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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 17
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
created20040925
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Neunter Gesang.

Mitternacht im Dom.

                    Bieder im Königspomp zieht hin zum prangenden Marktplatz
Jan, Recht sprechend dem Volk, wie er pflegt allwöchentlich. Wieder
Prunken beritten zur Seit' ihm die Träger der Würden in Sion
Und der Trabanten Gefolg' in den schimmernden bunten Gewändern.
Aber auch Divara folgt, und mit ihr die anderen Frauen,
Welche der König erkor, Diademe gedrückt in die Locken,
Stralend in Sammt und Damast, aus Gewanden des Domes geschnitten,
Und im Glanz der Juwelen und Ketten und goldenen Spangen,
Welche gegleißt an den Leibern der Heiligen und der Madonnen.
Weich umschmiegte die Schultern das schimmernde Vließ, und es prangte
Auf buntschillerndem Sammte des Hutes die farbige Feder,
Lang nachwallend; es blitzte von edlem Gesteine der Gürtel,
Blitzte der Purpurschuh. Stolz wiegten die blühenden Weiber
Sich in den Sätteln, wie Falter auf Blumen; und neben den Zeltern
Schritten die prunkenden Diener, in Händen die purpurnen Zügel.

Ja, wol war es der Pomp noch, der alte, so stolz und so glänzend,
Wie am Tag, wo um Jan von Leyden, den herrlichen Jüngling,
Wogte der Krönungszug durch die jubelnden Straßen von Münster.
Aber der König, er war's nicht mehr, der mit goldenen Sporen
Damals spornte das Roß, und deß' königlich leuchtendes Antlitz
Sinn und Bedeutung lieh dem entfalteten stolzen Gepränge.
Lässig umschmiegte der Sammt ihm, der schillernd verzierte, des Pelzrocks,
Jetzt die gebeugte Gestalt, und lässig über die Brust hing
Jetzt ihm die Kette, die gold'ne, die wuchtige mit der gekrönten
Kugel der Welt. Bleichwangig, gekehrt in sich, und verdroßen,
Saß auf dem Zelter er nun, der, matt nur gespornt, wie in Schwermuth
Senkte das Haupt auch selbst. Nur manchmal, wenn sich des Träumers
Antlitz hob, sein Aug' blitzartig streifte die Menge,
Schien's, als belebe sich neu die Gestalt, als zuckten die Finger
Krampfhaft ihm an dem Griffe des Schwerts; doch wieder versank er
Still in sich, wie gelähmt: wie gebrochene Flügel des Adlers
Hingen herab ihm die Arme . . .
                                                    Doch gern an den Zügen des Jünglings
Hing noch das Volk, das sich drängte von überall her, um zu schauen
Ihn und den prächtigen Zug. »Heil!« riefen ihm lärmend die Männer,
»Heil« auch riefen die Frau'n, die Matronen, die Jungfrau'n: immer begeistert,
Immer noch schwärmend für ihn, den erkorenen König von Sion.

Unter den Weibern hervor stralt Divara. Stets wie ein Dämon
Blickt sie, welcher zur Sünde verlockt, und den Sünder zugleich auch
Reißt in die Flammen der Hölle hinab. Doch am meisten begafft sind
Jetzo die kürzlich Gekrönten, die Jan sich erkoren. Sie musternd
Sagte mit blinzelndem Aug zum Nachbar Mancher im Volke:
»Wahrlich, die träumten sich's nicht, daß zu solchem Geschick sie erlesen!« –
»Ei, nicht Alles, was glänzt, ist Gold!« rief Einer. »Der König,
Müßt ihr wissen, behandelt die Weiblein schier wie der Pfauhahn
Die Pfauhennen behandelt; und schlimmer sogar: denn er hat noch
Keine von ihnen in Liebe berührt, wie ich hör'; und er spielt nur
Dann und wann so mit ihnen, aus Langweil', oder in Mißmuth,
Wie mit den scheckigen Rüden in seinem Palast. Es erzählte
Mir ein Befreundeter, welcher dem König dient im Palaste,
Kürzlich hab' er die Jutta, die Jüngste der Weiber des Königs,
Fast noch Kind, in der Hall' auf dem Teppich sitzend gefunden,
Zwischen den riesigen Hunden, den Lieblingsgenossen des Königs.
Und da habe der König, in übelster Laune, wie toll sich
Damit vertrieben die Zeit, daß er, mit geschwungener Peitsche,
Durch einander zum Scherz sie hetzte, das Weib und die Rüden,
Bis zu weinen die Kleine begann und zu heulen die Hunde.
Seht, so behandelt der König die reizenden Dinger, nach welchen
Anderen wässert der Mund! nur Divara scheut er, die braune!« –

