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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 18
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
created20040925
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                  Weiter verfolgend den Weg auf dem Walle, gelangte der König
Zum Westende der Stadt in dem Kirchspiel »über dem Wasser«,
Wo sich über die Häuser empor aufthürmte die stolze
Liebfrau'nkirche: gedehnt lag weithin das räumige Kirchspiel.
Bald zum Liebfrau'nthore gelangt er, vor welchem ein Erddamm
Ragte zu doppeltem Schutz, und wo fernher weißlich die Zelte
Sittards blinkten, des Feldhauptmanns im Heere des Bischofs.
Aber von hier dann führte der Weg zum fünften der Thore,
Im Nordosten der Stadt: vom »Felde der Juden« benannt war's.
Hier, zu beiderlei Seiten des Thores erhoben sich Thürme,
Stattlich gefügt aus Quadern. Es waren gekehrt die Karthaunen
Gegen die geldrischen Völker, die dort absteckten im Schutze
Mächtiger Schanzen ihr Lager: es führte sie Egbo von Devern.
Dann fortwandelnd erblickte der König das nördliche Kreuzthor,
Wo eine steinerne Veste sich hob zur Rechten. Und hier auch
War's, wo ragte der Popanzthurm, drin kürzlich die braune
Divara Hof noch hielt mit den Söhnen des wandernden Stammes.
Aber gelagert im Feld war das cleve'sche Reitergeschwader:
Laurenz Horst ihr Führer. Doch jetzo schwiegen die Waffen,
Und es betraf auf dem Walle der König die Wächter des Kreuzthors
Anders beflissen. Inmitten des müßigen Schwarmes erblickt er
Springend, sich schwingend die Söhne des wandernden Stammes mit Weibern
In muthwilligen Tänzen, und Andere schlugen wie rasend
Cymbel und Tamburin. Es ergötzten die Männer von Sion
Erst sich schauend, zuletzt, vom feurigen Taumel ergriffen,
Fassen sie lachend auch selber und schwingen im Tanze die braunen
Weiber mit flatterndem Haar und mit lockenden, funkelnden Augen;
Und wild wirbelte nun der entfesselte Schwarm durcheinander:
Bald war gewichen die Scham, frech küßten sich, kos'ten die Paare,
Und nicht merkten das Nah'n sie des Königs im wüsten Getümmel:
Stumm abwandte sich dieser, Verachtung umspielt' ihm die Lippen.

Fürbaß dacht' er zu schreiten, da scholl ein Büchsengeknatter
Plötzlich heran aus der Ferne vom feindlichen Lager. Es horchen
Selber die wirbelnden Paare nun auf, und es stocket der Reigen.
Und sie erblicken den König: der sieht von der Fläche des Walles
Spähend hinaus in's Gefild, wo erscholl das Geknatter der Büchsen.

Kunde vermochte vor Andern zu geben dem Forschenden alsbald
Einer vom wandernden Stamm. Der sagte, zu necken die Feinde,
Hab' aus dem Thore vor Kurzem, wie oftmals schon, sich geschlichen
Divara, führend den Schwarm amazonischer, muthiger Frauen,
Welche zu werben sie pflegt aus der edelsten Blüte von Sion,
Und die sie Waffen zu schwingen gelehrt und besteh'n die Gefahren.
Heut' nun habe sie auch Gabriele, die schöne, befeuert,
Daß sie hinaus ihr gefolgt vor die Stadt zu keckem Scharmützel,
Sagend, heroischer Sinn nur gewinne die Liebe des Königs . . .

