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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 12
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
created20040925
sendergerd.bouillon
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Sechster Gesang.

Im Lager.

                            Müssiges buntes Gewimmel erfüllte die Straßen der Zeltstadt
Vor dem Servatienthor, auf der Südostseite gen Wolbeck,
Wo Hof hielten des Heers Anführer, und weit sich des Lagers
Hauptplatz dehnte, bedeckt mit Marketendergezelten.
Stattliche Ritter, gefolgt von Falknern und adligen Knaben,
Zogen den Platz entlang; heimritten behäbige Domherrn
Sacht mit der Beute der Jagd, mit der würzigen Schnepf' und dem Wildhuhn,
Aus dem Gesümpf der Umgebung. Auch rollende Kutschen ersah man
D'rin gar zierliche Dämchen sich brüsteten – Nichten der Domherrn.
Zechend und spielend und fluchend vertrieben die Zeit sich die Söldner,
Wüste Gesellen, mit Schrammen, und knebelgebartet. Es balgte
Sich auf dem staubigen Rasen mit seinen Genossen der Troßbub.
Krämer und fahrende Juden umschlichen die Zelte: mit ihnen
Feilschten die Landsknechtfrau'n und die Dirnen. Auch Theriakhändler
Gab es, und And're dazwischen, die Farr'nkrautsamen verkauften,
Welcher, um unsichtbar sich zu machen, als Mittel geschätzt ist,
Oder auch anderen Zauber, vor Schuß und Hieb sich zu feien.

Knechte des Bischofs selber: dazu noch allerlei Hilfsvolk,
Geld'rische, Cleve'sche Reiter, und hessische Fähnlein, und endlich
Kaiserlich Volk, Papisten und Luther'sche, finden zusammen
Hier sich, zu zechen, zu spielen, aus ihren gesonderten Lagern.
Bauern auch treiben sich lungernd, bewehrt mit Schaufel und Schnappsack,
Hier umher, die bestellt, um Schanzen zu graben, in's Lager
Aus umliegenden Dörfern, und heut ist eben der Lohntag.
Aber der Landsknecht zieht, der verschmitzte, den klotzigen Landmann
Stracks in den lustigen Kreis, wo das Würfelchen tanzt auf dem Kalbfell,
Oder auf Mänteln, am Boden verbreitet, beim Klange der Becher.
Doch nicht lange verträgt Landsknecht sich und Pflüger. Schon hat sich
Dort um die Trommel, die öfter der Würfel berührt als der Schlägel,
Zank und Hader entsponnen. Es wehrt da erboßt ein bezechtes
Bäuerlein sich: »Ihr Schelme, das sind nicht ehrliche Würfel!«
Ruft er; »die kennen wir schon! die fallen nur gut, wenn den Kunstgriff
Einer versteht! ja ihr Schelme, das sind Schelmbeine, die Würfel!«

»Bankert!« gibt ihm Einer zurück, »willst nichts du verlieren,
Spiele daheim mit dem Kater!« – Dem Bäuerlein hatte die Geister
Mächtig befeuert der Trunk; er erhob sich auf schwankenden Füßen:
»Ho, ho, willst du mich hänseln, du Leutebetrüger, du Schafdieb?
Ja, Schafdiebe, das seid ihr! Ihr schleicht euch mit eueren Buben
Nachts auf die Weiler hinaus, um Hammel zu stehlen, ihr Schelme,
Oder ein Schwein aus dem Koben zu fangen: dem gebt ihr getränkten
Schwamm zu verschlucken und zieht alsdann am hängenden Bindseil,
Das an den Schwamm ihr gebunden, das Thier sacht hinter euch her so!
Glaubt ihr, sie sind uns verborgen, die Tücken, die Schliche, die Listen,
Wie ihr sie übt? Im Kriege, da raubt, im Frieden da maus't ihr!«

»Was?« so ertönt's im Kreise, »was krächzt der besoffene Schlingel?
Will er Händel beginnen? nun wart! wir wollen dich zausen,
Du nichtsnutziger Schelm, daß das Blut in den Schuh dir hinabläuft!«

Aber noch lauter, wiewol nur lallend, und schwank auf den Füßen,
Schrie das Bäuerlein: »Kommt nur heran! will seh'n, wer den Muth hat,
Mir ein Leides zu thun dahier vor dem Zelte des Bischofs!
Ich will reden, so wie ich es denk', ihr Segenverwüster,
Ihr Landfahrer, die ihr uns jegliches Übel in's Land schleppt:
Pest, und fressende Beulen, die Blattern und jegliche Landplag'« . . .