Aber gelangt nun war mit dem langen Gefolge der König
Bis auf den prangenden Markt vor das Rathhaus, dort, wo ein Thronsitz
Ragte, behangen mit Tüchern, in Gold und Silber gestickten.
Und es erhob auf den Thron sich Jan: zur Seit' ihm die ersten
Träger der Würden in Sion, desgleichen die prunkenden Frauen.
Und Herolde begannen dem Volk zu verkünden, eröffnet
Harre das Königsgericht: da drängten vorerst sich die Weiber
Klagebegierig heran, wie ein Schwarm von kreischenden Elstern.
Aber es winkte der König zu sich hin die Ält'sten von Sion,
Welchen vertraut Obhut und Verwaltung in Münsters Bezirken.
Sie zu vernehmen gedacht' er vor andern. Sie gaben Bericht ihm
Von dem Verhalten der Bürger. Da wurden die Einen bezichtigt,
Daß sie die Schaffner bedrängt, und mehr, als erheischte die Nothdurft,
Hatten verlangt für sich, so verkürzend bescheidener Bürger
Theil; und And're, daß, trotzend sionischer Gütergemeinschaft,
In den Behausungen Geld sie, und anderen Werth noch verbargen.
So vor den Richter geschleppt ward Einer, bei dem man ein goldnes
Ringlein hatte gefunden: er trug es versteckt an den Zehen.
Etliche wurden genannt, die Eigenbesitz zu erwerben,
Und dann unter einander geheim, entgegen der Satzung,
Kauf und Verkauf zu betreiben, auch wol gar eigenen Haushalt
Hinter dem Rücken der Andern zu führen geheim sich vermaßen.
Müller und Brauer auch wurden belangt, die gebraut und gemahlen
Heimlich für einzelne Bürger; auch Solche, die ihrer Behausung
Thüren und Thore verriegelt, obgleich die sionische Ordnung
Schlösser verbot und Riegel. Es traf auch Viele der Vorwurf,
Daß sie träge befolgt, was ihnen oblag zu verrichten,
Oder verweigert sogar die Verrichtung: obgleich der Gemeine
Doch zustehe das Recht, zu vertheilen in Sion die Arbeit,
Wie sie vertheile des Lebens Bedarf vom gemeinsamen Vorrath.

Solches und Anderes klagten die Ältesten. Aber es schwiegen
Nicht die Beklagten. Es riefen die Anspruchsvollen, und Jene,
Die man des Eigenbesitzes gezieh'n und eigenen Haushalts:
»Ist nicht auch, wie die Menschen, verschieden der Menschen Bedürfniß?«
Andere gaben zurücke den Ält'sten und Schaffnern den Vorwurf,
Klagten sie an: »Partheiisch verfahrt ihr im Werk der Vertheilung,
Mehr zutheilend dem Einen, und Besseres oft als dem Andern!
Ja, wir sagen es dreist, daß Betrug und Entwendungen heimlich
Oftmals verkürzen den Bürgern die spärlichen Bissen, die kleiner
So schon werden von Tag zu Tag!« Die man hatte bezichtigt,
Daß sie verriegelt die Thüren, entgegneten: »Gibt es in Sion
Nicht noch Leute« – sie schielten dabei nach den braunen Gesellen
Divaras hin – »die man oft umher in den Straßen verdächtig
Schweifend gewahrt von Hause zu Haus, mit spähenden Blicken
In die Gemächer sich schleichend, und wol auch kecklich verlangend,
Daß, nachdem sie vergeudet ihr Theil vom gemeinsamen Vorrath,
Nun sein Theil auf's Neue der Mäßige theile mit ihnen?« –
Die man der Trägheit hatte gezieh'n und störriger Säumniß,
Fragten: »Warum doch gebt ihr gerade die schwerste Verrichtung
Oder die niedrigste uns? warum soll uns es obliegen,
Straßen und Plätze zu fegen, zu karren bei Seite den Unrath?
Sind wir schlechter als And're, und sämmtliche Bürger in Sion
Nicht vom selbigen Rang? Wir begreifen es freilich und leugnen's
Nicht, daß dergleichen auch wolle gethan sein; aber warum doch
Sollen denn wir es thun, und warum nicht lieber die Andern?« –
Etliche fragten: » Warum nur sollte sich Einer noch placken,
Da doch Keiner vermag durch Arbeit mehr zu gewinnen,
Als die bequemer sich's machen? Da Eigenbesitz zu erwerben
Noch war erlaubt, man wußte, wofür man sich plackte; doch jetzo
Weiß es Keiner: wir essen doch All' aus dem nämlichen Topfe!« –

