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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 11
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
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Fünfter Gesang.

Der König.

                          Ist das noch die belagerte Stadt? Ein Asyl nur der reichsten
Fülle des Lebens erscheint sie; ein wandelndes Eldorado
Ist, der drängend sich wälzt, mit unendlichem Menschengewimmel,
Hin durch die lärmenden Gassen von Münster, der schimmernde Festzug,
Gegen den prangenden Markt. Drommeten und Zinken und Trommeln
Jauchzen dem glänzenden Zuge vorauf mit tönendem Festschall.
Blumenumwunden die Fenster, die hohen Balkone, die Säulen,
Farbiger Prunk der Tapeten entrollt, helljubelnder Ausruf
Rings umher und verklärte Gesichter im Strale der Festlust.
Reichliche Muße, so scheint's, hat seit der Bestürmung dem neuen
Sion gelassen der Feind, daß so schimmernde Pracht es gefertigt,
Und seither statt Waffen nur goldene Zierden noch hämmert,
Nutzend des köstlichen Erzes unendlichen Schatz auf dem Rathhaus.
Wie viel Sammet und Seide, Brokat und Purpur und Scharlach,
Wie viel Silber und Gold und Perlen und edle Gesteine,
Die noch kürzlich am Leib der Madonnen und Heiligen stralten,
Oder am Festtag schmückten den opfernden Priester am Altar,
Oder als todter Besitz in den Truhen der Reichen geschlummert,
Gleißen nun eitel im Lichte des Tags bei dem festlichen Umzug!
Siehe die leuchtende Zier der Erkornen des Königs von Sion,
Die ihn geleiten zum Ort, wo auf Scharlachpolstern der Kronreif
Gleißend ihm winkt! Sieh' da die beritt'nen Trabanten, in Purpur
Stralend die Leibesumhüllung zur Hälfte, zur anderen hellblau:
Aber am Ärmel gestickt das bedeutsame Wappen von Sion:
Von sich kreuzenden Schwertern durchstochen nach unten die gold'ne
Kugel der Welt, und zwischen den Griffen das Zeichen des Kreuzes.
Siehe die lieblichen Knaben, die minniglich lächelnden Jungfrau'n,
Stralend in knappen, mit Gold und Silber gestickten Gewändern,
Blumen und blühende Zweig' in Händen, wie Engel mit Liljen
Und Palmzweigen auf Bildern der Heil'gen – mit Blumen und Goldglanz,
Stein und Perlengeflirr wetteifert der bunte Gewandprunk:
Sammt'ne, damastene Wämser, mit Fransen besetzt und mit lichten
Fäden durchwirkt, und die röthlich-erschimmernde, prunkende Seide,
Die aus den bauschigen Falten der Arm- und Hüften-Umhüllung
Bricht, wie aus berstenden Knospen das üppige Rosengeblätter:
Perlengestickte Barette, und goldene Ketten, und seid'ne
Schnür' um den Hals mit dicht an einander gereihten Dukaten,
Gulden und Kronen – zum Schmuck nur dient noch in Sion die Münze.
Doch von Panzern auch funkelt's dazwischen und Helmen, und stahlblank
Glänzenden Waffen, in welchen die Stralen der Sonne sich spiegeln.

Aber inmitten des Zugs, auf dem Zelter, dem prächtig geschmückten,
Glänzt die Gestalt, die erhab'ne, des königlich blickenden Lieblings
Aller sionischen Männer und Frauen; es bäumt sich der schneeweiß
Schimmernde Renner, von golden gestickter Schabrake die Flanken
Reich umwallt, und beflittert von edlem Gesteine die Halfter.
Goldzier blitzt um Sattel und Zäume; des Reiters geschlanke
Glieder umwogt, milchweiß, ein Mantel mit purpurnen Rändern,
Golden besternt, und die Locken bedeckt ein goldiger Streithelm.
Aber es schreitet vor ihm mit dem blumenumschlungenen, siegreich
Wehenden Banner von Sion einher der gewaltige Tylan.

Also bewegte der Zug sich zum festlich prangenden Marktplatz.
Dort vor dem Rathhaus ragt, weit leuchtend, mit seid'ner Bedachung,
Ein Baldachin, von Blumen umkränzt, wie durch Zauber geschaffen.
Still da hält nun der Zug, und herab vom muthigen Renner
Hebt sich Jan; bei doppelt gewaltig anhebendem Vollklang
Heller Trompeten und Zinken die teppich-verhangenen Stufen
Steigt er hinan, zur Bühne, der prunkenden, leuchtend erhöhten,
Unter dem Wundergezelt, wo die lieblichsten Töchter von Sion
Schimmernd in lichten Gewändern, mit duftigen Kränzen im Goldhaar,
Steh'n und auf Scharlachpolstern dem nahenden König entgegen
Heben die Prunkkleinode des neuen sionischen Reiches.
Doch in der Jungfrau'n Mitte, das Auge zum Himmel gerichtet,
Steht Rottmann, der Ermahner und Täufer, der priesterlich-ernste.

Brausend erscholl die Musik, als der Jüngling die Stufen hinanstieg:
Oben nun stand er, und jetzo verstummte der tönende Festschall.
Und nun fragte, zum Volk sich wendend in ruhiger Hoheit,
Jan von Leyden mit über den Markt hin tönender Stimme:
»Bürger des Sionsreiches zu Münster, verlangt ihr in Wahrheit,
Daß ich ergreife die Zügel der Macht und in Sion gebiete?«
Donnernd zur Antwort scholl es im Volk: »Sei König,
Jan von Leyden! sei König im neuen, verheißenen Sion!«
Da sprach Jan, sich wendend zum obersten Priester, zu Rottmann:
»Kröne du mich mit der Krone des neuen sionischen Reiches!
Reich' mir den Scepter, damit ich als König in Sion gebiete!«
»Neige die Stirn«, sprach Jener, »damit das erkorene Haupt dir
Werde gesalbt nach dem Brauch, uraltem, in Israel! Wie einst
Wurde zum König von Sion gesalbt ein bescheidener Jüngling,
Welcher die Heerden geweidet, so salb' ich zum König des neuen
Sion, o Jüngling, dich, nicht fragend nach deinen Erzeugern.
Wie ich dich netze mit Öl, so beträufle der ewigen Weisheit
Thau das begnadete Haupt dir – ein Reich ja der Weisheit ist Sion!«
Sprach's und besprengte den Jüngling mit heiligem Öle den Scheitel.
Und nun faßt' er mit Händen den königlich stralenden Mantel,
Den ihm entgegen gehalten mit Lilienhänden die Jungfrau'n,
Und er legt' um die Schulter das Königsgewand dem Gesalbten,
Welches auf purpurnem Grunde von stralendem Golde durchwoben
War, und von innen gefüttert mit schneeweiß blendender Flocke.
Aber es sprach Rottmann: »In fehllos schimmernder Reinheit
Leuchte das Gold, und leuchte die Flocke, die weiße: denn Sion
Ist ein Reich ja des Lichts und des reinesten Wandels im Lichte! –
Jetzo um Hals und Brust dir schling ich' die stralende Kette,
Tragend die goldene Kugel der Welt: es durchsticht sie von oben,
Schräg wie zum Streit sich kreuzend, ein Paar hellblinkender Schwerter,
Tiefer Entzweiung Bild: doch sieh', da zwischen den Griffen
Ragt der erlösenden Liebe Symbol! Treu wahre den Hort stets:
Sion ist ja das Reich der erlösend-versöhnenden Liebe!« –
Sprach's und hing um die Brust ihm die stralende goldene Kugel,
An schwerwiegender Kett', abwechselnd aus edlen Gesteinen
Und aus goldenen Ringen gebildet, ein köstliches Kleinod.
Aber nun hob Rottmann vom Scharlachpolster den Goldreif.
»Siehe«, so sprach er, »die Krone des Reichs! kein offener Stirnring
Ist sie, wie ärmliche Fürsten er schmückt: sie ist zu erhab'ner
Weltreichskrone gewölbt, und wie hier sich die goldenen Spangen
Über der Höhlung im Bogen zum Knauf in der Mitte vereinen,
So auch vereinen zum Bund muß bald nun die Stämme der Menschheit
Alle das herrliche Reich, das muthig zu Münster gestiftet
Wird für die Welt: denn ein Reich der verbrüderten Völker ist Sion!«
Sprach's, und drückt' auf die Stirn die gewichtige Krone dem König,
Reicht' ihm den goldenen Scepter sodann, von goldenen Kettchen
Dreifach umringelt; die Spitze bestralt ein lichter Karfunkel,
Blitzend, als hätt' ein Zaub'rer den Blitz auf metallener Spitze
Keck auffangend, gebannt dorthin, und versteinert durch Zauber.
»Führe den Scepter, so sprach er, den friedlich waltenden Scepter,
Und bald schwinde für immer das Schwert aus der Könige Händen!
Kampf ja bedeutet das Schwert, doch in Sion herrsche der Friede!
Und es bedeutet Gewalt – doch in Sion herrsche das Recht stets!
Knechtschaft bedeutet das Schwert – doch in Sion herrsche die Freiheit!
Und so schwinge den Scepter, o König, und wiege die gold'ne
Weltreichskugel in Händen, und trage die Krone, den Mantel,
Als ein König des Lichts und des reinesten Wandels im Lichte,
Als ein König der Lieb' und der heiligen Menschenverbrüd'rung,
Als ein König des Friedens, ein König des Rechts und der Freiheit!«–

