, die die Blätter, die weißen, im Flug wie mit tausend
Händen auf ein Mal beschreiben? ein deutsam Wunder die gold'nen
Gaben der Meere des Westens? wie kam uns das Alles auf einmal,
Wenn nicht völlig verjüngen die Welt sich sollt' und erneuern?« –

Also der Anabaptist, sein Antlitz stralte begeistert.
Und bald fügt' er hinzu: »So oft ich ins Auge dir schaue,
Jüngling, so oft ich betrachte die leuchtende Stirn, da verkündet
Sich's im Gemüthe mir immer: als Gaukler im Flittergewand nicht
Soll der ziehen gen Münster! Vernimm! ich komme gewandert
Nicht allein, denn es wallen aus Nachbarlanden die Jünger
Mächtig in Schaaren heran, doch zerstreut, auf verschiedenen Wegen,
Um zu entgehen den Spähern des Bischofs. Und der Vereinung
Stunde, sie naht: schon ruh'n sie versteckt in den Gründen der Davert,
Hier und dort, und harren dem grauenden Morgen entgegen,
Wo, indessen des Bischofs Heer, frei lassend die andern
Wege, bei Telgte sich sammelt, nach Münster vereint wir hineinzieh'n!« –

»Wenn ihr Wiedergetauften es seid«, so versetzte der Jüngling
Glühenden Aug's, »die kommen zu stiften des seligen Friedens
Reich, und des Glücks, wo das Schöne vom Rechten, das Rechte vom Schönen
Nimmer sich trennt, wie es träumt mein Herz – denn wisse, so feurig
Ich mir ersehne das Glück, wird auch nach dem Rechten und Reinen
Ewig mir trachten der Sinn – wenn Solches ihr wollt, und ihr wahrhaft
Wißt zu vereinen, was lang auf Erden sich mied – o so nehmt mich
Hin als Jünger und Streiter mit euch und lasset des Herzens
Mächtigen Sehnsuchtsdrang in euerem Kreise mich stillen!« –

So der erglühende Jüngling und ihn umarmte der hohe
Greis mit Thränen im Aug', und zu reden aufs Neue begann er:
»Ich bin alt, mein Haar ist ergraut, und es deutet der Vater
Oft mir im Herzen es an, daß ich selbst das gewaltige Werk nicht
Ganz vollende, das jetzt das Geschick zu beginnen mich antreibt.
Jüngling, wirf sie hinweg, die du trägst, die papierene Krone!
Denn dich erkieset der Herr zum Streiter sich, wenn ich dahin bin!
Siehe, das hab' ich gewußt, das fiel mir ins Herz wie ein Lichtstral,
Seit du gekrönt mir erschienst, wie ein Traumbild, unter den Gauklern!«

Jetzo standen die Beiden auf felsiger Höhe des Waldes,
Hell vom Monde bestralt, zwei leuchtende hohe Gestalten,
Hehr umweht von den Schauern der Einsamkeit und des Nachtgrau'ns.
Vortritt Jan zum Rande des felsigen Hangs, wo der Abgrund
Steil abfällt und sich unten verliert im Dunkel. Da reißt er
Sich die papierene Krone vom Haupt und schleudert hinab sie,
Tief in die dämmernde Schlucht. Abseits wild braus'te der Sturzbach,
Der da breit und gewaltig hinabschoß über die Felswand.
Und an die stürzende Flut, umragt von Blöcken und Kiefern,
Trat nun der Anabaptist: aus dem brausenden Sturz der Gewässer
Schöpft' er die Handvoll sich und über das Haupt, das geneigte,
Seines Erkorenen gießt er die Flut mit den weihenden Worten:
»Jan von Leyden! ich netze das Haupt dir unter dem lichten
Sternenzelt: ich weihe zum Bunde der Wiedergebornen,
Wiedergetauften dich ein: zum Bunde der Freien und Reinen
Weih' ich dich: zum Bürger, Verkünder und Streiter des neuen
Sion, des göttlichen Reichs, das im ältesten Bund war verheißen,
Und von welchem erst wir nun erhoffenden Tag der Vollendung!« –

So der Prophet, und es traf aus den fliegenden Wolken der Mondstral
Wie mit verklärendem Lichte die beiden Gestalten am Waldstrom
Auf hochragender Warte der Felseinöde. Die Sterne
Standen am nächtlichen Himmel und funkelten, lindes Gesäusel
Lief durch die Wipfel der Kiefern. Da wars, als klänge von fernher
Geisterhaft-leise hervor aus der Tiefe des Walds ein gedämpfter
Feierlich-ernster Choral, doch nur in verlorenen Tönen,
Wieder verhallend sogleich: aufhorchte der Greis, und es blitzte
Hell sein Aug'. Im hohen und sternhell dämmernden Äther
Flatterten weiße Gewölke, wie Züge der Geister: zu streiten
Schienen sie gegeneinander mit blinkenden Schilden am Himmel
Über dem Plan, wo ragten die Zinnen von Münster im Mondlicht.