»Männer von Sion!« begann nach sinnendem Schweigen der König;
»Männer von Sion! mich dünkt, da von euch nun gewichen der Geist ist,
Welcher die Neuerung schuf, so sollt' auch fallen die Neu'rung!
Kehret zurück zur alten verlassenen Weise des Lebens!
Gütergemeinschaft – wisset, sie könnte nur werden zur Wahrheit,
Wenn ein höherer Geist für immer durchdringt die Gemeine:
Sonst entartet das Leben, erstarrt zum hölzernen Triebwerk,
D'ran sich nüchtern und dumpf, seellos-einförmig die Menschen
Ewig im Kreis als treibend-getriebene Räder bewegen!« –

Also der König. Entgegen ihm kreischt mit höhnendem Grinsen
Krechting: »Was sagst du? es wäre gewichen der Geist von den Unsern?
Nein, er regt sich, ist mächtig im Munde der klügeren Männer!
Wahlspruch ist es für uns: » Kein Stillstand, Männer! nur vorwärts!«
Und du drängst uns zum Alten zurück? Wenn Einzelne fehlen
Gegen die Regel in Sion, so soll das büßen die Regel?
Strafe die Schuldigen lieber, die gegen die Regel gesündigt!« –

So rief Krechting; es scholl zustimmender Ruf aus der Menge.
Flüchtig umspielt ein Lächeln des Königs Gesicht. Er erhebt sich,
Und er richtet. Die Maß nicht hielten, verdammt er zu halber
Kost, und die Säumigen, Trägen, verdammt er zu doppelter Arbeit.
Die sich störrig erwiesen und fragten, warum man die Straße
Ihnen zu fegen geboten, verdammt er die Straße zu fegen,
Daß sie künftig doch wüßten, warum sie fegten die Straße.
So für Jeglichen sprach er das Urtheil. Aber den Schaffnern,
Wie auch den Ält'sten empfahl er, zu theilen in ehrlichem Gleichmaß
Unter die Bürger des Lebens Bedarf; den Gesellen des braunen
Stammes verbot er, müßig umher in den Straßen zu schleichen.

Jetzo wogten heran aus dem Schwarme des Volkes die Kläger,
Weiber zumal, die sich drängten und stießen; denn jegliche wollte
Kommen die erste zu Wort: es erscholl mißtöniges Lärmen.
Als nun erblickte die Schaar klagführender Weiber der König,
Wie sie auch sonst zahllos ihn umdrängten an jedem Gerichtstag,
Wandt' er unmuthig sich ab. Doch Lips, sein hinkender Freund, sprach,
Merkend des Königs Verdruß: »Du bist heut' übel gelaunt, Jan!
Laß mich spielen den Richter für dich: ich kenne die Weiber,
Weiß sie baß zu behandeln!« Da lächelte Jan und versetzte:
»Lips, mein trefflicher Narr, du magst sie entscheiden an meiner
Statt für heut, als Richter, die häuslichen Zwiste von Sion!«
»Gut«, sprach Lips; »ich will es. Ihr Bürger! zwar bin ich ein Narr bloß,
Aber ich denke, daß Gott mit dem Amte mir auch den Verstand gibt!
Kommt denn heran, ihr Weiber! mit böslich zerkratzten Gesichtern
Seh' ich die Meisten von euch: das ist worden in Münster die Haustracht,
Seit die sionischen Männer sich doppelt beweiben und dreifach.
Ja, das bringt so die Zeit mit sich. Wie die Gütergemeinschaft
Leicht wo ein Fremder erkennt an Schmutz in den Straßen und Mißduft,
Also getrau' ich mir auch in jeglicher Stadt zu erkennen
Die Vielehe sogleich an zerkratzten Gesichtern der Weiber.«