Alle nun spähten hinaus vom Wall in die Ferne. Da sah man
Gegen die Stadt her eilen auf hurtigen Rossen ein Häuflein,
Wie von Andern verfolgt, und es knallten noch immer die Büchsen.
Jetzt kam näher heran der berittene Zug, und wer scharfen
Lichtes der Augen sich freute, der rief, er erkenne der stolzen
Divara Frauencohorte, die nun heimkehre vom Ausfall.
Näher schon sprengten heran sie, die krieg'rischen Frauen. Doch mitten
In dem beflügelten Haufen erblickte man todt auf den Renner
Eine von ihnen gebunden, und Divara führte die Zügel.
Gabriele, die schöne, sie war's, die da lag auf des Rosses
Rücken entseelt . . . Einsprengte der Trupp in sausender Eile
Durch das geöffnete Thor in die Stadt, und entschwand so des Königs
Augen und seiner Gefährten. Verstummt war Jan; doch die Andern
Wechseln, indeß er fürbaß schreitet, bedeutsame Blicke,
Heimlich flüsternd davon, wie Divaras Augen gefunkelt,
Über der Leiche der Schönen . . . »Je nun!« sprach Einer, »die beste
Beute, die heim mag bringen ein Streiter vom Kampf, ist ein todter
Nebenbuhler
. . . Gelang's doch dieser Zigeunerin immer,
So in den Tod zu verlocken die schönsten der Töchter von Sion!« –
»Wißt ihr«, flüstert ein Andrer, »daß jener Geselle, der Elsbeths
Kläger gespielt, von Divara kam, ja, daß auch der Bote,
Welcher geheim in das Haus der Erkornen des Königs zur Buhlschaft
Lockte den Jüngling des Nachts, von Divara's Stamme gewesen?« –
Leiser noch fügte hinzu der gewaltige Knipperdolling:
»Sprecht von dem höllischen Weibe mir nicht; 's ist eine von denen,
Welchen bei Nacht, wenn sie liegen im Schlaf, aus dem Munde die Seele
Kriecht in Spinnengestalt« . . . So flüsterten heimlich die Männer.

Stumm hinschreitet der König, verdüstert, indeß von des Abends
Dämm'rigen Schleiern gemach sein Pfad sich beginnt zu umdunkeln.
Über dem »Thore der Brücke« nun steht er, bei welchem der Aafluß
Tritt aus der Stadt. Hier wehen, im weit sich verbreitenden Aakamp,
Und bei den Mühlen am Fluß, von des Bischofs Heere die Fähnlein,
Die Schwerhusen befehligt. Zum Höxter'schen Thore gelangte
Jan von dort: vollendet nun bald um die Stadt war der Rundgang.

Still war hier und öde der Wall. Nur in düsterem Winkel
Sah man ein Häuflein steh'n bleichwangiger Männer und Frauen,
Matthissons alte Cohorte, verschollen, vergessen in Sion:
Still wie vergangener Tage Gespenster im dämm'rigen Dunkel
Standen, am einsamen Orte, sie dort, um den greisen Propheten
Dusentschur, der in bunten, verworrenen Reden von Sions
Fall und Entartung sprach und von drohenden Schreckensgerichten.

Ganz war gesunken die Nacht, es umwoben die Nebel das Flachland,
Trübroth glühten hindurch nur die nächtlichen Feuer des Lagers.
Sternlos war sie und düster, die Nacht. Es gedachte der König,
Wie vormals ihm so anders das Herz entzückte der Rundgang
Auf der Umwallung, in Nächten des Sommers, wenn laulich die Lüfte
Wehten, und funkelnd auf ihn, sternprangend, der Himmel herab sah,
Oder am Rande des Himmels in lang sich streckender Wolke
Dann und wann aufzuckte der Blitz, wie ein Schläfer in Träumen . . .

O, dies Wettergeleucht' – wie begrüßt' er's im himmlischen Äther
Stürmischer Regungen voll damals – wie dehnte das Herz sich
Weit ihm und stolz, wenn die Nacht hellglänzend sich über ihm wölbte,
Wenn so die Sionsstadt, vielthürmig, in goldiger Dämm'rung
Unter ihn schlief, und vor ihm sich weithin dehnten im Flachland
Die mondhellen Gezelte, wo stumm der geschlagene Feind lag . . .
O wie so anders jetzt! Wie legte sich jetzt um die Seel' ihm
Kalt und öde die Nacht! Trüb war in die Ferne der Ausblick.
Schauerlich gähnten die Gräben, und schauerlich ragten die Wälle,
Ragten die Schanzen empor der Belagerten und der Belag'rer
In die umdunkelten Lüfte: die fernen Gezelte des Lagers
Standen im Nebel wie weiße Gespenster. Unheimliche Stimmen
Klangen, unhörbar sonst, nur in nächtlicher Stille vernehmlich.
Ganz ist verlassen die Stelle des Walls, wo Jan mit den Seinen
Geht; zwei Knaben nur huschen vorüber: es deutet der eine
Ängstlich dem andern hinaus auf die nächtlich-umdunkelte Sandflur
Rings um den Wall, und flüstert: »Da sieh den gespenstigen Rappen,
Hauptlos wandelnd, der immer sich zeigt, wenn am folgenden Tage
Blut wird vergossen in Sion, und sonst sich Grauses ereignet!«