»Heil dem Könige, Heil dem erkorenen König von Sion!«
Stimmte das Volk nun ein; auf's Neu', wie in heller Verzückung,
Starrten die Augen auf Jan. Da erhob der begnadete Jüngling
Höher das Haupt, und sprach zum Volk.
                                                                »Sioniten!« so rief er,
»Jauchzend verlangtet ihr mich zum Führer, den Jüngling von Leyden,
Und zum König! Wolan! So will ich gestalten das neue
Sionsreich, wie ich sinnend und träumend in feuriger Seele
Längst es getragen, und wie ich, in grübelndes Schweigen verloren,
Groß es im Busen genährt, seitdem durch die Thore von Münster
Ich an Matthissons Seite gewandert! In leuchtenden Zügen
Steht es vor mir – nicht mehr wie ein Traum: Eine Stätte dem Glücke
Unter den Menschen, und Allem, was schön und edel auf Erden,
Will ich bereiten – ein Eden für Seel' und Sinne!
Versammeln
Will ich in Sion die Weisen der Erde, daß kühnlich der Wahrheit
Schleier sie lüften; daß muthig und unablässig sie sinnen,
Wie aus dem Leben zu bannen die Übel; und daß sie uns lehren,
Wie die Natur wir bezwingen, die Kräfte der Höhen und Tiefen
Zähmen für unseren Dienst! Werktüchtige Bildner und Künstler
Will ich versammeln in Sion, damit auch diese das Dasein
Heiter beleben und schmücken und wonnig die Herzen befeuern!
Mögen das Werk sie krönen, sobald uns lächelt der Friede!
Aber auch jetzt nicht will ich, ob auch noch dräuen die Feinde,
Glanzlos herrschen! Man soll nicht spotten, der König von Sion
Sei ein ärmlicher König, ein schnöder Komödienkönig!
Nein, zur Beschämung den Feinden – zum Sporn den noch zagenden Freunden,
Soll sich verbreiten umher in sämmtlichen Landen die Kunde
Vom hellleuchtenden Glanze des neuen sionischen Reiches!
Schilt man uns, daß wir lieben den Glanz? wir wollen ihn lieben,
Nicht wie unheimliche Raben das Glänzende pflegen zu suchen –
Nein, als Kinder des Lichts, die im Glanze begrüßen des Lichtes
Bild, und des eigenen Geists, der dem goldenen Lichte verwandt ist!
Tugend und Lust sind Eins fortan für die Kinder des Lichtes!
Denn wie sollte die Freude, die göttliche Freude des Lebens,
Nicht auch veredeln den Menschen? wie sollte der Äther der Freiheit,
Welcher den Menschen umfließt wie den Adler die Lüfte des Himmels,
Nicht auch läutern das Herz, und dem Rohen für immer obsiegen?
Gleichwie die Lindwurmbrut hinweg mit den Sümpfen geschwunden,
D'rin sie gehaust, so wird aus dem Leben das Häßliche schwinden
Und das Gemeine hinweg im Strale des goldenen Lichtes!
Dann wird Tugend und Lust und Himmel und Erde verschwistert
Sein für immer! Und wenn wir erfüllt, Sioniten, die Sendung,
Unter uns selbst entfachend und nährend das göttliche Feuer,
Herzen erwärmend und Häupter erhellend, und Alle zur gleichen
Zinne des Geistes gehoben, so wird die sionische Lehre
Sich wie ein fegender Sturm hin über die Länder verbreiten:
Und es werden vor ihr die Gewalten der Erde sich beugen,
Und sich reichen die Hände zu ewigem Frieden die Menschen!
Und dann wird sich vollenden im Schooße verbrüderter Völker,
Was wir begonnen zu Münster!« –
                                                        So sprach der begeisterte Jüngling,
Hell umleuchtet die Stirn von des Genius Zeichen. Das höchste
Streben, das edelste Fühlen entstrahlte dem Aug'. Wer ihn ansah,
Tieferen Geists, der empfand: das ist der Erkorenen einer,
Ja, der Erkorenen einer, die gleichen der Welle des Meeres,
Welche, nach aufwärts trachtend, an ragenden Klippen emporrauscht,
Und stolz oben sich krönt mit der funkelndsten Krone des Schaumes,
Eh' sie, zerstiebend in Nichts, zu den ungekrönten zurücksinkt.
Stürmisch umjauchzen die Männer von Sion den Jüngling von Leyden.
Nun erst, riefen sie, sei es begründet, das herrliche Sion,
Und was begann der Prophet, das werde vollenden der König.
Überall pochende Herzen und feurig erglühende Augen . . .

Theilnahmlos, reglos im jubelnden Menschengewimmel
Blieb nur ein einzig Wesen: die immer sich gleiche, die greise
Bettlerin dort, die vom Tode vergess'ne, die heute wie immer
Sitzt auf den Rathhausstufen und murmelt verlorene Worte:
»Komme zu uns dein Reich« und »führ' uns nicht in Versuchung« . . .

Und nun wieder umwogte der glänzende Troß den Gekrönten,
Der, nachdem er auf's Neue den prangenden Zelter bestiegen,
Durch Sanct Michaels Pforte geleiten sich ließ in den Domhof,
Wo er im schönsten Palast sich erkoren den würdigen Wohnsitz.
Zwiefach glänzend nun wogte der Zug hin, stockte gehemmt oft,
Denn stets drängten die Männer, die Frauen zu Jan sich, des Kleides
Saum ihm küssend, und fassend, wie Sinnenbethörte, des Rosses
Zügel, um länger zu schau'n in des Jünglings leuchtendes Antlitz.
Plötzlich taucht aus dem bunten Gedräng – wie aus Fluten ein Meerweib
Taucht in berückender Schöne des Nachts – eine herrliche Jungfrau,
Hält empor einen Kranz weißblühender Rosen, mit Lorbeern
Grün durchflochten, und reicht ihn dem König: und dieser ergreift ihn
Freudig erschrocken – denn wieder erkannt hat rasch in der holden
Geberin er die Erkor'ne, die Braut, die in einsamer Zelle –
Ihm ist's schier wie ein Traum! – er gefunden, und seither vergebens
Wiederzuseh'n sich gesehnt, zu erfüllen das heil'ge Gelöbniß.
Aber es traf wie ein Pfeil aus des Königs Gefolge die Jungfrau
Scharf noch ein weiblicher Blick. Aus den pechschwarz glutenden Augen
Divaras sprüht er, die stolz mit den Ersten der Männer in Sion
Lenkt ihr feuriges Roß – und dem Aug' der Entflammten entging nicht
Das kranzspendende Weib, noch des Jünglings freudiger Glutblick:
Spähend befiedert den Pfeil sie des düsteren Aug's nach der edlen
Hohen Gestalt, doch im dichten Gedräng' entrinnt sie ihr spurlos.