Sprach's. Da begannen die Klagen der älteren gegen die jüngern
Weiber, und wieder sodann auch der jüngeren gegen die ältern,
Wie auch der jungen vermälten Genossinnen gegen einander.
Schmählich hatten sich Viele mißhandelt mit Worten und Thaten.
Ward doch geführt vor den Richter sogar ein trotziges Mannweib,
Welches erwürgt die Genossin. Es ward eine And're beschuldigt,
Daß sie den Gatten erstickt im Schlaf. Schweiß trof von der Stirne
Dem strengrichtenden Lips. Er verfügte, daß jeglicher Bürger
Halte die Gattinnen immer getrennt in verschied'nen Gemächern,
Und vorschiebe den Riegel der Thür an jedem Gemache,
Wenn er verlasse das Haus.
                                            Noch andere Klagen entschied er
Mit salomonischer Weisheit. Gealterte Lüstlinge wurden
Schmählich verklagt und beschämt von den eigenen blühenden Weibern,
Weil sie zur Ehe genommen die jüngsten und frischesten Mägdlein,
Als untüchtige Greise, betrügend die knospende Jugend
Um ihr ewiges Recht auf die Freuden der Lieb' und des Lebens.
»Sehet mir doch!« sprach Lips; »so machen sie's immer, die Alten!
Faunischer, lüsterner gibt es auf Erden doch nichts als die Ohnmacht!
Nimmt sich die würzigsten Blüten für zitternde Hände zum Spielzeug!
Schämt ihr euch nicht, Graubärt', Eunnuchen des eigenen Harems,
Blühende Weiblein zu hüten, wie Barren des Goldes und Silbers?
Setzt es in Umlauf lieber, das blanke Metall, daß es Präger
Findet und Nutzung bringt; und wärmet das nächtliche Lager
Mit Wärmpfannen euch lieber, als mit jungfräulichen Gliedern!« –

Männer verklagten die Frau'n, weil trotzig und spröd sie der Ehe
Pflichten verweigert, und Andre begehrten die Scheidung, dieweil sie
Satt der Gesponsinnen waren. Es fällte für Solche das Urtheil
Wider Erwartung Lips. Absprach er Jenen die Weiber,
Weil ersichtlich sie nicht zu behandeln verstünden die Weiber:
»Wer nicht Mannes genug, um ein sprödes Gemahl zu bezähmen«,
Sagt' er, »den Trotz ihr zu brechen durch schmeichelnde zärtliche Werbung,
Dieser verdient auch keines!« – Den Anderen aber gebot Lips:
»Euch soll bleiben das Weib Zeitlebens, zur Sühne dem Unmaß!
Hättet vom Übermaße vordem ihr euch ferne gehalten,
Würdet ihr jetzo auch nicht vom Überdrusse geplagt sein!« –

Weiber auch wurden beschuldigt des frevelen Bruches der Ehe.
Da nun erforschte den Gatten, den Buhler, und jeglichen Umstand
Lips, der Gerechte. Und hört' er, daß sorglos gewesen der Gatte,
Daß er thöricht dem Weibe vertraut, daß er frei sie gelassen,
Daß beim Wein er schwatzte von ihren verborgenen Reizen
Mit den Genossen, und selber in's Haus ihr führte den Buhlen –
Hört' er Solches, erboßte sich Lips, und verdammte zu schwerster
Tagarbeit in den Schanzen der Stadt den verblendeten Gatten,
Durch Fasttage verschärft. »Bei Gott!« so rief er, »die Buhler
Sind es nicht, und die Schmeichler und glatten Sponsierer – die blöden
Gatten nur sind es – die blinden, vertrauensseligen Tröpfe,
Welche die Weiber verderben«. So sprach er und trennte vom Gatten
Fortan für immer das Weib. »Denn besser gelös't als gebrochen!«
Rief er, als Einer ihn fragt', ob es rathsam, Ehen zu lösen?
Und er schickte sogleich in's Haus dem Verführer das Weibchen.