Schweigend noch hinschritt Jan und schweigend auch seine Begleiter.
Einzig der riesige Tylan, der herging neben dem König,
Fühlte geweckt sein träumend Gemüth von den Schauern des Abends:
Und er begann seltsame, verworrene Reden zu führen:
Vieles von Witt'kind sprach er, dem heidnischen König, dem wilden
Sachsenbeherrscher, deß' Grab er vor Zeiten im Lande der Engern
Hatte geseh'n, mit dem Bilde des Helden in perlengezierten
Schuh'n und im Purpurgewande, dem köstlichen, silbergestickten:
Nicht sei gesunken er todt in verlorener Schlacht, wie erzählt wird!
Gegen das Erlengehölz mit dem flüchtigen Trosse gezogen
Sei er: es habe der Berg sich vor ihm und den Seinen erschlossen;
Und noch haus' er daselbst, in finsteren Nächten zuweilen
Auf weißmähnigen Rossen das Wesergebirge durchreitend,
Mit hellblinkenden Speeren, bei Rossegewieher und Hornschall,
Rastend am schwärzlichen Kolk, am schauerlich brütenden Moorteich . . .
Aber nun werd' er hervor bald zieh'n mit gewaltiger Heerschaar,
Selber zu schau'n, was geworden aus jenem geheiligten Schwerte,
Das jüngst hell war geschliffen, und schmählich nun wieder verrostet.
Kämpfen wol müßten die Alten, dieweil schon ermüdet die Jungen . . .

Also der riesige Tylan, der träumende. Aber indessen
War zu dem Maurizthore gelangt stillsinnend der König,
Wo er erstiegen den Wall. Und hier auch verließ er ihn wieder,
Kehrte zurück durch die Straßen der Stadt nach seinem Palaste.

Einsam wünscht' er zu sein, entließ die Begleiter. Der Letzte,
Der ihm zur Seite noch stand, war Lips. Und es sagte der Schalksnarr:
»Jan, sei munter! Du hast ja gehört, was der wackere Tylan
Uns vom heidnischen König erzählt, der nächstens in Sion
Kommt zu Besuch, so ich recht ihn verstanden, den wackeren Hünen.
Kommt er nur glücklich daher, juchhei! dann haben in Sion
Wir zwei Könige gar – ich will euch beiden mit Narrheit
Dienen, so viel ihr verlangt!« . . . »Was soll noch ein König in Sion?«
Lächelte Jan; »wer braucht einen Herrn da noch und Gebieter?« –
»Freund, du irrst«, gab Jener zurück, »denn es muß in der Welt doch
Immer noch Könige geben: sie sind nicht leicht zu entbehren.
Herrscht auch Freiheit im Land, und die Regel der Gütergemeinschaft,
Braucht einen Menschen man doch, der die köstlichsten Bissen hinwegißt,
Welche zu rar, als daß man sie könnt' an Alle vertheilen,
Und der trägt in der Krone die halb faustgroßen Demanten,
Die nicht gern man in Splitter zerschlägt für sämmtliche Bürger!
Auch muß Einer doch sein, an den man die gold'nen Gewänder
Hängt und die kostbaren Vließe, die nicht ausreichen für Alle!
Nein, ein Fürst muß sein, ein König, zum Schmuck des gemeinen
Wesens, o Jan! das leugne nur nicht! – Und wärest du pfiffig,
Jan, so würdest du's machen als König im Volk wie die Krähe,
Die sich setzt auf den Rücken des Schweins und die Würmer hinwegpickt,
Welche das Schwein aufwühlt« . . . So scherzte der schelmische Spötter.
Schweigend entließ ihn der König, und tief in der Seele den Stachel
Fühlt' er der Schalksnarr'nrede. Dahin durch die weiten Gemächer
Schreitet er düster, in Sinnen verloren, bis daß er zur Kammer
Divaras kommt. Und er findet sie ruhend auf schwellendem Pfühle,
Lockender heut, als je: so leicht nur geschürzt, und so üppig
Ruht sie dort, wie als Braut, um den Bräutigam zu erwarten . . .
Trefflich ist sie gelaunt. Sie gedenkt triumphirend der schönen
Nebenbuhlerin, welche zurück aus dem Kampfe sie brachte,
Bleich und todt. Sie berichtet es Jan. Gleichgiltig vernimmt er's,
Schweigend, denn ihm ist befangen von andern Gedanken die Seele.
Hin zur Erfüllung drängt sein Schicksal sich, und entscheidend
Ward ihm der heutige Tag. Was heut er mit Augen geschauet,
Was er gehört und erlebt auf dem Wall, bei dem musternden Rundgang,
Was er gehört und erlebt Recht sprechend zuvor auf dem Marktplatz –
Tief in die Seele geprägt hat dies des entarteten Sions
Bild ihm, den schmählichen Sieg der Verderbniß; des Menschengeschlechtes
Thorheit, Schwächen und Laster und Stolz und prunkenden Irrwahn.
Und ganz ist ihm versunken der Geist in das innere Grauen . . .