Und nun schritten die Beiden hinunter den felsigen Abhang,
Zwischen Geröll und Gestrüpp, windbrüchigen Stämmen und Farrnkraut.
Dichter umgab sie wieder der Wald. Aufflatterten kreischend
Nächtliche Vögel vor ihnen. Ha, sieh', Irrlichter im Moorgrund
Hüpfen vor ihnen einher. An felsiger Höhle vorüber
Nehmen sie jetzo den Weg. Da bedünkt es den Jüngling, als säh' er
Stehn einen riesigen Mann in der Kluft, der ein rostiges Schwert schliff:
Seltsam tanzt auf der Schneide, der blanken, ein irrender Lichtstral,
Der sich verlor in die Kluft. Hinspäht der verwunderte Jüngling,
Aber es zieht ihn fort der Prophet. Noch öfter bedünkt es
Jan, als säh' er verschwimmend im Nachtgrau'n unter den Bäumen
Seltsame fremde Gestalten, in Gruppen gelagert und einzeln:
Stets fortzog ihn der Greis. Und schauriger wurden die Pfade,
Dunkel umgab sie. Von fern mit satanisch-unheimlichem Klange
Scholl Rohrdommelgestöhn durch die Nacht aus Sümpfen. Da that sich
Auf das Gehölz, frei glänzte der Plan, und auf moosigen. Felsblock
Fanden sie Divara sitzend im Schein der Gestirne. Sie lächelt:
Über dem Haupt ihr flittert und flirrt die papierene Krone,
Die in den Abgrund eben der Jüngling hatte geschleudert
Hoch vom ragenden Fels. Und es hatte das Weib sich mit blühenden
Tollkirsch-Ranken umwunden die Stirn und den Leib, und so saß es
Lächelnd auf moosigem Stein. Es befragten die Männer verwundert
Sie, wie her sie gelangt, und woher ihr gekommen der Goldreif?
Und es berichtet das Weib, daß, während zuvor sie der schönen
Mondnacht auch sich zu freuen gedacht am Fuße der Felswand,
Dort, wo von oben herunter der Wildbach stürzt in die Waldschlucht
Plötzlich herab in den Schooß ihr die funkelnde Krone gefallen.
Stumm anblickten sich Jene. Mit Lächeln erhob von dem Steinsitz
Divara sich, und es setzten die drei nun vereint durch die Wildniß
Weiter den Fuß: durch Dick und Dünn, durch Gestrüpp und Gesümpf hin
Führte die Männer das Weib, als wär' seit Monden vertraut ihr
Jeglicher Pfad. Hingleitet sie, schlüpft sie behend wie das Eichhorn,
Sacht wie die Natter. Doch golden gekrönt, mit Blumen umwunden,
Scheint sie ein lockend Gebild weit mehr, als ein dräuender Unhold.

