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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 3
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
created20040925
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Erster Gesang.

In der Davert.

                  Dort, wo von moorigen Gründen der Niederung, welche sich weithin
Im westphälischen Lande verbreitet, ein Kiefer- und Eichwald
Zwischen der Aa sich erhebt und der Lippe mit düsteren Schatten:
Auf wald-einsamer Wiese, wo Polster von röthlicher Haide
Schwellend sich dehnen, umragt von moosigen Felsen und Kiefern,
Hat zur Rast sich ein Trupp landfahrender Leute gelagert.
Gaukler aus Holland sind's: Seiltänzer und Ringer und Fechter,
Mimen darunter, zerlumpt und besudelt der Held wie der Schalksnarr.
Zwischen den rastenden Gauklern umher geht, hinkenden Schrittes,
Läßig geschoben den Filz von der schwitzenden Stirne nach rückwärts,
Dürr, langbeinig, ein Mann mit schalkhaft zwinkernden Augen,
Hoch sich wölbenden Brau'n, bald scherzend und bald sich ereifernd.
Erst durchfährt mit der Hand er der alternden Stute, die abseits
Neben dem Fuhrwerk gras't, noch die Mähnen und tätschelt die magern
Flanken ihr sacht, dann hinkt er heran zum Feuer, ermunternd:
»Schürt doch enger, ihr Leute, die Glut, und dreht mir den Hammel
Besser herum, daß er nicht noch zuletzt uns am Spieße verderbe.
In den vergangenen Wochen, da wars ein Vergnügen bisweilen,
Roh zu verschlingen den Krebs aus dem rinnenden Bach, und zu fangen
Schnecken im Kiefergehölz. Heut brätelt uns aber ein Hammel
Wieder am Spieß – Gott lohn' ihn den wackeren Leuten von Aschberg!
Sitzen wir nur erst behaglich drin in der alten und reichen
Bischofstadt, gebt Acht, da regnet es Hammel! Ihr mögt mich
Hängen, wofern es euch reut, daß das heimische Nest ihr verlassen,
Weib und Kinder sogar und das leidlich-nährende Handwerk,
Und mir gefolgt hinaus in die Welt, als fahrende Künstler,
Wie noch Niemand vor uns es gewagt, und Niemand nach uns auch
Wieder so bald es wagt. Laßt drüber und drunter die Welt gehn
Eben in unserer Zeit, ich sag' euch, neben dem Landsknecht
Wird, und dem Wanderapostel, sich auch durch die Welt noch der Gaukler
Schlagen, und wirbelt uns Alle der wirbelnde Wind durcheinander,
Weiß man, wer oben zuletzt sich erhält? Vielleicht ist's der Gaukler! –
Freunde, schon morgen begrüßt uns das altehrwürdige Münster!
Ei, wie werden sie gaffen, die Münst'rer, mit offenem Munde,
Wenn wir ergetzen mit Künsten und närrischen Possen die Männer,
Aber das feinere Volk und die Weiber mit artlichem Reimspiel!
Nicht umsonst sind umher wir in Deutschlands Marken gewandert,
Lernten die Mundart, lernten den Brauch. Es gesellte, des Wanderns
Froh, seither sich zu uns manch lustiger Bursch auf dem Weg noch:
Und so sind wir zur Hälfte nur fremd. Da ist Grohe von Augsburg,
Der den lateinischen Schulen entlief und als fahrender Schüler
Maniger Gans umdrehte den Hals: da ist Wostel, von Böheims
Grenzen zu uns her verschlagen; da ist auch ein Wende, der Masoch,
Als Klopffechter berühmt weitum, als Springer und Ringer;
Und so ist Mancher gekommen: gesellt sich doch Gleiches zu Gleichem.
Aber wo bleibt denn Jan? schleicht der schon wieder sich abseits,
Um vor den Bäumen und Felsen zu üben die Rolle, mit Versen
Fischlein zu locken im Bach, wie der Heil'ge, der Karpfen gepredigt?
Jan, wo steckst du?«
                                So klingt's in die Kiefern hinein, und hervortritt
Aus dem Gehölz alsbald ein sinnender, dunkelgelockter
Jüngling, edel gestaltet, mit wunderbar leuchtenden Augen.
Seltsam ist er zu schau'n: es umschmiegt ihm ein purpurner, kurzer
Mantel die schlanke Gestalt, eine gleißende Krone von Rauschgold
Deckt ihm die wallenden Locken. – »Da seht! ist's nicht wie ich sagte?«
Spöttelt der Lange; »die Kron' auf dem Haupt und am Leibe den Mantel!
Daß er nur völlig natürlich den Bäumen umher und den Felsen
Declamir' und tragire den alttestamentlichen König,
Welcher den Goliath schlug! Du bist doch ein närrischer Bursch, Jan!
Aber was thuts? beim Gotte von Soest mit dem goldenen Fürtuch!
Du bist drinnen in Münster uns Ehre zu machen im Stande!
Darum nur zu, Herr König! spaziert nach eurem Gefallen
Weiter umher! Nur kommt mir zurecht zum gebratenen Hammel:
Denn sonst müßtet ihr hungernd mit Scepter und Krone zu Bett geh'n.
Schade doch wär's, Herr König, denn Ihr habt leider noch immer
Schreibergewicht und die Farbe des Bürschleins, das führte die Nadel!«

