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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 16
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
created20040925
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Achter Gesang.

Neues Leben.

                            Wieder begrünt sich die Flur und stets noch lagert des Bischofs
Heer unthätig vor Münster, bedacht, statt ferneren Angriffs,
Nur zu umzirken die Stadt und ihr zu verwehren die Zufuhr.
Aber im Innern von Sion, da reifen dämonische Saaten
Mächtig entgegen der Sense. Veränderte Weise der Ehen
Zeugte veränderte Sitte, verändertes Leben, und weiter
Auf abschüssiger Bahn hinleitet der tückische Krechting
Sions müßiges Volk. Wol stemmen entgegen sich Manche:
Zwietracht lodert beständig, entzweiend die Männer, die Frauen.
Kaum ist in Münsters Bann zu entdecken ein jüngeres Weib noch,
Welchem geschändet das Antlitz nicht von der älteren Frauen
Grimm und Neid. Doch befehden die Frau'n sich zu Münster, befehdet
Sich auch der Männer Geschlecht um die mannbar-blühenden Jungfrau'n.
Und es erweisen sich spröde die Blühenden, folgen dem jüngern,
Stattlichen Mann und verschmähen den alten und ruppigen Freier –
Endlich entscheidet den Streit auf dem Markte die Bürgerversammlung.

Knipperdolling nun auch, ja der ehrliche Knipperdolling,
Welcher mit Weib und Kindern vordem hinlebte so friedlich,
Läßt sich beschwatzen vom Freunde, dem höck'rigen, grinsenden Krechting,
Daß er nach Hause sich führt ein zweites und jüngeres Weibchen.
Aber er büßt es schwer. Mit Thränen und schmerzlichem Vorwurf
Tritt ihm die ältere Gattin entgegen; doch schlimmer die reiche
Mutter der Gattin, das rüstige Weib, das im Hause des starken,
Doch gutmüthigen Mann's stets führte die Zügel der Herrschaft.
»Trunkener Wicht!« so schallt ihr Gruß ihm; »was soll's mit der Dirne?
Was? ein jüngeres Weibchen? du Gott- und Ehrevergess'ner,
So weit ist's nun gekommen? so weit nun hat es der schnöde
Krechting mit dir gebracht, der erst zum Zechen und Schlemmen,
Und nun gar dich verführt zu den Gräueln der Türken und Heiden?
Wie? du wagst es, in's Haus, in mein Haus, wo ich an fünfzig
Jahr' in Ehren gewaltet und christliche Sprossen erzogen,
Jetzt eine Dirne zu bringen, ein Kebsweib? Was? du vermissest
Dich, der getrauten Gesponsin, den Kindern, den eh'lich erzeugten,
Unter die Augen zu geh'n mit der her da gelaufenen Fremden?
Sieh' es nur einmal an, dein Jüngstes« – sie nahm's aus der Wiege,
Hielt es ihm vor das Gesicht – »da sieh' das unschuldige Würmlein,
Welchem die Mutter du raubst, Unmensch! wie soll sie's ertragen?
Sieh', wie in Thränen sie schmilzt, wie das Herzleid völlig das Herz ihr
Abstößt – trunkener Gauch! das kannst du ruhig mitanseh'n?
Trolle dich fort aus dem Haus! Meinst du, ich fürchte dich etwa,
Und dein Schwert der Gewalt? Ich stoße zur Thüre hinaus dich –
Dich, mit der Dirn' und dem Schwert der Gewalt!« So ergoß die beredte
Wuth sich vom Munde der Alten; vertheidigen will der Verblüffte
Sich, doch umsonst: und zuletzt, wahr machend die wüthige Drohung,
Stößt die Entflammte den Sünder, den glotzenden Knipperdolling,
Kecklich zur Thüre hinaus, mitsammt dem erkorenen Weibchen
Und mit dem Schwert der Gewalt. Er hatte gelernt, sie zu fürchten,
Und so fügt' er auch jetzt sich und wich, mit schweigendem Ingrimm.
Und hinging er im Zorn, und klagte dem grinsenden Krechting,
Was ihm begegnet daheim. »Freund, laß mich machen!« erwidert
Der, und begibt sich ohne Verzug in das Haus des Vertrieb'nen,
Schlägt durch Helfer in Fesseln die Weiber, die Gattin, die rüst'ge
Mutter der Gattin dazu, und wirft sie vorerst in den Kerker,
Daß man sie richte demnächst ob ihres verwegenen Trotzes.

Und dann führt er zurück, gleichwie im Triumph, den Vertrieb'nen
In sein Haus, und mit ihm das erkorene jüngere Bräutchen.
Und da feiern sie nun mit anderen, munteren Freunden,
Auch mit Söhnen und Töchtern des wandernden Stamm's, und mit Gauklern,
Eine vergnügliche Nacht, in welcher für reichlichen Zutrunk
Krechting sorgt, und für andere Lust und andere Kurzweil.

Und auf des Königs Geheiß sich berufend, daß heitere Freude
Zieme dem Sionsreich
, anspornend zur Lust die Genossen,
Weiß es zu fügen der Wicht mit berechnender Tücke der Hölle,
Daß die Vermälung im Hause des ehrlichen Knipperdolling
Bald entartet zu frechem, zu schamlos wüstem Gelage:
Reichlich sprudelt der Wein, und es tanzen die braunen Zigeuner,
Tanzen bei Cymbalklang in frech-muthwilligen Sprüngen.
Aber es sieht noch Männer und Weiber der tückische Krechting,
Welche nur schüchtern zu theilen ihm scheinen das tolle Gebahren.
Diesen verweis't er mit schnöden, sophistischen Worten und Winken
Die blödsinnige Scheu. Vom Fleisch und den Sinnen beginnt er
Freche Verkündung. Wie öfter geschah, daß, wo Sioniten
Abendlich waren versammelt, begeistert sich Einer von ihnen
Plötzlich erhob, und zu künden begann, was der Geist ihm eröffnet,
So nun erhebt sich zu reden der schamlos-grinsende Krechting.
»Meint ihr wirklich«, so ruft er, »geliebteste Brüder und Schwestern,
Daß es sich also verhalte, wie Pfaffen es lehrten im Beichtstuhl:
Daß Kasteiung, Entsagung bezwinge den Löwen, der umgeht,
Suchend, wen er verschlinge? Den Löwen des sündigen Fleisches
Müßt ihr anders bezwingen! Ich lehr' euch bessere Mittel,
Stumpf sie zu machen, die regen, die allzubegehrlichen Sinne!
Ist es das Heimliche nicht, und das Seltene, und das Verbot'ne,
Was am Meisten uns reizt? Nun gut, ihr Brüder und Schwestern,
Macht's zum Gewöhnlichen, macht es zum Offenen und zum Erlaubten!
Reizt nicht doppelt die Hülle? Nun gut, so laßet das Nackte
Erst zum Natürlichen uns, zum Harmlos-Unschuldigen werden,
Und so wird es gar bald nicht reizen uns mehr noch verführen!
Sehet, so werden wir klüglich dem Trieb des Geschlechtes benehmen
Seinen gefährlichsten Reiz. Seid klug und behandelt ihn völlig
So, wie den Durst und den Hunger! Nur Eins ist im Stand zu ertödten
Völlig den Stachel: das volle, das unumschränkte Genießen.
Wie wer Süßigkeiten verkannt, und einmal vom Vorrath
Satt sich gegessen und voll, abstumpft die Begierde für immer,
So wird besser durch volle Gewährung als blödes Entsagen
In uns ertödtet das Fleisch und gebrochen der lüsterne Zauber,
Welcher die Heil'gen verwirrt, und am Schlimmsten die Frömmsten belästigt!«–

Also sprach er; er hatte, wie heut schon öfter gepredigt,
Immer bemüht, mit dem Hauch des ertödtenden, kalten Verstandes
Ganz zu verwüsten die Seele, das Menschengemüth zu entgöttern.
Ärgerniß gab er noch Manchen in Sion: doch Andere lobten,
Was er verkündet, der neue Prophet; bleichwangige Schwärmer,
Welchen entflammt war das Blut und gereizt schon längst durch des Schwärmens
Gluten, sie waren's, die jetzt den Gedanken begeistert erfaßten,
Die zum Heiligsten machten das Frechste – und schwärmten wie vormals.