»Hinter die Hecken mit ihm,« so erscholl's, »damit wir ihn abseits
Drillen nach Landsknechtbrauch!« – »Ein Roßhaar zieht dem Hallunken
Stracks durch die lästernde Zung'!« – »Einen Kübel vom Wasser der Pfütze
Gießt ihm ein!« – »Ei was da? es bleibt doch immer der Hauptspaß,
Solchem Gesellen die Fersen mit flüßigem Salz zu bestreichen,
Und ablecken zu lassen von kitzelnder Zunge der Geiß dann!
Warte nur, Schelm, sollst lachen alsbald, wie du nie noch gelacht hast,
Wenn du das Zünglein spürst am gesalzenen Ballen! Hinweg denn,
Hinter die Hecken mit ihm, daß nicht uns ein grämlicher Waibel
Störe den Spaß!« So scholl's und man wollte das Bäuerlein fassen,
Doch das schrie, was es konnte, bis daß aus dem Zelte des Bischofs
Wilcke von Stedinck trat, um des Lärms Anlaß zu erkunden:
Wilcke, der Feldhauptmann, der beherzte, der wandelt als Einaug',
Seit sich das Soldheer maß mit den Anabaptisten vor Münster.

»Was für ein Tanz ist los? man hört ja das eigene Wort nicht
D'rin im Gezelt – rief er. »Potz Blitz, da seh' ich schon wieder
Einen mit schlotternden Knie'n: was zitterst du, Tölpel, als ob dir's
Ging' an's Leben? was hat denn der Bauer dahier an der Trommel
Bei Kriegsleuten zu thun? Da setzt es doch immer nur Püffe!
Aber was merk' ich? es klappert schon wieder das leidige Schelmbein?
Ei, potz Wetter, ihr Schlingel! Da seh' mir nur Einer die frummen
Landsknecht'
an! Rebelliren und lärmen von wegen des Soldes,
Wenn nicht da ist zur Stunde der Pfennig: zum Saufen und Würfeln
Haben sie's stets vollauf! das verdammte Gesäuf' und Gewürfel!
Und das Gezänk' und Hadern dazu, und das gottlose Fluchen,
Das schon so oft euch vergebens im Lager verboten der Bischof,
Hol euch der Teufel, ihr Schelme, zusammt – wann wollt ihr es lassen?«

»Herr« entgegnet ein Söldner, »wofern ihr glaubt, daß des Geldes
Reichlich vorhanden zum Zechen und Würfeln, so thut ihr uns Unrecht:
Was wir zechen, das kommt seit Wochen schon wieder auf's Kerbholz,
Und was das Würfeln belangt, o Himmel, da steht es im Lager
Längst schon wieder so schlimm, daß Einer mit Wehr und mit Waffen,
Oder mit Mantel und Wamms statt Geld's muß lösen die Spielschuld!
Denn so selten zu seh'n ist der Pfennigmeister vor Münster,
Wie ein Gespenst um die Mittagszeit und ein Ketzer im Beichtstuhl!«

»Wenn du den Pfennigmeister vermissst«, sprach Wilcke, so kann ich
Dir wol weisen den Büttel dafür, und den Galgen, der draußen
Steht, wo die Zeltreih'n enden, auf sanftansteigendem Hügel« . . .

Weiter noch dacht' er zu schelten, da brachten herbei auf des Lagers
Hauptplatz Musketiere geführt einen blühenden Jungen.
Diese, den Feldhauptmann inmitten des Haufens erblickend,
Traten heran, um Kunde zu bringen, es habe der Junge,
Kecklich aus Münster geflüchtet, soeben beim Geld'rischen Blockhaus
Sich freiwillig gestellt, und geleitet zu werden in's Lager
Hab' er begehrt, da als Söldling zu dienen er denke dem Bischof,
Manches auch wisse zu melden vom Stande der Dinge zu Münster.

»Ei«, rief Jener und that einen Schlag auf die Schulter des Jünglings,
»Stattlich und breit ist der Bursch um die Brust, hat Augen im Kopfe –
Teufelsaugen! Gedulde dich nur, mein Junge, vorerst noch,
Denn mit den Kriegsherrn setzt sich der Bischof eben zu Tische,
Und nach Tische da geht's an's Berathen. Doch wenn wir zu Ende,
Halt' dich bereit dann, Bursch, ich selber geleite zu ihm dich!« –
Sprach's und wieder verschwand er im prangenden Zelte des Bischofs.

Aber den Jungen umgaben sogleich nun die Söldner und zogen
Ihn zu sich auf den Sitz um die weinigbesudelte Trommel,
Und sie verlangten, er solle gebührlich im Zechen Bescheid thun,
Neckten ihn auch ob des glatten und weißen Gesichts, ob des bartlos
Kahlen und weichlichen Kinns, doch lobten zugleich sie die drallen
Lenden, das Auge, so blitzend, das goldbraun wallende Haupthaar.

