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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 15
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
created20040925
sendergerd.bouillon
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                        Aber nachdem er entfernt sich mit seinen Begleitern und wieder
War entschwunden den Blicken der Bürger, da trat vor die Menge
Krechting hin, und im Herzen bewußt, daß Israel reif nun
Sei für neues Beginnen, mit funkelnden Augen zu sprechen
Hub er an: »Ihr habt es gehört, ihr Männer von Sion?
Straffer noch will er fortan, so sagt er, die Zügel der Herrschaft
Anzieh'n! Ei, mich bedünkt, straff sind sie bereits ja genugsam!
Sagt, was soll aus den Rechten des Volks, der sionischen Freiheit
Werden, wenn uns, nachdem wir soeben der alten Tyrannen
Ledig geworden, schon wieder sich setzt auf den Nacken ein neuer?
Mag er herrschen als König! Doch hab' ich's mit eigenem Ohr nicht
Selber gehört, wie er schwur, in jeglichem Puncte der Bürger
Rath und Wunsch zu vernehmen? Und noch gar Manches zu rathen,
Manches zu wünschen noch gibt's! Kein Stillstand, Männer, nur vorwärts,
Bis wir Alles erreicht, was Einer noch wünschen im Volk mag!
Nur kein Blatt vor den Mund! Hat doch einen glücklichen Einfall
Dieser und Jener, der werth der Erwägung. So hab' ich erst gestern
Reden gehört einen Mann, der im Kreis aufhorchender Brüder
Treulich erzählte den Traum, den seltsamen, den er geträumt hat.
Lang schon hatt' er gebetet zum Herrn, er möge verkünden
Den Sioniten die Wege, das Sionsreich zu erweitern,
Und der Genossen und Streiter von Sion Zahl zu vermehren,
Da noch zögern von außen zum Theil die erwarteten Helfer.
Zwei großschollige Felder erblickt' er; auf jeglichem Felde
Stand ein Mann, zum Säen bereit: doch es leerte der Eine
Auf eine einzige Stelle des Ackers den sämmtlichen Samen;
Aber die Furchen entlang hinschreitend, bestreute das ganze
Feld mit den Körnern der And're. Da sproßte dem Erstern die Handvoll
Nur von goldenen Ähren, doch üppig meiste dem Andern
Hundertfältige Saat, in der Läng' und Breite des Ackers.
Dies Traumbild nun erzählt er: da sannen wir, was es besage.
Jetzt sprang Einer empor: Ich weiß, was der thörichte Sämann,
Und was der kluge bedeutet! – Da scholl es: So löse das Räthsel!
Und er sprach: Wir sollen so thun, wie der klügere Sämann,
Der mit dem Samen gewuchert und hundertfältige Frucht sah!
Israel soll, das neue, fortan nachleben dem Beispiel,
Welches das ältere gab. Das sionische Volk zu vermehren,
Sollen wir thun, wie Abraham that, und Jakob und Isaak
Thaten, erfüllend den Willen des Herrn: mit mehreren Weibern
Soll ein Jeder von uns Nachkömmlinge zeugen! So wird sich
Mehren wie Sand am Meer das sionische Volk und gedeihen! –
Sehet, so meinte der Deuter des Traums. Was denket ihr, Männer?« –

Schweigend vernahmen die Rede die Wiedergetauften; sie blickten
Schier wie betreten sich an, und es schüttelten Viele die Häupter.
Aber es ließen alsbald sich muthige Stimmen vernehmen,
Die da meinten, es seien die Träume begeisterter Männer
Nicht zu verachten und wol zu erwägen die Winke des Himmels.
Und so erwogen sie eifrig den neuen und kühnen Gedanken.
Und nicht Lüsterne bloß, nein, bleiche Fanatiker selbst auch
Wünschten in Wahrheit so das sionische Volk zu vermehren,
Nach Erzvätergebrauch. »Wir wollen den kundigen Rottmann
Ziehen zu Rath!« so sprachen sie. Doch es erwiderte Krechting:
»Laßt ihn, den düsteren Grübler! Er hat seit Monden ja wieder
Gänzlich zurück sich gezogen, zu schreiben ein neues Traktätlein
Über das Sionsreich! Ei, laßt ihn in seiner Spelunke!
Denn nicht schreitet er fort, er bleibt auf dem selbigen Fleck stets!
Laßt ihn! jeglicher Tag ja erzeugt sich seinen Propheten!
Wählt nur einige Männer, mit mir vor den König zu treten,
Und mit ihm zu berathen!«
                                            So sprach er. Es folgten des Männleins
Rath die sionischen Bürger sogleich. Denn mächtigen Einfluß
Hatte der Bucklige schon sich erschlichen im Volke. Die braune
Divara nur stand über ihm hoch, ihr Bote nur schien er . . .
Wenn so das lächelnde Weib, und Krechting, ihr grinsender Sendling,
Schritten dahin durch die Schaaren begeisterter Wiedergetauften,
War es, als striche durch Sion ein fremder, veränderter Lufthauch.
Wider den heiligen Ernst im Volk hat Divaras Lächeln
Sich mit Krechtings Grinsen vereint zu heimlichem Bündniß.
Divaras Lächeln, es war ein feurig-verlockendes Lächeln,
Krechtings Grinsen, es war ein freches und eisiges Grinsen,
Scheuchend zurück das erglühte Gefühl in die Winkel des Herzens,
Menschen entseelend, versteinernd, das irdische Leben entgötternd:
Jenes das lüsterne, dieses das höhnische Lachen des Satans;
Jenes der feurige Pol, und dieses der kalte der Hölle.
Divara sandte vor sich her den Wicht: sein tückisches Grinsen
Eilte voraus, bahnbrechend, dem Lächeln des Weibes in Sion . . .