Sie vor Augen, dahingeht schier wie im Traume der Jüngling.
Endlich spricht er, gewandt zu dem greisen Begleiter: »Wie ward dir
Diese gesellt, die voran uns schwebt?« – »Wie der Seele des Leibes
Last, wie dem strebenden Geiste der Erdschlamm«, sagte der Meister.
»Siehe, so ward dies Weib mir gesellt nach des Ewigen Rathschluß.
Und wie der Leib mit der Seele, der irdische Schlamm mit dem Geiste,
So, nicht besser, verträgt dies Weib und der Anabaptist sich!
Zwanzig Jahre nun sinds, da fand vor der Kirche zu Harlem,
Während am vollsten der Markt, sich unter den Leuten ein fremdes
Mägdlein, braun und verwildert, vielleicht sechsjährig: das lief so
Hin, barfüßig, die Haare verwirrt, wild funkelnd die Augen.
Niemand kannte das Kind. Es umringten die Leute, die eben
Kamen vom Dom, neugierig mit Fragen die Kleine. Doch wirr nur
Sprach sie, in seltsamen Worten. Sie schien mehr trotzig als ängstlich.
Plötzlich über den Markt her kam ein gewaltiges Thier stracks
Unter die Leute gerannt: erst schien es ein stattlicher Hund nur;
Doch als näher es kam, da erscholls: »ein Wolf!« und die Menge
Wich zur Rechten und Linken zurück mit Entsetzen. Das Mägdlein
Aber, das lächelt' entgegen dem Unthier, das auf sie zukam,
Rief es mit schmeichelnden Worten und kraute den Kopf ihm vertraulich,
Stieg auf den Rücken zuletzt ihm, und siehe, das gräuliche Wolfsthier
Spornstreichs rannt' es hinweg aus der Stadt, auf dem Rücken das Mägdlein.
Etliche dachten an Zauber, da fand man, streifend und spähend
Rings umher, vor der Stadt ein Lager von Leuten des braunen
Wandernden Stamms, und darunter betraf man das seltsame Mägdlein
Wieder, mitsammt dem Wolf. Man zerstreute die wüsten Gesellen,
Aber das Mägdlein hielt man zurück und bracht' es nach Harlem,
Weil es so eigen geartet, und alle bestach, die es ansah'n.
Ich nun erblickte das Kind und weil mich rührte die Waise,
Nahm ich sie auf. Sie erwuchs; da spornte der Geist mich, die Braune
Gar zu freien: so wurde das Weib sie des Bäckers von Harlem,
Welchen vor Augen du siehst. Doch wüst stets blieb sie und eigen,
Schwand auf Tage hinweg, auf Wochen; ich ließ sie gewähren,
Stellt' es seufzend dem Himmel anheim, und verehrte den Rathschluß,
Der dies Weib mir gesellt« . . . So erzählte der Alte von Harlem.
Still-nachdenklich vernahm die erstaunliche Kunde der Jüngling.

Aber erreicht ist die Stelle nunmehr, wo still die Gefährten
Jan's noch liegen im Schlummer. Nun grauet der Morgen, der Nebel
Raucht im tieferen Grunde, verbreitend sich zwischen den Kiefern,
Zwischen den Felsen umher; es durchlöchert ihn hier schon ein Felsgrat,
Dort ein starrender Ast: so schwankt er zerrissen und unstät.
Kühl ists; es wiehert und schnaubt mit witternden Nüstern die alte
Stute hinaus in die Lüfte des Morgens: da strecken die Vögel
Kreischend die Schnäbel hervor, die sie unter den Flügeln geborgen,
Schlummernd in thauigen Wipfeln. Erschreckt vom Gewieher der Stute
Flattern sie, sträuben die Flügel, und von den erschütterten Ästen
Schleudern sie Tropfen herab, hellfunkelnde. So ist erwacht nun
Mälig die Wildniß. Die Schläfer, vom thaufeucht schwellenden Moospfühl
Heben sie gähnend die Häupter, ermuntern sich, reibend die Augen.
Über dem Wald aufgeht aus röthlichen Schleiern die Sonne.
Still ist noch Alles umher. –
                                              Da plötzlich erklingt aus dem Walde
Fernher leiser Gesang. Aufhorcht der Prophet und der Jüngling
Horcht in die Ferne wie er. Was er hört, ist derselbe gedämpfte,
Feierlich-ernste Choral, den schon in der Nacht er aus tiefstem
Walde vernommen, wie leise verhallende Stimmen der Geister.
Doch er verhallt nicht mehr. Anschwellend erklingen die Töne
Nah' und näher heran: aus dem Frühtraum reißen die Gaukler
Nun erst völlig sich los, aufhorchend: da tritt aus des Waldes
Gründen hervor ans Licht ein langer und feierlich-stiller
Zug, zu Fuß und zu Roß, phantastische, bleiche Gestalten.
Langsam zieh'n sie einher und nachdem sie geendet die Strophe,
Halten sie an, selbst lauschend hinaus in die Ferne. Da klingt es
Leis' antwortend herüber von anderem Hange des Waldes;
Eben denselben Gesang in sacht anschwellenden Tönen
Tragen die Lüfte heran, und horch, von noch anderer Seite
Hallt es wieder, und gleichwie die Stimmen der Vögel erwachen
Allwärts rings in den Büschen am Morgen, so klingen die Chöre
Hier und dort im Gehölz. Und hier und dort aus dem Wald nun
Ziehen die singenden Schaaren heraus. Auch einzelne Waller
Kommen gezogen; sie kommen zu zweien, zu dreien, es halten
Männer und Frau'n an der Hand sich und Kinder und Greise – sie kommen
Alle heran, sie umarmen einander in heiliger Freude,
Sich mit dem Spruche begrüßend der Wiedergetauften: » Das Wort ist
Fleisch geworden und wohnet in uns!
« So erwacht und so wimmelt,
Die so öde, so todt vor Kurzem erschienen, die Wildniß:
Aber so traumhaft regt, so feierlich hehr, so ergreifend,
Wie in Hallen des Doms, sich der singende, klingende Heerbann.
Schier noch glauben zu träumen die Gaukler, betrachtend die Scene,
Die sich vor ihnen entrollt auf geräumiger Wiese des Waldes.