Zahllos waren die Männer und zahllos waren die Weiber,
Welche zu tauschen verlangten die Gattinnen oder die Gatten.
Keck und lüstern, entweihend des Herzens verschämteste Tiefen,
Kamen die Frauen, verderbt durch sionischen Brauch wie die Männer.

So auch drängten vor Andern ein älteres Weib und ein junges
Sich zu dem Richter heran. Es erbat einen älteren Mann sich
Die, einen jüngeren Jene. Die Ält're berief auf die Regel
Sich, daß im Bunde der Ehen den Ausschlag gebe die Neigung:
Sie
nun, sagte sie, müsse gesteh'n daß ihr blühende Knaben
Besser als reifere Männer gefielen. Ihr jetziger Gatte
Sei schon Witwer gewesen; und darum erbitte sie höflich
Sich vom König zum Mann einen noch unschuldigen Jüngling,
Der kein Weib noch geküßt; denn darnach stehe der Sinn ihr . . .

»Wie viel Jahre nun zählst du?« fragte der Richtende. »Dreißig!«
Lispelte sie. »Du lügst!« sprach Lips; »dein Wunsch ist ein Zeiger,
Welcher auf Vierzig weis't! Es bezaubert in kräftiger Reife
Mannlich der Ritter das Jungfräulein, und der Page die Vettel.
Weibergetändel beginnt mit Puppen und endet mit Püppchen!«
Sprach's und wandte zur Jüngeren sich, die verlangt' einen ältern
Mann, als den Laffen, der neben ihr stand, unbärtig und blöde.
»Hast du rauh sie behandelt?« so fragte den blöden Gesellen
Lips. Der zögerte, sagte verschämt: »Nein, blöde nur war ich,
Ohne Geschick und Erfahrung – da weinte sie, zürnte mir störrig« . . .
»Ohne Geschick und Erfahrung?« versetzte der richtende Schalksnarr,
»Ei, das ist schlimm! Denn keinen entsetzlichern Quäler und Feind hat
Jugendlich-magdliche Scham, als den Unschuldstölpel! Gar leichtlich
Ist Euch Beiden zu helfen, ihr Weiblein! Tauschet die Männer!
Freie die Ältliche, Bursch, und du, Blühende, folge dem Wittwer!« –

Sprach's, und es fügten die Vier sich dem Spruche zufrieden und willig.
Ein frechblickendes Weib, aus dem Schwarme geführt vor den Richter,
Wurde bezichtigt, daß unter den Frau'n sie kecklich verkündet,
Daß es erlaubt sein müsse nunmehr auch den Frauen in Sion
Mehrere Männer zu freien. »Warum doch«, wandte sie trotzig
Sich an den richtenden Lips; »warum soll Weibern versagt sein,
Was euch ihr Männer erlaubt? Ist's nicht für Alle dasselbe?« –
» Nein!« entgegnen Lips! » nicht ist's dasselbe, du Dirne!
Kann doch bestehen die Welt, wenn auch sie geworden zum Harem,
Aber es gnad' ihr Gott, wenn dereinst Bordell sie geworden!
Nein, nicht ist es dasselbe, das wisse! – was du da verlangtest,
Nicht nur der Himmel verdammt's, die Natur auch selber verflucht es!
Jagt mir die Metze zum Thore hinaus, zu den Söldnern des Bischofs!« –

Endlich schienen die Klagen erschöpft für diesen Gerichtstag,
Sämmtliche Fragen des Rechtes, die großen und kleinen. Da siehe,
Sprang noch Einer zuletzt von den Satelliten der braunen
Divara plötzlich hervor, und mit funkelnden Augen begann er:
»Schalksnarr! steig von dem Stuhl, laß Recht nun sprechen den König!
Ja, sprich Recht nun, o König! Den friedlichen Scepter, o leg' ihn
Ab, und greif nach dem blutigen Schwert. Sonst bist du geschändet,
Bist für immer entehrt! Hör' an, ein abscheulicher Frevel
Wurde begangen an dir, dem erhab'nen Gebieter von Sion!
Hört es, sionische Bürger! Vernimm es, o leuchtender König!«