Schmeichelnd blickt ihm entgegen das Weib, und zieht ihn zu sich hin,
Legt an die Stirn ihm die Hand: »Was ist so bleich dir die Wange,
Und so pochend die Schläfe? was ist dein Auge so brennend,
Und dein Lächeln so kalt, so schneidend-verächtlich, so trotzig?
Soll das Gewitter sich wieder, wie oft, auf die arme, verschmähte
Freundin entladen? was grollst du? ich will ja gern dich erheitern,
Lieder zum Klang der Theorbe dir singen – was wünschest du mehr noch?
Hier ist ein Becher mit Wein! komm, schlürfe die duftige Labe!« –

Lang noch brütet er schweigend. Doch endlich beginnt er zu reden:
»Hast du gehört, daß zuweilen im Sarg aufquellende Leichen
Sprengen den lastenden Deckel des Sargs, handbreit, und empor ihn
Heben, so daß, wer mit Augen es sieht, voll freudigen Schauders
Meint, es erstehe vom Tod der Erblichene; doch wenn er näher
Tritt, nur entsetzlicher gährt da noch ihm entgegen die Fäulniß! –
Sieh, das hab' ich erlebt! – Ich verachte die Menschen, verachte
Ganz dies schnöde Geschlecht. Ihr Leben ist bunte Verwesung.
Was da glänzt, es ist Moder, und was da gährt, es ist Fäulniß.
Ach, was hilft es dem Menschen, zu sprengen die Gruft, wenn er modert?
Und was hilft es dem Menschen, zu sprengen die Fessel der Knechtschaft,
Wenn er ein Wicht, durchfressen zutiefst vom Gift der Verderbniß?
Groß ist die Zeit und gewaltig, doch wehe, wenn unsere Herzen
Rein nicht sind; wie sollen im riesigen Kampf wir bestehen?

So sprach einst der Prophet, der begeisterte Meister von Harlem.
Und nicht waren sie rein – schlecht sind wir bestanden im Kampfe!
O, ich machte zum Knecht mich, zum Sklaven der Freiheit in Sion –
Doch als der Mehlthau fiel auf der Hoffnung Blüten, Verderbnis
Sich einschlich – um da noch zu hemmen des wankenden Sions
Fall und Verderben – da hätt' ich müssen in Sion Tyrann sein!
Ja, Tyrann sein, ergreifen mit ehernen Fäusten die Zügel! –
O ich hätt' es vermocht! . . . Und fürwahr! noch heute vermöcht ich's
Wenn ich es wollte« . . .
                                        So sprach er. Und Divara lächelte, fragend:
»Warum willst du es nicht? Was zürnst du den Menschen? sie sind nur
Klein und erbärmlich, sie sind nicht böse, noch würdig des Hasses.
Schwächlich sind sie und blöd'. Was zürnst du dem Volke? Noch niemals
Hat es geherrscht, noch herrschet es je: nasführt es ein König
Nicht, nasführt es ein Schreier des Markts: der verwegene Krechting
Hat es erprobt: ihm folgt man längst schon in Israel blindlings . . .
Wähnen sich frei, die Bethörten, und laufen am Drahte des Knirpses! –