Weiter bewegte nunmehr sich, geordnet in Reih'n, die vereinte
Schaar und es führte der Weg sie vorüber am Lager der Gaukler.
Aber vorbei so ziehend, erblickten inmitten der Gaukler
Sie den gewaltigen Greis. Da erscholl's mit freudigem Zuruf:
»Heil dir, o Matthisson, Heil dir! In Treue gewärtig
Sind wir: o führ' uns jetzt zur erkorenen Stätte des Heiles,
Die du verkündet uns hast! Wir folgen dir, Meister von Harlem!«

Und vortritt der Prophet: »Zur harrenden Stadt an der Aa nun
Führ' ich euch: lang währte die Nacht und weit war der Umweg,
Doch nun erstralt uns der Tag, der versammelt die Streiter von Sion!«

Sprach's, und sie hoben empor auf ein stampfendes Roß den Propheten.
Aber heran zu sich zog er den Wiedergetauften am Waldstrom:
»Diesen«, so sprach er, »gewann ich im Frührothschein der Entscheidung:
Diesem bestralten die Stirn auf ragendem Felsen die ersten
Stralen des Tages, mit welchem beginnt das erneuerte Sion!«

Und zujauchzten ihm Alle, dem hohen und sinnenden Jüngling,
Hoben empor auch ihn auf ein Roß, ein schimmerndes, weißes.
Neben ihm schwang auf ein falbes behend sich das Weib des Propheten.
Und so, den Seher zur Rechten, zur Linken die Dunkelgelockte,
Hatte bereits in die Mitte der Zug ihn genommen. Da drängte
Lips van Straaten heran: »Ihr lockt mir«, rief er, »den Besten
Meiner Getreuen hinweg? Was sollen wir ohne den König
David? Dankst du mir's so, Graubart, daß den Knechten des Bischofs
Ich dich entriß heut Nacht mit klugen, bedächtigen Worten?« –

»Kommt mit uns!« so erscholl's aus den Reihen der Anabaptisten,
»Thut, wie der Jüngling! kämpfet mit ihm für das heilige Sion,
Daß ihr mit ihm auch theilet die Herrlichkeiten von Sion!« –

Umschau hielt im Kreise der Seinen van Straaten, der Führer,
Sah' schon manches entschloss'ne Gesicht. Zu den Anabaptisten
Sprach er: »Genug schon ward uns von euerer Lehre gepredigt
Gestern: ich träumte die Nacht von nichts als den Wundern der neuen
Sionsstadt: da sah ich den Markt von Juwelen gepflastert,
Müßig sah ich und lachend die Leute vor goldenen Häusern
Sitzen vom Morgen zur Nacht, sah Rheinwein regnen, und Zucker
Schnei'n, und wachsen auf Bäumen in Fülle die leckersten Kuchen.
Freunde, was meint ihr wol?« so fuhr er fort, zu den Seinen
Wieder sich wendend; »gedenkt ihr dem Rathe der Männer zu folgen?
Sind Landsleute zumeist, aus Ostfriesland und aus Holland!
Wollt' ihr Frau Fortuna versuchen? Was wär' zu verlieren?
Brüder, ich seh', ihr schwankt schon ein wenig; ihr wollet den edlen
Jan nicht lassen in Stich: bei Gott! ich wäre der letzte,
Der es vermöcht'; ich kannt' ihn als Kind, ich hatte den Jungen
Lieb, wie den eigenen Sohn. Ich sah heut Nacht auch im Traum ihn
Sitzen mit Matthisson auf goldnem Gestühl in der goldnen
Sionsstadt: und so scheint mirs gerathen, dem Stern des Propheten
Muthig zu folgen, ihr Brüder, als Gaukler, als Anabaptisten,
Wie es das Schicksal fügt. Ruft Heil dem versprochenen Sion,
Heil dem Propheten zugleich, dem erleuchteten Meister von Harlem!«

Also Lips, und die gestern ein Hoch ausbrachten dem Bischof,
Jetzo fröhliches Heil dem versprochenen herrlichen Sion,
Heil dem Propheten zugleich, dem erleuchteten Meister von Harlem,
Riefen sie, rafften sich auf, sich gesellend den Wiedergetauften,
Und hinzogen sie all' in den thaufrisch glänzenden Morgen.

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