»Sag doch«, riefen sie dann, »wie steht's in Münster, der tollen
Stadt, wo der Fastnachtskönig gebietet, der Schneider und Gaukler?
Ist's nicht wahr, daß den Bock er führt in Siegel und Wappen?«

»Jan von Leyden regiert zu Münster«, versetzte der Jüngling
Mit aufflammendem Blick, »als ein echter, gewaltiger König:
Willig gehorcht ihm das Volk, seitdem aus der Schlacht er als Sieger
Kehrte zurück in die Stadt an der Spitze der Wiedergetauften!«

»Gleichviel!« riefen die Söldner, »er bleibt doch der Schneider von Leyden! –
Haben uns da vor Kurzem die lumpigen Münsterer kecklich
Her ins Lager gejagt einen Gaul, und ein strohener Bischof
Saß auf dem Gaul, und am Schweif, da baumelte schnöd des Vergleiches
Urkund', welchen den Münst'rern geboten in Gnaden der Bischof . . .
Dachten damit uns zu necken: wir aber, wir zahlten es zwiefach
Heim: wir nagelten eine zerrissene Hose den Schuften
Nächtlich an's Thor, und schrieben dazu, wir ersuchten den König
Jan, den berufenen Schneider von Leyden, zu flicken die Hose!« –

»Spottet des Schneiderleins nicht!« ruft jetzo ein And'rer; »er hat doch
Höllische Hilfe zur Seite. Das Weib des gefall'nen Propheten
Ist eine Hexe. Noch mein' ich sie stets vor Augen zu sehen,
Wie, als den Wall wir berannten, und noch vor den Thoren in freiem
Feld nicht tobte der Kampf, sie zwischen den rauchenden Pfannen
Stand auf dem Wall; wie sie braute den siedenden Trank, und als kecke
Pechkranzwinderin lachend auf uns her Tod und Verderben
Sprühte, und Gleiches zu thun auch spornte die anderen Weiber.
Aber das Alles genügte der Hexe noch nicht, und sie griff nun
Gar nach höllischem Zauber. Denn als sich ein Theil von den Unsern
Wieder auf's Neue gewagt an den Wall, dort wo sie ihr Wesen
Trieb, da knattert's auf einmal im sandigen Grund, und wir seh'n uns
Plötzlich von Flammen umringt: schier war's, als bräch' aus der Erde
Feuer der Hölle hervor: mit Grausen entfloh von den Unsern,
Was nicht schon, wie die Milben im Lichte, versengt war im Feuer,
Welches die Hexe durch Zauber gelockt aus der Erde!« – »Vielleicht war's
Zündstaubsaat, die zuvor sie gesä't«, sprach zweifelnd ein Reiter,
Und entzündet im rechten Moment?« – »Nein«, sagte der Sprecher,
»Denn nicht hatte sie's nöthig, Zigeunerin ist sie und Hexe,
Solches behaupten ja selbst einstimmig die Anabaptisten!« –

»Ja so ist's!« sprach nickend ein Reiter im Kreise; so hört' ich's
Selbst auch jüngst, als mit Andern die Wach' in der Schanz' ich besorgte
Gegen das Maurizthor. Ein Übergelauf'ner aus Münster
Hat uns da von der Braunen berichtet, wie sie aus Zigeunern
Jetzt sich gar einen Trupp Leibwächter gebildet; mit diesem
Schlug sie den Wohnsitz auf in einem verfallenen Thurme,
Welchen den Popanzthurm man benennt, das ist Thurm der Gespenster,
Weil's dort spuckt bei Nacht seit Jahren im öden Gemäuer.
Nahe dem Kreuzthurm liegt, an den Wall sich lehnend, der Spuckthurm.
Und da erzählt nun vom Treiben der Zaub'rin im wüsten Gebäude
Seltsame Dinge das Volk. Mit den Ihrigen nächtliche Feste
Feiert sie dort: man erblickt durch Spalten der Mauern die Hallen
Grell und schaurig beleuchtet: es schallt von wilden Gesängen
Und von Theorben und Cymbeln heraus aus dem schwarzen Getrümmer,
Und von Reigen, in welchen die Geister der Hölle sich mischen:
Wüst und wirr da erklingt es von fremden, satanischen Lauten,
Wenn sie so feiern die Nächte mit höllisch entzügelten Lüsten! –
Recht, Freund, hast du gethan, daß das teuflische Nest du verlassen!–