Schwermuth herrscht in des Königs Palast. Mit gebrochenem Muthe
Schleicht Jan düster und schweigsam hin durch die gold'nen Gemächer.
Aber vor ihn tritt jetzt mit des Volkes erwählten Gesandten
Krechting, heischend von ihm, daß er höre die Wünsche des Volkes.

»Viel noch«, sprach er zu ihm, »bleibt übrig zu ordnen in Sion,
Viel noch heischen die Bürger. Wir haben die Gütergemeinschaft:
Doch nicht bloß der Besitz, auch die Ehe verlangt im erwählten
Volk nun veränderten Brauch. Hör' auf die erleuchteten Männer,
Die uns weisen den Weg! es ziemt uns zu leben, wie einstens
Die Erzväter gelebt: es vermähle sich mehreren Weibern
Jeder, so wird durch sich selbst sich die Zahl der Erwählten vermehren!
So auch verlangt's die Natur. Viel kann für des Menschengeschlechtes
Wachsthum wirken der Mann, doch das Weib nur wenig. In einer
Nacht hat fünfzig Rangen gezeugt, so meldet's die Sage,
Herkul, der griechische Held! Alltäglich ist fruchtbar die Mannheit,
Aber der weibliche Schooß bringt Frucht im Jahre nur einmal.
Lang vor der Blüte des Mann's fällt welkend die Blüte des Weibes!
Neben dem alternden Weib steht seufzend der Mann in der Vollkraft.
Siechend, verdroßen und launisch vereitelt das Weiblein des Eh'bunds
Zweck gar häufig. Ein Drittel entzieht von jeglichem Monat
Laune der Weibesnatur dem Geschäfte der Ehen – des Leibes
Segen ein Drittel des Jahrs. Wie viel von den Kräften des Mannes
Bleibt da auf immer verloren – wie viel wird eitel vergeudet!
Aber es heißt: Seminis jacturam facere nefas!
Will sich das Menschengeschlecht zehnfältig reicher erneuern?
Laßet es thun, wie vor Zeiten es that! – So ist's, und so wird es
Ewig bezeugen des kühlen, des klaren Verstandes Erwägung!« –

Ernst und ruhig erwidert der König dem eifrigen Neu'rer:
»Freund, ist die Welt ein Gestüt? ist der Mensch nur als Züchter geboren?
Billigen wird, was du sagst, der Verstand, doch ewig verdammen
Wird es des Menschen Gemüth! Hat nicht das Gemüthe, das Herz auch
Rechte, so wie der Verstand, als Berather in menschlichen Dingen?
Wenn aus der Welt du die Liebe verscheucht und entwürdigt das Weib hast,
Lohnt sich's der Müh' denn noch, sie hundertfach zu bevölkern?«

Also der König. Unmuthig darauf entgegnete Krechting:
»Bleibe die Thorheit verbannt der Verliebten vom reifen Geschlechte!
Lange genug anmaßte sich kecklich die Hosen das Weiblein,
Schnöde die Männer beherrschend durch Launen und eiteles Wesen:
Magd sein soll sie nun wieder, wie auch schon die Schrift es geboten!
Und das Gemüthe, das Herz – was soll das? in menschlichen Dingen,
Führe das Wort der Verstand alleinzig: das menschliche Trachten
Muß auf das Nützliche geh'n – der Rest ist für schwärmende Knaben!« –