So sprach Lips van Straaten, doch nichts entgegnet der Jüngling.
Auf ihn blickt wie gebannt ein Jeder: es schwebt um das schlanke
Jünglingsbild wie ein Zauber. Im Aug' ihm blitzt es – verachtend
Lächelt er, spöttisch, und doch auch so noch Herzen gewinnend.
Männlich ist, ernst sein Blick, doch die Lippen umspielt ihm ein weicher
Reiz, der dürstet nach Leben. Es ist in den Zügen ihm seltsam
Kraft und Milde gemischt, und feuriger Drang und Erwägung.
Schlank ist des Jünglings Gestalt; doch mögen sich härten die Sehnen
Ihm in der inneren Glut, die so hell aus den Augen ihm funkelt.
Jugendlich stellt er sich dar: doch faßt man ins Aug' sein Wesen,
Scheint es gereift, in Sinnen und Schau'n, weit über das Alter.
Träumer und Schwärmer erscheint er dem flüchtigen Auge; doch blickt man
Schärfer ins Antlitz ihm, spricht eines gewaltigen Wollens
Spur aus ihm, ein Geist, der fast den Betrachter zurückscheucht.
Jeglicher liebt und scheut ihn zugleich. Stumm kehrt er sich abseits
Wieder, und hinter ihm schlagen des Tannichts Aeste zusammen.

Noch in der Niederung schreitet er hin, wo zwischen dem Zwergholz
Sich grünschlammige Tümpel verbreiten, von schwankenden Binsen
Wehend umrahmt. Nun hebt sich der Weg, manch riesige Wurzel
Strecken die Bäume von sich, wie Polypen die Arme. Der Jüngling
Wandelt die Kiefern entlang und verliert sich im tieferen Walde.
Aber das ist kein Wald, wo in säuselnden Lüften die Wipfel,
Himmlischer Anmuth voll, sich wiegen, und heiliger Friede
Schwebt um Blumen und Moos und traulich plätschernde Wasser.
Nein, es beschleuniget hier, wenn er kundig des Ortes, der Wand'rer
Aengstlich den Schritt, denn er wallt durch die wüste, verrufene Davert.
Das ist ein schauriger Ort, wo der Mondnacht dunstiger Äther
Schwirrt von der Hölle Gezücht und Teufelsgenossinnen reiten.
Schickt man des Nachts in die Luft aus geweihter Pistole die Kugel,
Stürzt mit Gewimmer alsbald ein verwundetes Hexlein herunter,
Das am felsigen Grund sich das Haupt und die Beine zerschmettert.
Alles ist hier wie behext, und drohend, aus feindlichen Augen,
Blickt es den Wanderer an. In dem sausenden Wipfel der Kiefer,
Die da kraus in der Öde verbreitet ihr sparriges Astwerk,
Sitzt mit zornigen Augen das Eichhorn, und mit gestrecktem
Schweif, bei des Jünglings Nah'n laut knurrend in toller Entrüstung,
Schießt es den Stamm entlang. Still weiter noch wandelt der Träumer.
Aber was hängt dort schwarz am verdorrten Geäste des Tännlings?
's ist ein gewaltiger Rabe. Mit runden und rollenden Augen
Blickt er um sich, dann setzt er in Schwung die gewaltigen Flügel,
Und als hätt' er den Fremdling, den nahenden, wo zu verkünden,
Sucht er krächzend den Weg zum tieferen Herzen der Wildniß.
Hinter ihm zittert der Baum von des Vogels gewaltigem Abschwung.
Fürbaß wandert der Jüngling. Was hemmt da wieder den Schritt ihm?
Züngelnd erhebt ihr Haupt die geringelte Natter am Waldsteig:
Erst mit hurtigen Windungen denkt sie gemach zu entgleiten,
Doch da nackt ist der Boden und rings kein Spalt, zu entschlüpfen,
Bleibt sie reglos. Es schwillt ihr das Haupt vor Zorn, und des Leibes
Ringe zugleich, erst rund, bandartig strecken sie jetzt sich,
Flach, und die schwärzliche Farbe des Thiers wird schmutzig und erdfahl,
Gleich als erblaßt' es vor Wuth. Und so messen sich einen Moment lang
Aug' in Auge die Schlang' und der furchtlos blickende Jüngling,
Welcher den Leib vorneigt, um näher den Feind zu betrachten.
Siehe, da blitzt ein Gräßliches auf in den Augen der Schlange,
Wie ein verlorener Funke vom Feuer der Hölle; zum Drachen
Scheint nun geworden die Natter, und nicht kann gräulicher blicken,
Nicht unheimlicher je mit gepanzertem Schwanze der Lindwurm
In dem Geklüft, als hier in der Davert die Natter am Waldsteig.