Also der braune Gesell, und sprang und geberdete rasend
Sich vor Jan. Der hieß ihn künden die Sache. Da rief er:
»Dir ward schmählich besudelt, o Herrscher, die Ehre! Gebrochen
Hat von den Frau'n, die du kürzlich erkorest, dir Eine den Treuschwur:
Lisabeth Wandtscheerer genannt! Dort unter den schönen
Königsgemalinnen sitzt sie noch prunkend, die goldenen Locken
Tragend im goldenen Netz, in der Jacke mit köstlichem Pelzwerk,
Und mit der seidenen Schleppe! Des Nachts, Herr, hat sie den Buhlen
Heimlich geherzt, den zuvor sie geliebt, dann schnöde verleugnet,
Weil ihr besser der König gefiel und der schimmernde Goldreif.
Aber geheim noch sieht sie den Buhlen! Er schlich in der Nacht sich
Heute zu ihr in's Haus, in's Gemach, und sie schloß ihm die Thür nicht:
Denn ich sah ihn, ich selbst, aus dem Hause der Frauen des Königs
Schleichen im grauenden Morgen. Sie brach dir, o König, die Ehe!
Der dort ist's in dem Schwarme, der rosige, lockige Jüngling,
Der ist ihr Buhler! ergreift ihn, Männer, damit er bezeuge,
Was ich erzählt« . . .
                                  So schrie er; den Jüngling ergriffen die Männer,
Schleppten ihn hin vor den König. Er bebt' und erbleichte – doch trotzig
Leugnet er jegliche Schuld. Da bedeutet der prunkenden Else
Jan, zu verlassen den Sitz inmitten der übrigen Frauen,
Und zu treten vor ihn. Sie that es, und leugnete kecklich
Daß sie die Ehre befleckt des erhabenen Gatten. Ihr Auge
Blickte so unschuldsvoll, so gefaßt und so heilige Eide
Schwur sie, daß Jedem im Kreis, der es hörte, die Seele gerührt war.
Nicht so Jan. Der faßte die Hand ihr, und schaute mit seinen
Mächtigen Augen sie an, und rief mit gewaltiger Stimme:
» Weib, du lügst!« und sie, nicht konnte den Blick sie ertragen,
Stürzte zusammen vor ihm und verbarg in den Händen das Antlitz
Mit unendlichem Schluchzen und Weinen. Nun wagt' auch ihr Buhle
Nimmer zu läugnen die That. Er erzählt, wie sich Alles begeben.
Jugendgespielin, so sagt' er, sei Elsbeth schon ihm gewesen,
Habe mit heiligen Eiden ihm oftmals unendliche Liebe,
Ewige Treue gelobt. Und alsbald habe sie dennoch
Schnöd' ihm den Rücken gewandt, da verlockend ihr winkte der Goldreif.
Gramvoll hab' er entsagt ihr für immer; da sei mit Geflüster
Ihm ein Bote genaht, ein Mann vom wandernden Stamme:
Der nun habe mit sich ihn gelockt, und heimlich geführt ihn
Bis vor Elsens Gemach im bergenden Dunkel des Abends.
Dann, auf den Wink des Begleiters, des heimlich verlockenden Führers,
Hab' er geöffnet die Thür; da sei schier tödtlich erschrocken
Else vor ihm: denn sie nicht hatte den Boten gesendet.
Beide nun hätten verwundert sich lang, dann seien des Herzens
Triebe vom Neuen erwacht, und erst am grauenden Morgen
Hab' er verlassen das traute Gemach. So erzählte der Jüngling.