»Freund«, entgegnete Jan, »du sprichst in seltsamem Tone!
Gibt es der Männer noch mehr, die also denken in Sion?«

»Viele noch gibt es«, erwidert ihm Krechting, »ja Viele, die also
Reden im Volk, wo nicht dein Wort, dein Blick sie verschüchtert!
Denn du verstehst mit den Augen, dem Laute der Stimme, die Menschen
Schier zu berücken, und Keiner im Volk, dir blickend in's Antlitz,
Wagt es, And'res zu wollen als du! Mißbrauche die Macht nicht,
Welche Natur dir verlieh, willst nicht Tyrann du genannt sein!
Ist ein Wüthrich nur Jener, der herrscht durch blutige Schrecken?
Nein, auch den, der da wirkt mit des übergewaltigen Geistes
Macht, um der übrigen Menschen Gemüth und Sinn zu befangen,
Nenn' ich Tyrann! – Laß unter sich ruhig entscheiden die Bürger,
Gleich dann wirst du erkennen die wahre Gesinnung in Sion!
Hast du gelobt doch, o König, zu achten den Willen der Bürger!« –

Und es erwiderte Jan: »Ihr Männer von Sion, ich sag' euch:
Stark ist, ihr wisset es wol, mein Muth, mein Wille gewaltig,
Und wo ich wollte gebieten, da ward mir noch immer gehorcht auch!
Aber das Reich von Sion, gegründet ist's nimmer auf eines
Einzelnen Mannes Gewalt, auf den Willen des einzelnen Herrschers!
Wenn sie erloschen, die Glut, die gemeinsame, scheitert auch Sion!
Nicht eines Zwingherrn Stab, und nicht eines Richters und Henkers
Schwert kann hemmen den Fall! Gern will ich es glauben, o Krechting,
Gott'surtheil sei der Wille des Volks und immer unfehlbar!
Mag denn entscheiden der Gott im Volk – ihm will ich mich fügen!
Nicht mein Wort, mein Blick, soll knechten berathende Männer!
Wahrlich, es lebt in mir ein königlich Wollen – so dünkt mich –
Aber ich trag' in der Brust auch den heil'gen Gedanken der Freiheit,
Tiefer vielleicht, als die ihn auf lärmenden Lippen entweihen!
Krechting, versammle das Volk – ja das Volk, das der Himmel erkoren,
Herrliches kühn zu erstreben, und das er entflammt und erleuchtet
Hat wie durch Zauber und Wunder. Ob auch vom Beginne der Lauen
Zahl nicht gänzlich geschwunden, ob auch sich unter die Lämmer
Wölfe geschlichen, durchdrungen vom göttlichen Geist ist die Mehrzahl
Noch, und ihr nun stell' ich anheim die Geschicke der Zukunft!« –

Sprach's, und entließ die Gesandten des Volks. Da entbeut zur Versammlung
Krechting die Bürger: »Es achtet geziemend und weise der König«
Ruft er, »den Willen des Volks, und euer nun ist die Entscheidung,
Ob es erlaubt in's Künft'ge dem Mann, sich mehrere Frauen
Anzuvermälen, auf daß sich mehre die Zahl der Erkor'nen!« –
Rief's, und es stimmte das Volk, nach freier Entschließung ein Jeder.
Und man zählte die Stimmen: da neigte die Wucht der Entscheidung
Sich auf die Seite der Männer, die nach Vielehe verlangten.

Nachricht wurde gebracht von des Volkes Entschließung dem König.
Und er vernahm sie erbleichend. In düsteres Brüten versank er,
Fuhr dann wieder empor, unmuthig; mit bitterem Lächeln
Sprach er zu sich: »Ei, siehe, wie gut bleichwangiger Schwärmer
Wilde, fanatische Glut, und der herzlos rechnende, kalte
Alltagsmenschenverstand, im Bunde mit lüsterner Frechheit,
Schon sich befreunden in Sion! O Menschengeschlecht! Wie der Sonne
Kuß mit dem Anger die Blumen, mit schlammigem Sumpfe die Pest zeugt,
So auch leuchten die großen Gedanken am Himmel des Geistes,
Aber ihr Stral, meist trifft er in irdischen Herzen nur wüsten
Schlamm, und so weckt, statt Blüten des Himmels, er gährende Fäulniß!
Hat nicht's Hohes Bestand? Wo hoffnungsreich es hervorsproßt,
Jauchzt man, es werde gedeih'n, fortzeugend sich immer veredeln:
Aber als Erstlingsgeburt was bringt es? Das eigene Zerrbild!
Liegt ein ewiger Fluch nicht über dem Hohen und Reinen?
Selber die Flamme, das Reinste der Erde, gebiert nur ein trübes
Kind, den Rauch, den es qualmend zum ewigen Himmel emporschickt! –