Aber an Rückkehr denkt nicht Jan. Kühn schreitet er weiter
Durch den ergrausenden Wald. Da hält ihm die Speere der Binsen
Drohend entgegen ein finsterer Kolk. Schwertlilienstengel
Ragen empor, wie verkohlt, Zeltstangen der riesigen Spinne,
Die hier über den Spiegel des Sumpfs, langbeinig und bauchig,
Webt ihr luftiges Haus. Der umdunkelte Kolk ist ein Auge,
Trüb und verglas't, wie ein düster-unheimliches Auge der Wildniß.
Aber es sitzt als Stern inmitten des Auges ein wilder
Schwan, der im Röhricht träumt, tief unter dem Fittig verdrossen
Bergend das Haupt. Doch jetzo, geweckt von des nahenden Fusses
Laut, auffährt er und schlägt mit den mächtigen Flügeln und weit vor
Streckt er dem Fremdling entgegen den länglichen Hals wie zum Angriff.

Über zerwetterte Stämme hinweg, umwuchert von hohem
Farrengekräut' und vorüber an windschief hängenden Bäumen,
Wo an den moosigen Ästen noch kleben vom Winde zerzaus'te
Nester der Krähen, verfolgt so die Waldirrpfade der Jüngling.
Und nun umstarren ihn Blöcke, vereinzelte, oder wie Quadern
Übereinander gethürmt. Schwer, dumpf ist die Luft und es modert
Prunkend der Scharlachpilz, einsam. Es ist wie verloren
Hier des Lebendigen Spur: nichts athmet als etwa ein Würmlein,
Das an dem klebrigen Stiel feuchtmodriger Gräser hinankriecht.
Hieher verirrt sich nimmer ein Wild, noch ein singender Vogel,
Und nur der Waldstrom stürzt aus dem Felsengeklüft wie ein Raubthier. . . .

Fort noch schreitet der Jüngling, es zieht ihn weiter so seltsam,
Bis er steht am verborgensten Ort, wo verklungen das dumpfe
Tosen des Waldstroms auch, wo es scheint, als hielte den Athem
An die Natur vor dem nahenden Tritte des Menschen, als hätte
Angst sie vor ihm, wie der Mensch vor ihr . . .
                                                                          Was lauscht in die Ferne
Plötzlich der Sinnende? Horch! wie ein Klang von schwirrenden Saiten
Klingt's in der Waldeinöde, der schaurigen: aber den Saiten
Mischt sich Gesang, voll Süße zugleich und feuriger Wildheit.
Still steht Jan, setzt weiter den Fuß, horcht wieder, es klingt ihm
Zauberisch-fremd, als säng' auf dem Kolke, dem dunklen, der wilde
Schwan, den er eben geschaut, ein Lied nun dem hallenden Walde.
Kühn weg über die Felsen, die Stämme, mit lauschendem Ohre
Folgt den berückenden Tönen der Jüngling: näher und näher
Klingt es, und plötzlich erschließt ihm vor Augen ein seltsames Bild sich.