Und als so die Gemüther entflammt der satanische Krechting
Durch sein Wort, durch den Wein, durch die Tänze der braunen Zigeuner,
Hin so gerissen sie schaute, berauscht, in schwärmendem Wahnwitz,
Nannt' er Sünde die Kleider und pries den Erglühten die Rückkehr
Zur Natur – dann mahnt' er sie, walten zu lassen im Dunkel
Frei die Sinne: das hieß er die letzte, die feurige Taufe . . .

Also entfesselt der Wicht, als der bräunlichen Divara Sendling,
All die Dämonen in Sion, und alle die finsteren Mächte,
Die da stets zu erwachen bereit, wenn mächtig ein Umschwung
Tief aufwirbelt die Geister, enthüllt manch' schaurigen Abgrund . . .

Jetzt, beim Fest der Vermälung des trunkenen Knipperdolling,
Triumphirend gedachte zu führen der grinsende Krechting
Alle die häßlichen Gräu'l auf den Gipfel der schnöden Entartung:
Weit war gediehen die Nacht – trüb flackernd erloschen die Lampen:

Aber in diesem Moment urplötzlich von mächtigen Schlägen
Dröhnte die Pforte des Hauses. Es schracken die trunk'nen Genossen
Auf aus der wüsten Berauschung. – Was dröhnt vor der Thüre, den Fenstern,
Nächtlicher Lärm? –
                                  Längst hatten sionische, ernstere Männer,
Welchen erschien mißfällig das neueste Treiben in Sion,
Sich im Geheimen verschworen. Und diesen bewaffneten Meut'rern
War es gelungen bei Nacht, zu besetzen den Markt und das Rathhaus.
Jetzo hatten umzingelt die stürmenden Männer das Haus auch,
Wo zuchtlos sich ergetzten soeben die wüsten Gesellen.
Und sie besetzen den Ort, und leicht, mit verwegenem Handstreich,
Greifen sie Krechting, den Wicht, und den trunkenen Knipperdolling,
Fesseln sie, schleppen vorerst sie hinweg in finst're Verließe.

Aber sie dringen nunmehr voll Muth in des Königs Palast auch.
Und dort sprechen zu Jan die Rebellen: »Wir wissen, gebilligt
Hast du die Neuerung nicht: so tritt denn an unsere Spitze!
Wirf dich mit uns, den Getreuen, entgegen den Schreiern des Marktes!« –
Doch es erwidert der König: » Ich habe geschworen, der Mehrzahl
Willen zu achten!
Zurück in die Scheide das Schwert, Sioniten!« –
»Gibst du solchen Bescheid«, so rufen nunmehr die Rebellen,
Giltst du als Feind uns auch, wie die Anderen, und wir ergreifen
Dich als Gefang'nen: ergib dich, du bist in uns'rer Gewalt nun!« –
Und andringen die Männer, zu faßen ihn. Aber der König,
Hastig entreißt er dem einen der beiden erschrocknen Trabanten,
Die ihn umgeben, den Speer, und schleudert gesenkt ihn vor sich hin,
Daß in den Boden er fährt, aufragend mit zitterndem Schafte,
Zwischen der tobenden Schaar und ihm: dann ruft er mit kühner
Ruhe, gebietenden Blickes, den Dolch im Gürtel entblößend:
»Sehet den Grenzpfahl, Männer: im Boden die Lanze! der Erste,
Der nicht achtet die Mark, ihn trifft ein vernichtender Stahlblitz!« –
Und schon tritt auch heran, zur Seite des Königs, die braune
Königin Divara, sie, die als Zauberin gilt, wie als Heldin:
Da entweichen sie scheu vor dem trotzigen Paar, die Rebellen,
Lassen hinaus vor die Thür von Trabanten wie Hunde sich stoßen . . .

Aber es haben inzwischen ermannt sich die anderen Bürger,
Ziehen heran zu bekämpfen die meut'rischen Haufen: ein Speerkampf
Tobt durch die Gassen der Stadt und der Markt ist die blutigste Wahlstatt.
Bald ist gänzlich bewältigt die kleinere Schaar, auch die Rathhaus-
Pforte gesprengt, und gezogen aus finsteren Kerkerverließen
Knipperdolling und Krechting. Gefangen dafür und gefesselt
Wird Mollhecke, der Schmied, der Erreger und Führer des Aufruhrs,
Sammt den Genossen. Es schallt siegfreudiges Lärmen. Die Volksschaar
Jauchzt den Befreiten entgegen, und lästert die bleichen Gefang'nen,
Fordert, zum Tod sie zu führen, die Frevler, die Feinde von Sion.

Plötzlich auf weißlichem Zelter erscheint im Gedränge der König,
Und es verstummt das Gebraus. Nach dem ernsten Gesichte des Jünglings
Kehrt sich jeglicher Blick. Da beginnt er zum Volke zu reden:
»Bürger von Sion!« spricht er, »gedenkt ihr noch, daß zu stiften
Jüngst wir strebten ein Reich, wo zwanglos sollte, gesetzlos
Herrschen in Frieden das Recht, und wo nicht mit dem Schwerte des Henkers
Einzelne sollten gebieten: die sämmtliche Bürgergemeine
Sollte, von höheren Licht's Glutstralen erwärmt und erleuchtet,
Heil'ger Begeisterung voll, nachleben dem inneren Worte!
Und nun entweiht die Entartung bereits und die gährende Zwietracht,
Und das vergossene Blut, und die wilde, barbarische Rachlust
Diese erkorene Stätte? Besinnt euch, Brüder in Sion!
Ja, wol sollte der Wille des Volkes dem Volke Gesetz sein;
Und mein Wille war Eins noch jüngst mit dem Willen des Volkes
Tief durchdrungen, so dacht' ich mir eure Gemüther, wie meines,
Von dem erlösenden Geiste, der führt zum Guten und Rechten!
Und so wähnt' ich mich stark: mit euerem Willen den meinen
Eueren Kräften die meinen verbündet – zu siegen in diesem
Zeichen vermeint' ich! Wenn aber in euch nun erloschen der Funke,
Richtet ihr bald euch selbst, und das wankende Sion begräbt uns
All' in schmählichem Sturz! – Ein Reich zwar der Freiheit ist Sion,
Aber ein Reich auch der Lieb' und des reinesten Wandels im Lichte!
Laßet den edleren Geist uns erneu'n, und vor Allem verstummen
Laßt den barbarischen Ruf nunmehr nach dem Blute der Brüder!« –