»Ja, wol thatest du Recht«, so spricht zu dem Jungen der Eine
Noch und der And're im Kreis, »daß du Münster verlassen; denn wahrlich,
Übel ergeht's noch Jedem, der drinnen!« – Es fügte mit Lächeln
Leiser hinzu noch Einer: »Nun ja, daß du Münster verlassen,
Hast ganz wol du gethan; doch hör' – im Vertrauen dir sag' ich's –
Daß hieher du gelaufen zu uns, mein trefflicher Junge,
Das war weniger klug! Was willst du dem lumpigen Bischof
Dienen? Der hat kein Geld! Da ist Meister der Küche der Schmalhans
Immer, das heißt für die Söldner. Die Herren da drinnen, die freilich
Drückt kein Mangel: es schnappt nur erlesene Bissen des Domherrn
Hund, und es sitzt rothbackig in gold'ner Karosse das Kebsweib.
Nein, wahrhaftig, es mangelt da nichts als der Sold für den Landsknecht!
Neulich, noch oben darein, kam Krankheit unter die Knechte,
Und ein gewaltiges Sterben war herrschend durch etliche Wochen.
Reißaus haben die Meißner vor Kurzem genommen mit ihrem
Hauptmann Biltzius: leer stand da frühmorgens ihr Lager
Vor dem Ägydienthor und die Kriegsherrn hatten das Nachseh'n.
Andere folgen vielleicht. Mehr plagt, als der Hunger, die Langweil:
Denn da liegen wir nun schon Monate rathlos und thatlos,
Seit uns mißlungen der Sturm, und die Herrn Kriegsräthe da drinnen,
Die Hochweisen, die sitzen beisammen, berathen und schwatzen,
Wissen noch nicht, wo sie fassen ihn sollen, den Stier: bei den Hörnern
Oder beim Schwanz? Von des Heer's Hauptleuten der einzige Stedinck
Ist kein Gauch: das ist Einer, der fähig, zu fangen den Teufel
Selbst aus der Hölle heraus beim Schweif; doch die Anderen alle,
Sind Bär'nhäuter und Tröpfe. So kommt's, daß kecker die Münst'rer
Werden mit jeglichem Tag, und daß sie sogar nun die Kühe
Treiben heraus vor's Thor auf die Weide vor unseren Augen.
Freilich, da hat sich der Bischof den Offenkamp, einen neuen
Feld-Zeugmeister verschrieben: der soll so erfahren und klug sein,
Daß er das Husten der Mücke vernimmt, und wachsen das Küchlein
Sieht im Ei schon: der Kahlkopf kommt nun mit mancherlei klugem
Plan und Entwurf, da stecken um ihn sie die Köpfe zusammen,
Schwatzen von Gräben und Minen, Rondelen und Bastionen,
Von Blockhäusern und Schanzen, und von vorrückenden Dämmen,
Und drauf los dann schanzen die Bauern, und graben und stechen,
Und wenn Eines mißlingt, so sinnt einen anderen Rath gleich
Offencampius aus, der gelehrte, die Zeit zu vergeuden« . . . –

Also der Söldner; da fiel in die Red' ihm ein narbiger Graubart:
»Schweig, du raubst ja die Freude dem Jungen! – Das Leben des Landsknechts,
Mußt du wissen, o Sohn, es bleibt doch das lustigste Leben,
Nur auf beständigen Wandel gestellt; und das ist das Beste
Noch beim Spaß; man gewöhnt sich d'ran, will nimmer es anders!
Wenn du ein Landsknecht wirst und weiter umher dich das Schicksal
Treibt, so erprobst du es bald! Heut mußt du im schäbigen Koller
Barfuß laufen, und morgen beschaffst du dir kecklich ein Sammtwamms,
Scharlachhosen dazu, auf dem Hut eine farbige Feder,
Bist im Stand, dir mit Silber zu posamentiren die Hosen,
Daß dich beneidet im Lager darum dein eigener Hauptmann.
Heut mußt du, wie die Gans im Dorf, aus Tümpeln und Pfützen
Stillen den Durst, und schlucken die Milch, in welcher der Bäu'rin
Mäus' und Ratten ersoffen, und folgenden Tages, so Gott will,
Liegst du vor'm rinnenden Faß, hast Braten und Kuchen um dich her,
Daß zehn Mäuler und Mägen du füllen dir könntest für einen.
Heut ein erbärmlicher Wicht bist du, und vermagst dir zu halten
Kaum einen ruppigen Hund: es entläuft dir der hungernde Bube,
Der für dich bettelt und stiehlt, es sagt von dir los sich die Dirne,
Die mit dem Troß dir gefolgt auf gefährlichem Marsch und in's Lager,
Und für dich wäscht und dich pflegt und dir leistet die sonstige Treue:
Aber schon morgen erhebt dich ein strotzender Seckel zum großen
Herrn, und du kannst von der Beute das Dirnchen dir kleiden in Seide! –
Trink, mein Junge! der Wein gibt fröhliches Blut und Courage!
Ei, was bist du wie Kreide so weiß im Gesicht und so schweigsam,
Hüllst dich so eng in den Mantel, als frör'st du? du bist wol ein lindes
Benjaminchen, erwachsen daheim bei gebratenen Äpfeln
Hinter dem Ofen? – Das Leben genießen, das Leben verachten,
Lautet der Landsknechtspruch, und den Tapferen meidet die Kugel!
Und wenn ängstlich du bist, dein jugendlich Leben dich dauert,
Ei, potz Wetter! da ist einem wackeren Burschen noch immer zu helfen:
Brauchst vor die Brust nur ein Päckchen mit Farr'nkrautsamen zu stecken,
Und du bist unsichtbar für den Feind. Und magst du ein Schutzhemd
Tragen, aus Wolle, gesponnen am Christtag oder Charfreitag,
Ritzt kein Hieb, kein Schuß dich. Und hast du gesegnete Kugeln, –
Gleichviel, ob sie der Priester, ob sie dir der Teufel gesegnet –
Triffst du den Mann, den du meinst, und kannst noch gar um die Ecke
Schießen, sofern dir's beliebt!« –
                                                      »Ei, närrische Possen!« begann jetzt
Eifernd ein hessischer Reiter. »Ein ehrlicher Kerl, der behilft sich
Ohne den Kram! Vor Augen den Tod, das ist ja die Würze,
Gibt erst den richtigen Schick und die heimliche Lust im Dareinhau'n!
Hab' ich das Landsknecht leben erkieset, so will ich den schönen
Landsknechts tod auch haben im Feld, viel lieber als schnödes
Bettelgeläuf' durch's Land bei verkrüppelten Gliedern im Alter!
Denke zu leben, zu sterben nach Observanzen und Bräuchen
Ehrlichen Landsknechtthums und mich deß' noch im Tod zu getrösten!«