Nun erst seh' ich mit Augen es klar, wie schon vom Beginn an
Sich ein tückischer Feind in die Schaar der Erwählten geschlichen,
Der, ablenkend gemach auf die Bahnen des Rohen und Wüsten
Jegliches kühne Bemühen, ertödtet die edle Begeist'rung,
Hader entfacht, und zur Frazze verkehrt das sionische Leben! –
O, mir ist wie dem Moses, der nieder von Sinais Höhen
Hoffnungsfreudig, verklärten Gesichts, in der Hand des Gesetzes
Tafeln, als göttlicher Bote zum Volk der Erwählten hinabstieg,
Und anbetend es fand auf den Knie'n vor dem goldenen Kalbe!
Und wie von Zorn er erglühend zertrümmert die göttlichen Tafeln,
Als er den Gräuel erschaut, weil ihrer unwürdig das Volk war,
Welches von Gott schmachvoll sich wieder gewandt zu den Götzen:
So auch möcht' ich mich grollend von diesen Entarteten wenden,
Und mit dem Hohn der Verachtung sie schweigsam lassen gewähren! –
Und – wenn ich auch mich entgegen zu stemmen versuchte, vermöcht' ich's?
Leicht ist zu führen, zu lenken die vorwärts strebende Vollkraft:
O, es vermöcht' ein Kind sie zu drängen, zu leiten nach vorwärts:
Aber zurück sie zu dämmen, wenn einmal genommen die Richtung –
Nein, kein Riese vermag's, kein Held, kein Gott: – Und so steh' ich
Muthlos da, ohnmächtig! – Ich muthlos, ach, der ich feurig,
Siegesgewiß mich jüngst zu titanischem Kampfe gerüstet
Gegen die Welt! Es umrauscht mir die Seel' ein düsterer Fittig –
Nicht seit heute, fürwahr! – seit jenem unseligen Tag' schon,
Der mir das Liebste geraubt! – O wir strebenden Söhne der Erde,
Muthig wollen wir stürmen den Himmel: schon stehen wir oben,
Plötzlich trifft uns ein Blitz – doch nein, nur der Stich einer Wespe,
Der die verwegene Hand uns lähmt – und wir taumeln zurücke,
Seh'n, daß elend und klein wir sind, wie groß wir auch denken! –

Dennoch – bewahr' ich zu tiefst nicht Etwas noch, was dem Schicksal
Trotzt und den Mächten der Hölle? – Den Trost noch hab' ich, zu ragen
Über den Schwarm und den Wust umher – und die Welt zu verachten!« –

Hin so schwanden die Tage und Jan blieb grollend und einsam
In den Gemächern. Da naht ein Mann von seltsamem Anseh'n
Einmal dem Könige sich in der dämmernden Stunde des Abends,
Schwärzlich-braunen Gesichts, mit pechschwarz funkelnden Augen.
In fremd klingender Rede geheimnißvoll zu dem König
Sprach er, verkündend, er sei nur der Bote des größeren Boten,
Der Hochwichtiges habe zu deuten dem Herrscher von Sion.
Wenn er zu hören geneigt an verborgenem Orte den letzten
Willen des todten Propheten
, zu hören, zu schauen noch And'res,
Was ihm zu schauen bestimmt, auf daß sich die Loose des neuen
Israel endlich erfüllen, so mög' er aus brütender Schwermuth
Los sich reißen und folgen aus seinem Palaste dem Führer.

Seltsam dünkten dem König die lockenden Worte des Mannes,
Zögernd erwog er der Rede verborgenen Sinn, bis zuletzt ihn
Spornte der muthige Drang in der Seele, zu folgen dem Rufe.
Und so wandelt, verhüllt und vermummt, er aus seinem Palaste,
Folgend dem Dunkelgelockten in dämmernder Stunde des Abends
Durch einsamere Gassen der Stadt, bis über den Aafluß,
Und zum ragenden Wall, wo nahe dem nördlichen Kreuzthor,
Halb schon verfallen der alte, der spuckhaft-düst're, verruf'ne
Popanzthurm sich erhob. Durch's Thor, d'ran Frazzengebilde
Grinsen, gemeißelt in Stein, tritt Jener, und muthigen Herzens
Folgt ihm Jan.
                        Lang schreiten sie hin: umdunkelte Gänge
Nehmen sie auf und leiten sie fort im dämmernden Nachtgrau'n,
Bis wo ein Saal sie umgibt mit hochaufragender Wölbung,
Von mattglimmender Ampel erhellt. Es entfernt sich der Führer,
Läßt den Erstaunten allein in dem wunderlich-grausen Gewölbe.