Aber der Domhof ist nun erreicht und nachdem sich der König
Einmal dem Volk noch gezeigt, und begeisternden Gruß ihm entboten,
Wird er vom Zelter gehoben, und tritt, von den Ersten in Sion
Und den Trabanten gefolgt, durch's Thor des erkornen Palastes.

Aber es schwärmt noch fort in den Straßen von Münster die Festlust.
Und ein Reigen beginnt um die riesigen Linden des Domhofs,
Die man mit Kränzen behängt, beim Klange der Flöten und Geigen.
Goldig sprudelt der Wein: denn daß an dem köstlichsten Vorrath
Heut sich erlabe das Volk, ist des Königs Wille: zu feiern
Würdig den glänzenden Tag, sich heiter im Herrn zu erfreuen,
Eh' sich gerüstet zu neuer Bedräuung die Feinde von Sion.
Und nicht will er aus Sion die lächelnde Freude verbannt sehn,
Wie vordem der Prophet – nein, innig verknüpft und verbündet
Soll sie bleiben fortan mit dem edelsten Streben und Ringen!
Und so öffneten heut sich der fröhlichen Lust auch die ernsten
Anabaptisten, und bald in des bunteren Schwarmes Gemüthern
Regte der Muthwill sich, und die väterererbte, die derbe
Scherzlust wieder und griff nach den Lieblingsspielen: es tummeln
Krechting und Knipperdolling sich wieder, ermunternd die Andern:
Dann wetteifern die Gaukler mit Divaras brauner Cohorte,
Mummenschanz zu erneuern; zuletzt ein Brettergerüste
Richten sie auf im Chore des Doms und es lauschet die Menge
Einem Komödienspiel, wie die Gaukler, die fremden, aus Holland,
Willig zum Besten es geben, die einst'gen Gefährten des Königs.

Im hochprangenden Saale des königlich stolzen Palastes
Stand der Erkorne von Sion inmitten der besten Getreuen,
Würden und Ämter vertheilend. »Ihr habt zum Ersten in Sion«,
Spricht er, »zum Haupt mich bestellt; doch welche nun sollen zur Seite
Steh'n mir als Helfer? Die Starken und Klugen! Empfange du, wack'rer
Knipperdolling, das Schwert der Gewalt! Schwertführer in Sion
Bist du fortan! Mag rosten das Schwert, wenn völlig zur Wahrheit
Uns die sionische Lehre geworden! – Du, rüstiger Tylan,
Der du vor Münster im Kampf ein Hort mir gewesen, du bleib' auch
Fortan treu mir gesellt! Du sollst in silbernem Panzer
Steh'n an der Schwelle der Thür, Leibwächter des Königs von Sion!
Dich, anstelliger Krechting, im Dienst des Propheten erprobt schon,
Hab' ich erwählt zum Helfer auch mir, zum Boten und Herold:
Nenne dich Kanzler, verkündend und deutend dem Volke getreulich,
Was ich zu ordnen gedenk', und besorge die rasche Vollstreckung!
Theil' in Gemarkungen Münster mir ein, und aus jeder Gemarkung
Wähl' einen Ältesten mir, der die Ordnung besorgt der Gemarkung.
Aber die Ältesten sammeln sich täglich in meinem Palaste,
Daß sie Bericht mir erstatten, und meine Gebote vernehmen.
Doch auch zu hören den Rath und Willen versammelter Bürger
Denk' ich: nicht als Despot in Sion zu herrschen begehr' ich! –
Kerkering, trefflicher Kämpe, der Schanzen zu bauen und Minen
Weislich zu graben gelernt, und jetzt, aus der Fremde zur Heimat
Wiedergekehrt, ob ergraut auch, sich unserer Sache geweiht hat,
Wirke mit Eifer als Lenker der Kriegsarbeiten in Münster!
Doch, daß bedächtigem Rath die beflügelte That sich geselle,
Will ich zur Seite dir stellen den feurigen Gerlach von Wullen:
Sei du das Auge des Adlers und er die bewegliche Schwinge!
Dein ist ein milderes Amt, stillsinnender ehrlicher Rottmann!
Grüble du still, wie bisher, in der einsamen Kammer, zu schärfen
Blinkende Pfeile des Worts und der Schrift, indeß wir in Waffen
Steh'n auf dem Felde der Thaten. Erquicke die Müden des Kampfes
Du mit lebendigem Wort, auf daß wir mitten im Streit noch
Treulich im Herzen bewahren den himmlischen Frieden des neuen
Sion, die heilige Glut, die verjüngen, erneuern die Welt soll!
Aber hinaus auch sende von hier der sionischen Lehre
Samen, hinaus in die Welt in geflügelten Blättern und Schriften! –
Nun zu Tilbeck will ich mich wenden, dem edel gebornen!
Viel schon wurde gethan zum prangenden Schmucke von Sion,
Seit uns Muße gelassen der Feind: wie Schwerter und Lanzen
Eifrig in voriger Zeit wir geschmiedet, so ward nun des edlen
Erzes unendliche Fülle, das hier in Münster gehäuft ist,
Zu Kleinoden gehämmert des neuen sionischen Reiches!
Trefflicher Tilbeck, du, der längst, prunkliebend und edel,
Sich auf höfische Sitte verstand, du besorge von jetzt an
Weislich als Hofmarschalk, was fehlt, zu gestalten den Hofhalt!

Aber es ziemt uns, zu denken der Zukunft auch und zu sorgen,
Wie sich verbreit' und gedeihe das Reich, das wir eben begründet!
Manches noch bleibt uns zu thun, daß nicht von außen erstickt wird,
Als ein umzingelter Brand, dies eben begründete Sion!
Fliegende Funken geziemt es von diesem umzingelten Brande
Steigen zu lassen, daß über das Haupt der Umzingelnden weg sie
Tragen in andere Lande den Brand, und Flammen entfachen,
Die sich verbreiten, und endlich verschmelzend sich alle begegnen!
Aber die fliegenden Funken, das sind vom Geiste durchdrungne
Männer, die sich aus der Stadt, der umlagerten, hin durch das Soldheer
Schleichen, zu künden den Fernen die neue sionische Botschaft!
Tretet hervor, ihr Muthigsten und ihr Begeistert'sten! Wer ist's,
Der da berufen sich fühlt und im Herzen empfindet die Sendung?« –

Also der König. Da traten hervor die begeistert'sten Männer,
Dunkelerglühenden Augs, Sendboten, die vielfach gewandert
Schon in den Landen vordem, nun versammelt zu Münster. Hervortrat
Friese, der redegewandte, der schwärmerisch glühende Brentrup,
Vinnius auch und Strahl, und der nimmer ermüdende Schlachtschap,
Andere viel noch. Aus ihnen erkor sich der König die Zwölfzahl
Wandernder Boten, und drei der Erkornen entsandt' er gen Coesfeld
Westwärts, drei dann sandt' er gen Osten, nach Warndorf; südwärts
Drei, gen Zusen; gen Osnabrück entsandt' er die Letzten.
Aber bevor er die Männer entließ, von köstlichem Schreine
Hob er den Deckel, und sieh', da funkelte goldener Münzschatz,
Kürzlich geprägt, schwerwuchtig; von diesem entnahm er, so viel ihm
Zwölf Mal faßte die Hand, und er reicht' eine schimmernde Handvoll
Jedem der Zwölf und sprach: »Nehmt hin sie, die leuchtenden Münzen,
Tragend des Königs Bild und die Losung der Wiedergetauften,
Welche sich jetzo erfüllt im sionischen Reiche: » Das Wort ist
Fleisch geworden und wohnet in uns!
« Nehmt hin sie, die gold'nen
Zeugen des Sionsreiches, damit ihr Feinden und Zweiflern
Kühn vor die Füße sie werft, und trostvoll weiset den Brüdern,
Die, noch harrend des Heiles, umher in den Landen zerstreit sind!«–

Sprach's und mit segnender Hand dann winkt' er den Boten, von hinnen
Muthig zu geh'n, nicht säumend; und sie, mit Freudegeberden,
Zogen dahin, Heil rufend im Scheiden dem König von Sion.
Aber mit ihnen entließ die Getreuen nun alle der König.