Schweigend vernahm es der König. Nun aber, gewendet zu Elsbeth,
Spricht er: »Du hast ihm geschworen unendliche Liebe und Treue?« –
Und es war, als träte das sämmtliche Bittre dem König
Jetzt auf die Lippen, was längst schon gährend das Herz ihm erfüllte,
Und als müßt' er nun strafen an einem unseligen Haupte,
Was ihm empört das Gemüth, seit Sions Blüte verderbt war.
»Siehe, du brachest dem Gatten, dem König die Ehe: den Tod so
Hast du verdient. Doch vernimm! Um mich nicht sollst du ihn leiden,
Nein, du sollst ihn erleiden, dieweil du gebrochen den Treuschwur,
Den du dem ersten Geliebten gethan einst! – Nicht für die Buhlnacht
Tödt' ich dich: für das Geschwätz von unendlicher Liebe und Treue
Stirbst du! – Was weißt vom Unendlichen du, armselige Puppe? –
Knipperdolling, versieh' dein Amt! – Ich wollte, die Weiber,
Die von Unendlichem schwatzen, ich wollte, sie hätten zusammen
Nur einen einzigen Hals« . . .
                                                Er sprach's; es ergriffen die Schergen
Else, das zitternde Weib. –
                                            In seines Palastes Gemächer
Wiedergekehrt war Jan. Doch Ruh' nicht ließ ihm des Herzens
Wilde Bewegung. Noch einmal, bevor sich neigte die Sonne,
Schritt er aus dem Palast, auf dem Walle zu halten den Rundgang,
Wie nicht selten er that. Ihn begleiteten Diener und Freunde:
Knipperdolling und Krechting, und Lips, und der riesige Tylan.
Über den Markt hin schritt er, nachdem er verlassen den Domhof.
Aber entlang dann wandelnd die Straße des heiligen Mauriz,
Ostwärts immer sich wendend, bestieg er die Mauerumwallung,
Nahe dem Maurizthor, von welchem ein weidenbesetzter
Weg, anmuthig im Sommer, zum Maurizstifte sich hinzog.
Frisch aufathmete Jan, nachdem er verlassen die dumpfe
Stadt, und die freieren Lüfte des Walls ihm bestrichen das Antlitz.
Über den Wall, der schräg sich nach außen zum Graben hinabsenkt,
Jenseits neu sich erhebt, von Sträuchern und ragendem Pfahlwerk
Dicht umzäunt und gekrönt, und vom äußeren Graben umgürtet,
Blickt er hinweg, läßt schweifen hinüber den Blick zu den Zäunen
Und Erdwällen und Schanzen und Gräben des feindlichen Lagers,
Und zu den Zelten dahinter des tapferen Wilcke von Stedinck,
Der mit dem siebenten Theile des Heer's dort hatte den Standort
Gegen das Maurizthor, bei dem Kloster des heiligen Mauriz,
Welches nun lag in Trümmern, verbrannt und zerstört und geplündert.

Aber es sieht auf dem Walle der König die Streiter von Sion
Müssig lungern und schwatzen. Karthaunen auf riesigen Rädern
Stehn nach dem Lager der Feinde gekehrt, und es lagern um sie her
Sich bei Würfelgeklapper und wüstem Gesange die Männer,
Gleich Landsknechten verwildert, mit bleichen, verlebten Gesichtern.
Und sie grüßen den König mit heiser'm Geschrei. Nach des Tages
Kleinen Begebnissen forscht er: der Männer Bedauern vernimmt er,
Daß sich halte so feig der Belagerer hinter den Schanzen,
Kaum noch biete die Stirne zu flüchtigen, kleinen Scharmützeln.
»Wahrlich«, so klagte der Eine, wenn nicht durch verwegenen Ausfall
Wir sie kitzelten manchmal hervor, sie hätten sich längst schon
Ganz in die Erde vergraben; sie wollen nur sichern die Haut sich:
's ist, als wären sie selbst die Belagerten, wir die Belag'rer.
Die Maulwürfe! Das führt statt Büchsen nur Schaufel und Spaten,
Wechselt noch kaum einen Schuß!« – »Um so besser!« erwidert ihm Krechting,
»Denn so sparen wir Kugeln!« – »Bei Gott, die werden in Münster
Rar wie der Mundvorrath!« entgegnet ein And'rer; »mit Kieseln
Laden bisweilen die Stücke wir schon!« – »Was sollten sie schießen?«
Ruft ein Dritter; sie denken, es macht uns mürb' schon der Hunger!
Und wahrhaft! kaum haben das Salz wir, geschweige die Butter
Noch zum Brod. Vor Monden, da stachen wir ältere Gäule
Zahlreich nieder, dieweil uns des Heu's Vorrath und des Hafers
Droht' auf die Neige zu geh'n: gebt Acht, bald wird uns gereuen,
Daß wir so schnöde verscharrten das Fleisch!« – »Es erboßten sich Manche«,
Fügt' er lächelnd hinzu, »vorlängst, in besseren Zeiten,
Als der Prophet vorschrieb den sionischen Bürgern, die Thüren
Allwegs offen zu halten: es liefen da Einem die Ferkel
Oft in die Stube hinein; nun aber, o Himmel, wie gerne
Öffnete Jeder die Thür, wenn ein Ferkel ihm lief' in die Stube!« –