»Ei, wie kam es doch nur?« sprach Jan; »ein Reich zu begründen
Dachten wir ja, ein Eden des zwanglos Guten und Rechen:
Und das wir träumten, das Reich, es konnte der Zügel entbehren.
Doch das wir träumten, das Reich, ist's jemals wirklich geworden?
Kann dies Sion, das uns're, entbehren der Zügel, wie jenes?
Nein! es bedarf noch ihrer! Und wer soll halten die Zügel,
Wenn nicht ich, der einzig die Welt um sich her verachtend,
Über den Schwarm noch ragt mit reiner und leuchtender Stirne!
Wenn einer ehernen Faust es bedarf, eines Strengen Gebieters,
Eines Tyrannen sogar, nun wol, so will ich Tyrann sein!
Besser Tyrann als Puppe, zu welcher ein edler, ein thöricht-
Ehrlicher Sinn mich gemacht! Nun sollen die zagen Gedanken
Schweigen, die Regungen all', die schnöde mir lähmten die Arme.
Jene Gewalt, die verlieh'n mir über der Menschen Gemüther,
Die ich gedämpft, dem Gelöbniß treu, das mir Krechting entrissen,
Soll mir gelten fortan als der Herrschaft ewiges Anrecht!
Über der erblichen Thorheit der erblichen Völkergebieter,
Über der ewigen Wildheit der maßlos waltenden Massen,
Rage der Weise, der Held, der geborene Führer und Herrscher!
Ja, ich will sie ergreifen mit ehernen Fäusten, die Zügel,
Will sie schaaren um mich, die geheim noch hegen den alten,
Besseren Geist, und werfen in Bande den Schreier des Marktes,
Welcher bethörte das Volk, daß jegliche andere Mahnung
Eitel verscholl; will kirren den Schwarm nicht mehr durch das sanfte,
Mahnende, nein, das gebietende Wort; zu meiner Gedanken
Werkzeug will ich ihn machen, anstatt zum Herrn der Geschicke!
O mir ist, als wüchsen nun erst weit stärkere Schwingen
Mir zu gewaltigem Schwunge, zu größeren, stolzeren Thaten,
Und zu dem Ziele des Glücks! Und muß ich verachten die Menschheit,
Muß ich entsagen für immer dem Jünglingstraume des schöner'n,
Edleren Menschheitlebens, so will ich im eigenen Geiste
Suchen Ersatz, um zu stillen den Hunger nach Großem und Hohen!
Ging das sionische Reich in Trümmer, so will ich ein Reich doch
Stiften, auf welches ich drücke den Stempel des eigenen Wollens! –
Größe noch winkt mir und Macht; ob Sions Bürger entartet
Ist, ob edel gesinnt – gleichviel! er dient mir als Sklave!« –

So ruft Jan, und stachelt die eig'ne, gewaltige Seele
Grollend zur Selbstsucht auf. Der Sions leuchtendes Urbild
Schmählich zur Frazze verkehrte, der Dämon, umschattet er tückisch
Ihn auch, den Stolzen und Reinen? Ist's siegende Nacht, die hereinbricht,
Oder nur ziehend' Gewölk, das flüchtig die Sonne verdunkelt? –

Fieberisch glüht, so schwärmend, der König. Und Divara lächelt,
Lächelt so heiter; ein Wörtchen nur wirft sie bisweilen dazwischen:
Kurz nur und harmlos scheint's, und doch wie ein höllischer Funke
Fällt es in Ohr und Herz. Und endlich zieht sie den Jüngling
Näher zu sich, und kredenzt ihm den Becher mit funkelndem Weine.
Und er schlürfte den Trank. Sie lächelte wieder und sagte:
»Jan, du trautester Schwärmer, für Blüten der Weisheit und Tugend
Ist sie verdorben, die Welt, und zu spröde der irdische Boden!
Aber die Blüten der Freude gedeih'n, und der Trank des Genusses
Schäumt uns aus ewigen Urnen in lockender, labender Fülle.
Schal ist und schnöde die Welt und die Menschen sind Thoren und Wichte,
Aber der Traube Geblüt ist ein lieblicher Trank, und des Weibes
Busen ein wonniger Pfühl – das wirst du noch, Liebster, erproben! –
Sei doch klug, laß fahren das düstere Grübeln und Sinnen,
Welches das Haupt dir verwirrt, o Jüngling! Des feurigen Weibes
Gürtel bedünke fortan dich das einzige Räthsel auf Erden,
Welches der Lösung werth! – Scheinkönig nur warst du für Sion,
Und Scheingatte für mich: sei endlich König und Mann doch!« –