Und jetzt ist er allein mit sich in der räumigen Halle.
Tief in Gedanken versinkt er: es schwillt im Busen das Herz ihm.
»Nun ist betreten der Hang«, so spricht er zu sich, »der hinanführt
Auf die erhabenste Warte des Glückes, und ewigen Nachruhms –
Aber hinab auch, hinab in schwindelnde Tiefen . . . ob König,
Oder ob Gaukler mich nennen die spätern Geschlechter, ob Hohn mir
Oder Bewunderung folgt – das hängt an der launisch-bewegten
Braue der Göttin des Glücks . . . Wie aber, wie nenn' ich mich selber?
Bin ich ein Gaukler, ein Thor? ist wieder ein Tand nur die gold'ne
Krone, die jetzo das Haupt mir schmückt? Nein! waffengewaltig
Ist das sionische Volk, und kühn! Unermeßliche Schätze
Nenn' ich mein! Ob auch enge gesteckt noch die Grenzen des Reiches,
Stets doch wachsen die Streiter – es breitet der Wiedergetauften
Lehre sich weithin aus, es sind aus Nachbargebieten
Schon auf dem Wege nach Münster bewaffnete Schaaren. Erschollen
Ist weitum in den Landen die Kunde des Kampfes vor Münster,
Und schon feiert das Volk in Liedern den schönsten der Siege!

Wird nicht reichen die Macht des sionischen Scepters, so weit sich
Schwingt in beflügelten Worten die anabaptistische Lehre?
Aber auch jetzt, in enger Umschränkung, zu herrschen vermag ich,
Großes zu thun, zu erfüllen die schönste, die edelste Sendung.
Ein Stück Erd' ist mir eigen, auf dem, wie auf eigenem Acker,
Ich mag säen und ernten, entfalten zur Reife die Keime,
Wie sie schon oft von den Sternen herab in die Seelen der Dichter
Fielen, doch nie sich erschlossen bisher in's blühende Leben.
Träumer- und Schwärmergedanken, ihr Kinder der edelsten Häupter,
Die ihr bisher, leiblos, unstät, in den Lüften geschwebt nur,
Heimathlos, von den Kalten verschmäht, und gehaßt und befehdet
Von den Gebietern der Erde – o kommt, laßt nieder wie Tauben
Euch auf den Zinnen von Münster: ich will euch die Stätte bereiten!« –

Lang so sinnt der Entflammte. Da plötzlich berührt ein Gedank' ihn,
Süß und besorglich zugleich. »Was wäre die Macht und der Glanz mir,
Wenn nicht nah' mir das Liebste . . . warum nicht tritt sie hervor jetzt,
Wie sie gelobt? es ersehnt mein Herz so lang sie vergebens!
Aber ein Pfand ist der Kranz ja, den heut sie gereicht dem Gekrönten!«
Spricht's und greift nach dem Kranze: da schimmert ihm zwischen den Blüten
Weiß entgegen ein Blatt: drauf lies't er gegraben die Worte:
» Harre noch wenige Zeit, dann wirst du von Hilla vernehmen!«
Freudig bewegt ist des Königs Gemüth, und wieder versenk er
Tief in die Träume der Liebe, des Glücks und der Herrschergewalt sich.

»Wär' es so thöricht, zu glauben, daß nah' schon dem Sturze die morschen
Throne der Fürsten, und daß die entfesselten Völker dem neuen,
Hellaufleuchtenden Sterne sich neigen, dem Sterne von Sion?« –

Solches erwägend und sinnend erhebt er das Haupt, da erblickt er
Vor sich stehend die hohe Gestalt des gewaltigen Tylan.
Fest auf ihn ist das Auge des Riesen gerichtet. In Händen
Trägt er ein wuchtiges Schwert, seltsamlich gestaltet und uralt,
Doch hellblinkend geschliffen. Der Recke beginnt in verwirrten
Reden zu sprechen vor Jan: »Nimm hin dies Schwert, du Erkorner!
Denn dies Schwert nur vermag dir Gewalt zu verleihen auf deutschem
Boden! es ruht im Geklüft Jahrhunderte lang schon, und immer
Gibt es der Wissenden einer im Sterben zu hüten dem andern,
Daß nicht gänzlich es fresse der Rost, bis der Himmel den deutschen
Helden erweckt, es zu führen. An steinernen Gräbern der Riesen
Lag ich jüngst und versank in Schlaf bei dem Brausen des Eichwalds,
Und da vernahm ich die Recken: »Wolauf, und schleife das Schwert nun«,
Sagten sie, »nah' ist der Tag, wo im Kampfe die Welt sich erneuert!«
Und ich erwacht' und holte das Schwert aus der finsteren Felskluft.
Herrlich gerüstet mit Weisheit und Muth, mit Kraft und mit Schönheit
Wird der teutonische Held sich erheben: so hört' ich's verkünden.
Doch nicht zwingt er die Welt mit dem Schlag, noch dem Hiebe des Schwertes,
Nein, vor dem Blitze des Stahles allein hinsinken die Feinde.
Und so wird, ausrottend das Laster und tilgend das Unrecht,
Er die Provinzen durchzieh'n, und, entfaltend die heilige deutsche
Reichssturmfahne, die Stämme der Deutschen zum Bunde vereinen,
Wird von den Thronen auch stossen die Mächtigen, jegliche Zwingburg
Brechen, befreien die Völker, und sämmtliche Lasten und Frohnen
Nehmen vom Nacken der Menschen, auf daß fortan sie in Frieden
Unter dem Fruchtbaum sitzen, vergnügt, und unter dem Weinstock.
Und dann wird von hinnen er zieh'n weit über die Grenzen,
Um zu bezwingen die Türken und Heiden; und fern auf dem Throne
Von Byzantium, wie in den Reichen von Persia, India, wird er
Als Statthalter bestellen und Könige seine Getreuen.
Und dann wird er zuletzt eine Burg sich mitten in deutschen
Landen erbau'n aus Gold und Helfengebein, und die Zinnen
Werden erglänzen von lichten Korallen und edlem Karfunkel.
Und es wird sich ihm füllen hinauf bis zum Giebel das Schatzhaus
Mit dem Tribute der Völker. So Herrliches wird er vollbringen
Einzig durch Zaubergewalt, mit dem Blitze des heiligen Schwertes!
Dir nun reich ich's, das Schwert, du Begnadeter! Gürte die Hüften
Dir und erob're die Welt, denn die Stund' ist gekommen! Im Eichwald
Krachen die Wipfel und klaffen die Felsen: es kommen erwachend
Bald auch die Recken hervor mit den eisgrau wallenden Bärten,
Stiften zu helfen das neue, das tausendjährige Weltreich!« –