Von Schlingpflanzen erblickt wie zum Schmuck er umwuchert die feuchten
Dumpfigen Wände; besproßt hellroth von funkelnden Beeren,
Wie mit blutigen Tropfen besprengt. Die verwitternden Steine
Gleißen dazwischen hervor, unheimlich schillernd. Ein Grinsen
Scheint ihr Glanz. Was hüpft und was kreucht mit Krächzen und Knurren
Zischen und Kreischen am Boden? Was will das Gethier, das verruchte,
Im Halbdunkel sich regend? Es hackt und zerrt da ein Rabe
Grimmig umher im Winkel an Stücken vermorschenden Fleisches.
Hat hieher sich geflüchtet der sämmtliche Spuk aus der Davert?
Tanzt nicht dort, blitzäugig, in zornigen Sprüngen das Eichhorn?
Los auf den Fremdling springt es, und schießt in verweg'ner Spirale
An ihm empor und hinab mit satanischem leisen Gekicher.
Doch, wie das Auge des Königs sich schärft im Dunkel, da sieht er
Blinkende Waffen gehäuft, in grausem Gewirr, in den Winkeln,
Allerlei seltsamen Schmuck und gleißende, bunte Gewänder.

Und nun dämmert hervor aus dem hintersten Grund des Gemaches
Ihm ein Bild: auf Teppichen ruhend, im Arm die Theorbe,
Divara, wie er vordem sie geseh'n in der Öde der Davert.
Wieder nun wallen um's Haupt ihr die pechschwarz-glänzenden Locken,
Wieder nun blickt sie ihn an mit den feurig-unheimlichen Augen.

Doch nun erhebt sie sich rasch und entgegen dem Könige tritt sie,
Spricht: »Hab' Dank, daß dem Ruf du gefolgt, hochsinniger Jüngling!
Divara ist's, durch welche dir kund soll werden der letzte
Wille des todten Propheten, des leuchtenden Meisters von Harlem!«

»Matthisson!« sprach seufzend der König mit düster umwölkter
Stirn: o, ihn preis' ich beglückt, den Begeisterten, daß er gefallen,
Ehe der Stern von Sion zum Untergange sich neigte,
Eh' zur schmutzigen Erde gesunken, dem Koth sich vermälend,
Die Schneeflocke, die weiße, des himmlischen reinen Gedankens!« –

Also der König; da zog ihn das Weib auf des schwellenden Sitzes
Polster, indessen sie selbst, einer schmeichelnden Sclavin vergleichbar,
Sank auf die Teppiche nieder und flammenden Aug's zu ihm aufsah.

»Laß sie fahren, o Jan, laß fahren die hohen Gedanken!«
Rief sie: »und wenn zu beglücken die Welt dir wenig gelungen,
O so verschmähe doch nimmer das Glück, das dir selbst in den Schooß fällt!
Bist nicht reich du gesegnet? und liegt nicht köstlicher Güter
Fülle wie Sand am Weg um dich? o genieße, genieße!
Kurz ist das Leben, und kürzer die Jugend, am kürzesten aber
Sind die Momente des Glücks, die das Schicksal gönnt zu genießen.
Kurz vielleicht ist auch dein Glück nur, o gesegneter König!
Darum verschmähe du nicht, es rasch und ganz zu ergreifen!
Sions Schätze, sie sind dein eigen; zum Tranke der Freuden
Schmilz' sie dir ein, und leere den hochaufsprudelnden Becher
Bis auf den Grund, o Jan, bevor einbricht das Verhängniß!