Hoch aufragt, von Föhren umsäumt in der Runde, bemoos'tes
Felsengeschieb'. Wo ein Block vorhängt, hart neben dem schwarzen
Waldkochherde, den hier sich ein einsamer Köhler im Erdreich
Hatte gehöhlt, ruht liegend im Haidegekräut', die Theorbe
Wiegend im Schooß, ein Weib. Es hängen ihr auf der Theorbe
Saiten die Haare herab und tanzen darüber wie Schlangen.
Braungelb leuchtet des Weibes Gesicht. Unheimlich und ruchlos
Blickt ihr Auge: das Aug' ist schwarz wie ihr flatterndes Haupthaar,
Schwarz wie der Rabe, der neben ihr sitzt, der unheimliche Rabe.
Ists nicht jener, der erst an des Wald's Eingange den Jüngling
Krächzend bedräut? und zischt nicht dort auf dem Steine die Natter,
Welche dem Träumer zuvor entgegengezüngelt am Waldsteig?
Sitzt nicht oben im Wipfel der mächtigsten Kiefer das Eichhorn,
Streckend und sträubend den Schweif, und blickend mit zornigen Augen?
Lang im Gestrüpp noch versteckt horcht Jan. Da verstummen die Klänge:
Jetzo tritt er hervor. Wie früher die Schlange, so mißt er
Aug' in Aug' nun das Weib. Sie erwidert den Blick, und der Jüngling
Staunt, wie feurig der Blick der Unheimlichen funkelt. Sie lächelt,
Und er erstaunt aufs Neue, wie reizend die Düstere lächelt.
Kirschroth blühet ihr Mund, weiß schimmern die Zähne, wie Perlen.
Doch wie zuvor in dem Auge der Schlange, beginnt es unheimlich
Jetzt und bedrohlich sogar im Auge des Weibes zu funkeln.

Seltsam-Fremdes ist Vieles dem Jüngling im Walde begegnet.
Wär' es dem Sinne des Träumers entschwunden, so riefe das Weib ihm
Jegliches wieder zurück – des unheimlichen Raben, des wilden
Schwanes, der Natter, des feurig-beweglichen, tückischen Eichhorns
Muß er gedenken: ihm ist, als tret' ihm Natter und Eichhorn,
Schwan und Rabe vereint in Weibesgestalt nun entgegen,
Und als sei, was rings um ihn athmet und flattert und kreucht, nur
Diener und Bote von ihr; als habe, was erst er gesehen,
Alles auf sie nur gedeutet, zu ihr nur den Weg ihm gewiesen.

Aber es blickt mit Befremdung das Weib auch auf den gekrönten
Jüngling, der von sich zu legen die fürstliche Zier vor dem Waldgang
Träumend vergaß, und so steht er vor ihr, vor der Seltsamen, seltsam,
Wie Bergalbenbeherrscher in Menschengestalt sich begegnen.

Lächelnd mit neckendem Spott, und über dem Busen die braunen
Arme gekreuzt, anhebt sie: »Erlaubt, Herr, daß ich euch grüße,
Wenn ein gebietender Fürst Ihr seid, auf den die Gefolgschaft
Abseits wartet mit Hunden und Falken und prächtigen Zeltern!« –
Dunkel erröthend, doch ruhig erwidert der Kronengeschmückte:
»König wol bin ich, du sagst es, wenn morgen nur drinnen in Münster
Ein schaulustiger Schwarm nicht fehlt, der des stotternden Neulings
Rede vom Brettergerüst in der qualmenden Schenke mit anhört.
Aber es liegt mein Reich an den fernen Gestaden des Jordans,
Unter den ragenden Zinnen Jerusalems. Hier in der Wildniß
Bin ich ein Gast wie du, wenn anders du wirklich ein Gast bist,
Und nicht etwa die Fürstin der Wildniß selbst, eine Waldfrau,
Oder ein zauberndes Weib, dem Kräuter und Steine zu Willen
Sind, und die Thiere des Waldes als Boten und Diener gehorchen!« –

Lächelnd versetzte das Weib: »Du irrst: nicht heimisch im Wald mehr
Bin ich. Wol war ich es einst: oft schlief ich bei Raben im Tannicht.
Aber das ist vorbei. Mit dem Gatten gewandert aus Holland
Komm' ich; durchs Münster'sche Land seit Wochen auf heimlichen Pfaden
Schweifen wir. Aber indeß ich dahier am Felsen zur Rast mich
Hinwarf, ging der Gefährte, mir Beeren zu suchen im Walde,
Und einen labenden Trunk; doch er zögert zu lang, ich verschmachte;
Selbst wol muß ich nach Nahrung im düsteren Grunde mich umseh'n.«