So sprach lächelnd und schmollend die braune, verlockende Schöne.
»Höre mich an!« sprach Jan; »ja höre mich, lockende, dunkle
Zauberin du! Heut' will ich das tiefste Gemüth dir erschließen.
Warum sollt' ich es nicht? Abbrach' ich die Brücke für immer
Hinter den Träumen der Jugend, und jeglicher schwärmenden Regung,
Welche so zag mich gemacht, und mir, wie den Arm, auch die Zunge,
Selber die Sinne gelähmt! – So erfahre, du lockende, dunkle
Tochter des wandernden Stamms mit den ruchlos blickenden Augen!
Mir zu bethören die Seele, die stolze, mit tückischem Zauber,
Ist dir gelungen: ich liebe dich nicht – doch du hast es verstanden,
Erst mir drängend zu nahen mit liebeverlangender Werbung,
Dann mich sacht zu umstricken mit Banden der holden Gewöhnung,
Dann mich launisch zu quälen, zu reizen mich und zu verwirren –
Nein, ich liebe dich nicht: ich hasse dich, Weib! doch, dich missen
Nimmer vermag ich es mehr, noch will ich's versuchen von heut an –
Nicht mehr bin ich derselbe wie sonst! im Tiefsten verwandelt
Hat mich der heutige Tag! – Fahrt hin, ihr Träume der Liebe,
Hin mit den anderen Träumen! – Von edelster Liebe durchdrungen
Wähnt' ich das Herz für immer, von einem Gefühle bewältigt!
Aber ich war ein Thor, und von heut an empfind' ich es anders.
Kann es im Reich der Empfindung ein dauernd Unendliches geben?
Nein, Unwankendes hat nicht Raum im irdischen Haushalt,
Und auf ewigen Wandel gestellt ist das Leben. Wo immer
Tritt hervor ein unendlich Gefühl, ein unendliches Streben,
Geltend zu machen sich müht, da beschwört es ein rächendes Schicksal
Immer herauf, und es grollt die Natur . . . Was wär' aus der Menschheit,
Was aus dem Leben geworden, wenn wahrhaft wäre die Liebe
Das, was uns schildern die Dichter, und was ich im Wahne der Jugend
Selber erträumt und gefordert? Es ruhte des Menschengeschlechtes
Hälfte geschmiegt an Urnen, Verlorenes ewig betrauernd.
Nein, das duldet sie nicht, die Natur! sie pflanzt uns den schnöden
Unbestand in die Brust, und ob knirschend wir auch ihn verdammen,
Endlich obsiegt er doch stets. So baumeln am Draht wir als Puppen:
Das Urweib, die Natur, sie lenkt uns an schmählichem Zügel . . .
Lenkt uns nach irdischem Zweck – und höheres Streben ist eitel! –
Solche Gedanken, sie nahten mir manchmal in finsteren Nächten,
Grinsend; ich stieß sie von mir noch stets, wie Geburten der Hölle:
Doch heut nehm' ich sie auf! Mir pocht wie im Fieber die Stirne:
Sag' mir doch, Weib, ist's Wahrheit, Traum, ist's fieb'rischer Irrwahn,
Was in mir gährt, und sich trotzig in wüsten Gedanken entbindet?« –

Divara lächelt noch immer. Begleitet ein leises Gekicher
Nicht dies seltsame Lächeln? Sie lächelt so stolz, so bedeutsam,
Daß es den Jüngling bedünkt, als ruhe vor ihm auf den Kissen,
Wie mit himmlischen Reizen zu höllischer Rache gerüstet,
Das Urweib, die Natur, das er grollend soeben gescholten . . .
Wieder nun rückt sie heran mir zierlichen Händen des Weines
Funkelnde Labung, und lächelt und lispelt: Erquicke dich, Liebster!
Und je ernster er blickt, so bacchantischer lächelt sie, kichert,
Lacht, daß den schimmernden Hüllen entwogt ihr bräunlicher Busen.
Und sie kredenzt ihm noch einmal den schäumenden Becher. Sie flüstert:
»Süßer Gemahl!« – Er nippt; ihm schwindelt: am pochenden Herzen
Fühlt er den Busen des Weibes und ihre versengenden Lippen:
Und mit feurigen Armen umschlingt sie ihn fest wie ein Dämon . . .