Also der mahnende König und Beifall ruft ihm die Menge,
Und schon neigen, bezwungen, zur Milde sich alle Gemüther.
Aber wie rasend erhebt alsbald sich der zornige Krechting,
Rauft sich vom Haupte das Haar und ruft dreimaliges Wehe.
»Wehe der heiligen Freiheit«, so kreischt er, »wehe den Führern
Sions, und weh' uns Allen, den rechtlichen Bürgern von Sion,
Wenn der Verrath sein Haupt straflos hier wagt zu erheben!
Wer hat begonnen den Streit, unbrüderlich-mörd'rischen Aufruhr?
Wir nicht, wahrlich, die wir nun das Blut der Verruchten verlangen!
Jene nur sind's, die geheim sich verbündeten gegen die neue
Ordnung, und gegen den heilig zu achtenden Willen der Mehrzahl!
Sollen wir werden den Feinden zum Raub, wehrlos, den Verräthern?
Feinde genug schon sind vor dem Thor, auf dem Wall zu bekämpfen:
Sollen wir selbst sie noch hegen und füttern inmitten von Sion?«

Krechting ruft's, da erhebt sich erneut und verstärkt um den König
Wieder der wüthige Ruf im Volk nach dem Blut der Gefang'nen:
»Laß uns entscheiden, o König«, so riefen sie, »laß uns entscheiden,
Wie es gebührt nach dem Brauch der sionischen Bürgerversammlung!« –

Stumm abwendet sich, grollend, vom lärmenden Volke der König,
Finsteren Ernst im Blick, auf den Lippen ein bitteres Lächeln . . .

»Ei«, rief Krechting, als Jan entschwunden den Augen der Menge,
»Wenig nur hätte gefehlt, so hätt' euch Alle der edle
Liebling der Weiber auf's Neue beschwatzt! Natürlich, der schlanke,
Zierliche, glatte Gesell mit geringeltem Haar und mit hellen
Augen, der hat euch nun einmal verzaubert! Was ist doch dagegen
Solch ein höck'riger Wicht, wie Krechting – der häßliche Kobold!
Aber ich sag' euch, der edle, geschniegelte Junge von Leyden
Ist ein Tyrann: vor'm Munde hinweg euch schnappt er die Freiheit
Nächstens, verräth euch zuletzt an die wüthigen Knechte des Bischofs,
Oder, bevor's an den Kragen ihm geht, mit den Schätzen von Sion
Macht aus dem Staub er sich fort! – Gebt Acht, ihr Männer! mißtraut ihm!
Laßt nicht kommen zu Wort ihn und hört auf den ehrlichen Krechting!

Wißt ihr, welche das Volk muß immer erkiesen zu Führern?
Leicht ist die Sache. Wer ruft: »Nur vorwärts immer, nur vorwärts!«
Folgt ihm blind! Doch wer ängstlich ruft: »Wir können, wir dürfen
Nicht mehr weiter, es stößt uns die Nase bereits an die Mauer« –
Hängt ihn, es ist ein Verräther! – Wie lang noch läßt sich von blödem
Schwärmergefühl nasführen die Menschheit? Den kühlen Verstand laßt
Einzig reden! Und darum hinweg auch mit der verruchten
Ehrfurcht vor dem Tyrannen, dem zierlichen Helden von Leyden!
Sagt doch, wer hat ihn gemacht zu dem, was er ist, als wir selber?–

Also geiferte lang noch der tückische Krechting, den Jüngling
Schmähend, und preisend mit Eifer die nüchterne Kühle des Herzens . . .

Aber es hatten inzwischen allmälig am Himmel sich schwarze
Wolken zusammengeballt, und Donner begannen zu rollen,
Störend zuweilen die Rede des Wichts, wie mit grollendem Einwurf.
Plötzlich zuckt aus den Wolken ein Blitz und schlägt in den Boden
Hart vor dem Sprecher. Da faßte das Volk ein gewaltiger Schrecken.
Einige riefen: »Da sehet, der zürnende Himmel bedräut ihn,
Weil er den König gelästert.« – Als Krechting Solches vernommen,
Mächtig befiel ihn die Wuth. Wie toll aufkreischt er: »Ihr Tröpfe,
Bleibt ihr doch ewig dieselben! – Mich schrecket er nimmer mit seinem
Blitz und Donner, der Himmel! – Ich geb' ihm's treulich zurücke!
Droht er, so droh' ich ihm auch! Fletscht er nach unten die Zähne,
Will ich sie fletschen nach oben! Wir haben auch Donner und Blitze,
Ganz so gut wie die seinen: ich will's euch weisen, ihr Memmen!« –

Rief's und sprang, wie vom Taumel ergriffen, zur Riesenkarthaune,
Die da stand auf dem Markt, ließ richten gen Himmel die Mündung,
Faßte die Lunte sodann, losbrennend das Stück, daß die eh'rne
Kugel empor mit Gekrach in's finstere Wettergewölk flog . . .

Heimlich erbebten die Männer. Nur Divaras braune Gesellen
Sprangen dabei vor Lust, mit gellendem wildem Gelächter. – –

Aber der König, er lebt nun wieder in seinem Palaste
Einsam hin, stillgrollend. Es knirrscht der gefesselte Wille
Wie ein umgitterter Leu im Busen des feurigen Jünglings.
Selten nur tritt er hervor, auf dem Walle zu halten den Rundgang,
Oder auf offenem Markte zu schlichten die Zwiste der Bürger;
Alle die übrige Zeit, freudlos in seinem Palaste
Schwindet sie ihm: es zerstreut die Gedanken, die trüben, ihm einzig,
Schweigend zu schau'n in die feurig-unheimlichen Augen der braunen
Divara, oder zu hören die muntere Rede des Schalksnarrn.

Wieder nun tritt vor den König der Narr. »Jan«, ruft er, »ich bitt' dich,
Laß doch köpfen die Leute, die immer mich necken und hänseln,
Weil mir die Meine genug noch immer und übergenug ist!
Himmel! das fehlte nur noch, daß heim ich brächte der trauten
Ehegesponsin ein neues, ein junges sionisches Weibchen!
Kam da kürzlich so Einer von Krechtings Leuten und schwatzte
Viel von dem neuen Gebrauche mit mir, so daß sie es hörte;
Und er bewies haarscharf, daß null und nichtig die alten
Ehen, daß Kebsin sei die Gesponsin des Anabaptisten,
Wenn er nicht auf's Neue nunmehr ihr vor Zeugen die Hand gibt.
Jetzo begann mein trautes Gemahl auch den Punct zu erörtern,
Und sie zerkratzte dem Mann sein Pockengesicht, daß er aussah,
Wie ein Sperling, den eben gezaust in den Klauen der Habicht.
Siehst du, es wollen die Weiber, zumal die mit schärferen Nägeln,
Mit Erzvätergebrauch in der Ehe sich nimmer befreunden!
Knipperdolling sogar, ja, der ehrliche Knipperdolling,
Der so behaglich daheim aufpäppelte früher die Kleinen,
Und an der Wiege des kleinsten vergnügt sang Eiapopeia,
Wenn er nicht auf dem Markt als Volksaufwiegler sich umtrieb,
Hat es erlebt mit Schrecken, als Krechting ihn tückisch beschwatzte,
Was es bedeute, nach Hause zu führen ein jüngeres Weibchen! –
Aber das Kratzen und Beißen, es hilft nichts! »Wachset und mehrt euch«
Bleibt doch das höchste Gesetz und die neueste Losung in Sion.
Und sie sagen: Bemannt muß jegliches mannbare Weibchen
Sein fortan, und beweibt muß jeglicher mannbare Mann sein,
Mindestens doppelt! Es danken dafür vom Herzen dem Himmel
Sämmtliche Häßliche nun, und die Ältlichen, wie auch die Nonnen,
Welche den Münster'schen Klöstern entlaufen: sie hoffen nun alle
Unter die Haube zu kommen. Es waren der mannbaren Weiber
Immer zu viel in Münster, der mannbaren Männer zu wenig:
Aber nun droht auf die Neige zu geh'n von Jenen der Vorrath,
Und so finden Bewerber mit dreizehn Jahren die Mägdlein.
In der Ägydienstraße, da wohnt, seit Menschengedenken
Als Wehmutter bekannt, ein Weiblein, die Knupperin heißt sie:
Die nun errichtete kürzlich in ihrer Behausung ein kleines
Hospital für die zwölf- und die dreizehnjährigen Töchter
Sions, an welchen sich nicht zum Besten bewährte das Sprüchlein:
»Zeitig gefreit, hat Keinen gereut!« – Ei, hätt' es denn Einer
Vormals den Schwärmern, den bleichen, die sonst aufschlugen die Augen,
Nur gen Himmel sie fromm zu verdreh'n, nur schwatzten vom Geiste,
Zutrau'n mögen, daß einmal bei ihnen das Fleisch so gesucht wär'?
Ja, die Verzückung, ob geistlich, ob weltlich, sie kommt doch am Ende
Immer dem sündigen Fleische zu gut! Und so ist's erklärlich,
Daß bleichwangige Schwärmer mit Krechting bereits in die Wette
Predigen hie und da, in Männer- und Weibergesellschaft,
Neue und lustige Mittel der Fleischabtödtung im Großen.
Aber wozu denn brauchen wir erst subtile Begründung?
Viele schon haben geübt und gelehrt durch thätiges Beispiel,
Was nun die Schwärmer verkünden: vor Allem die braune Cohorte
Divaras, Kinder der freien Natur, als schönes Exempel
Leuchtend vergnüglicher Freiheit, wie Bären und Wölf' in der Wildniß –
Sie, die dem neuesten Leben die Bahnen gebrochen in Sion!« –