Also der Alte, und Jan, in tiefe Gedanken versinkend,
Dachte des Mannes, den schärfen das Schwert er sah in des Waldes
Ödem Geklüft. Rasch wie er gekommen, so war er entwichen
Wieder, geheimnißvoll, der Gewalt'ge. Doch hell vor dem König
Lag das geschliffene Schwert, und glitzerte, funkelte seltsam.
Glutvoll hing an der Waffe das Auge des Königs. »Ein deutscher
Held ist verheißen«, so sprach er, »der siegend entfaltet die deutsche
Reichssturmfahne? der eint die Verwandten, die Stämme des Nordens?
Der nun endlich zu lauschen gedenkt, was die Sunde des Nordmeers
Flüstern, anstatt Jahrhunderte noch, in schnöder Verblendung,
Bluttribut zu entrichten dem fernen italischen Süden?
Ja, wol rastet das Schwert der germanischen Kraft in den Höhlen
Tief noch verborgen: es fehlte der Held, der's wüßte zu führen!
Mir nun reichst du das Schwert, wahnwitziger Alter? Warum nicht
Sollt' ich's ergreifen als Glücks-Wahrzeichen der winkenden Zukunft?
Wenn die germanischen Völker die neue, sionische Lehre
Fort in die kühnere Laufbahn reißt und die Welt sich erneuert,
Wird nicht mehr bald gelten das Schwert des Erkornen von Sion,
Als das vermorschende Scepter des heiligen, römischen Reiches?
Kaiser und Papst – ein Römling der eine so gut wie der and're!
Nichts von Römlingen mehr und von Rom! Neu rege der alte
Kühne cheruskische Trotz nun wieder in nordischer Brust sich!
Auf westphälischer Erde ja war's, wo schon einmal des Römers
Stolz und Siegesgewalt todwund im Gesümpfe verröchelt . . .
Gibt es Könige heut, die vom Geiste der Zeiten durchdrungen?
O wer ein Held und ein König in Wahrheit wär', in den Schooß ihm
Fiele die Weltherrschaft, wie gereift vom Baume der Apfel! –
Welcher gewaltige Drang durchflammt und schwellt mir die Adern?
Herrliches weis't mit dem Finger das Schicksal mir! O was bliebe
Noch mir zu wünschen, als Fülle der Kraft, unsterbliches Leben,
Zu vollführen das Alles, was glühend mir pocht im Gehirne? . . .

Also versinkt in Betrachtung des bläulich blinkenden Schwertes,
Jan von Leyden, der König. Da tritt in's Gemach zu dem Träumer
Knipperdolling herein. Zuführt' er ihm eine fremde
Bärtige Greisengestalt mit den Worten: »Zu schauen, o König,
Wünscht dich der Fremdling hier, als Gelehrter gekommen und Weiser,
Der sich versteht auf mancherlei Kunst. Sein Nam' ist Agrippa:
Weit in den Landen bekannt.« – »Was heischest du?« fragte den Fremdling
Jan, nachdem sich entfernt der geleitende Knipperdolling.
»Dir zu dienen verlang' ich, o König von Sion! ein Weiser
Bin ich, ein Zaub'rer, so sagen die Leute.« – »Wie kommst du nach Münster
Eben zu mir?« sprach Jan. »Ei, wie zu dem Topfe der Deckel«,
Sagte der bärtige Greis, »und wie Alles auf Erden sich findet,
Was da zusammengehört, so bindet der Narr und der Weise
Sich zum König. Es ist gar schwer, einen Herren zu finden,
Dem durch geleistete Dienste man wirklich vermöchte zu dienen.
Großes versteh' ich zu leisten und herrliche Güter zu schaffen,
Doch nicht fand ich den Mann bisher, der sie wüßte zu brauchen.
Da wardst du mir im Traume gezeigt, und so zog ich gen Münster!
Hast du vernommen von Faustus, dem Zaub'rer, der trotzte dem Alter,
Und sich zu schwingen verstand auf wallendem Mantel in's Luftreich?
Hast du vom ewigen Juden gehört und vom ew'gen Johannes,
Welche den Tod nicht kennen? warum doch bleiben sie einzig?
Elixiere zu brauen ist leicht, doch schwer ist's, zu finden
Einen, der wüßte zu leben, ich mein' ein wirkliches Leben.
Auch Gold machen ist leicht, doch schwer ist's, Einen zu finden,
Der mit dem schönen Metall was Recht's zu beginnen verstünde.
Jugendlich muthiger König von Sion, von dir zu vernehmen,
Und zu begreifen, du seiest der Würdige, siehe, war Eins mir!« –

Sprach's, da versetzte der König: »Du beut'st unalternde Jugend,
Goldene Schätze mir an? Wol wüßt' ich Beides zu brauchen;
Aber ich habe der Jugend, ich habe der Schätze genug noch,
Und so werd' ich so bald nicht Magierkünste bedürfen!« –
»Jüngling, du weißt nicht«, sagte der Greis, »wie bald eines Königs
Scheitel ergraut und wie bald eines Königs Seckel geleert ist!
Und dann – besser ist besser! zu viel nie hat man des Guten!« –
»Nun, so sei's«, rief Jener und lächelte; »fülle mit Gold mir
Bis an den Giebel die Hallen! So will ich im Golde mich wälzen,
Und mit goldenen Pfeilen und Kugeln die Feinde von Sion
Treffen, daß statt zu erzittern, sie goldgierfunkelnden Auges
Pfeil' und Kugel im Leib' als köstliche Beute betrachten,
Und die Verwundeten selbst um die gold'nen Geschosse sich raufen!
Ja, nie hat man des Guten zu viel! Fahr' wol denn für heute,
Magiergreis! nicht laß' dich den Weg nach Münster gereuen!« –