Sprichts und in regsamer Hast aufwogt ihr der Busen, sie richtet
Rasch sich empor, und wie nun ihr vom Schooße hinab die Theorbe
Gleitet und über die Schultern zurück sie ihr wogendes Haar wirft,
Staunt der Betrachter, wie flink sich das Waldweib regt und wie zierlich:
Denn es entfaltet der Leib ihr, der schmächtige, braune, zum reinsten
Gleichmaß sich, in verlockendem Reiz, und der Katze, des Marders
Feuer und Grazie lebt in ihren geschmeidigen Gliedern.

Schweifen nun läßt in der Runde das Auge der Jüngling; da winkt ihm
Plötzlich ein Erdbeerplan: rothschimmernd und duftig und üppig
Hängen die Beeren, gereift jungfräulich, bis heute von keinem
Finger noch Auge berührt. Rasch bücken die Beiden sich, pflücken,
Sie in den Schooß mit Eifer und er in des purpurnen Mantels
Zipfel die Frucht; dann breiten des Eichbaums Laub und des Farrnkrauts
Wedel sie über den Stein als Teller und streuen die rothe
Saftige Fülle darauf. Einladet, mit ihr sich zu laben,
Freundlich den Jüngling das Weib. Doch hervor aus dem Busen ein Fläschchen
Erst noch ziehend, besprengt das gemeinsame Mahl sie mit leichtem
Duftigem Thau, wie man würzt mit der feurigen Blume des Weines
Labender Frucht mildsüßes Arom, zu erhöhter Erquickung.
Und ausstrecken sie jetzt nach dem Erdbeerschmause die Finger.
Aber so seltsam schienen dem Jüngling zu duften die Beeren,
Wie er aß: sie glitten hinunter so süß und so feurig,
Und es bedünkte zuletzt unheimlich der Schmaus wie das Weib ihn . . .
Ja, unheimlich zugleich, unheimlich, doch würzig-verlockend,
Dünkt ihn der Erdbeerschmaus, dünkt ihn des befremdlichen Weibes
Kirschroth-blühender Mund und ihr Brombeerauge, das dunkle.

Aber verglommen indeß war das Taglicht über den Wipfeln,
Abendlich sanken die Schatten und schwarzblau spannte des Himmels
Wölbung sich mit kleinen und kümmerlich blinkenden Sternlein
Über den finsteren Wald. Es verstummten die Raben; der Unken
Rufe begannen im Chor aus schlammigem Weiher in tiefer'n
Gründen des Walds. »Komm mit«, sprach Jan zu dem Weibe, »da stets noch
Fern dir bleibt der Gemahl. Komm mit, zu meinen Genossen
Führ' ich dich, wo zur Rast in der Nacht ein sicheres Lager
Finden du magst und, näher dem Heerweg, näher des Waldes
Eingang, leichter die Spur des verirrten Gemahls zu entdecken.«

Willig folgte das Weib, und es wanderten schweigend die Beiden
Über den felsigen Hang in die Niederung, wo aus den Kolken
Stiegen die Nebel des Abends empor. Lang schritten sie pfadlos
Hin, schon glaubte verloren der Führer die Spur, und zur Beute
Dacht' er zu werden den Schrecken der Nacht und der waldigen Ödniß,
Sammt der Gefährtin, die lächelnd an ihn sich schmiegte. Doch endlich
Kommt ihm erfreulich entgegen ein würziger Rauch des Wachholders
Vom Kochfeuer des Schwarmes der Wandergenossen. Im Kräuticht
Trifft er gelagert sie noch. Doch aufrecht mitten im Schwarme
Steht ein gewaltiger Mann, graubärtig und finsteren Ansehns,
Welcher mit blitzenden Augen und mächtig erhobener Stimme
Predigt, die Arme bewegend mit feuriger Hast. Es betrachten
Halb noch lächelnd den Fremden die Hörer und halb schon ergriffen
Von der begeisterten Rede Gewalt, die den Lippen des Mannes
Bergstrom-ähnlich entquillt. Da reißt von der Seite des Jünglings
Hastig die Braune sich los und dem Sprecher entgegen sich drängend,
Ruft sie: »Geziemts, treuloser Gemahl, sein Weib zu verlassen
Mitten im finsteren Wald und sich Fremden am Weg zu gesellen?« –