»Recht so, Bruder!«, erwidert mit Grinsen ein wüster Geselle,
Hebend das blinkende Glas; »nur ein wenig doch mein' ich es anders:
Schierst dich zu viel, beim Teufel, um Observanzen und Bräuche!
Ist's doch gleich, ob dir Einer den Kopf absichelt im Schlachtfeld,
Oder der Geier dich holt zwei Ellen so über dem Erdreich,
Daß dir über dem Kopf und unter den Füssen zusammen
Schlagen die Lüfte – 's ist Eins! auch das ist für's Sterben gerechnet!
Wie ich sterbe, das schiert mich nicht; doch ob ein vergnüglich'
Leben ich führe, das kümmert mich sehr: denn leben das muß ich
Alle die Tage, die Gott mir schickt, doch sterben nur einmal! –

Also der Söldner, und blickt' um sich, weintrunkenen Auges,
Und fuhr fort: »Gebt Acht, Kameraden! Die Zeiten, die kommen,
Sind für uns wie geschaffen. Den Zank und Hader, der allwärts
Jetzt entbrennt in der Welt, den muß ausfechten der Landsknecht!
Sind wir nun so gesucht, dann, wißt ihr, können wir selber
Machen den Preis, dann dürfen sie nicht erst lang mit uns markten,
Nicht mit Gesetzen und Regeln und Observanzen uns hudeln!
Trachtet doch Jeder nunmehr, wie er kann, sein Loos zu verbessern,
Und schon wirbeln die Menschen und Dinge so wirr durcheinander,
Daß, wer nur wacker sich rührt, sich erraffen ein tüchtiges Theil auch
Mag von den Gütern der Welt, die bisher nur Wenige schmeckten!
Wir auch spüren den Drang im Leib – mag künftig wer will da
Hinter dem Pflug hertrotten im Feld, und hinter den Säcken
Steh'n in der Bude des Krämers: wir lieben die lustige Freiheit –
Und wer sie uns zu bieten vermögend, die lustige Freiheit,
Deß' ist unsere Faust. Ob er Recht hat oder ob Unrecht,
Kümmert uns nicht; das entscheiden ja selbst die Gelehrten, die Weisen
Nun und nimmer: die Welt wird stets doch am Ende mit uns'rer
Elle gemessen, das heißt mit der eisernen Pike des Landsknechts!
Nun, so laßt sie uns nützen, die günstige Zeit, wo der Söldner
Herr ist im Land! Jetzt sind wir die Gäst', und lassen's uns wol sein
Hier in der Welt, und wenn sie demnächst, wie die Pfaffen verkünden,
Geht zu Grund, so brauchen die Zeche wir nicht zu bezahlen:
Denn wenn die Schenke verbrennt, so verbrennt mit der Schenke das Kerbholz!« –

Also besprachen zusammen im fröhlichen Kreis sich die Söldner.
Aber versammelt indeß in des Bischofs schimmerndem Prachtzelt
Saßen die würdigen Herrn beim Mahl. Hoch ragte des Zeltes
Prangender Giebel empor, und es standen gepflanzt vor den Eingang
Zwei Karthaunen zur Wacht; daneben stolzierten in bunter
Glänzender Tracht zu den Seiten der Pforte die Hellebardiere.
Und an ragender Stange befestigt, erhob sich das Banner
Hoch in die wehende Luft mit dem Wappen des Grafen von Waldeck.
Aber das prächtige Zelt, von innen in Säl' und Gemächer
Waren die Räume getrennt durch Prunkvorhänge, die farbig
Stralten und golden gestickt, mit schimmernden Fransen berändert.