Fern war der Magier schon. Doch der König, er lächelte sinnend.
»Ist es der Himmel«, so spricht er zu sich, »ist's Tücke der Hölle,
Welche die Boten mir sendet? Ich nehme sie an als Verkünder
Herrlichsten Menschengeschicks, das erblüh'n mir, wie Keinem zuvor, soll –
Alles vereint sich, zu schwellen die Brust, zu befeuern die Seele . . .
Heiß schon glüht mir die Stirn – mir schwindelt! – Ich lechze nach Kühlung,
Lechze nach Ruhe, zu dämpfen des Herzens Erregung! – Wer tritt da
Wieder zu mir in's Gemach? – Dies Antlitz mein' ich zu kennen! –
Lips van Straaten, du bist's?« –
                                                    »Ja, Lips van Straaten, der Gaukler«,
Rief der Besucher; »ich seh', man ist meiner in Gnaden gedenk noch!
Sei mir gegrüßt, mein Jan! Das nenn' ich doch wacker den König
David spielen! Ist's nicht so gekommen, wie ich's in der Davert
Weislich sagte voraus? – Ei sprecht, Herr König, ist's nicht so?«
Lächelnd erwiderte Jan: »Wo stecktest du nur in der letzten
Zeit, Freund Lips? Schon hab' ich dich lang nicht wiedergesehen!
Ei, wo bliebst du, indeß wir gekämpft und gesiegt für das neue
Sionsreich?« Da zwinkerte klug mit den Augen der munt're Lips:
»Sieh', Jan«, so begann er, »du darfst es nicht mir verübeln:
Nach Lorbeern, wie Helden sie blüh'n, hat niemals im Leben
Sonderlich heiß mich gelüstet. Auch gellten zu heftig die Ohren
Mir von dem vielen Gezeter in Sion. Da zog ich zurück mich
Etwas weiter vom Felde der Thaten, zu kühleren Leuten –
Gott sei Dank, noch gibt's ja dergleichen in Münster! – Im Kirchspiel
Über dem Wasser – du kennst sie wol nicht, die Taberne »zur Rose«,
Noch auch die Wirthin zur Rose, das trefflichste Weib in dem Kirchspiel?
Nun, ich lernte sie kennen, das Weib und die Schenke; sie beide
Waren nach meinem Geschmack. Rund strotzte das Weib wie ein Stückfaß,
Nett und drall – wir Langen und Hageren lieben dergleichen! –
Bald auch war ich der Hahn im Korbe. Der trefflichen Wittib –
Denn ihr Mann war gestorben verwichenen Sommer – gefiel ich:
Und wir paßten zusammen: wie sie das beleibteste Stadtkind,
War ich der Hagersten Einer in Israel. Auch war ich immer
Fröhlichen Muths, und sah, wie sie sagte, dem Seligen ähnlich.
Und resolut, wie sie war – doch da muß ich dir erst noch erzählen,
Wie man sie wiedergetauft. Da sie niemals mehr aus dem Haus kam,
Weil zu schwer sie geworden, so konnte sie auch auf den Markt nicht
Geh'n, sich taufen zu lassen. Da kam ihr der Gelbe, der Rottmann,
Endlich gar auf die Stube gerückt, sie wiederzutaufen.
Aber sie schwärmt nicht sehr für dergleichen; wie wär's zu verlangen,
Daß man schwärmen noch sollte mit so viel Fleisch auf den Knochen?
Schenkwirthin – und wiedergetauft! ein Klumpen von dritthalb
Centnern, und wiedergetauft! – Sie kümmerte nicht einen Pfennig
Sich um die Herrlichkeiten des neuen, sionischen Reiches.
Aber der Rottmann drängte sie arg, und drohte, wofern sie
Nicht sich füge dem Brauch, so müsse sie Münster verlassen.
Nun, da erboßte sie sich und schrie: »So tauft in des Teufels
Namen mich wieder; im Namen des Herrn ja bin ich getauft schon!«
Und so ward sie getauft. Mir gefiel's nicht schlecht von der Dicken,
Daß sie zuletzt mit so guter Manier in die Sache sich schickte.
Und so nahmen wir Beide die Sachen zuletzt wie sie waren:
Mich auch nahm sie zum Mann, wie ich war, und ich sie zum Weibe.
Heiter so lebten wir hin. Und wahrlich, es war doch so leicht nicht,
Heiter zu leben in Münster, bei solchem Karthaunengedonner,
Büchsengeknatter – um nicht zu erwähnen des Psalmengesinges –
Wie wir's zu Münster erlebt in vergangenen Wochen. Verzeih' mir's,
Jan, daß verdorben ich bin zum Bürger und Streiter von Sion –
Zum Prophezei'n zwar hätt' ich ein schönes Talent, doch zu heiser
Bin ich, um weidlich zu schrei'n auf dem Markt, und zu träg zum Verzücktsein –
Aber wofern du bedarfst eines lustigen Rathes am Hofe,
Rufe den Lips nur, den Gaukler, den Wandergenossen und Landsmann!«

»Freund!«, entgegnete Jan, »kühlscherzende Rede des Schalksnarr'n
Mischt in den heiligen Chor der begeisterten Stimmen in Sion
Schier wie ein Mißton sich, und es weht das beflügelte Scherzwort
Sacht abkühlend hinein in die Schwüle der ernsten Empfindung!
Aber warum auch nicht? ist allzu gewaltig die Schwüle,
Kühl' sie, du munterer, aller Gesell! Und so lang du um mich bist,
Wirst du auch immer des frühern, des Jugendgeschicks mich erinnern,
Welches hieher mich geführt; du wirst mich der menschlichen Schranken
Immer gedenk sein lassen, des ewigen Wandels der Dinge« . . .

»Meinst du?« lächelte Lips; »und so wär' ich denn glücklich bestallter
Narr am glänzenden Hof des erhabenen Königs von Sion?
Denn ich setze voraus, daß Urlaub mir für den Hofdienst
Gibt mein werthes Gemahl: für den Tag zum Mindesten, hoff' ich.
Aber, du weißt doch, Jan, daß ich hinke? nun sage, verschlägt dir's
Nichts, wenn die närrische Weisheit so langsam hinter dir herhinkt?
Schad', wenn sie käme zu spät! Nicht wahr, Jan, trefflicher Junge?
Gott sei Dank, nun darf ich doch wieder dich nennen, wie vormals,
Frisch von der Leber so weg: denn hoffentlich gönnst du dem Schelme
Sein herkömmliches Recht, daß immer mit Kaiser und König
Er so spricht, wie ein Gleicher mit Gleichen, – das heißt, wie mit Schelmen?« –

Also die Beiden. Da nah'ten in Eile Trabanten dem König,
Knipperdolling und Krechting mit ihnen; erregten Gemüthes
Brachten sie Kunde, erschienen soeben vom Lager des Bischofs
Sei an den Thoren der Stadt, der geschlossenen, eine Gesandtschaft,
Fähnlein schwingend, verlangend zum Volke von Münster zu reden;
Und als das Volk sich erbot, vor den König, den eben gekrönten,
Sie zu geleiten, da hätten die Boten geäußert, sie wüßten
Nichts von Königen, wären gekommen zum Volke zu reden,
Nicht zu des Volkes Verführern, verwegenen Strolchen des Auslands.
Da sei kräftig erschollen im Volk, zum Trotze den Wichten,
» Tod und Verderben dem Waldeck!« und » Heil dem Erkornen von Sion!« –
Und dann habe hieher sie genöthigt der Schwarm wie Gefang'ne
Bis vor den Königspalast. So erzählten dem König die Männer.

»Noch nicht kennen sie ihn, den Erkornen von Sion?« erwidert
Jan, »so werden von ihm doch künftig sie wissen zu sagen!
Führt sie herauf, und lasset indessen sie hier in des Thronsaals
Vordergemache verweilen – ich will sie würdig empfangen!«

Also der König, und hinter den golden gewirkten Tapeten,
Die das Gemach abschlossen, verschwand er. Es tummelten jetzt sich
Diener des Königs, in Eil' vollziehend des Ordners Befehle,
Und es versammelten sich auch die Träger der Würden des Reiches.

Nunmehr traten, geleitet von andern Trabanten, des Bischofs
Boten herein, ansehnliche Männer: der Graf von der Recke,
Zwei Patrizier auch, die zuvor im Rathe von Münster
Saßen, dazu als Führer und Sprecher der düstere Priester
Odo von Drensteinfurt, allmächtig im Rathe des Bischofs.

Als nun das Vordergemach sie betraten, da blickten die Boten
Stolz um sich und suchten inmitten der Schaar von Trabanten den König.
Aber sie fanden nur Lips hier unter geschäftigen Dienern,
Welcher zurück da geblieben und schon sich Freunde gewonnen
Mit Scherzworten und Possen im Schwarm der Betreßten des Hofes.
Und dieweil nun vor ihnen der Schalk so keck in die Brust sich
Warf, so meinten die Boten in ihm den plebejischen König
Jan von Leyden zu schau'n, von welchem sie Kunde vernommen:
Und es umspielte die Lippen der Männer ein spöttisches Lächeln.
»Steh'n wir«, begann ihr Führer und Sprecher, der finstere Priester,
»Steh'n wir hier vor dem Mann, der jetzt sich in Münster die höchste
Macht anmaßt, und vor welchem die Anderen alle sich beugen?« –
»Teufel, das glaub' ich!« erwiderte Lips; »wol beugen sich meiner
Pritsche die Männer von Münster, und wer sich der Größte bedünket,
Lächelt und schweigt, wenn Pinsel und Schelm und Tropf ich ihn schelte!« –

»Wenn du es bist«, fuhr fort der Gesandte, »so höre die Mahnung,
Welche noch einmal in Gnaden Euch Allen entbietet der Bischof!
Du laß ab vor Allen, o Fremdling, die Bürger von Münster
Keck zu befeuern, zu spornen zum frevelnden Trotz der Rebellen« . . .