»Divara, traute Gesponsin!« versetzte der Prediger ruhig,
»Setze dich schweigsam hin zu den Andern und störe mich keifend
Nicht, wenn eben der Geist mir die Lippen zur Rede befeuert.
War's denn heute zuerst, daß der finstere Wald dich beherbergt?
Hat vorlängst dich der Herr nicht bis ins entlegene Holland
Aus Wildnissen geführt zu mir? wie hätt' ich gezweifelt,
Daß er auch heut dich führe zu mir? Und sieh, so geschah' es!
Darum störe mich nicht, wo ich spreche zu Fremden am Wege,
Die da meiner, o Weib, noch mehr als du selber bedürfen!«

Spricht's und in's Aug nun faßt er den Jüngling, der neben dem Weib noch
Stand. Nachdenklich die Züge, die edlen und herrlichen, prüft er
Tief eindringenden Blick's; und es scheint ihm die Frage: wer bist du?
Schon auf den Lippen zu schweben; da kommt ihm gefällig, geschwätzig,
Lips van Straaten, der Führer, zuvor: »Auch der ist«, so ruft er,
»Einer von uns; doch er spielt nur Könige, spielt sie wie Keiner.
Schau' ihn nur an: vorsichtig jedoch – man weiß so genau nicht,
Wie er es nimmt, und er blitzt mit den mörd'rischen Augen dich nieder,
Eh' du dich dessen versiehst. Mit dem ist nimmer zu spassen!
Träumerisch ist er und still zwar meist, doch man kennt sie, die stillen
Wasser – er braus't oft auf, dann wirft er gewaltige Wellen.
Jan, so nannt' ihn die Mutter zu Leyden, – ich kannte genau sie;
Prächtiges Weib! Gott habe sie selig! – Zu Leyden gebar sie
Den da als Sonntagskind, ich glaub' im Zeichen des Widders.
Seht, der agirt und tragirt und deklamirt euch den König
David so königlich stolz, und dazu noch mit eigenen Versen
Spickt er die Rolle, daß selber Gelehrte sich wundern. Die Weiblein
Trachten ihm nach, wie dem Joseph dereinst die ägyptischen Weiber,
Aber es blieb noch Jeder von ihm in den Händen der Mantel.
Hätten die Weiblein zu wählen die Fürsten, so säß' er auf gold'nem
Throne schon irgendwo: so aber, aus Mangel an einem
Fürstlichen Sitz, ist er unter die Komödianten gegangen.
Wenn ihn die Leute zu Münster nur seh'n, sie sperren den Mund auf,
Eh' er den seinigen öffnet, sobald wir morgen hineinzieh'n!«

»Lips van Straaten!« versetzt der Prophet mit würdigem Nachdruck,
Wisse, zu Münster, da brauchen sie jetzt nicht Gaukler und Schalksnarrn:
Keinen Komödienkönig, o nein, einen wirklichen König
Brauchen sie dort; nicht mühsam erlerntes Gefasel und schnöde
Verslein brauchen sie dort: ureigene Worte des neuen
Lebens, das Herz zu entflammen – das ist's, was in Münster sie brauchen!
Müssige Augen daselbst und müssige Ohren zu finden
Und mit Komödienkram ein gelangweilt Volk zu ergetzen
Denkt ihr? übel gewählt ist die Zeit! kehrt um, denn es soll nicht
Unter die Boten und Streiter des Herrn sich mischen der Gaukler!« –

So der Prophet. Doch inzwischen begann zu zerstückeln am Feuer
Lips van Straaten, der Führer, den leckeren Hammel, und lächelnd
Legt' er vom duftenden Braten sofort ein Stück vor den Eif'rer.
Die Blechkanne mit Wein auch rückt' er vor ihn und ermahnt' ihn:
»Iß nun und trink, Graubart! und laß es für heute genug sein;
Handwerksneid ists am Ende doch nur, was zu lästern dich antreibt!
Zeigen ja wird es sich bald, wer drinnen in Münster am besten
Fährt, ob der Wanderprophete, der eifernde, oder der Gaukler.«