Jüngling, vertraue dich mir, ich will dich lehren das Leben,
Will dich lehren die Liebe, die feurig-schwelgende Liebe!
Siehe, nun ist sie gekommen, o Trauter, die Stunde, zu sagen
Dir's, wie Divara lechzt, nachdem dein Traum dir zerronnen,
Dich zu beglücken, zu trösten! In ihren umstrickenden Armen,
Jüngling, will sie dich halten, das hat ihr Herz sich geschworen,
Seit sie zuerst dich erblickt! Dein stolzes und sprödes Versagen
Soll noch schmelzen wie Schnee vor Divara's glühenden Lippen!
Zaudere nicht, o Geliebter! Das Weib des Propheten, die kühne
Streiterin, sie, auf welche die Deinigen alle bewundernd
Schau'n, als die muthigste Tochter von Sion – geselle sie würdig
Dir
– so will es das Volk, so will's das Geschick, und so wollt' es
Auch der Prophet
, eh' hinaus in den tödtlichen Kampf er gezogen:
Sprich ein Wort, und Divara ruft noch einmal herauf ihn
Dir aus dem finsteren Reich – o! Divara bändigt die Geister,
Kennt manch' kräftigen Spruch« . . .
                                                          Ein bittres, verachtendes Lächeln
Spielt um die Lippen des Königs. »Der Zauber, o Divara«, spricht er,
»Welchen an mir du geübt vordem in der Öde der Davert,
Machtlos ward er und schal, seitdem am Herzen ich dies hier
Trage: die Blüte – die nie sich erschlossen zur volleren Rose« . . .
Sprach's und zog aus dem Busen die Knospe, die einst er in Hillas
Zelle gepflückt. Welk war sie, doch fest, wie zur Perle verhärtet.
»Sieh'!« sprach Jan, » die Blume, sie wird kein Wurm mir benagen! –
Rosen des Glücks, die ganz und voll sich erschlossen, entblättert
Leicht und für immer der Wind; doch welche nur halb sich erschlossen,
Dauern, als Knospe gepflückt: ihr Geblätter, in schirmender Hülle
Ruht es erstarrt – man mag zeitlebens sie tragen am Busen!« . . .
Und er fügte hinzu: » Nicht hoffe, o Divara, Sions
König werde dir weih'n sein Herz – zu sich auf den gold'nen
Thronsitz liebend erheben die Wittwe des Meisters von Harlem!« –

Sprach's, da begannen die Augen des Weibes im Zorne zu funkeln,
Und aufsprang sie, und stand vor Jan, mit höhnischem Lächeln
Rufend: »Der König verschmäht sie, die Wittwe des Bäckers von Harlem?
Denkt er, wie er verschmäht des erhab'nen Propheten Vermächtniß,
Auch zu beschämen die Seher zugleich, die der Wittwe des Bäckers
Lange vor ihm zusangen, in Münster'schen Landen die goldne
Krone zu tragen? Vernimm, daß edelstes Blut in den Adern
Divaras rollt, uredelstes Blut, o Gaukler von Leyden!« –

Und sie rief fremdklingend ein Wort. Da tritt ein gebroch'ner,
Zitternder Greis hervor; tief neigt er das Haupt, und die Arme
Kreuzt er über der Brust. Wie ein Sklave der bräunlichen Herrin
Nahet der Alte; sie spricht: »Gib Kunde von dem, was geschaut du
Hast auf dem Markte zu Borken im Münster'schen Lande, vor siebzig
Jahren, um Mitternacht, beim Glanz rothsprühender Fackeln!«

Seltsam lächelt der Alte vor sich hin, dann, wie im Irrsinn,
Mälig beginnt er zu rollen die Augen, zuletzt in die Leere
Blickt er starr, und schaudert, als säh' er auf's Neue lebendig
Werden mit leiblichen Augen vergangener Zeiten Ereigniß.
»Will es künden«, begann er mit zitternder Stimme; »berichten
Will ich es wieder und wieder, was ich mit Augen erschauet,
Was seit siebenzig Jahren noch stets ich schaue mit Augen . . .
Sehe das Brettergerüst in der Mitte des Marktes – die Wolken
Fliegen und decken den Mond – doch Männer mit sprühenden Fackeln
Steh'n um das dunkle Gerüst, und weh'! auf dem dunklen Gerüste
Kniet er, der Herrliche, Hohe, ja, kniet er, der schöne, der edle
Herzog des wandernden Stamm's: tief beugt sein Haupt, ach, das edle
Haupt mit dem langen, dem pechschwarz dunklen Gelock, auf den Block ihm
Nieder der Henker – der Henker in grünem Gewand, mit geschorenem
Bräunlichem Haar: und grinsend um ihn steh'n ringsher die andern
Männer, mit Fackeln beleuchtet die knochigen weißen Gesichter –
Horch, o horch – zwölf Schläge vom Thurm – mit dem letzten der Schläge
Blitzt das geschwungene Schwert und blutig rollt in den Staub hin
Das schwarzlockige Haupt, und offen noch steh'n in dem schönen,
Dem todbleichen Gesichte die schwarzen und glänzenden Augen –
Und um die Lippen noch zuckt es wie racheverlangendes Lächeln . . .
Das ist Horkan, der Schöne, der Edle, der Stolze: der letzte
Herzog des wandernden Stamm's, in den Landen des Morgens gepriesen,
Wie in den Landen des Abends, und gleichwie ein Gott von des Stammes
Kindern verehrt – so rollt sein königlich Haupt in den Staub hin,
Unter dem Beile der Männer mit braunem, geschorenem Haupthaar,
Nachts, bei Fackelgeleucht', auf dem düsteren Markte zu Borken –
Ja, auf dem Markte zu Borken im Münster'schen Lande! Sie morden
Ihn, weil als Herzog Einen vom wandernden Stamm er gerichtet
Im Weichbilde der Stadt, bei Nacht, im Kreise der Fackeln –
Gleiches nun thun sie an ihm, und nennen ihn Mörder, den Edlen,
Ihn, der doch hatte Gewalt als Herzog über die Seinen!
Aber es künden die Seher, daß rächen ihn werden die Enkel
Und sein Wandergeschlecht noch dereinst an den Enkeln der Mörder.
Und weil nichts sie den König des wandernden Stammes geachtet,
Wird sein Sproß, sein letzter, im Münster'schen Land auf dem Haupte
Tragen die goldene Kron' und die weißen Gesichter beherrschen!
Solches verkünden die Weisen, die Seher des wandernden Stammes –
Und nun ist sie gekommen, die Zeit, ja die Zeit der Erfüllung!« –