So der geschwätzige Lips, und schweigend, mit bitterem Lächeln
Horchte der König. Da trat in die prangende Halle mit einmal
Sinnend ein lange Verscholl'ner, der bleiche, der düstere Rottmann.
Lange verschwunden dem Aug' der Befreundeten und der Gemeine,
Weilt' er im stillen Gemach, um Blätter auf Blätter zu füllen,
Stolz fortträumend den Traum vom Reiche der Freien und Reinen,
Und nicht wissend, daß längst im unaufhaltsamen Umschwung
Ganz sich verändert die Welt und Sion geworden zu Babel.
Und nun bracht' er dem König mit stralendem Auge die neu'ste
Schrift » von den Herrlichkeiten des göttlichen Reiches auf Erden
Mächtig hatt' er zuvor die Gemüther entflammt durch ein Büchlein,
Das » Von der Rache« benannt; nun hofft' er, die Bürger des neuen
Israel neu zu erbau'n, und der übrigen Welt, die auf Münster
Blickte vertrauend, zu senden geflügelte Grüße des Heiles.

Doch schwermüthiges Lächeln umspielte die Lippen des Königs.
»Glücklicher Träumer!« so rief er, »in deinem begeisterten Büchlein
Lebt noch Sion in alter, in nimmer verkümmerter Reinheit:
Aber uns Anderen ist's vor den nüchternen Augen zerronnen!« –

Lärm und verzücktes Geschrei scholl jetzt von dem Platze des Domhofs
Bis zu des Königs Gemache hinauf. An's geöffnete Fenster
Winkte der König den Freund. Da sahen sie unten im Volksschwarm
Einen Verzückten mit wüstem Geschrei wie toll sich geberden,
Predigend und weissagend – ist schnöde bezecht der Geselle,
Oder ergriffen vom Geist? Hinwandelt er, mahnend zur Buße,
Drehend das Haupt und die Augen empor, ausrufend: »des Himmels
Herrlichkeit seh' ich erschlossen in stralendem Glanz dort oben!«
Aber zugleich, nicht achtend des Wegs, und starrend nach aufwärts,
Strauchelt er, taumelt und fällt, stürzt über den Haufen des Kehrichts,
Der da lag: und hier, so wie er gefallen, so blieb er
Liegen gemach und schwieg und entschlief auf dem Haufen des Kehrichts.

»Sieh«, sprach Jan, zum Freunde gewandt, »hier stellt sich dir Sions
Jüngstes Geschick im Bilde vor Augen: es hat sich in wüsten
Rausch die Verzückung gewandelt, und während wir glaubten, den Himmel
Offen zu seh'n, sind schmählich gestrauchelt wir über den Kehricht!
Und da liegen wir nun! – O Rottmann! siehe das Wort ist
Fleisch geworden
– doch wehe, das Fleisch ist geworden zum Aase« . . .

Rottmann blickte verwirrt, stumm schritt er von dannen und sinnend.
Horch, da scholl ein Geknatter herüber vom Markte. Der König
Lauschte dem Knalle der Büchsen. »Was ist das?« rief er, »O gar nichts«,
Sagte der Narr; »es beeilen sich bloß auf dem Markte die Bürger,
Abzuthun die Rebellen, die man zum Tode verdammt hat.
Einfach ist das Verfahren: man lehnt an die Mauer in Reihen
Sie mit dem Rücken, ein Graben vor ihnen; nun knallt's, und es taumeln
Mit durchschossener Brust in die offene Grube die Bursche« . . . –

Wild aufflammte der Groll in des Königs Gesicht; ein Erblassen
Folgte der Röthe. Da lächelte Lips, sich vertraulich ihm nahend:
»Sag' einmal, Freund Jan, wie ich höre, so bist du als König
Hier zu Lande bestellt?« – Es erwidert mit bitterem Lächeln
Jan: »Ei, Scepter und Kron', Prunkkleider und goldene Schätze
Hab' ich, doch sieh', mein Lieber, als wirklicher König beherrsch' ich
Nur noch Zwei, die verläßlich und treu, und die blind mir gehorchen« . . .
Also der König und wandte den Blick nach dem Winkel der Halle,
Wo ein riesiges Paar von Rüden in Ruhe gestreckt lag.
»Hab' dies Paar mir weislich gesellt«, sprach weiter der König,
»Seit dem Tag, wo in meine Gemächer die Meuterer drangen.
Über die Beiden allein darf ohne Beding ich verfügen,
Ohne zu fragen vorher die berathende Bürgerversammlung.
Und wenn Meuterer wieder, wenn stürmende Knechte des Bischofs
Einst mich siegend bedrängen, so werd' ich zuletzt doch allein nicht
Steh'n – als König noch fall' ich, umgeben von meinen Getreuen!«