Und in dem weitesten Raume des Zelts, wo sich's wie ein Prunksaal
Dehnte, da saß beim Mahle mit glänzenden Gästen der Bischof:
Saß da zuoberst er selbst, ein Herr von stattlicher, hoher,
Stolzer Gestalt: noch stets voll männlicher Schöne des Anseh'ns
War er, ob gelblich auch und halb schon erschlafft ihm die Wange
Hing und ein grämliches Wesen umwob sein ad'liges Antlitz.
An ihn reihten die Domherrn sich: dickleibig und weinroth,
Neben Gesichtern von hagern und scharfen und galligen Zügen.
Neben den geistlichen weltliche Herrn, Kriegsoberste, Räthe:
Wirich von Daun vor Allen, der Graf, der im Heere des Bischofs
Führte den Oberbefehl, ein bedächtig blickendes Männlein:
Schmächtig er selbst, doch gewaltig der eisgrau wallende Kinnbart,
Einer Cascade, die schäumend gefroren im Sturz, zu vergleichen.
Ferner Gesandte von Cleve, von Cöln, von Hessen und andern
Nachbarlanden, für heut zur Berathung in's Lager entboten.
Aber in eig'ner Person auch saßen benachbarte Fürsten
Heut am gastlichen Tisch: so der bremische Bischof, von Braunschweig-
Grubenhagen der Herzog selbst, Herr Philipp, zur Seite
Sitzend dem Münster'schen Herrn. Da saßen auch Viele der edlen
Ritter des Münster'schen Land's, die mit reisigen Knechten dem Bischof
Zogen zu Hilfe: so Mengersheim, so Galen und Bentheim.

Nicht war im glänzenden Kreise der würdigen Herr'n zu vermissen
Liebliche Blüte der Frau'n; denn es theilten die Freuden des Mahles
Manche Befreundete, welche der Bischof oder der Domherr'n
Einer mit sich aus der Stadt in's Kriegsfeldlager genommen.

Würzig dampfte das Mahl auf blinkenden, silbernen Platten,
Reichlich und üppig: es winkte Fasan und Pfauenpastete,
Lockte gebraten der Lachs und die Schnepf' und das köstliche Rebhuhn.
Muskateller und Sect und feurig-süßer Tokayer
Schwemmten die leckeren Bissen hinunter. Der bremische Bischof
Lobte mit Eifer die Schnepfen des Land's: Feinschmecker und Kenner
War er wie Keiner. »Vor Zeiten«, versetzte bedauernd der Domherr
Melchior, war's noch besser bestellt mit dem wilden Geflügel
Hier um Münster. Da hatten wir bis vor die Thore der Stadt hin
Stets eine treffliche Jagd: doch seit das Gesümpf in der Gegend
Mehr und mehr sich verengt und vom Ackergelände verdrängt wird,
Hat sich auch darin verschlechtert die Zeit– wie in anderen Dingen!«

Zusprach baß dem Tokayer, dem Sect, Herr Philipp von Braunschweig,
Und mit heiterem Muthe dem Wirth in's grämliche Antlitz
Blickend, begann er: »Was habt ihr doch nur, liebwerthester Vetter,
Daß nicht Speise noch Trank euch erquickt und die Augen erheitert?
Rührt ihr doch wenig nur an von den Werken des trefflichen Koches,
Den ihr im Lager da habt, und um den ich euch wahrlich beneide!« –

Ihm entgegnete d'rauf mit verdrießlicher Miene der Bischof:
»Vetter, ich bin nicht mehr wie dereinst! es fehlt in der Nacht mir
Schlaf, beim Mahle des Essens Gelüst. Es vermeinen die Ärzte,
Daß an der Leber gemach mir ein tückisches Uebel sich festsetzt.
Und, beim Himmel, zu wundern ist's nicht, wenn siech mir die Leber
Wird von der Fülle der Gall', die nun seit Monden ich schlucke!
Könnte noch Einer aus deutschem Gebiet ein waltender Fürst sein,
Ohne zu kranken an Leber und Herz? Denn immer umlauern
Ihn rauflustige Neider, und Nachbarn, seinem Besitzthum
Keck nachtrachtend, in's Land ihm fallend, und immer ihn schutzlos
Findend, vom Reiche verlassen, und preis so gegeben dem Stärkern.
Und nun das Glaubensgezänk noch dazu, und die Bürgerempörung!
Obenauf trachten die Bürger zu sein, und sie möchten am Liebsten
Gar Niemand als Herrn mehr erkennen, nach eigenem Stadtrecht,
Frei von Fürstengewalt, selbsteigen das Ihre verwalten!
Schwärmen vom Hansabund, und versprechen sich goldene Berge!
Aber am Schlimmsten doch fahren bei ihnen die geistlichen Fürsten.
Ging's nach dem Willen der Neu'rer, so nisteten Spatzen in Inseln
Längst, und der Krummstab wäre zum Bettelstabe geworden!
Weiß doch ein geistlicher Fürst kaum mehr, wo ruhig er hausen
Mag, sein Haupt hinlegen des Nachts, in dem eigenen Lande!
Münsters Bischöfe haben schon längst an jeglichem Orte
Lieber verweilt, als zu Münster daheim in der fürstlichen Hauptstadt.
Ich auch hielt mich am Liebsten entfernt auf ländlichen Schlössern,
Bis ich gezwungen mich fand, an der Spitze gedungener Haufen
Hier mich zu legen in's Feld, zu befehden die wüsten Rebellen!
Mußte der Gräu'l, der verwünschte, der schwärmenden Anabaptisten
Eben auf meinem Gebiet zur Blüte gelangen, und finden
Im westphälischen Land so verwegene Jünger und Kämpen?«