Also der Greis. Und Divara sagte: »Den letzten der Zeugen
Hast du gehört, der geschaut sie, die That, und den letzten der Sprossen,
Welche dem Letzten entstammt von den Fürsten des wandernden Stammes,
Siehst du vor Augen. Es spricht zu dir des enthaupteten Königs
Enkeltochter, durch die sich erfüllen nun muß die Verkündung!
Siehe, das Schicksal führte hieher auf verschlungenen Wegen
Divara nun: und Viele der Söhne des wandernden Stammes
Kamen, als Fürstin sie grüßend, und als des enthaupteten Ahnherrn
Erbin, huldigend ihr im Geheimen. Als muthigste Tochter
Sions schauen die Deinen mich waltend im Lichte des Tages:
Aber die Nacht, sie feir' ich allein mit meinen Getreuen
Hier im gemiedenen Thurm. Da schmückt mir die Krone des braunen
Stamm's, die ererbte, das Haupt, da schlingen den Reigen die heißen
Kinder des sonnigen Ostens, die freiesten Söhne der Erde!
Und da schwören wir Rache den tückischen Mördern des Ahnherrn,
Rache den Männern des Westens, und Rache der menschlichen Satzung!
Zauberin nennen sie oft mich, die Bürger von Sion: ich bin es!
Innig ist Zaubergewalt ja verwebt mit dem Leben der freien
Söhne der freien Natur! Es gehorchen mir Kräfte, die nimmer
Kennt dies dumpfe Geschlecht, das da keucht im Joche der Nothdurft!
Zweifelst du, Jan von Leyden? wolan, du bist ja ein König
Und so magst du denn heute der Königin Divara Gast sein!« –

Also ruft sie. Da bricht in die hohe, geräumige Halle
Undurchdringliches Dunkel: doch stralend erhellt sich von oben
Plötzlich auf's Neue der Raum und Alles umher ist verwandelt,
Wie von des Magiers Stabe berührt. Hellflackerndes Naphta
Brennt in riesigen Lampen und Pfannen, die Wände bestralend,
Die da sprühen und blitzen und funkeln von blanken Gesteinen:
's ist wie ein Himmelsgewölb' voll Stern' und leuchtender Wunder.

Aber umringt von den braunen, den dunkelgelockten Trabanten,
In phantastischer Tracht, grellroth, liegt Divara prangend
Auf thronartigem Lager. Ein Kronreif funkelt ihr golden
Rings um die wallenden Locken, die schwarzen und glänzenden: reizvoll
Schmiegt um den weichen, doch schlanken und sehnigen Leib das Gewand sich,
Golden auf Scharlachgrunde beflittert; des Nackens und Busens
Bernsteinfarbige Welle bestralt Karfunkel und Perle,
Blitzend gereiht. Wie über dem gelblichen Wachse der Kerze
Flackert die Blume des Lichts, so flammt an des bräunlichen Weibes
Leibe das Edelgestein. Im Schooß ihr ruht die Theorbe,
Schimmernd, rubinenbesetzt. In goldenen Schalen kredenzen
Ihr süßduftigen Trank, der bläuliche Flämmchen wie Blasen
Aufwirft, liebliche Knaben: auch sie schwarzlockig und gelbbraun,
Mit weißschimmernden Zähnen und kirschroth blühenden Lippen,
Schalkhaft lächelnd und dreist, anmuthig und feurig, im reinsten
Gleichmaß flink die geschmeidigen, zierlichen Glieder bewegend.
Mädchen auch nahen sich gaukelnd nunmehr, gleichlieblichen Anseh'ns,
Neigen sich, beugen sich schwebend: da rauschen die Saiten, das Cymbal
Schwirrt, dumpf sauset das Tamburin, und in feurigem, wilden
Tanz hinwirbeln mit flatterndem Haar sie und wogendem Busen
Und lustsprühendem Aug um der leuchtenden Divara Thronsitz.