»Jan«, gab Lips ihm zurück, »Jan, höre, du hättest das Zeug doch
Für einen wirklichen König: ich habe mir lassen erzählen,
Daß vormals in der Schlacht, als von Blut durchtränkt war das Erdreich
Schier wie ein Schwamm, und die Kugeln so dicht von hüben und drüben
Flogen, daß hie und da mit den Köpfen sie prallten zusammen –
Daß du benommen dich da wie ein jugendlich feuriger Kater,
Wenn er ein Mäuslein fängt, sein erstes im Leben . . . Du wärest,
Sag' ich, ein wirklicher König; doch für einen wirklichen König
Ist nicht Platz, wo die Freiheit herrscht . . . geh' unter die Wilden,
Unter die Mohren, o Jan, um ein Königreich dir zu gründen!
Hier ist nichts mehr zu thun . . . hier kannst du höchstens noch König
Über die – Königin sein . . . und auch das ist schwer – denn die braune
Divara scheint mir so wenig als du zum Gehorchen geboren.
Nimm dich in Acht, Freund Jan, vor der Braunen; es wäre doch traurig,
Jan, wenn es käme so weit, daß in Sion du nicht einmal König
Über die Königin wärst . . .
                                            So neckte mit Lächeln und Blinzeln
Lips van Straaten, der munt're, den schweigenden König, nach rückwärts
Schreitend hinweg aus der Halle, mit drohend gehobenem Finger.
»Ehrlicher Lips!« spricht Jan bei sich, »wol ist sie, die braune
Divara, fähig zu herrschen, mit Zauber sogar auch ein freies,
Stolzes Gemüth zu umspinnen! – Es drängt das entartete Sion
Auf mich selbst mich zurück, und meinem unendlichen Drange,
Großes und Hohes zu schau'n, das über dem Flachen und Schalen
Ragte, mit welchem die Welt mich umgibt, will nichts mehr begegnen,
Als dies seltsame Weib! – Wie nenn' ich den tückischen Zauber,
Welchen sie übt? ich glaubte, das Weib, es könne den Mann nur
Durch die gewaltige Minne beherrschen, zu welcher das Herz sie
Heiß ihm entflammt – nun seh' ich, es gibt noch andere Künste,
Höllische Künste vielleicht, durch welche die Weiber bestricken . . .
Nicht ist's der Liebe Gefühl – o niemals könnt' ich sie lieben,
Wie ich Hilla geliebt: ich hasse sie – hasse das braune
Schmiegsam-begehrliche Weib mit den ruchlos blickenden Augen!
Nur als ein wunderlich Räthsel erscheint sie mir, welches zu lösen,
Ganz zu ergründen mich reizt, und ich meine, je mehr ich's ergründe,
Müss' in mir wachsen der Schauder, der heimliche, den sie mir einflößt . . .

Während des Weibes, des schnöd ihn verwirrenden, dachte der König,
Trat sie herein in die Halle, die Stirn von Wolken des Unmuths
Leicht umsäumt. Sie begrüßte den Sinnenden ernst nur und wortkarg.
Und er sprach: »Was blickst du so finster, o Divara? Dir ziemt's,
Heitern Gemüthes zu sein, um das meine zugleich zu erheitern!
Laß auch heute wie sonst mich den Klang der Theorbe vernehmen,
Die, so oft dein Finger sie rührt, gar feurig und seltsam
Zu mir spricht, und das Herz mir befreit aus Banden der Schwermuth!« –

Divara schüttelt das Haupt, bleibt spröde, verschlossen und schweigsam.
Ernster in sie dringt Jan, unmuthig. »Du hast ja nun Alles«,
Ruft er, »was du gewollt. Zur Königin selber in Sion
Wardst du erhöht, o Weib! was bliebe dir weiter zu wünschen?« –
Und sie spricht: »Du verachtest mich, Jan! Zur Genossin des Thrones
Machtest du Divara, schmücktest das Haupt ihr mit goldener Krone,
Ehrest die Königin endlich in ihr, nach dem Winke des Schicksals,
Doch du verschmähest das Weib. Fremd ist's noch stets dem Gemüthe,
Fremd ist's dem Lager des Königs . . . wie trüg' ein Weib die Verschmähung?«

Ihr entgegnete Jan: »Es berief zum Thron dich das Schicksal,
Wie du sagst, die Geburt, und ein königlich Wollen im Herzen,
Und im Kampfe der Muth. Doch in welchen Gestirnen geschrieben
Fandst du den Herzenstribut, den von mir du wagst zu verlangen?« –

Also Jan, da entfärbte die Wange der Stolzen sich zornblaß,
Höhnisch zuckte die Lippe, der Augstern funkelte seltsam:
Und sie sagte: »Du fragst, in welchen Gestirnen geschrieben
Stand dein Herzensgeschick? o ganz in denselben Gestirnen,
Welche zur Taufe geleuchtet am tosenden Sturz in der Davert:
Denn zur selbigen Zeit, als oben ihr standet im Mondlicht,
Euch zu verschwören, ein Reich zu begründen der Freien und Reinen,
Sieh, da verschwor auch Divara sich tief unten in stiller
Schlucht mit mächtigen Geistern . . . ist nicht ein leises Gekicher
Bis zur leuchtenden Höhe gedrungen, auf welcher ihr standet?
Ei, ihr vernahmt's wol nicht, da ihr glühtet in heil'ger Begeist'rung?« –

Also ruft sie, und drohend zum zaubergewaltigen Mannweib
Scheint empor sie zu wachsen: Doch nein – schon umgürtet sie wieder
Sich mit verlockendem Reiz: schon lächeln sie wieder, die kirschroth
Blühenden Lippen, es schimmern die blendenden Zähne wie Perlen.
Schmeichlerisch nahet sie Jan, und drängt mit den schmiegsamen, heißen
Gliedern sich scherzend an ihn, indeß hinunter den Nacken
Wogt ihr dunkles Gelock. »Laß ab, nach Sternen zu fragen!«
Spricht sie. »Bebst du zurück, mein Held? Schreckt Divaras Drohung
Dich? o nein! du bebst vor der feurigen Liebe des Weibes!« –

Sprach's, da lächelte Jan, und wie in Gedanken vor sich hin
Sprach er das Wörtlein Liebe. »Du Tochter des wandernden Stammes,«
Rief er sodann, »sprich, kennst du die Liebe? zu wissen verlangt mich,
Ob Natur sie dir gab – ob diese durchbohrenden, dunklen,
Ruchlos lockenden Augen erglüh'n auch könnten in Liebe,
Nicht in wilder Begier allein und im Rausch der Entzückung?
Wahrlich, das möcht' ich ergründen! und wer die Frage mir lös'te,
Lohnen ihm wollt' ich es gern mit der Hälfte der Schätze von Sion!
Kann ich doch selbst nicht sagen, warum dies Räthsel so mächtig
Lockt mein thöricht Gemüth! Bei Gott, nicht reizen des Erdkerns
Tiefen, des Meerabgrunds unergründliche, seltsame Wunder,
Noch die Geheimnisse mich des nach oben gegipfelten Abgrunds,
Himmel genannt, so sehr, wie die Tiefe des Weibergemüthes,
Eines Gemüthes wie deins, o Divara! – Wahrlich ich möchte
Thun wie der Römerdespot vorlängst, der, von Wein und von Liebe
Trunken, das Herz aus dem Leib ließ schneiden der reizendsten Sklavin,
Um zu seh'n, ob sie eines besitze und ob sie ihn liebe! – –
Nimm die Theorbe, o Weib, und lulle mit Klängen mir diese
Frag' in Schlaf, wie die andern, die pochen in meinem Gehirne!« –

Divara lächelte. »Denkst du, o Jan«, so sprach sie, »der Nacht noch
Am Wachtfeuer inmitten des Markts, wo des schlummernden Weibes
Haupt hochmüthig und spröde von dir mit dem Fuß du hinwegschobst?« –
Sprach's, und schlüpfte hinweg, wie die Schlange, nachdem sie gestochen. –