Nah' war die Mitte der Nacht: da riß sich der Jüngling von Leyden,
Trunken, vom Weine betäubt und vom Rausch dämonischer Küsse,
Los aus den Armen des Weibes. Ihm pochte das Haupt zum Zerspringen.
Was ihm brachte der Tag, was ihm brachte der Abend, durchschüttert
Hat es zutiefst ihm die Seel'; in stürmischer wilder Erregung
Taumelt er hin, vom Fieber geschüttelt, durch seine Gemächer.
Schlummern und Ruh'n – nicht kann er's: ein Ungeheures belastet
Dumpf ihm die Brust: nicht will sich's gestalten zu lichten Gedanken.
Und er starrt auf den Boden vor sich hin, wirr und bewußtlos . . .

Glühend, nach frischerem Hauch nun lechzt er – durch's offene Fenster
Blickt er mit glasigem Aug. »Was ist das?« ruft er, »versengend
Brennt der Mond, es träuft sein Gold wie geschmolzen herunter
Mir auf das Haupt!« – Hin über den mondhell leuchtenden Domhof
Starrt er zum Münster, der grau mit den wuchtigen Zinnen emporragt.
Kommt in den Sinn ihm die Nonne, die edle, die dort er bestattet?
Aber erleuchtet erblickt er von innen den Dom – ist's des Fiebers
Wahn, was ihn äfft? im Glase der Scheiben ein spielender Mondstral?
Nein, in Wahrheit erleuchtet ein Schimmer das Inn're: der greise,
Tolle, gespenstige Küster des Doms, der verfallen in Wahnwitz,
Seit er die Frevel mit Augen geschaut und die wilde Zerstörung,
Welche die Wiedergetauften verübt am geheiligten Orte,
Stets noch haus't er im Thurm, durchwandelt die einsamen Hallen:
Und um die Mitte der Nacht bisweilen entfacht er die Lampen.
Dann sieht, wer da noch wandelt des Nachts am Dome vorüber,
Schaurig die Fenster erhellt. Und es klingt auch zuweilen ein wüstes
Orgelgetön aus dem öden Gebäu. Es behaupten im Volke
Manche, daß todt sei der Küster und nur als Gespenst noch umher dort
Wandle des Nachts und entfache die Lampen und rühre die Orgel:
Ängstlich sputet darum sich der Einsame, welcher vorüber
Geht, und gespenstig erhellt sieht leuchten die Scheiben der Fenster.

Lang nach den leuchtenden Scheiben wie sinnlos starrte der König.
Ei, was zieht ihn nur fort? er wankt an den schlummernden Wächtern
Still vorüber, verläßt den Palast; quer über den mondhell
Dämmernden Domhof schreitet er hin zu den Pforten des Domes:
Wie Mondsüchtige schreiten, so schreitet er still und bewußtlos.
Und er öffnet die rasselnden Pforten; es flattern erschreckte
Dohlen aus Nischen hervor. Nun betritt er das Inn're des Münsters,
Und er sieht im Scheine der Lampen die dämm'rige Halle
Sich in's Unendliche wölben: und doch wie ein dumpfiger Gruftraum
Scheint sie düster und drückend ihm über dem Haupte zu lasten.