Also klagte der Fürst. Ihm erwiderte seufzend der dicke
Probst von Hamm, der im Lager des Bischofs eben zu Gast war:
»Ei was sagt doch von jeher vom Münster'schen Manne das Sprichwort?
Westphalus est sine pi, sine pu, sine con, sine veri:
Ruchlos, schamlos ist er, gewissenlos und ohne Wahrheit!
Mag Westphalia pralen mit ihren gelehrten Skribenten!
War es doch eben die viele lateinische Bildung in Deutschland,
Was uns verderbte das Volk. Denn seit die lateinische Bildung
Um sich griff, hat Alles vom Handwerk weg und vom Pflug sich
Zu den lateinischen Schulen gedrängt, nach Höherem trachtend;
Dann, als an Amt und Erwerb es gebrach für die vielen Lateiner,
Schweiften im Land als Vaganten, als fahrende Schüler, sie bettelnd
Um vor den Thüren der Klöster, Pfarreien, stipitzten den Bauern
Weg aus den Höfen die Gänse. Da keimte das luther'sche Wesen,
Und nun waren es diese, die Ganshalsdreher, die wichtig
Als Prädikanten sich machten im Volk, als Gottesgelehrte:
Wühlten bei Bürgern und Bauern, als tückische Feinde der Kirche,
Bis auch diese begannen, in Bücher zu stecken die Nasen.
Disputieren nun wollten, sogar mit lateinischen Brocken,
Bäcker und Schuster, gelehrt-theologisch, im Bad und in Schenken,
Selbst auch im freien Gefild, wenn eng war dem Haufen die Stube.
Und es wollte von da an der Laie belehren den Priester.
Kam's doch am Ende so weit, daß entgegen dem Mönch auf der Kanzel
Manchmal zu streiten begann ein verwegenes Glied der Gemeine!
Solches geschah in dem Hause des Herrn, auf der heiligen Stätte!
Wollte der Himmel, es wäre der ärgste der Frevel gewesen!
Aber noch schrecklicher ward's: man zertrümmerte Heiligenbilder,
Plünderte Klöster und Kirchen! Nun gar noch die Gräuel zu Münster!
O du sündige Stadt! wie wird dich strafen der Himmel!
Unglücksort! bald wird es in deinem Gemäuer so öde
Sein, wie zu Walterskirch, wo die Wölfe gefressen den Schultheiß
Mitten auf offenem Markt, so verlassen und wüst war das Städtlein!« –

So wehklagte der Probst, ein kugelig rundes und rothes
Männlein, und reichte hinunter dem schlanken, getiegerten Fanghund
Pollux, welcher die Knie' ihm umschnüffelt', ein saftiges Kopfstück
Vom Rebhuhn, das im Eifer er eben zerlegt' auf dem Teller.

»Wahrlich, erwäg' ich es recht«, sprach jetzt aufbrausend der Bischof,
»Wär' es das Klügste gewesen, auf ein Mal ganz zu gewähren,
Was stückweis' man sich nimmt, durch Versagen noch wilder erbittert:
Freiheit des Glaubens und Denkens. Als ketzerisch Münster geworden,
War's rathsamer, zu opfern die geistliche Macht, um zu retten
Mindestens die weltliche noch: jetzt haben wir Beides verloren« . . .

Sprach's und erschrack gleich selbst vor dem Wort, das den Lippen entschlüpft war:
Zornig schaute herüber der finstere Rotger von Smisink,
Domscholaster zu Münster, und sprach mit gerunzelter Stirne:
»Niemals, gnädiger Bischof – erlaubt mir, daß ich es sage –
Niemals für solches Beginnen, den Rechten der Kirche zuwider,
Hätte gestimmt das Capitel. Genug und übergenug schon
Hat man Duldung den Ketzern gezeigt, nach meinem Bedünken.
Frecher nur macht Nachsicht die Verwegenen. Läßt man den Teufel
Erst in die Kirche hinein, so stellt er sich gleich auf den Altar!« –

Also ereiferte sich der Scholaster von Münster. Der Bischof
Schwieg und leerte mit einem gewaltigen Zuge das Kelchglas,
Das vor ihm stand, um zu dämpfen die innere Flamme des Unmuths.