Flüchtiges Roth lief über die Züge, die bleichen, des Königs.
Unmuth faßt' ihm das Herz. »Weh' mir, so weit ist's gekommen«,
Sprach er beschämt zu sich selbst, »daß des Weibes dämonische Augen
Und ihr Theorbengeklimper mit Banden der eitlen Gewöhnung
Mich umstricken, und mich eine schnöde, beschämende Regung
Heimlich ergreift, wenn sie mir sich entzieht, die berechnende Spröde?
Ist das in Wahrheit das Weib, das ich lange verachtend zurückstieß,
Das so lästig mir fiel mit den Liebeverlangenden Augen?
Ei, sieh da, ein Weib, das wahrhaft nie mich beglücken
Könnte, wie Hilla gekonnt – mich zu quälen vermags, zu verwirren!
Jüngst noch gereicht' es zum Stolz mir, zum einzigen Troste, zu ragen
Über den Schwarm und den Wust umher und die Welt zu verachten:
Ist mir' s verhängt, nun zuletzt mit der Welt mich selbst zu verachten?
Fordern die finstern Gewalten, die Sions Blüte verwüstet,
Nun mich selber heraus zum letzten, entscheidenden Kampfe? –
Nun, ich will ihn bestehen! Ich verachte die schnöden Gewalten!
Fühle ja stolz mich und stark! Nie werd' ich unwürdige Fessel
Ruhig ertragen! Ich werde mich rächen am ruchlosen Weibe,
Das mich beschämt vor mir selbst; das, schmeichelnd durch tückischen Zauber
Erst mich verwirrt, und jetzt, nur um mich mehr zu verwirren,
Spröd' sich geberdet und stolz! Demüthigen will ich sie wieder! –
Doch wie bekämpft man am besten ein Weib? Mit den eigenen Waffen!
Was Natur ist in ihr, als Kunst nun will ich es üben –
Kühl und berechnend! Der Kampf, der begann in der Wüste der Davert,
Kämpfen wir endlich ihn aus, o Divara! und noch erproben
Sollst du, daß stets noch gewachsen an Muth und Kraft dir der Gegner! –
Birg dich vorerst, weichmüthig Gefühl, in den Tiefen des Herzens,
Larve des Spotts, sei Waffe du fortan gegen das Weib mir,
Das mich so wenig beglückt, und doch so sehr schon erniedrigt!« –

Wieder zurück kehrt Divara nun. Mit heiterem Antlitz
Ruft entgegen ihr Jan: »Nun, hat sich besonnen der wilde
Schwan? und will er nun wieder mit Klängen das Herz mir erheitern?« –
»Hast du selbst dich besonnen?« erwidert die Spröde, »und willst du
Endlich mir Alles gewähren, was mir die Gestirne verheißen?« –

Also neckten sie grollend einander, das Weib und der Jüngling.
Siehe, da kam in den Königspalast von sionischen Frauen
Eine Gesandtschaft, heischend Gehör vom König, der lächelnd
Winkte Gewährung. Herein nun traten die weiblichen Boten,
Hin vor Jan, noch blühend in Jugend die Einen, die Andern
Üppig gereift, doch Manche darunter verwelkt schon und alternd.
Aber es trat aus dem Schwarme, dem bunten, nunmehr die erkorne
Sprecherin vor, ein Weib von entschloß'nem, gewaltigen Anseh'n,
Und mit geläufiger Zunge sofort anhub sie zu reden:
»Hör' uns, o König! Es wehret den Frauen die Bürgerversammlung,
Mitzuberathen im Rath, und mitzubeschließen: so wenden
Wir uns zu dir, o Gebieter in Sion, dir offen zu künden,
Was wir halten, wir Frauen, vom neuesten Brauche der Ehen.
Tilge du wieder, o König, ihn aus, den unseligen, schnöden
Gräu'l: denn daß du es wissest, wir sämmtliche Frauen in Sion
Wir mißbilligen ihn, wir verdammen ihn Alle, verabscheu'n
Diesen entsetzlichen Brauch, daß christliche Männer wie Türken
Leben, und Frauen erkiesen, so viel sie gelüstet. O, tilg' ihn
Wieder den Gräuel, Gebieter! Ob auch hartnäckig die Männer,
Wissen wir doch, daß ein Wort, ein Blick von dir sie bewältigt!
Möcht' es dir einmal wieder gefallen, als König zu herrschen!
Gönnst du Bestand ihm, dem neuen Gesetz, dann mögen die Männer
Nur auch für ewige Zeiten verzichten auf Liebe der Frauen!
Jede von uns, die zuvor einem Mann als liebende Gattin
Anhing, oder als Braut, nun haßt sie ihn, würde die Augen
Ihm auskratzen mit Lust, seitdem sie weiß, daß er, folgend
Dem gottlosen Gebrauch, nach mehreren Frauen sich umsieht.
Lieb' um Liebe, so sei das Gesetz, und Treue um Treue!
Gleichwie dem Manne das Weib, so gehört ja dem Weibe der Mann auch!
»Freiheit!« ruft ihr begeistert, den Strolch und den Bettler befreit ihr:
Wann doch befreit ihr das Weib? das denkt ihr doppelt zu knechten!
Kinder verlangt ihr von uns, und reichlicher, rascher bevölkern
Sollen wir Sion? Ihr wollt von uns kein liebendes Herz mehr,
Nur einen trächtigen Schoos? Doch den Segen versage der Himmel:
Mach' er uns unfruchtbar, und wo nicht, so laß' er uns rächend
Dies unheilige Sion mit Wechselbälgen bevölkern!
Nie auch werden die Männer mit Gründen uns kirren, nur schwatzend
Von Vorteilen und Zwecken, und diesem und jenem Bedürfniß –
Und – das versteht sich von selbst – nur immer von ihrem Bedürfniß,
Nie von dem unsern . . . Zugleich auch berufen sie sich auf die Bibel,
Weisen auf Abraham uns, auf Isaak und wie sie heißen,
Die auch mehrere Weiber gefreit. Nun, wir haben das Buch ja,
Eh' man's verbrannt, in Händen gehabt, und mit Schauder gelesen,
Wie es uns Frauen, uns armen, im älteren Bund schon ergangen.
O, wir haben gelesen, wie solch' ehrwürdiger Graubart
Oft mit den Weibern verfuhr; wie er heut sie freite, sie morgen
Jagte zur Thüre hinaus; wie die Hagar Nachts mit dem Söhnlein
Ihr Erzvatergemahl in die grausige Wüste hinausstieß.
Nein, nichts wollen wir hören von Gründen, noch biblischem Beispiel
Für solch neuen Gebrauch: und was wir erwidern, ist dies nur,
Daß wir nimmer ihn dulden, wir Frauen, so lange das Recht noch
Recht, und das Weib noch Weib, und weibliche Zunge noch Zunge,
Die für unser Geschlecht ja zugleich auch Feder und Schwert ist!« –

»Ja, wahrhaftig, wir dulden es nicht!« so fiel in die Red' ihr
Jetzo ein älteres Weib aus dem Schwarm, von behäbigem Ansehen.
Und sie ereiferte sich: »Nun war ich dem Gatten an zwanzig
Jahre genug, und soll ihm auf einmal nimmer genug sein?
Bin doch gesund noch und frisch, ja, ich darf's wol sagen, gesünder,
Runder und stattlicher jetzt, als damals, wo er mich freite,
Da ich noch unreif war und ein schwaches, ein thöriges Mägdlein!
Und nun bringt er ein Püppchen, wie ich es damals gewesen,
Mir in's Haus, und das sollte dieselbigen Rechte genießen,
Wie ich sie zwanzig Jahre genoß als waltende Hausfrau?
Nein, wir dulden es nicht, wir andern berechtigten Frauen!« –