Sprachs und zerlegte den Hammel, vertheilt' ihn an alle Genossen;
Und sie erlabten sich dran. Still wards. Es starrten die Bäume
Schwarz und reglos empor in den nächtlichen Himmel. Die Wand'rer
Lehnten zurück sich, schläfrig, von Trank und Speise gesättigt,
Müde vom Wege, dem langen, beschwerlichen, ruheverlangend.
Weich war von Moos und Haide der Pfühl, lau wehte der Nachtwind,
Süß einlullend. Doch einmal empor noch fahren die Müden.
Horch, auf dem Wege, der führt durch den Wald an den Gauklern vorüber,
Sprengt von Beritt'nen ein Trupp: schon entführt wie im Flug sie der rasche
Trab, doch den lagernden Schwarm landfahrender Leute gewahrend,
Reißen herum sie die Rosse; da schauen erschrocken die Gaukler
Bei des erlöschenden Feuers Geleucht' wildbraune Gesichter,
Helme mit nickenden Federn und staubige Stiefel und Koller,
Und weit über die Mähnen des Thiers vorragende, blanke
Lanzen und Rohre. »Holla«, ruft einer der Reiter, »ein ganzes
Nest von Strolchen! gewiß ists wieder Gesindel des Auslands,
Ketzerisch' Volk! Auf die Beine mit euch, ihr Leute! Wer seid ihr?
Auf! ihr habt es zu thun mit Reitern des Bischofs von Münster!« –

Also der Söldner. Da hob die Gestalt sich des eifernden Alten
Lang empor und er blitzte den Reiter mit glutendem Augstral
Au, als sollt' er ihn stecken in Brand. »Ihr gehört zu des Bischofs
Knechten?« begann er; »so schüttelt den Staub hier nicht von den Schuhen!
Reitet nur fürbaß gleich und kündet ihm ohne Versäumniß,
Euerem gnädigen Herrn und Bischof zu Münster, verlassen
Mög' er in Eile die Stadt mit den Seinigen, wenn er es klüglich
Nicht schon früher gethan, weil nun ganz nahe der Tag ist,
Wo durch brausende Winde die Spreu von der Tenne gefegt wird,
Und wo das Wort sich erfüllt des Propheten: Es werden die Sterne
Fallen vom Himmel herab, wie vom Baume die Feigen; der Mond wird
Werden wie Blut so roth, und schwarz und dunkel die Sonne,
Gleichwie ein härener Sack, und die Fürsten, sie werden sich flüchten
All' in die Höhlen und bang zurufen den Bergen und Felsen:
Stürzet euch über uns her und verbergt uns vor dem Gesichte
Dessen, der sitzt auf dem Thron, vor dem richtenden Zorne des Lammes!
Wisset, der Tag ist gekommen . . .«
                                                        »Genug, unsinniger Schwätzer,
Fiel dem Verweg'nen ins Wort hier Lips van Straaten, indessen
Rings die Genossen erbleichten vor Angst, und gewandt zu den Reitern
Fügt' er hinzu: »Hört nicht auf den Alten: verfallen in Irrsinn
Ist seit etlichen Wochen der Mann, und nun wirft er bedachtlos
Immer mit Sprüchen der Bibel um sich, die im wirren Gehirn ihm
Spuken. Ich jag' ihn fort, denn er schändet ja doch nur das Handwerk.
Sehet, wir Alle, wir sind landfahrende Komödianten,
Gaukler und Springer und Fechter und Ringer und was ihr noch sonst wollt,
Nur nicht Ketzer, bei Gott! mag holen der Teufel die Ketzer!« –
Sprachs; doch es blickten noch unwirsch drein und bedenklich die Reiter.
Und eindringlicher fort fuhr Jener: »Dahier auf dem Karren
Mustert das Wandergepäck, ich bitt' euch: papierene Kronen,
Hölzerne Scepter und Schwerter, verbogene Panzer von Weißblech,
Flittergewand, Narr'njacken – ei seht doch: wandernde Ketzer,
Meint ihr wirklich, die schleppen durchs Land sich mit solcherlei Hausrath?
Steigt von den Rossen herab, ihr Herren, und rastet ein Weilchen
Hier bei uns und kostet vom Weine, mit dem wir soeben
Leidlich hinunter geschwemmt den gebratenen Hammel, der leider
Einigermaßen zur Hälfte noch roh und zur Hälfte verbrannt war.
Gütlich wollten wir heut uns thun nach beschwerlicher Wand'rung,
Weil nun Münster erreicht ist und fröhlich wir morgen hin einzieh' n.
Zaudert nur nicht, wir sind ja die friedlichsten Leute der Welt, wir!
Euerem Herrn, ihm wünschen wir Segen und Heil, und die Ketzer
Mag er braten, wie wir da brieten den Hammel von Aschberg!« –
Sprach's und fügte hinzu: »Hoch lebe der Bischof von Münster!«
Und im Kreise der Gaukler erscholl's: »Hoch lebe der Bischof!«