Im Halbdunkel des tieferen Grunds auftaucht wie ein Schreckbild
Des wahnwitzigen Küsters Gestalt. Jan folgt ihm – vorüber
Huscht das gespenstige Bild, ist spurlos wieder entschwunden.
Und wie das Fieber, so schüttelt das Grauen den nächtlichen Waller.
Doch er erwehrt sich des Grau'ns mit dem Muthe des Trunk'nen, und fordert,
Gleich als schämt' er sich seines Erbangens, die Mächte der Tiefe
Wie zum Kampfe heraus. Es ruft sein krankes Gehirn sich
Mühsam stolze Gedanken zurück, zu welchen, dem Schicksal
Grollend, er heut sich erschwungen. So wankt er dahin. Und nur eine
Stelle vermeidet er stets – ist's Trotz, ist's siegender Schauder,
Was ihn bannt von der Stelle? – –
                                                        Da horch, es verkündet die zwölfte
Stunde der Nacht mit dumpfem Gedröhn aus der Höhe die Domuhr.
Welch' ein Geschwirr und Gewisper in Nischen und Wölbungen! Matter
Flackern die Lampen und droh'n zu verlöschen. Und jetzo beginnen
Plötzlich die Pfeifen der Orgel zu tönen. Mit wachsendem Grausen
Aufhorcht Jan; ihn will es bedünken, als tauche des tollen
Küsters Haupt, das ergraute, mit starr-wahnwitzigen Augen
Hinter der Orgel empor im dämmernden Dunkel. Es rauschen
Sinneverwirrend hernieder die Klänge. Die tubabewehrten
Engel, die krönen als schwebende Zierde das mächtig gethürmte
Tonwerkzeug, sie scheinen ihr helles Trompetengeschmetter
In das Gebrause der Pfeifen zu mischen: es klingt durch die Hallen
Wie die Posaunen des jüngsten Gerichts. Nicht mächtig der Sinne
Mehr ist der wankende König; es hat ihn bethört bis zum Wahnwitz
Trunkenheit, Fieber und Grau'n. Aufhorcht er den Klängen: da mischen
Andere schaurige Töne sich d'rein: in den Tiefen der Kirche
Hallt ein Gekrach wie von berstenden Särgen – mit ängstlichen Augen
Wendet dahin sich der Jüngling, und Wachen und Träumen, es schmilzt ihm
Fortan schaurig in Eins, in den Schreckensgerichten des Fiebers.
Hat bei dem wüsten Gekrach in den Tiefen der Kirche der Grabstein
Hillas nicht sich gehoben, und schwebt aus der finsteren Gruft nicht,
Weißlich, von Nebel umsponnen, ein Jungfräulein? doch – ein Kind ist's
Mit dem Gesicht eines Jungfräuleins. Aus dem Nebel der Steingruft
Taucht's wie der steigende Mond, und schwebt empor zu des Domes
Wölbungen sacht, dann senkt es sich wieder und schwebt nun auf einmal
Jan entgegen – o horch! es klingen die Töne der Orgel
Mild und weich – und es glaubt zu erkennen die Züge der Süßen,
Die er verloren, der Jüngling: es glüht sein Herz – doch auf einmal
Wandelt die holde Musik sich in wüstes Gedröhn', und des Kindes
Trautes Gesicht, es verwandelt auch dies in ein anderes Antlitz
Sich, wie näher es schwebt, und zeigt in bedrohlichem Schreckbild
Divaras düsteren Reiz und verlockend-satanisches Lächeln!
Drohend-entsetzlich schwebt es heran vom Grunde der Halle
Gegen den hohen Altar – und toller erbrausen die Töne.
Auf sich gerichtet erblickt der Verwirrte des schwebenden Mägdleins
Aug' in tückischem Hohn; entsetzt auf die marmorne Kanzel
Flüchtet er vor dem Phantom – doch hieher auch schwebt' es, und weiter
Taumelt er, während die Kanzel, vom Hauche des tückischen Kindes
Flüchtig berührt, in Trümmer zerfällt. Und es jagt ihn der Wahnwitz
Hinter den hohen Altar. » Wo bist du, Jan?« so erklingt es
Höhnend dem Fiebergehetzten. Er flüchtet von Neuem – der Altar
Stürzt, wie die Kanzel, in Trümmer, vor'm Hauche des schwebenden Kindes.
Wilder erdröhnt ihm die Orgel: es leuchten die Augen des Unholds
In diabolischer Glut. Und es flüstern um ihn her Dämonen:
»Hilla – Divara – Sion und Babel!« – Hintaumelt er, strauchelt
Über den Sarkophag in der dämmernden Tiefe der Kirche,
D'raus das gespenstige Bild sich erhoben. Er taumelt und strauchelt,
Stürzt in den Steinsarg selbst. Ihm schwinden die Sinne – noch hört er
Ein dumpfdröhnendes Eins von der Domuhr hallen: zurück kehrt
Jetzo das schwebende Kind, es verlöschen die Lampen, der Orgel
Töne verhallen: bei geller und höhnischer Lache des Tollen
Hört zuklappen den Deckel des Steinsargs Jan. In der Grau'nnacht
Liegt er, erlöschenden Sinn's, reglos, zu den Todten gebettet:
Und an den Busen ihm schmiegt sich das Jungfräulein wie ein Vampyr . . .

Aber am anderen Tag, da ward in den Gluten bewußtlos
Liegend gefunden der König in offener Halle des Domes.
Und wie den griechischen Helden dereinst auf dem Oeta die Flamme
Läuternd ergriff, nach schmählichem Fall, so von läuternden Bränden
Mächtig ergriffen, indessen die Tage, die Wochen entschwanden,
Stumm auf glühendem Pfühl lag Jan von Leyden, der König.

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