Also die Alternde. Schleunig ergriff ein jüngeres Weibchen
Nach ihr das Wort und begann: »O, ihr Älteren seid es fürwahr nicht,
Welchen am heißesten lodert die Hölle. Wir Jüngern, gezwungen
Folgend dem Mann in's Haus und in's vielspännige Bette,
Haben den schlimmeren Theil. Ihr älteren Frauen mißgönnt uns
Jeglichen freundlichen Blick aus den Augen des Mannes, und glücklich
Ist, die gescholten allein von der ältern Genossin, und nicht auch
Schmählich gepufft und am Boden umher bei den Haaren gezerrt wird!
Doch nicht Ältere bloß mit den Jüngeren – unter einander
Haben die Jüngern genug auch der eifernden Sucht und des Zankes.
Nein, viel lieber verkümmern im Hans, altjüngferlich-einsam,
Als so gefreit! Wie kann da wirkliches Glück uns erblühen?
Denn nicht können wir lieben und nicht froh werden des Gatten,
Wenn er der Trefflichste auch, und der Schönste, der Edelste wäre!« –

Lächelnd entgegnet der König, indeß anmuthiger Spott ihm
Neckisch die Lippen umspielt: »Ei, wirklich? ich sollte doch meinen,
Besser ein Mann, ein ganzer, wenn auch nur zur Hälfte gewonnen,
Als ein Mann, der ein halber nur ist, ausschließlich besessen! –
Aber erwägt, ihr Frau'n! soll wirklich verzichten der Bürger
Auf so manchen Gewinn, den ihm Vielehe bereitet,
Dem zu Lieb', was so fraglich, so wenig verläßlich: die Neigung
Mein' ich in weiblicher Brust? – Nie, sagt ihr, vermöchtet ihr liebend
Anzugehören dem Mann, der mehrere Frauen erkieset?
Sagt doch einmal, ist so sicher man euerer Liebe und Treue,
Wenn man nur eine von euch sich erkies't? Ihr erkaltet doch immer
Dann am Ersten, sobald ihr des liebend errungenen Mannes
Sicher euch wisset! Der Zweifel dagegen, die Angst, die Besorgniß
Hält euch das Herz in der Brust und die Glut im Herzen lebendig.
Und so wird aus des Neides Gefühl, der des einzelnen Mannes
Lagergenossinnen quält, auch manches Erfreuliche sprießen.
Denn einen rühmlichen Eifer in euren Gemüthern entflammen
Wird er, dem Mann zu gefallen, und ihn nicht bloß zu gewinnen,
Nein, auch zu fesseln – ihn nicht durch Launen und Kälte zu foltern!
Und so füget euch denn, ihr Frau'n, in die leidige Satzung:
Hilfe vermöcht' ich euch nicht zu gewähren, auch wenn ich es wollte:
Wenig ja nützt mir des Blicks und der Stimme Gewalt, die ihr rühmet:
Denn ich habe verzichtet schon lange darauf, sie zu brauchen!
Sion, so hab' ich's beschworen, es soll eine Stätte der Freiheit,
Oder es soll nicht sein! Es geziemt mir gewähren zu lassen –
Ziemt mir zu achten den Schluß der beratenden Männerversammlung!«

Also der König. Da tritt vor ihn aus dem Schwarm der Verblüfften
Ein reizprangendes Weib, schlank, lilienweiß und mit braunroth
Schimmerndem Haar. Und sie spricht mit leiser, erbebender Stimme,
Liebliche Röthe der Scham auf den Wangen: »O leuchtender König
Wenn du nimmer zu helfen vermagst den Vermählten in Sion,
Magst du des Fleh'ns dich erbarmen der Freien, die Keinem vermählt noch! –
Eines verlangen wir nur, wir Freien, daß keine von uns mehr
Werde gezwungen, zu folgen dem Mann, für welchen ihr Herz nicht
Liebend erglüht, und daß es gestattet, zu weilen in Sion
Magdlich frei wie zuvor, nur gehorchend der Stimme des Herzens!
Solches, o König, erfleh' ich von dir, die als edelgebornes
Weib ich gelebt vordem in dem Hause des mächtigsten Domherrn,
Meines begüterten Ohms, dem in's Lager hinaus ich gefolgt war,
Liebend umworben alldort und gehegt wie der Apfel des Auges.
Aber es zog mich der Drang unseliger Herzensbethörung
Nach der belagerten Stadt: ich stahl mich hinweg aus dem Lager –
Wenige Tage nur sind's – und hier in den Mauern von Münster
Pocht mein liebendes Herz im Geheimen entgegen dem Hohen,
Deß' hellleuchtendes Bild seit Monden so hehr und verlockend
Immer vor Augen mir stand. Nun ist zur Qual mir der Anblick
Jegliches anderen Mannes, und flehend verlang' ich, o König,
Ohne Behelligung wandeln zu dürfen als Tochter von Sion,
Einzig bedacht, den im Stillen Geliebten von Ferne zu schauen,
Schweigend das Herz ihm zu weih'n, bis endlich das Aug' mich des Edlen
Gnädig trifft, und die Gluten entdeckt, die für ihn mich durchlodern« . . .

Also das blühende Weib, und es fragte der König: »Wer bist du,
Und wer ist der Erles'ne in Sions Mauern, der solches
Weib zur Minne berückt? nicht schwer wol möcht' es dir werden,
Ihn zu gewinnen, zu fesseln, und ganz ihn dir zu verbinden!« –

Also der König; da senkte mit neuem Erröthen die schlanke
Schöne den stralenden Blick, und endlich mit wogendem Busen
Sprach sie: »Zu reden gebeut'st du! – Ich bin Gabriele von Ottwitz!
Und der gepriesene Held, deß' königlich leuchtendes Wesen
Mir entflammte das Herz, noch eh' ich mit Augen ihn schaute,
Fort mich Thörichte trieb zuletzt aus dem Lager des Bischofs –
Zürne mir nicht, o König und Herr! Du selber – du bist es!« –

Mächtig erstaunten die Frau'n. Nachdenklich blickte der König
Hin auf das glühende Weib. Da durchzuckt' ihn ein rascher Gedanke.
Und er sprach bei sich selbst: » Hab' ich nicht eben geschworen,
Mich an der Kühnen zu rächen
, die vor mir selbst mich erniedrigt,
Die mich verwirrt und quält? – Als Puppe verschmäht sie zu prangen
Auf dem sionischen Throne? sie fordert die Rechte der Gattin,
Um mich ganz zu beherrschen? – Wie wär's, wenn ich andere Puppen
Neben sie stellte zum Trotz? wenn ich mir ein Häuflein von Weibern,
Folgend sionischer Regel, zu »Königinnen« erkies'te,
Sie mit Flitter behängte, wie Divara selbst ich behängte?
Leeres Gepräng nur wären sie mir – das schwör' ich dir, Hilla! . . .
Ward zum leeren Gepräng', zum Spiel nicht längst mir das ganze
Königthum? was sollten mir nicht auch blühende Weiber
Leeres Gepräng' nur sein? . . . Eine grinsende Maske des Hohnes
Sei das Gepränge, das Spiel mir, womit ich beschäme des kühnen
Weibes Gelüst, das gedachte, das stolzeste Herz zu beherrschet« –

Also sann er bei sich, dann wandt' er sich heiter zur Schönen:
»Hebe das Haupt – nicht senke das Aug', liebreizende Fraue!
Wisse, dich führte hieher in günstiger Stunde das Schicksal!
Weichend dem Wunsche des Volks, den ich oft schon habe vernommen,
Bin ich selbst nun entschlossen, aus blühenden Töchtern von Sion
Etliche noch zu erkiesen zu Königinnen in Sion!
Neben der Wittwe des großen Propheten, nun königlich waltend,
Sollst du die Nächste mir sein fortan, Gabriele, du Schöne!
Und es erfreut mich, dahier in der Schaar anmuthiger Frauen
Manche zu schauen, die noch nicht anderem Gatten verpflichtet,
Und die es werth durch prangenden Reiz, eine Krone zu tragen!« –

Divara hörts. Ihr Blick auf Jan, ein vergifteter Pfeil ist's:
Denn sie begreift, ihr gelte der Streich, den er führte so plötzlich . . .