»Schweig, Pfahlbürger!« so rief, sich erboßend, der bucklige Krechting;
Feige nur schwatzen von Mangel! Wir haben noch etliche Hundert
Kühe, wir haben auch voll noch etliche Zuber mit Fischen.
Auch ist gepflügt und besamt, was im Weichbild Münsters von freien
Grasigen Plätzen vorhanden. Bereits inmitten der Stadt hier
Wächst uns die Rübe, der Kohl, und was sonst noch eben gedeih'n mag.
Aber ich denke, wir brauchen es nicht: denn ehe die Saat noch
Völlig gereift, anrücken auf Münster die Schaaren der Helfer,
Uns zu entsetzen. Und dann erst, Brüder, begründen das Reich wir,
Wo sich's lohnt, daß man Bürger sich nennt und Streiter von Sion!
Dann erst wird sie beginnen, die Zeit der ergiebigen Ernte!
Dann erst fallen die Güter der Erde bequem in den Schooß uns,
Daß wir d'ran uns erlaben! Der Blitzstral treffe den Feigling,
Der auf Ergebung sinnt! Ausharren wir bis zum Entsatze,
Und bis für Alles, was etwa in Hunger wir leiden und Mühsal,
Reif die Entschädigung ist in reichlichem Maße – so mein' ich's!« –

Also Krechting. Da riefen mit funkelnden Augen die Männer:
»Ist uns in Freiheit und Freuden zu leben bestimmt für die Zukunft,
Wollen wir baß noch hungern und harren und spotten der Drangsal;
Haben gelernt frei sein, froh werden des Lebens: ein Schelm ist,
Wer da zurück noch wollt' in die Bande verrotteter Satzung!« –

Schweigsam setzte der König fort auf dem Walle den Rundgang,
Kam an die Stelle, wo ragte die luft'ge Servatienkirche,
Und das Servatienthor durch einen befestigten Rundbau
Führte von Münster hinaus auf die Südoststraße gen Wolbeck;
Schritt dann weiter vorüber am jetzo verlassenen Kloster
Nitzing, wo einst – ein verschollener Traum! – er Hilla gefunden,
Auch vorüber am Nitzingthurm, zum Ludgerithore,
Nahe der Ludgerikirche, wo südlich die Straße nach Hamm läuft:
Dort sah man in Gezelten, unferne der Stadt, von des Bischofs
Heere gelagert den Theil, den Albert Corytzer führte.
Weiter sodann zum Ägydienthore gelangte der König,
Im Südwesten der Stadt, wo durch wiesige Gründe der Aafluß
Tritt in die Stadt, sie durchschneidend und nördlich sie wieder verlassend.

Hier scholl gräuliches Lärmen dem wandelnden König entgegen:
Streiter von Sion fand er bezecht, sich mit heftigen Worten
Und Faustschlägen befehdend. Ein Weinfaß wars, das einander
Sich da bestritten die Männer, am Boden es hierhin und dorthin
Zerrend in schwankendem Kampf. Erst als sie erblickten den König,
Ließen sie ab, und standen der Frage des Zürnenden Rede.
Und er vernahm, wie vom Wall sie erspähend die günstige Stunde,
Keck vor's Thor sich gewagt und erklettert den feindlichen Erddamm,
Dort sich kecklich gestürzt auf ein abseits lagerndes Häuflein,
Glücklich erbeutet daselbst nach heft'gem Scharmützel ein Weinfaß,
D'raus sie dann auf dem Wall mit Gesang und Lärm sich bezechten,
Sitzend im Kreis umher, bis and're sionische Brüder
Traten zu ihnen, erblickten das Faß und heischten vom Labtrunk
Für sich selber den Theil nach dem Rechte der Gütergemeinschaft:
»Wollt ihr den Theil vom Trunk«, so hatten sie ihnen erwidert,
»Nehmt erst den Theil von den Püffen, für welche den Trunk wir gewonnen!« –

Und so waren sie hart an einander gerathen. Es tadelt
Zürnend der König die Raufer, und Krechting, der Ordner, gebietet,
Ohne Verzug in die Vorrathskammern zu liefern den Weinrest.

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