»Meint ihr?« entgegnete Lips; »Ich befeu're die Bürger von Münster?
Ich bin's, der sie bestärkt? bei Gott, Ihr Herren, Ihr wißt nicht,
Wie ihr mir Unrecht thut! So ist's, so verblendet der Ärger . . .
Freilich, ich kann es begreifen, daß eure Gemüther verbittert
Sind in den laufenden Tagen: es ist nichts Kleines, in Wahrheit,
Also gerüttelt zu werden aus seinem bequemlichen Dasein,
Und, wie zu Telgte gescheh'n, bei nächtlicher Weil' noch im Eislauf
Gar sich versuchen zu müssen, im Hemd . . . doch, ihr Herren, ich sag' euch:
Tröstet euch nur und hofft auf der Zeiten beständigen Umschwung.
Freilich, wir treiben es arg nun in Münster; doch seht, wie bedrohlich
Sich auch die Leute geberden im Vorwärtstrachten – wer weiß denn,
Ob sie sich wirklich vom Flecke bewegen? sie dreh'n sich vielleicht nur
Um sich selber herum, wie im Veitstanz! Wenn sie ermüdet
Sinken zu Boden, da kommt ihr wieder an's Ruder, Ihr Herren!
Sehet, die Münst'rer, die jetzt von den Kirchen die Thürme gerissen,
Und von den Wänden die Bilder, das werden noch einmal die besten
Katholiken im Reich, gebt Acht, wenn sie tüchtig gewalkt sind,
Und so etliche Schock von Anabaptisten vor ihren
Augen, wie Sperlinge, neben einander am Feuer geschmort sind,
Oder geköpft! sie werden's so bald nicht wieder vergessen . . .«

Sprach's, und es blicken verwundert den Sprecher die Männer, und selbst dann
Unter einander sich an, und es freut sich ein Jeder, zu merken,
Solcherlei Reden vernehmend, und kaum noch trauend den Ohren,
Daß der Erkorne von Sion ein drolliger Schwätzer, ein Schalksnarr,
Ein armseliger Tropf, der gewiß nur Verrückte befehligt . . .

Doch da schneidet auf einmal die spöttisch-tollste Grimasse
Ihnen der Narr, und plötzlich, als wandelte Zauber den Schauplatz,
Rauscht und rollt aus einander der Prachtvorhang der Tapeten,
Welcher das Vordergemach abschließt von den inneren Räumen,
Und in blendender Pracht dehnt weithin schimmernd der Thronsaal
Sich vor den staunenden Augen der Fremden: inmitten des Saales
Ragt, goldstrotzend, der Thron; auf dem Throne, vom Schwarm der Trabanten
Und der Getreuen umgeben in bunten und glänzenden Trachten,
Sitzt, vom Königsgewand umwallt, auf dem Haupte die Krone,
Jan von Leyden.
                          Da senken, verblüfft und geblendet, des Bischofs
Boten die Augen. Es leitet der Hofmarschalk zu des Thrones
Stufen sie hin und heißt nunmehr sie entrichten die Botschaft,
Die sie vom Lager gebracht. Vor den Andern ermannt sich der düst're
Priester und, kühn zu dem König erhebend die Augen, beginnt er:
»Jan von Leyden! dieweil uns verwehrt, zum Volke zu sprechen,
Wie es der gnädigste Bischof wollte, des Münster'schen Landes
Herr und Fürst, so treten vor dich wir, der du in Münster
König dich nennst! Es entbietet noch einmal Gnade der Bischof
Allen Bewohnern der Stadt, so fremden als heimischen, einzig
Heischend, daß friedlich mit ihm fortan, bei geöffneten Thoren,
Münster verhandelt! Mißachte du nicht den vom Himmel gesetzten
Fürsten und Herrn! Sieh', mächtiger wächst vor den Thoren das Soldheer
Täglich, verstärkt durch Hilfe verbündeter Fürsten! Es grollt euch
Kaiser und Reich! Wie lang noch, ihr Frevler, vermögt ihr zu trotzen?
Geh' in dich, und bewahre das Volk vor dem Tage der Rache!
Beuge dich, weiche, verschone die heiligen Rechte der Kirche,
Denn ihr Arm ist mächtig und lang, und er wird dich ergreifen,
Ob du auch thurmgleich hier dir erhöhtest in Münster den Thronsitz!«

Lächelnd erwiderte Jan von Leyden mit ruhigen Worten:
»Priester! der Menschheit Recht, sich neu zu gestalten, ist älter,
Heiliger auch, als des Bischofs Recht, in Münster den Krummstab
Über die Bürger zu schwingen! O sprich! soll sich in den Bischof
Schicken die Zeit, und nicht vielmehr in die Zeiten der Bischof?
Sieh', mit dem Recht, dem verbrieften, dem zeitlichen Rechte des Bischofs
Streitet der Menschheit Recht, zureifend dem edleren Dasein,
Endlich die Bande zu sprengen der mönchisch-dumpfen Umschränkung!
Lange genug ja hat sie gebüßt die bacchantischen Sünden
Heidnischer Zeiten – mit Recht – in Kasteiungen und in Entsagung.
Aber nun ziemt ihr's, geläutert hervor aus der Zelle des Büßers
Wieder zu geh'n, und zu wandeln auf sonniger Höhe des Daseins,
Daß sich edel und frei, gottähnlich, vollende des Erdsohns
Lange verkümmertes Bild, und nach winterlich dumpfer Erstarrung
Endlich zu göttlicher Blüte das irdische Leben gelange!

Seht ihr nicht sie mit Augen, die Zeichen und Wunder der neuen
Zeit? Ihr nennet uns Schwärmer, dieweil wir erkennen des Himmels
Wink, ihn begeistert erfassen, und ihn zu verwirklichen ringen?
Wisset, im Schwarmgeist brauset das Wehen des ewigen Geistes!
Was da Großes auf Erden gescheh'n, vollbrachten die Schwärmer!
O ihr Klugen der Welt! So klug ihr seid, es behalten
Recht doch immer die Schwärmer zuletzt: was Väter bespöttelt,
Ist alltägliche Lust für die Enkel, aus Brüsten der Amme
Nährend-unschuldige Milch: kein Lebendes möchte sie missen!
Was mißtraut ihr dem Drange des ringenden Menschengemüthes?
Laßt ihn erproben sich selbst: denn ist er vom Übel, so wird er
Selbst sich richten! Und folgt er zuletzt nicht immer den Bahnen,
Die ihm ewig bestimmt? und führt zu geheiligten Zielen,
Ob auch vielleicht auf rauhen, auf krausen, verworrenen Pfaden?
Seht wie der Pendel der Uhr, rechtshin ausweichend und linkshin,
Immer doch kehrt zur Mitte zurück! So kann uns des Lebens
Wildester Drang nie völlig entrücken dem ewigen Schwerpunkt!
Jedes Zuviel, nie hat es Bestand: rasch gleicht es von selbst sich
Aus im Schwung! Zur Ruh' wol könnt ihr den Pendel verdammen;
Doch dann steht auch stille die Uhr: im Schwung nur ist Leben!

O ihr Ängstlichen, welchen die neue, die hellere Leuchte
Fremd und verdächtig erscheint, wie dem nächtlichen Beller der Vollmond!
Schreckt euch der Wechsel so sehr? Ei, wechseln zu unseren Füßen
Nicht auch die Blumen? und nicht die Gestirne zu unseren Häupten?
Nicht im Haupt die Gedanken, der Glaube, die Meinung? Was Wahrheit,
Weiß nicht Einer, so lang es ein Heut noch gibt und ein Gestern
Und ein Morgen: die drei, sie beschämen ja ewig einander!
So viel Menschengeschlechter hinab in die Gräber gewandert,
So viel Meinungen auch und Altär' und wechselnde Götter
Sind zu ewiger Ruh' in den Grüften der Erde bestattet!
Trauriges Menschheitsloos – urewiges Wanken und Schwanken –
Aber was hilft es, sich unter die Räder der Zeiten zu werfen?
Was nach Erneuerung ringt in uns, wenn erstorben das Alte,
Das ist Stimme des Geistes der Welt, tiefinnerster Antrieb,
Welcher, sich halb nur bewußt, vollzieht einen göttlichen Rathschluß,
Und den ewig vergebens bekämpft kleingeistiger Stumpfsinn!