Aber mit klopfendem Herzen vernehmen die Rede des Königs
Rings im Kreise die Frauen, die Keinem vermält noch, die Jungfrau'n:
Und die noch eben erbittert und grollend verdammten den neuen
Brauch in Münster, und Fehde geschworen für immer den Männern,
Gänzlich beherrscht der Gedanke sie jetzo, das eitle Verlangen,
Werth zu erscheinen der Liebe und werth des Begehrens dem hohen
Herrlichen Jüngling, der Allen schon längst war gewesen ein Abgott.
Holdes Erröthen und Lächeln und minnige Blicke begegnen
Allwärts lockend dem Auge des königlich glänzenden Freiers.
Siehe, wie drängt, schier ohn' es zu wissen, zu wollen, die Eine
Jetzt sich der Anderen vor, und die Frauen im Kreis, die vermält schon,
Und so entrückt der Bewerbung, sie blicken mit heimlichen Seufzern
Vor sich hin. Und Mancher noch stralt in den Blicken die Hoffnung,
Durch vorleuchtenden Reiz und die glühende Sprache der Augen
Auch so noch zu obsiegen, des Königs Herz zu bestechen!

Aber die musternden Blicke des Jünglings, sie treffen ein reizend
Paar von Schwestern, in Zügen verwandt doch verschiedenen Alters:
Üppig erschlossen die Eine, der offenen Rose vergleichbar,
Magdlich und zart noch die And're, die Knospe nur eben erschließend.
Und er erkundet die Namen der Schwestern, die eine Gestalt ihm
Zeigen in holdem Contrast von erschloß'ner und knospender Blüte,
Und er vernimmt, daß stammend aus edlem Geblüte die Beiden,
Aber verwais't und verarmt, weit waren im Lande gepriesen,
Und von Geschenken umworben begüterter Freunde der Schönheit.
Doch, nicht minder verlockend, ein blaßes, doch liebliches Antlitz,
Mit blauschmachtenden, warmen, und liebeverheißenden Augen,
Blickte zu Jan empor. Er vernahm, daß gelebt sie als Nonne:
Und er verstand es, das lange gedämpfte, verzehrende Feuer,
Das nun bacchantisch-entfesselt in schmachtenden Augen entbrannte.
Neben ihr stand, nur klein von Gestalt, doch üppig, mit großen
Augen ein Jungfräulein: ihr Blick war begehrlich und schelmisch,
Und ihr lachte von Lippen und Augen der rosige Leichtsinn,
Der nur strebt zu gefallen, zu schmücken sich und zu vergnügen.
Schon war freilich ihr Herz einem blühenden Werber verpfändet,
Den sie allein zu besitzen gewünscht. Doch jetzt, da des Königs
Aug' auf ihr ruhte, vergaß sie den Werber und dachte des Glanzes
Nur, und des goldenen Reifs, der plötzlich ihr winkte verlockend.

Also musterte Jan die in Stolz und Hoffnung erglühten
Töchter von Sion, und lächelnd, in heiter erzwungener Laune,
Divara's Stolz zum Trotz, zum Hohne der Welt und dem Schicksal,
Kor er zu Bräuten sich aus, zu Schaufiguren und Puppen,
Die vor den Andern an ihn sich gedrängt: Gabriele, die schöne,
Und das gefeierte Paar von Schwestern, die schmachtende Nonne,
Und das begehrliche Kind mit leichtsinn-sprühenden Augen,
Else genannt, das vergessen so plötzlich des älteren Freiers.

Und auffordert er setzt die Erkorenen: »Offen bekennet,
Ob ihr der Werbung zu folgen gesinnt, freiwillig und zwanglos?«
Alle bejahen es stolz und mit freudig erstralenden Augen.

»Gehet nun hin«, spricht Jan, »und verkündigen wird es ein Herold
Morgen dem Volk, daß der König aus heimischen Töchtern von Sion
Königinnen erkor, die vereint mit Divara thronen.
Aus den Behausungen wird euch sodann ein prangender Aufzug
Herrlich geschmückt und gekrönt zu meinem Palaste geleiten.«

Sprach's, entlassend die Frauen: es gingen von dannen die Einen
Freudig und stolz, doch die Andern gequält vom Stachel des Neides.

Aber es warf, eh' er selbst sich wandte von hinnen zu gehen,
Noch einen Blick auf Divara Jan, und mit lächelndem Spotte
Spricht er: »Noch immer so übelgelaunt, so verdüstert der wilde
Schwan? Er gefällt dir doch wol, dein neuer und glänzender Hofstaat,
Den ich geworben soeben aus reizenden Töchtern des Landes?
Selbst zwar lob' ich ihn nimmer, den neuen Gebrauch, doch des Volkes
Wunsch und Wille gebeut – und dem König geziemt's zu gehorchen.
Und was soll ich nach bittrer Enttäuschung den Trost mir versagen,
Mich umgeben zu seh'n von erheiternder Blüte der Schönheit?
Gleichthun will ich's dem Mann, der, als er das brennende Haus nicht
Länger zu löschen vermochte, gemach an den Flammen sich wärmte!« –

Also der König und bohrt mit Bedacht in den Busen des kühnen
Weibes, das Meisterin schon sich geglaubt, sein stachelndes Scherzwort.

Divara schweigt, erdfahl das Gesicht, des dämonischen Auges
Stern, er zitterte wieder und funkelte, grünlich und unstät:
Ganz so funkelt er nun, wie das Auge der Schlang' in der Davert,
Vor dem Jan sich entsetzt . . . und jetzt auch weicht er mit Schauder.

Doch in der Zauberin Zügen, da dämmert, nachdem er verschwunden,
Mälig ein lachender Hohn und vor sich hin murmelt sie tückisch:
»Brüste dich nur, o Jan, und spotte! noch halt' ich dich dennoch,
Halte dich fest an den Banden des unaustilgbaren Zaubers,
Welcher geheim dich umspann beim Erdbeerschmaus in der Davert.
Einen gewaltigen Trumpf ausspielst du, verwegener Jüngling!
Aber die zierlichen Puppen mit glatten und rosigen Lärvchen,
Selber das Liebesgegirr der entlaufenen Dirne des Domherrn,
Soll nicht lange mich stören, und nicht aufhalten den Sieg'slauf
Jener Gewalten, die kühn sich verschworen zum Sturze von Sion.
Bald nun ist es vollendet, der süßen und lieblichen Rache
Werk an dem feigen Geschlecht: mein Geist ist's und meiner Getreuen
Geist, der herrschet in Sion – dem Stolze der »Freien und Reinen«
Warf ich entgegen den Hohn der entzügelten ewigen Kräfte,
Die da lachend obsiegen, und ewig beschämen die Schwärmer!

Mein ist Sion, und mein muß taumelnd zuletzt auch der Jüngling
Werden, der Stolze, der rein sich bedünkt und erhaben vor Allen,
Mein mit Leib und mit Seele, die Gluten des Brandes zu löschen,
Der mir den Busen durchwüthet: die Gluten der Lieb' und der Rache!
Halb ist der Sieg erst mein: als Königin, Rächerin, Heldin,
Hab' ich gesiegt – nun will auch das Weib triumphiren in Sion!«

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