Wennemar von der Recke, des Herzogs von Cleve Gesandter,
Lenkte die Blicke der Gäste des Bischofs jetzt auf den hohen
Prachtaufsatz in der Mitte der Tafel, ein meisterlich' Kunstwerk:
Ganz aus Teige geformt, Sanct Lamberts prangenden Münster,
Mit hochragender Spitze des Thurms, die in eckiger Kuppel
Steckt wie die Nadel im Kissen: es freuten sich Alle des Anblicks,
Lobten den Koch einstimmig, den Künstler, der Solches gebildet.
Und zustimmend versetzte, nun besserer Laune, der Bischof:
»Wahrlich, er ist ein Meister der Kunst, so der Bild- wie der Kochkunst:
Gibt er in Marzipan doch immer und sonstigem Backwerk
Uns die belagerte Stadt stückweis' zu genießen: das Rathhaus
Jetzt, dann Lamberts Münster, und andere Kirchen und Klöster,
Oder den Domhof gar, und was sonst zur Gestaltung ihn anregt.
Aber den Gaukler von Leyden, der jetzo in Münster sich König
Nennt, den bringt er uns immer in neuer Gestalt auf den Richtplatz:
Jetzo gerädert und jetzo gespießt, und so immer mit and'rem
Tode bestraft. Heut' hat er ihn feiner gebildet als jemals,
Hier in vergittertem Käfig mit Knipperdolling und Krechting
Hängend zum Fenster des Thurmes heraus: da seht die Figürlein!
Seht nur, der Mittlere hier, der ist es, der Gaukler von Leyden!« –

Sprach's und wies die Figürchen den Gästen. Der bremische Bischof
Und Herr Philipp, der Herzog, sie schauten mit regsamer Neugier
Auf den gebackenen König der Wiedergetauften. »Er prunkt ja«,
Sprach Herr Philipp, »im Königsornat gar stattlich! Der Bildner
Hat ihm auch noch im Käfig die goldene Krone gelassen!
Ist er denn wirklich so stolz und so königlich stattlichen Anseh'ns,
Wie man erzählt, und so würdig in seinem Benehmen und Wesen?«
»Davon«, sagte der Bischof, »vermögen die edelen Männer,
Die wir vor Kurzem nach Münster als mahnende Boten gesendet,
Euch ein Liedchen zu singen! Die haben ihn sitzen gesehen
Hoch auf dem schimmernden Thron, umgeben von seinen Trabanten!
Das war ein Prunk! es konnt' ihn darum auch der Kaiser beneiden!
Auszustaffiren versteht er sich trefflich, der Gaukler von Leyden!«

»Sagt man doch, daß als Knab' er selber die Nadel geführt hat«,
Warf mit spöttischem Lächeln ein And'rer dazwischen. »Da kann's nicht
Wundern, daß jetzt er als König annoch auf schöne Gewandung
Hält, und es liebt, daß üppig florirt zu Münster das Handwerk!«

»Sei dem, wie immer«, versetzte mit schelmischem Lächeln der Kriegsrath
Conrad Hesse, der Alte; »man hört, daß zu Münster die Weiber
Schwärmen für ihn; und hier auch im Lager, da sind ihm die Frauen
Gar nicht feind, seitdem sie von ihm so Vieles vernommen
Und sein Bildniß betrachtet. Die Nichte, die edle, des würd'gen
Domherrn Melchior dort, die mit Geist und Reizen geschmückte
Gabriele, sie hat ihn schon oft mit Eifer vertheidigt,
Wenn ihn Einer geschmäht, und ich denke, sie hat von den Püppchen,
Wie sie der Koch auf die Tafel uns stellt, eine reichliche Sammlung;
Denn stets macht sie den Jan bei Tafel zu ihrem Gefang'nen,
Trägt ihn fort in der Tasche, den glücklichen Anabaptisten!« –

Also der schelmische Alte, und purpurn saß vor Beschämung
Gabriele, die reizende, da, und die Wange des würd'gen
Domcellarius färbte von heimlichem Ärger sich blauroth,
Während er jetzt auf den Spötter, und jetzt auf das Weib einen Glutblick
Warf. Doch ein jüngerer Ritter, der Neffe des Grafen von Bentheim,
Der schon längst im Geheimen die schmachtende Schöne verehrte,
Und abspenstig sie oft schon zu machen versuchte dem Domherrn,
Sprach mit Entrüstung: »Die edel geborene Dame von Ottwitz
Sollte sich kümmern, ob häßlich, ob leidlich gestaltet ein Mensch ist,
Der einst führte die Nadel? Die adlige Nichte des Domherrn,
Ritterlich will sie umworben und ritterlich will sie geminnt sein!«

»Ach, was ritterlich«, gab, zulächelnd dem Jüngling, der alte
Mengersheim ihm zurück; »vorbei sind der höfischen Minne
Zeiten, des Minnegesangs, und der sonstigen ritterlich-edlen,
Herrlichen Dinge. Verraucht ist der Muth, der immer gesattelt
War, und gespornt, um zu reiten auf Abenteuer. Den Ritter
Hat nun der Krämer verdrängt, und den Mönch auf der Kanzel der Schreier,
Welcher im Weinhaus tobt und auf offenem Markte. Dahin ist
All das nun in der Welt, wie die alte germanische Leh'nstreu,
Und in den Städten der alte, der schweigende Bürgergehorsam,
Und der Tiara Gewalt, die so lange beherrschte den Erdkreis« . . .
»Und – die ergiebige Jagd auf Schnepfen hier außen vor Münster!«
Sprach Herr Stedinck. Es schmunzelten Manche, doch Andere seufzten.

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