»Amen«, sagte der Reiter, »er lebe, wofern er uns redlich
Lohnt nach Recht und Gebühr; sonst mögen ihn fressen die Geier!« –
Sprach's und schwang sich vom Gaul und ein Gleiches auch thaten die Andern,
Banden an Bäume die Ross' und warfen ermüdet die schweren,
Rasselnden Leiber ins Moos, und es ließen die zinnene volle
Kanne mit Wein umgehen die Gaukler nun unter den Reitern.

»Hört«, so sprach der Berittenen einer, nachdem er getrunken,
»Wenn ihr verlangt nach Münster und dort als Gaukler Erwerb sucht,
Thut ihr wol, daß ihr gründlich zuvor hier außen euch satt eßt:
Drinnen, da habt ihr gewiß nur mehr an den Nägeln zu kauen.
Fort ist der Bischof längst aus der Stadt mit den sämmtlichen Domherrn.
Fähnlein wirbt er, so weit sein Säckel vermag, und wir selber
Haben vor wenigen Tagen uns eben verdungen dem Krummstab.
So ist das Kriegshandwerk! mit Heiden und Christen und Türken
Raufen wir uns; heut gerben wir päpstisches Leder und morgen
Evangelisches Fell, wie's kommt. Jetzt thun wir vor Münster
Spürhundsdienste: da gilt's zu belauern die Weg' und die Stege,
Daß nicht ketzerisch Volk sich bewaffnet nach Münster hineinschleicht;
Auch wol den Münster'schen dann und wann die gemästeten Rinder
Fangen wir ab, wie solche nach Köln sie treiben zu Markte,
Oder auch sonstiges Gut: es muß doch rächen der Bischof
Sich für den schmählichen Tort, der ihm kürzlich zu Telgte geschehen,
Ihm und dem ganzen Kapitel!« – »Was sagt ihr?« fragte mit Neugier
Lips van Straaten, und schmunzelnd erwidert dem Gaukler der Landsknecht:

»Schon war gewichen nach Telgte der Fürstbischof mit den Domherrn,
Um zu entgehen den Fäusten der drohenden Kirchenverbess'rer.
Aber die Meuterer schlichen sich Nachts bis vor Telgte: das Stadtthor
Hoben sie sacht aus den Angeln mit Stangen, besetzten die Gassen,
Warfen sich über die Leute des Bischofs, die lagen im tiefsten
Schlaf – zum Glück war er selber am Abend geritten nach Iburg.
Aber die Domherrn fanden sie alle beisammen: die zogen
Sie aus Bett und Gemach, schier wie aus dem Koben die Ferkel;
Und nur Etliche noch von den Wänsten salvirten auf nackten
Füßen im Hemd sich über die Ems, die gefrorne; die Andern
Wurden auf Wagen gesetzt, beim Klange der Pfeifen und Trommeln
Wie im Triumphe nach Münster geführt; da schleppte man lange
Noch sie herum, bis Kaiser und Reich in den Handel sich mischten.
Und seither ist's ärger geworden zu Münster: da hausen
Neben den Luther'schen jetzt auch die gräulichen Anabaptisten.
Morgen nun spricht mit dem Rathe von Münster noch einmal der Bischof
Ernstlich ein Wort, dann aber sogleich, wenn weiter getrotzt wird,
Rings umschließt er das Nest, ihm gänzlich zu wehren die Zufuhr,
Und es, wo nöthig, zuletzt mit gewaffneter Macht zu berennen.
Deshalb müssen wir selbst auch traben noch heut bis nach Telgte,
Wo zur Stunde die Fähnlein versammelt im Lager der Bischof,
Um den Verhandlungen morgen zu geben den richtigen Nachdruck.«

So beim Weine besprachen sich dort mit den Gauklern die Reiter.
Doch nun leerte der Führer des Trupps mit gewaltigem Schluck noch
Im Blechkruge den Rest und erhob sich: ihm folgten die Andern,
Rückten die Sättel zurecht und schwangen sich auf und im Hui gings
Fort aus dem düsteren Wald; ausgriffen im Takte die Rappen
Scharf, und der trabenden Rosse Gestampf, in der Ferne verklang es.

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