Sehet, so steh' ich vor euch, ein Verkünder der ewigen Rechte,
Glühend zum Streite gerüstet, und wissend, ich bleibe doch Sieger,
Auch wenn ich falle
, vor Euch! denn seht, auch wenn es gelingt euch,
Opfer in Schaaren zu schlachten, und tausend Mal für das Erstorb'ne
Thöricht den Kampf zu erneu'n, und zu baden im Blute der Gegner,
Ewig der Streiter nur ist's, der erliegt, doch nie der Gedanke!
Und obsiegt ihr ihm heut und hier, so siegt er an anderm
Ort und zu anderer Zeit – und schwerer nur immer und schwerer
Wird euch werden der Sieg, und kürzer nur immer und kürzer
Sein wird euer Triumph: und zuletzt dann sinken und fallen
Werdet ihr, schwinden für immer dahin . . . Ihr nennet Euch mächtig?
Mächtig ist Eins nur auf Erden: die waltenden, ewigen Mächte,
Welche die Zeiten und Völker bewegen: und was in Verblendung
Diesen entgegen sich stellt und verwegen auf menschliche Macht trotzt,
Oder auf göttliche hofft, ein Koloß ist's auf thönernen Füßen! –

Also der König: es gab Antwort ihm, verwegenen Muthes,
Laut sich ereifernd, mit düster erglühendem Auge der Priester:
»Jan von Leyden, du irrst! nicht kündet im Menschengemüth sich
Geist und Wille des Herrn! Nur in heiligen Schriften verkündet
Steht er für ewige Zeiten; ihn aber zu deuten ist Priesters
Amt, Vorrecht der Geweihten. Herunter vom goldenen Throne,
Jan von Leyden! auf Thronen zu sitzen, nur Jenen geziemt es,
Welche, vom Priester gesalbt, nach uraltheiligem Rechte
Herrschen, und, immer gedenk, durch göttliche Gnade zu herrschen,
Stets als ein Rüstzeug dienen dem Herrn und der heiligen Kirche!
Steig' herunter, o Jan von Leyden, vom Throne, den rechtlos
Keck du bestiegst, und gewähre der Welt nicht länger das Schauspiel,
Kron' und Scepter zu seh'n auf dem Haupt, in den Händen des Gauklers!
Denn Scheinkönig nur ist und eitler Komödienkönig,
Wer nicht herrschet als König nach uraltheiligem Rechte!« –

So der verwegene Priester. Doch Jan, mit leuchtendem Antlitz
Richtet er stolz sich empor, und faßt in's Auge den Sprecher,
Und, die Lippen umzuckt von erhabenem Hohne, begann er:

»Wenn mit demselbigen Recht du, o Priester, das Priestergewand trüg'st,
Wie dies Königsgewand ich trage, so wärst du in Wahrheit
Das, was in trotzigem Muth du fälschlich zu sein dich vermissest!
Doch, der jetzt Scheinkönig mich schilt, Scheinpriester nur bist du,
Ja, Scheinpriester nur seid ihr, du selbst und deine Genossen
Alle, so viel ihr seid, denn das Wort aus euerem Munde,
Schal ist's geworden, entkräftet auf euerem Scheitel die Weihe!
Aber ich dünke zu sein mir ein König in Wahrheit, o Sendling!
König in Wahrheit ist nicht, wer deshalb nur auf dem Thron sitzt,
Weil vom Schooße der Mutter heraus er in purpurne Windeln
Fiel; nein, Jener nur ist's, der König geworden wie David!
König in Wahrheit ist nicht, wer Macht nur hat, weil er König
Nein, nur Jener, der König geworden, dieweil er die Macht hat!
Nicht weil ich herrsche, gehorcht mir das Volk von Sion: ich herrsche,
Weil mir gehorcht das Volk! Und siehe, so bin ich ein echter
König, und fruchtlos greifst du mit thöricht-vermessenen Händen
Nach dem erhabenen Reis auf dem Haupt des gewesenen Gauklers!
Wenn einen wirklichen König der Menschheit Genien brauchen
Und nicht finden auf Thronen, wo Thoren und Weichlinge sitzen,
Holen sie ihn vom Markte herauf in die gold'nen Gemächer! –
Nicht ein schimmernder Popanz nur auf dem goldenen Thronsitz,
Dem um die Schultern des Purpurs Besatz, um die Schläfe der Goldreif
Schlotterig hängt, und der wacklig in schwächlichen Händen den Scepter
Hält – nein, König in Wahrheit dem Volke zu heißen gedenk' ich!
Solches verkünde du deinen Genossen im Lager des Bischofs,
Deines vom Priester gesalbten, vom Himmel begnadeten Fürsten,
Der mit zitterndem Grimm, unmännlich, in seinem Gezelt saß,
Als vor der Stadt ihm die Schaaren des Gauklers zersprengten das Soldheer! –
König bin ich, vernehmt! Dieweil ein königlich Wollen
In mir lebt!
– Meint ihr, daß Trabanten mich machen zum König?
Oder das purpurne Kleid und die Kron'? – Nein, trät' ich auf wüster
Insel vor euch – einsam – mit dem Winke der Brauen noch zwäng' ich
Euch, mir zu dienen
. . . O seht, ableg' ich den goldenen Scepter,
Nehme die Krone vom Haupt, und das Purpurgewand von den Schultern,
Rede zu euch als ein Mensch zu Menschen . . . zurück, ihr Trabanten,
Weichet vom Throne zurück, und lasset allein mich mit diesen!« –

Also der König, und legt sofort aus den Händen das Scepter,
Nimmt vom Haupte die Kron' und schüttelt des faltigen Mantels
Zier von den Schultern; es rollt ihm hinab zu den Füßen der Purpur.
Und er schreitet hinunter sodann, hinab bis zur letzten
Stufe des goldenen Throns. Schmucklos da steht er und glanzlos.

»Sehet«, so spricht er, »ich habe mich jeglichen Schimmers entkleidet,
Jeglicher Stütze der Macht, und nur kraft jener Gewalt noch,
Der ich mich nicht zu entäußern vermag, die als königlich Wollen
In mir lebt, ist bewußt mir im Geiste, daß Keiner von Euch nun,
Keiner von Euch Hochmögenden, Würdigen, Edelgebornen,
Hier vor den Gaukler gestellt, einen einzigen muthigen Blick noch
Findet, in's Aug' ihm zu schau'n, ein Wort ihm zu sprechen in's Antlitz,
Wie auch das Blut euch wallt und die Zunge zu reden gelüstet!
« –

Trotzend erhebt noch ein Mal der Priester die Stirne, zu reden,
Doch er begegnet dem Auge des Königs. Da löset in Stammeln
Sich ihm die Rede. Die stolz fortweisende Rechte des Königs
Scheint wie von Blitzen umstralt. Es erfaßt ein Zittern die Boten,
Und es verwirrt sich ihr Sinn; sie stehen und finden das Wort nicht,
Senken das Auge beschämt vor des Jünglings leuchtendem Antlitz,
Und vor dem Zauber des Blicks, den Keiner noch ruhig ertragen. –
Und sie ermannen sich nur, um sich schweigend zu wenden zum Ausgang,
Ängstlich von dannen zu schleichen.
                                                          Von Königstrabanten geleitet,
Bleich und verstört, nicht rechtshin schauend noch linkshin gelangen
Sie an's Thor: aufathmen sie erst aus ihrer Beklemmung,
Als im Rücken sie haben die Mauern von Münster, der grausen
Stadt, und nahe vor Augen die winkenden Zelte des Bischofs.

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