Doch bald schlingen sie auch um den sinnenden König von Sion
Ihren verwegenen Reigen, kredenzen ihm lächelnd den gold'nen
Duftigen Trank im Pokal, mit den knisternden, bläulichen Flämmchen.
Schwül, als wären die Lüfte gewürzt von Aromen des Ostens,
Weht's um den Jüngling her, den erstaunenden; sinnebethörend
Schallt ihm bacchantischer Lärm der Theorben und Pauken und Cymbeln.
Enger und enger umkreisen sie ihn, die verwegenen Gestalten.
Aber die keckste von ihnen entwindet zuletzt ihm, in raschem
Fluge vorüber sich schwingend, das Pfand aus der Zelle der Nonne.
Und nun kichern die Mädchen und werfen sich tanzend das welke
Blümlein, wie einen Fangball, zu, und schleudern zuletzt es
Hin in der Königin Schooß.
                                            »Zurück mir gib sie, die Blume!«
Ruft unmuthig der Jüngling. Die reizende Divara lächelt:
»Reich' mir die goldene Kron' in Sion, o Jüngling von Leyden,
Reiche sie mir, wie mir sie gebührt, du trautester Jüngling,
Wie es die Seher verkündet, und wie es gewollt der Prophet auch,
Und wie es längst auch heischen geheim die sionischen Männer,
Jauchzend dem Weib des Propheten – o reiche die Krone der braunen
Divara, süßester Freund – dann gibt das zerknitterte Röslein
Dir sie zurück! Ist königlich nicht ihr Sinn? Wie zum König
Du, zur Königin so, mein Trautester, ist sie geboren!« –

Also erklingt's, wie Musik, aus Divaras Munde. Der Jüngling
Starrt auf das lockende Weib. Und endlich spricht er die Worte:
»Königlich ist dein Sinn? zur Königin bist du geboren?
Und du heischest von mir, daß ich nicht länger das Anrecht
Weigere dir, als dem letzten der Sprossen des wandernden Herzogs,
Und als dem Weib des Propheten, der muthigsten Tochter von Sion?
Mir auf dem Throne gesellt, und mir gleichbürtig in Sion
Willst du sein, nach des Schicksals Schluß?–O Weib, schon erprobt' ich's,
Daß weit mächtiger ist, als menschlicher Wille, das Schicksal! –
Divara, du bist stolz – und der Stolze, zu herrschen verdient er!
Sagt' ich zu herrschen? vergib, ich meinte, die Krone zu tragen!
Schal und verächtlich ist Alles um mich her geworden in Sion:
Mag mir das Große noch bieten Ersatz, wenn das Edle gescheitert! –
Königsenkelin, ziehe hinaus denn, ziehe mit deinem
Königsgefolg aus dem Thurme hinaus auf den offenen, hellen
Markt, daß dir huld'ge das Volk! – Mir aber, du Schöne, mir hoffe
Anderes nimmer zu sein, als Genossin des prunkenden Thrones!
Ein
Bild nur ist in's Herz mir gepflanzt! Mit dem Klang der Theorbe
Willst du den Sinn mir erheitern? Versuch' es, du Zaubergewalt'ge!
Nehmen wir wieder ihn auf, o Weib, den gewaltigen Wettkampf,
Welcher begann in der Davert! Erprobe dich, Mächtige! stähle
Deinen verlockenden Reiz mit tückischem Zauber der Hölle –
Nie doch tilgst du im Herzen des Jünglings von Leyden den Schauder,
Welchen in ihm du erweckst mit unheimlicher Flamme des Auges!« –

Also der Jüngling. Am anderen Morgen bestaunten die Bürger
Sions den Festaufzug, der prangend von Divaras Thurme
Wallte zum Domhof hin, und es grüßte das Volk an des Königs
Seite mit Jubel die neu mit der Krone Geschmückte, die Witwe
Matthissons, des Propheten, die muthigste Tochter von Sion.

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